Es lebe Europa!

Revolutionäre Theater-Bibliothek Band II
Paul Scheerbart

Es lebe Europa!

Eine Kapitalisten-Tragödie in fünf Akten

  ps_136 Personen.

Josef Urban, Direktor.
Ludwig Haeser, Fabrikbesitzer.
Dr. Langenbeck, Rechtsanwalt.
Wohlhabende Offiziere in Zivil,
Beamte, Bürger und internationale Kapitalisten und ein Polizist in Uniform.

Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt Westfalens am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Erster Akt Drei hellgrüne rechtwinklig zu einander stehende Wände mit dunkelgrünen Türen in der Mitte der Wand. In der Mitte des Zimmers langer breiter Tisch mit grüner Tuchdecke, Stühle und Sessel unordentlich umherstehend. Viel Schreibzeug, Bücher, Aktenbündel liegen unordentlich auf dem Tisch und auf einzelnen Stühlen. Bücher- und Aktenregale und kleine Tische.Links am Tische sitzt Urban, Haeser rechts ihm gegenüber. Türgeklapper draussen, ein paar Herren kommen von rechts und auch von links herein und hören zu, setzen sich oder bleiben stehen – Alles sehr zwanglos. Diener kommen durch die hintere Türe mit Briefen, Depeschen etc.
URBAN scheinbar schreibend – ziemlich laut. Ja, meine Herren! Sie glauben garnicht, wie dumm die Menschen sind. Wenn heute Jemand Geld verdienen will – d.h. viel Geld – so darf er nur mit der Dummheit der Menschen seine Rechenexempel zusammenkonstruieren. Wer sein Haus auf der Dummheit der Menschen erbaut – der hat sichern Grund und Boden. Speziell muss man die Sucht der Dummen, die noch Dümmeren reinzulegen, in die Berechnung ziehen.
HAESER Du tust ja grade so, als wenn wir die Dummen wären.
URBAN Dummheit und Unternehmungsgeist hab ich noch nie zusammengesehen – und da der letztere hier ist – kann die erstere nicht da sein.
ALTER HERR Wir glauben ja schon, was wir glauben sollen: Der »Europa-Bund« ist wahrhaftig nicht die schlechteste Gründung unsrer Zeit.
URBAN Und da sagt man immer, ich sei verrückt.
HAESER Und das schadet doch nichts; Genies sind doch immer ein bischen verrückt.
Lachen
URBAN die Feder weglegend Ja, meine Herren! Denken Sie sich blos. Als ich vor drei Jahren in Brasilien war, trat ein gesetzter Herr auf und erklärte, dass er einen Brasilianer-Bund gründen wolle; in diesem Bunde sollten sich alle Bündler schriftlich verpflichten, sich jederzeit für Brasilianer zu halten. Die Sache erschien mir einfach lächerlich. Aber die Brasilianer erklärten, es sei ganz vernünftig, wenn sich Brasilianer für Brasilianer hielten. Na – und sehen Sie – der Bund hat ganz gute Geschäfte gemacht. Und so wirds auch mit dem Europa-Bund gehen.
ZWEITER ALTER HERR Freilich! Eigentlich ist es lächerlich, dass sich die Europäer für Europäer halten sollen – es ist so selbstverständlich.
HAESER Aber grade mit dem Selbstverständlichen …
Alle lachen
URBAN Macht man die grössten Geschäfte. Das Lächerliche! Meine Herren, das Lächerliche ist ja gerade das Kluge.
DR. LANGENBECK stürmt von rechts herein Meine Herren, die Geschichte ist zu lächerlich – aber die Gründung ist jetzt Tatsache – hier sind die weiteren Unterschriften. Ich gratuliere Ihnen.
Alle stehen auf und lachen und schütteln sich die Hände und erzählen sich sehr viel
URBAN sehr laut lebhaft gestikulierend. Meine Herren, feiern wir den heutigen Tag durch ein lustiges Festessen. Der Europa-Bund besteht. Das Lächerliche ist grade das Kluge! Es lebe Europa!
ALLE stürmisch mit erhobenen Händen. Es lebe Europa! Es lebe Europa!

Vorhang!

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