Zwei Herren

Regierungsfreundliche Schauspiele

Zwei Herren

Schauspiel in einem Aufzuge

ps_085 Personen:

Mr. Waumann, berühmter europäischer Millionär
Mr. Kaumann, berühmter amerikanischer Millionär

 

Die Handlung spielt in der Zukunft auf Madeira.

Rechts ein fester Tisch mit Stühlen und links ein fester Tisch mit Stiihlen. Hinten Himmel und Meer.

Kaumann: (von links, während Waumann von rechts kommt; dieser mit Cylinder ohne Krämpe, während Kaumann einen Cylinder mit abgelöstem Deckel trägt): Herr Waumann, Sie auch auf Madeira? Merkwürdig!

Waumann: Und Sie sind auch hier auf Madeira? Mr. Kaumann, wo ich auch hinreisen mag, überall treffe ich Sie. Bedienung! (mit dem Stock auf den Tisch klopfend).

Kaumann: Die Kellner sind wahrscheinlich wieder auf der Entenjagd (setzt sich links hinter den Tisch, während Waumann sich rechts hinter den Tisch setzt. Beide im Profil sich wüthend anstarrend).

Waumann: Sie tragen ja einen Cylinder, in dem kein Deckel ist. Da scheint ja die Sonne durch.

Kaumann: Und Sie tragen ja einen Cylinder ohne Krämpe. Wie nehmen Sie den ab?

Waumann: Den nehme ich überhaupt nicht ab.

Kaumann: Und wenn Sie schlafen wollen?

Waumann:So gebrauche ich dazu eine eigens von mir zu diesem Zwecke construirte Cylinderzange.

Kaumann: Sie machen mir Concurrenz.

Waumann: Warum?
Kaumann: Fragen Sie doch nicht so eigenthümlich. Die Idee mit dem deckellosen Cylinder stammt von mir.
Waumann: Die Idee mit dem krämpenlosen Cylinder stammt von mir.
Kaumann: Diese beiden ldiotieen liegen doch auf derselben Linie. Das ist doch Concurrenzmanöver in schlimmster Form. Das ist doch so, als wenn zwei Henen eine und dieselbe Frau zu gleicher Zeit heirathen.
Waumann: So was ist ja gar nicht erlaubt.
Kaumann: Na also! Dann hab ich ja Recht. Und darum muß ich Sie bitten, Ihre abgetrennte Cylinderkrämpe wieder annähen zu lassen.
Waumann: So? Damit Sie allein den ramponirten Cylinderruhm in die Tasche stecken?
Kaumann (holt Papier aus der Rocktasche): Geben Sie mir schriftlich, daß Sie annähen lassen (schreibt).
Waumann: Mr. Kaumann, dann bringen Sie mich wenigstens auf eine andere Idee, durch die ich in dieser Saison berühmt werden kann. Dann will ich mich gern verpflichten, das Abgetrennte wieder annähen zu lassen.
Kaumann: Sie sind wohl toll! Ich werde die Concurrenz unterstützen? Ha!Ha!Na-so dumm! Unterschreiben Sie!

Waumann: Ha! Ha! Na so dumm!
Kaumann: Na- seien Sie doch vernünftig! Sehen Sie, wir leben in einer Zeit,in der man nur durch veritable Lächerlichkeiten berühmt werden kann. Wir leben von diesem lächerlichen Ruhm und brauchen somit die  Lächerlichkeiten wie das liebe Brod.

Waumann: Ja! Ja! Ich weiß das. Wie hätten wir sonst unsere Millionen zusammenbekommen.
Kaumann: Freilich! Sie sind ein klarer Kopf.
Waumann: Was? Mein Herr! Ich bin ein klarer Kopf? Wollen Sie mich beleidigen? Wenn das wahr wäre- wenn das bekannt würde – ginge mein ganzer Ruhm flöten. Und mit mir wäre ganz Europa bis über die Ohren blamirt.

Kaumann: Was geht mich Europa an?

Waumann: Mein Herr, ich bin ein Europäer!

Kaumann: Und ich bin ein Amerikaner – das ist der Unterschied zwischen uns Beiden.

Waumann: Herr Kaumann, bedenken Sie aber auch, daß ich der berühmteste Mann von ganz Europa bin – nur berühmt durch meine lächerlichen Einfälle.

Kaumann: Mr. Waumann, Sie sind wahrhaftig der Herr von Europa. Ich aber bin der Herr von Amerika.

Waumann: Sagen Sie mal, könnten wir unser Herrenthum nicht mal dadurch neu austatten, daß wir eine »vernünftige« Idee ausbrüten?

Kaumann: Thun Sie das doch! Dann bin ich sofort die Concurrenz los, und ich gestatte Ihnen dann gern die Krämpenlosigkeit.

Waumann: Aha! Das möchten Sie wohl. Nu – die Geschichte mit der vernünftigen Idee war ja nur ein Scherz. Ich wollte Sie nur aufs Glatteis locken. Aber – Scherz bei Seite – fällt Ihnen nicht was Idiotisches ein? In mir wird die Sehnsucht nach meiner Hutkrämpe immer lebendiger.

Kaumann: Wahrhaftig? Na- wie wärs, wenn Sie sich auf Ihre Wangen sämmtliche europäische Nationalfarben in Streifen hinter einander rauf tätowiren ließen.

Waumann: Daran hab ich schon gedacht. Leider sind meine Wangen dazu nicht umfangreich genug.

Kaumann: Na – wie wärs denn, wenn Sie einen neuen Sport erfinden würden?

Waumann: Daran dacht ich auch schon – aber

Kaumann: Aber- sagen Sie? Dachten Sie schon an den Hühneraugensport?

Waumann: Ach, Sie meinen durch Leder an allen Körperthei­ len Hühneraugen hervorzurufen? Eine ganz alte Idee von mir.

Kaumann (aufspringend): Das hole der Kuckuck. Sagen Sie mal, haben Sie denn alle meine verrückten Einfälle auch gehabt?

Waumann: Das scheint so.

Kaumann: Die Concurrenzmanöver müssen endlich ein Ende nehmen. Das geht so nicht weiter. (Er springt auf einen Stuhl und setzt den rechten Fuß auf den Tisch. Waumann macht ihm das sofort nach. Beide ziehen ihre Revolver.)

Waumann: Ich schieße!

Kaumann: Ich auch! (Beide schießen und sehen dann in ihre Revolver.)

Waumann: Dies ist ja eine nette Geschichte. Ich stecke niemals Bleikugeln in meinen Revolver. Und Sie stecken auch keine Bleikugeln hinein.

Kaumann: Was? Sie auch nicht?

Waumann: Na, das ist doch ganz gut, sonst hätt ich Sie doch todtgeschossen.

Kaumann: Allerdings – aber daß wir auch Beide bei unsern Revolvern auf denselben verrückten Einfall kommen müssen!

Waumann: Das geht zu weit! (runtersteigend, was Kaumann auch thut). Und darum wollen wir uns vereinigen. Wenn wir Beide zusammen sind, so beherrschen wir den Erdball für alle Zeiten.

Kaumann: Ja, vereinigen wir uns. Aber Mensch! Waumann! Auf die Idee bin ich ja schon ebenfalls gekommen.

Waumann: Kaumann! Mensch! Wir haben immer dieselben Einfälle. Wir gehören zusammen! Wir müssen zusammen! (Umarmung mit erhobenen Revolvern.)

 

Vorhang!

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