Krietze und Kratze

Krietze und Kratze

oder
Das neue Gemüse

Ein Märchen

aus: das Lachen ist verboten

ps_008 Krietze und Kratze —  zwei gutmütige Zwerge —  hatten sich freundlich an die Hand gefaßt und gingen so zusammen nachdenklich durch die Mondlandschaft.

Der Vollmond blinzelte drollig nach einigen weißen Wolken hinüber.

Und da rauschte was durch die Luft.

Krietze und Kratze blickten empor und sahen über ihren Köpfen die Gondel eines Luftballons hin und her baumeln.

Ein paar Augenblicke später stand die Gondel auf der Erde. Der Luftballon oben war knallrot und riesig groß.

Indessen —  der Gondel entstieg ein hagrer unheimlicher Geselle mit grünen Katzenaugen. Der lachte sehr höhnisch, reichte Krietzen und Kratzen die Hand und sprach:

„Na, Kinder, wollt Ihr mal mit meinem Ballon zum Monde hinauffahren?“

„Geht das denn?“ Also fragt mit aufgezogenen Augenbrauen der kleine Kratze. Aber der unheimliche Geselle lacht darüber, ruft laut: „Hihallhh! Hihallhh!“ —  setzt Kratzen und Krietzen in die Gondel des Luftballons und geht rasch von dannen dem nahen Walde zu, in dems sehr dunkel war.

Die beiden Zwerge sehen sich verwundert an. Doch —  Herr, Du meine Zeit! —  da fliegen sie auch schon empor —  grade dem Monde zu —  so als wenn der Luftballon genau wüßte, wohin’s gehen soll.

Die Sache kommt den unfreiwilligen Luftfahrern anfänglich recht bedenklich vor.

Jedoch nach einiger Zeit finden sie sich in ihre seltsame schaukelnde Lage.

Die Erde liegt wie ein großer Teller unter ihnen —  und der Mond —  ja der scheint gar nicht mehr so fern zu sein.

Der knallrote Luftballon fliegt immer schneller. Die Gondel wackelt ganz gehörig. Die beiden Zwerge halten sich an den Stricken fest, mit denen das wackelnde Fahrzeug an den Ballon gebunden ist…

Es ist ziemlich still da oben in der Luft. Nur ein leises Pfeifen ist hörbar. Das wird allerdings immer stärker —  es kommt vom Monde.

Krietze kuckt neugierig zum Monde hinauf —  und —  und glaubt seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Da ist ein Altan unten am Vollmond, und auf dem Altan steht ein Mann —  der pfeift.

Der knallrote Luftballon fliegt immer schneller. Die Gondel schießt mit einem mächtigen Rucke seitwärts und stößt an den Mondaltan.

Der Mondmann greift die Gondel, hält sie, sagt „guten Abend“ und bittet die kleinen Zwerge, nur ruhig näherzutreten.

Na —  Krietze und Kratze klettern denn auch raus aus der Gondel über das Geländer auf den Altan. Das Geländer, das den Altan umgibt, ist breit.

Der Mondmann schüttelt den Kleinen gemütlich die Hände und flüstert lächelnd —  geheimnisvoll: „Kommt, Kinder! Ihr seid recht lange geblieben. Meine Frau wartet schon mit dem Abendbrot.“

Und bald darauf sitzen Krietze und Kratze beim Abendbrot an einem viereckigen Tisch; der Mondmann sitzt der Mondfrau, Kratze Krietzen gegenüber.

Es ist urgemütlich im Wohnzimmer des guten Mondmanns.

Die Magd trägt ein braunes Pilzengericht auf und kuckt dabei die kleinen Zwerge so von der Seite an —  sie kann sich das Lachen nicht verbeißen und geht schnell wieder raus.

—  Die große Zimmeruhr tackt in ihrem breiten großen Eichenkasten würdevoll und langsam nach rechts und nach links und dann wieder so und wieder…

Große dicke Schränke stehen an den Wänden, und blau bemalte Vasen stehen auf den Schränken.

Die Möbel sind alle aus dunkelbraunem Holz, und die Sessel sind sehr breit, mit bepreßtem Leder überzogen und so großväterlich, daß die kleinen Zwerge auf diesen Sesseln urdrollig aussehen.

Grüne Papageien sitzen in schaukelnden silbernen Ringen.

Der Fußboden ist sehr sauber weißgescheuert. Kleine muntre Katzen spielen auf den Dielen mit einem schwarzen Gummiball. Die kleinen Katzen sind grau. Die Mondfrau sieht immer erst die kleinen Katzen und dann die kleinen Zwerge an.

Dabei essen aber Alle. Die braunen Pilze schmecken gradezu ausgezeichnet —  prachtvoll schmecken sie.

Kratze ruft laut: „prachtvoll!“ und hebt den linken Zeigefinger steif in die Höh’. Krietze meint dazu: „Ja, wirklich!“ —  mahlt sich ein bißchen Pfeffer rüber und reißt dann plötzlich seine Zipfelmütz’ vom Kopf. Kratze macht ihm das sofort nach.

Mondmann und Mondfrau lachen laut auf.

Die Zwerge wollen sich entschuldigen.

Aber die Mondfrau sagt: „Eßt nur!“

Er, der Mondmann, sagt: „Erst essen —  dann reden!“ Sagt’s im tiefsten Baßton.

Und sie essen.

Das Tischtuch war schneeweiß.

Die Teller waren blau bemalt wie die Vasen auf den dicken Wand—  schränken. Links von jedem Teller stand ein feines, bunt schillerndes Spitzglas, in dem frische, gelbe Anemonen steckten, und rechts von jedem Teller stand ein großes Glas Milch.

In der Mitte der Tafel thronte sehr appetitlich eine große flache Schale —  ganz bedeckt mit Walderdbeeren, die zwischen ihren grünen Blättern so friedlich dalagen, als wenn sie schlummerten.

Und über dem Tisch hing ein dicke Lisakárro— Ampel.

Kaum haben die beiden Zwerge den letzten Pilz aufgegessen, so bringt auch schon die Magd neue Teller herein —  für die Erdbeeren.

Bei Milch und Erdbeeren fängt die Mondfrau zu reden an:

„Krietze und Kratze“, beginnt sie, „Ihr wundert Euch wohl sehr, daß Ihr hier plötzlich bei uns seid, nicht wahr?“

„Ja“, versetzt Kratze höchst eifrig, „so haben wir uns den Mond doch niemals vorgestellt. Wir dachten immer, der Mond sei nur eine große Kugel —  und weiter Nichts!“

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