Atlas der Gemütliche

Atlas der Gemütliche

Ein Humanitätsmythos

aus: das Lachen ist verboten

ps_137 Vor vielen hundert Jahren lebten im alten Indien verschiedene graubärtige Philosophen —  die wollten den Krieg abschaffen.

Sie hatten lange darüber nachgedacht, wie diese Abschaffungsgeschichte wohl anzufangen sei. Doch sie konnten nicht einig werden.

Da schlug schließlich ein buckIiger Philosoph vor, den griechischen Atlas zu besuchen und ganz dreist um Rat zu fragen.

Atlas lebte am Erdrande und trug das Himmelsgewölbe.

Die indischen Philosophen hörten sich die Rede ihres buckligen Freundes ruhig an, überlegten ein wenig und erklärten dann sämtlich, daß des Buckligen Rede garnicht ÜbeI sei und daß sie wohl geneigt seien, Atlassen einen Besuch abzustatten —  besonders da sich Atlas schon damals seiner Gemütlichkeit wegen eines guten Rufes erfreute.

Die Philosophen mieteten demnach ein kleines Schiff, stiegen hinein und sahen, da ihnen der Wind sehr günstig war, nach ein paar Monaten den gemütlichen Atlas von Angesicht zu Angesicht.

Atlas wohnte auf einem Berge, und er kam, als die Philosophen seinen Namen riefen, sofort herunter.

Die Philosophen dachten zuerst, jetzt müßt’ ihnen gleich das ganze Himmelsgewölbe aufs Haupt fallen, da Atlas das Gewölbe nicht mit herunterbrachte —  sie duckten sich ängstlich.

Indeß der gemütliche Riese beruhigte die weisen Inder, wies auf ein paar hohe Säulen, die auf der Spitze seines Berges hoch in die Wolken ragten, und sagte schmunzelnd;

„Liebe Freunde, beunruhigt Euch nicht! Ich habe dort oben das Himmelsgewölbe schon vor längerer Zeit auf ein paar starken Säulen mit der Kante aufgelegt. Die Säulen halten schon, seid unbesorgt! Den ganzen Himmel immerfort auf meinen Schultern zu tragen, war mir doch allzu Iästig. Ich hab’s lange genug getragen, Ich habe das Schwerste ertragen. Ich paß jetzt nur auf, daß mir Keiner an die Säulen rangeht —  das Aufpassen ist viel gemütlicher als das ewige Stillstehen mit der Last auf dem Buckel.“

Die Philosophen nickten verständnisinnig, verließen ihr Schiff und erzählten Atlassen, was sie wollten.

Wie Atlas Alles gehört und auch verstanden hat, macht er ein sehr verblüfftes Gesicht.

Dann ruft er sehr laut:

„Kinder! Kinder! Ihr seid ja noch nicht gemütlich! Nee —  so was! Den Krieg wollt Ihr abschaffen? Ihr! Es ist nicht zu sagen! Na —  wißt Ihr, wie Ihr’s machen müßt, wenn Ihr den Krieg abschaffen wollt? —  Eigentlich ist es ganz einfach: Ihr müßt nur die reichen Leute abschaffen, dann hört jeder Krieg ganz von selber auf. Aber —  aber — „

Die Philosophen sehen sich groß an, denken wieder ein bißchen nach, bringen den linken Zeigefinger an ihren linken Nasenflügel und nicken nach einer kleinen Weile noch einmal mit den alten grauen Köpfen.

Der Bucklige findet zuerst die Sprache wieder —  er tut so, als hätt’ er allein die große Frage gelöst und redet folgendermaßen:

„Seht Ihr! Seht Ihr! Nun wissen wir’s endlich, wir wir’s machen müssen! Atlas, ich bin ganz Deiner Meinung! Du bist viel klüger als ich dachte —  glaub’s mir! Was Du uns sagtest —  das wollt’ ich auch schon immer sagen. Wir werden gleich nach Hause fahren und die reichen Leute abschaffen —  das wird schon helfen! Ja —  ja —  das wird schon helfen. Denn —  wenn das Geld fort ist, dann ist auch der Krieg fort. Na natürlich!“

Die Andren stimmen dem Buckligen bei, und Alle wollen gleich wieder das Schiff besteigen.

