Das alte Felsenschloß

Das alte Felsenschloß

Ein Tiermärchen

ps_111 Im fernen Indien, wo die großen Blumen blühen, hauste auch einmal ein großer König als wilder Jägersmann. In jeder Wo­che machte er zehntausend Tiere tot. Das kam der Nachbar­schaft ein bischen viel vor, und man mied den wilden Jägers­mann, obgleich er ein großer König war.

Die Tiere sprachen von dem Grausamen nur mit Angst und Entsetzen, und wenn sie seinen Namen hörten, so über­lief sie alle eine kalte Gänsehaut.
Der König hieß Axular. Alles ergriff die Flucht, wenn die­ser Name durch den Urwald schallte. Und so kam es, daß man im alten Felsenschloß darüber nachsann, wie man wohl den grimmen Jäger bestrafen könnte. Lange Zeit dachte man im Schlosse nach. Das Schloß ward bewohnt von den ältesten Tieren, die alle Tage zu Gericht saßen. Sie verhandelten über die Menschen, die den Tieren feindlich gesinnt sind.
Ein ganz merkwürdiges Schloß! Elefanten saßen da mit blauer Brille vor den Augen auf goldenen Stühlen, und blut­rote Kronen funkelten auf ihren Köpfen. Ein edles Nashorn mit grünem Turban auf dem Haupte schleppte fortwährend dicke Bücher herbei. In Schweinsleder waren alle Bücher ge­bunden, und drinnen stand geschrieben, wie man die Men­schen, die den Tieren was zu Leide thaten, bestrafen muß. Wer in diesen Büchern länger als eine Stunde las, bekam auch eine Gänsehaut – eine doppelte sogar.
Im Felsenschlosse sprach man also nur vom König Axular. Er sollte fürchterliche Qualen leiden. Das stand bombenfest. Der König hatte ein hartes Herz. Er war den Menschen nicht sehr zugethan, und die Tiere schlug er immer tot.
Aber wie jeder Mensch – eine schwache Seite hatte er doch. Wer kann auch ganz so hart sein wie ein Stein? Nie­mand kann’s! Auch Axular nicht! Axular liebte seine Kin­der, in ihnen war er verwundbar – und zwar sehr. Wenn seinen Kindern was fehlte, ging’s ihm durch Mark und Bein. Kein Mensch durfte den Kindern zu nahe treten. Deshalb ließ er sie auch ordentlich bewachen. Siebenhundert Diener hat­ten nichts Andres zu thun, als auf die Kinder aufzupassen. Das Aufpassen war jedoch viel schwerer, als mancher Mann sich denken kann.
Buxo und Makka hießen die beiden Geschwister. Der Buxo war ein feister Junge, und die Makka war munter wie ein gutes Kaninchen – ein braves Mädchen! Buxo und Makka vertrugen sich ausgezeichnet, sie spielten mit großem Eifer und waren den Hunden und Katzen sehr gut. Der Vater ließ die beiden Kinder überall gewähren; sie konnten thun, was sie wollten.
Eine herrliche Jugendzeit! Und wunderbarer Weise waren die Kinder bald allen Tieren schrecklich gut. Und das nahm ihnen wunderbarer Weise der Vater gar nicht übel – so gut war er wieder seinen Kindern.
Den Elefanten im Felsenpalaste war es längst hinterbracht worden, was für ein zärtlicher Vater der wilde Axular zu sein pflegte. Es lag demnach auf der Hand, wie man Axular ver­wunden konnte – tötlich! Man brauchte ihm blos die Kinder abzuschlachten oder – zu stehlen. Die Elefanten beschlossen das Letztere. Indessen – die Geschichte schien den Bewoh­nern des Felsenpalastes doch nicht so einfach! Die siebenhun­dert Aufpasser ließen sich ja nicht so leicht überrumpeln.
Der dicke Elefant Sikki, ein uraltes Tier, das noch so Man­ches von der Sündflut wußte, legte seine linke Vordertatze bedächtig an seinen Rüssel und sprach mit rostiger Stimme zu seinen Kollegen, die ebenso würdevoll wie er auf ihren goldenen Stühlen saßen:
»Ehrbare Freunde! Die Jagd, die der König Axular mo­dern gemacht hat, ist nicht blos eine bestialische Tierquälerei, sondern gradezu eine bodenlose Gemeinheit. Dieser Mensch sollte sich schämen. Zehntausend Tiere macht er in jeder Wo­che tot. Das ist ja beinah nicht mehr zu glauben. Noch ein paar Dutzend solcher Axulare – und die Erde ist in drei bis vier Jahren entvölkert.«
»Deshalb«, versetzte der edle Pavian aus Südafrika, »ist es Zeit, die beiden Kinder, Buxo und Makka, so schnell wie möglich einzufangen und hierherzubringen.«
»Wie willst Du«, fragte nun das Nashorn, während es sein dickstes Buch knallend zuklappte, »das Einfangen anfangen? Sprich, mein edler Pavian, Du hast manchmal recht witzige Einfälle.«
Der Pavian kletterte an einer Wandstange hoch in die schneeweiße Glaskuppel des Richtersaales, räusperte sich dort vernehmlich und rief mit weithin schallender Stimme:
»Wie könnt Ihr blos über so einfache Sachen so lange nach­denken? Erinnert Ihr Euch nicht, daß sich auf der grauen Märchentreppe ein Regiment Klapperschlangen befindet? Ist es nicht so einfach, den General Kamizzi mit seinem Regi­ment auszusenden, die siebenhundert Aufpasser regelrecht auffressen und dann Buxo und Makka von unsern weißen Adlern herführen zu lassen? Ist das nicht ganz einfach?«

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