Shakespeare, Bacon, Southampton, Rutland

Shakespeare, Bacon, Southampton, Rutland

ps_073 Professor Sarrazins Artikel in Nr. 30 der Gegenwart zwingt auch mich zu einigen Gegenbemerkungen. Es ist bislang eigentlich stets übersehen worden, daß doch die »Werke« Shakespeares ganz allein die Frage beantworten können, ob der Schauspieler Shakespeare, der wie ein Matrose Ohrringe trug, die unter seinem Namen vorliegende Opera geschrieben haben kann. Durch alle diese »berühmten« Dramen geht ein so aristokratischer Zug, daß sie ein Schauspieler der damaligen Zeit nach meiner Überzeugung beim besten Willen nicht geschrieben haben kann. Überall wird in diesen Dramen die Geburtsaristokratie schlechtweg als das Höhere, das Volk aber stets als dumm, tölpelhaft und gemein hingestellt. In der Gestalt des Falstaff wird sogar auch der niedere Adel wie ein Vertreter der Plebs behandelt. Es ist einfach unsinnig, behaupten zu wollen, daß ein Schauspieler jener Zeit einen derart konsequentdurchgeführten Aristokratismus innerlich besitzen und daherimmerwieder zum Ausdrucke bringen konnte.

Shakespeares Dramen sind nach meiner Meinung von einem oder von mehreren Mitgliedern der englischen Hocharistokratie geschrieben worden. Für die letztere Ansicht spricht sehr viel; Southampton könnte, wie das schon behauptet worden ist, sehr wohl einige der Königsdramen geschrieben haben. Dann wäre es sehr einfach erklärt, warum Heinrich VI. schon 1592 fertig sein konnte. Und dann wäre es auch sehr einfach erklärt, warum der Autor nicht mit seinem Namen hervortrat. Außerdem zwang den Autor zur Anonymität auch seine überaristokratische Gesinnung; diese Aristokraten hielten es eben mit ihrem Standesdünkel nicht vereinbar, als

»Schauspieldichter« mit ihrem höchstgebornen Namen vor den gemeinen Mann hinzutreten.

Das Wichtigste aber scheint mir folgendes zu sein: man sollte zunächst nicht mehr so unvorsichtig von der »ungeheuerlichen« Produktivität des sogenannten Shakespeare sprechen; alles, was er schrieb, ist wesentlich Bearbeitung vorliegender Stoffe- der damals.sehr viel gelesenen italienischen Novellen von Bandello, Ser Giovanni, Giraldi u.a.m. Auch der Harnletstoff lag vollständig vor. Eine derartige Bearbeitung nimmt gar nicht so viel Zeit in Anspruch. Man lese doch Bülows Shakespeare-Novellen, und man wird mir zugeben, daß zur dramatischen Bearbeitung dieser glänzend konstruierten Geschichten wahrlich nicht ein allzu großer Genius gehört.

Dieses »Shakespeares« Bedeutung steckt nach meinem Empfinden eigentlich nur in seinem jongleurhaft verblüffenden Wortformalismus; der ist wirklich sehr bestechend. Das Inhaltliche erscheint mir überall so mager, daß ich heute über die maßlose Wertschätzung Shakespeares nur staunen kann. Daß seine Dramen auf der Bühne so viele unbestreitbare Erfolge erzielten, liegt nach meinem Dafürhalten in erster Linie an der Freiheit, die dem Regisseur und Schauspieler gelassen ist; man kann ganze Szenen auslassen, ohne dem Ganzen tu schaden – und man kann auch die Reihenfolge verändern – und man kann auch andre Worte bringen. Es ist somit nicht recht einzusehen, was uns eigentlich zur Bewunderung zwingen würde, wenn die eindringliche Kunst der Darsteller wegfiele. Diese macht bei Shakespeare Alles – und darum ist er der alte Gott der Schauspieler.

Wir aber, die wir nicht auf der Bühne mittätig sind, sollten den »Dichter« Shakespeare doch mit mißtrauischeren Augen betrachten. Was würde man wohl dazu sagen, wenn ein heute lebender Dichter nur vom Dramatisieren bekannter Novellen leben wollte!

Die Weltanschauung, die in den Shakespeareschen Dramen zum Ausdrucke kommt, ist eine pessimistisch-materialistische. Und dieser Weltanschauung wegen hat man früher gemeint, Lord Bacon sei vielleicht der Verfasser der Dramen. Das scheint aber unhaltbar, da die Werke, die unter Bacons Namen herausgegeben wurden, allzu nüchtern sind.

Rutlands Verse aber stehen denen, die unter Shakespeares Namen erschienen, ganz nahe.

Schließlich: der Name ,.shakespeare« ist besonders durch Lessing und Goethe ,.berühmt« geworden- echte Deutsche, die immer dasjenige sehr lebhaft bejubeln, was ihnen ganz fern liegt. Für mich bedeuten Lessings Dramen mehr als die Dra­men des sogenannten Shakespeare- oder Rutland- oder Rutland-Southampton …..

scheerbart-theater  Sophie

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