Da spricht indessen der gemütliche Riese —  plötzlich —  sehr salbungsvoll:

„Liebe Freunde! So einfach ist das doch nicht! Wartet! Wartet! Was wollt Ihr tun? Habt Ihr gar kein Mitleid? Ihr seid noch nicht gemütlich geworden! Ihr habt noch kein Himmelsgewölbe getragen! Ihr wollt die reichen Leute wirklich abschaffen? Ih, nein! Seht! Die leben jetzt so ruhig und angenehm. Wir könnt Ihr nur so grausam sein und die reichen Leute in ihrem ruhigen und angenehmen Leben stören wollen? Ihr wollt den reichen Leuten wehe tun! Oh! Oh! Seid gemütlich und tut das nicht! Um des lieben Friedens willen, den Ihr doch so sehr liebt, tut das ja nicht!“

Da sahen sich denn die alten indischen Philosophen wieder ganz ratlos an wie früher und wußten nicht, was sie sagen sollten.

Der Bucklige meinte kleinlaut:

„Wie sollen wir d e n n den Krieg abschaffen, wenn wir die reichen Leute nicht abschaffen sollen? Atlas, ich muß mich sehr wundern!“

Der gemütliche Riese fuhr nun in seiner Rede, ohne den Buckligen zu beachten, mit den folgenden Worten fort:

„Lieben Freunde! Seid human! Wer wie ich das Schwerste tragen lernte, bleibt immer gemütlich. Lernt von mir! Geht nach Haus und sagt den reichen Leuten, sie möchten sich selber des lieben Friedens wegen abschaffen —  dann braucht Ihr’s nicht zu tun —  und der Krieg ist ohne Weiteres auch abgeschafft. Seid gemütlich! Übt Euch im Tragen und Ertragen —  dann werdet Ihr gemütlich! Die größten Vertreter der Humanität, zu denen Ihr Euch doch auch zählt, müssen gemütlich sein!“

Das leuchtete —  allerdings erst nach einiger Zeit —  ganz allmählich —  fast wider ihren Willen —  den Philosophen ein.

Und sie fuhren alsdann nachdenklich nach Haus und schrieben dort lange Briefe an die reichen Leute, verteilten auch dicke neue Bücher über den Krieg und über den Frieden an die behäbigen reichen Leute und überraschten dadurch alle Welt.

Sie waren sehr tätig —  die Philosophen.

Na —  die reichen Leute nahmen sowohl die dicken Bücher wie die langen Briefe, in denen sie freundlichst aufgefordert wurden, sich selber —  oder mindestens ihren Reichtum —  abzuschaffen, freundlichst an.

Die Philosophen waren ja so berühmt und angesehen!

Und Atlas, dem Gemütlichen, ward bald ein Denkmal in dem alten Indien gesetzt —  ein Denkmal!

Und einige reiche Leute schenkten sogar einen Teil ihres Reichtums den klugen Philosophen!!!

Und darüber haben sich die beschenkten Philosophen sehr gefreut.

Und sie haben für das Geld noch viel mehr Bücher über den Krieg und über den Frieden geschrieben, denn sie wollten auch ihrerseits alles Mögliche tun, um den Reichtum zu vernichten… war schließlich kein Geld mehr zum Kriegführen da, so hörte ja das Kriegführen ganz von selbst auf. Der Krieg war dann selbstverständlich —  wie gesagt —  unmöglich.

Das Geld konnte demnach nicht schnell genug für Bücherschreiben, Bücherdrucken, Agitation, Reklame und ähnliche Geschichten verpulvert werden.

Außerdem warteten die Philosophen geduldig darauf, daß sich die reichen Leute selber abschafften —  selbstverständlich! —  das war ja der Hauptplan!

Da jedoch die alten Weisen mit der Zeit lernten, sich in Geduld zu fassen, zu tragen und zu ertragen, so wurden sie allmählich auch gemütlich —  fast so gemütlich —  wie der alte Atlas.

Die reichen Leute dachten natürlich über die Abschaffung ihrer werten Persönlichkeit und ihres noch werteren Reichtums in tiefster Gemütsruhe öfters nach. So schnell konnten sie sich nicht dazu entschließen.

Und sie schoben die Abschaffungsgeschichte natürlich immer wieder auf.

Sie waren ja ebenfalls sehr geduldig mit der Zeit geworden, sie hatten’s auch gelernt, zu tragen und zu ertragen.

„Jeder hat sein Teil!“ dachten schließlich die guten reichen Leute.

Und Alles blieb „eigentlich“ beim Alten.

Und die alten Grauköpfe —  die Philosophen —  die Friedensstifter —  die starben währenddem in Frieden.

Sanft ruht ihre Asche…

 

ps_161    Die Witzblattredakteure


 Index: Gesamt  –  Erzählungen  – Das Lachen ist Verboten

Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

http://scheerbart.de/edit/impressum/der-digitale-bettler/

%d Bloggern gefällt das: