Der fanatische Bürgermeister

Revolutionäre Theater-Bibliothek Band IV
Paul Scheerbart

Der fanatische Bürgermeister

Kosmisches Drama in vier Akten

 

ps_129 Personen.

Theodor III., Bürgermeister der fliegenden Stadt.
Lirándula, Direktrice der vereinigten Begeisterungsgesellschaften.
Kuck, Erster Oberweltlotse.
Könnicke, Vorsitzender der Archiv-Kommission.
Ihlefeld, Bauinspektor der fliegenden Stadt.
Jijajópsi, Ein altes Kameelsmensch.
Ratsherren, Bürger, Verwaltungsbeamte,
Frauen und Lebewesen aus verschiedenen Sternwelten.

 

Die Handlung spielt in der fliegenden Stadt, die Zeit ist nicht bestimmbar.

Erster Akt Grosser grüner Himmel mit langsam runtergehenden silbernen Sternen.Rechts und links segelartig gespannte weisse, graue und braune Leinewand, die von langen Bambusstäben, die quer und schräg nach hinten und nach oben gehen, gehalten wird. Hinten ragen, von unten aufsteigend, ein paar Segelspitzen herauf, die geländerartig abschliessen können. Hinter den Seitenwänden, die hinten schräge nach oben gehen, breite freie Eingänge nach beiden Seiten.Vorn links ein grosser dreieckiger Schreibtisch mit Bambusfüssen, dreieckige Hocker mit Bambusfüssen an verschiedenen Stellen unordentlich umherstehend.

Auf schwarzen Stöcken von verschiedener Höhe hinten und an den Seiten ein paar weisse Papierlampions in Krystallform mit unregelmässigen schwarzen Flecken.

Theodor in grauer Toga, die recht nachlässig zerknillt ist, mit einem gelben Pyramidenhut, dessen Kanten mit roten Rubinen besetzt sind.

Kuck in brauner Toga, die sehr steif wirkt, mit weissem Wolkenschieber aufm Kopf.

Beide sitzen neben dem Schreibtisch.

THEODOR.

Der Trauerklops ist blos ein Faulpelz.

KUCK.

Dann ist der Freudenklops blos ein roher Patron.

THEODOR.

Na, lassen wir jetzt die ganze Klopsosophie ruhen.

KUCK.

Lassen wir lieber gleich Alles ruhen. Wir haben die Ruhe wirklich sehr nötig. Wenn man so immerzu Jahrtausende hindurch von Stern zu Stern fährt, so lernt man allmählich die Ruhe schätzen.

THEODOR.

Faulpelze seid Ihr eben.

KUCK.

Du gehst ein wenig summarisch vor. Lass die Schimpferei und werde ruhiger.

THEODOR.

Ich soll die Schimpferei lassen? Das ist köstlich. Schimpfe ich auf die Welt?

KUCK.

Nein – aber auf uns!

THEODOR.

Jawohl! Weil Ihr eben auf die Welt schimpft, deswegen schimpfe ich auf Euch.

KUCK.

Und wir schimpfen auf Dich, weil Du unser Schimpfen beschimpfen tust.

THEODOR.

Ja, die Trauerklopsosophen mag ich eben nicht. Ich will mich ganz deutlich aussprechen.

KUCK.

Sei bitte kurz; ich muss gleich wieder ans Steuer, Er steht auf. wir fliegen grade durch die grünen Nebel durch – und da muss man aufpassen.

THEODOR stellt hinten zwei Hocker über einander und stützt sich darauf, während Kuck mit über der Brust gekreuzten Armen neben dem Schreibtische steht und den Theodor finster und pathetisch anblickt.

Die fliegende Stadt ist in grauer Vorzeit einzig zu dem Zwecke gegründet, den lebenden Wesen auf den verschiedenen Sternen unsrer Weltecke eine einzige Sache zu übermitteln – nämlich: einen ungefähren Begriff von der nie zu erschöpfenden Grossartigkeit der Welt.

KUCK.

Von dieser Grossartigkeit der Welt bin ich eben heute nicht mehr überzeugt.

THEODOR.

Unterbrich mich nicht. Du weisst, dass ich keinen Zweifel an der Grossartigkeit der Welt aufkommen lasse. Ich erkläre diejenigen, die scheinbar unglücklichen Verhältnissen nicht ein paar gute Seiten abgewinnen können, einfach für Faulpelze, die ihr bischen Witz nicht anstrengen wollen.

KUCK.

Bitte – sage, was Du willst; ich habe keine Zeit. Machs doch kurz!

THEODOR.

Wir nehmen in unsrer fliegenden Stadt aus den verschiedenen Sternwelten Lebewesen auf, denen wir die Grossartigkeit der Welt so deutlich wie möglich machen wollen. Ihr aber seid zu faul, mit diesen Lebewesen, die später wieder auf ihren Stern zurückgebracht werden sollen, zu verkehren. Und so ist ihr Aufenthalt hier ziemlich unnütz.

KUCK.

So setz sie doch wieder aus.

Lirándula er scheint.

Aber ich muss jetzt fort, entschuldige mich. Erzähle der Lirándula das Weitere. Es ist mir wirklich unsympathisch, Dir immer wieder meinen Standpunkt noch mal klar zu machen. Auf Wiedersehen! Ab.

LIRÁNDULA in grauen dünnen Gewändern mit niedriger weisser Federkrone im aufgelösten Flachshaar.

Wie geht es Dir, Theodor? Ich bin so entsetzlich traurig. Wir haben wieder auf dem Stern c 7 im alten Ringsystem so entsetzliche und erbärmliche Zustände gesehen, dass mir der Appetit vergangen ist.

Sie setzt sich neben den Schreibtisch.

THEODOR immer noch hinten in Denkmalsstellung.

Und Du willst die Direktrice der vereinigten Begeisterungsgesellschaften sein?

Er zieht an einer Klingelschnur, und ein Diener in braun und grau gestreiftem Kittelanzug erscheint.

Geh zum Bauinspektor Ihlefeld und zum Vorsitzenden der Archiv- Kommission Könnicke und bitte die Herren, so rasch wie möglich herzukommen.

Diener ab.

LIRÁNDULA.

Was macht denn der Kuck? Der sah ja ebenfalls so traurig aus.

THEODOR.

Ihr seht alle traurig aus. Aber ich werde Euch aufrütteln. Dieser Kopfhängerei werde ich ein Ende bereiten.

LIRÁNDULA.

Ich verstehe Dich nicht – Du bist so hart.

THEODOR.

Das Leben in der Welt würde bald einschlafen, wenn es nicht zuweilen harte Formen annehmen könnte.

Immer noch hinten in derselben Stellung, in der er bis zum Abgange bleibt.

Ich erkläre Euch feierlich, dass ich Euch die rührselige Stimmung austreiben werde. Wie viel mal soll man Euch denn sagen, dass all das Unglück, das Ihr auf den Sternen seht, doch nur Scheinleben ist. Wir haben doch selber nur ein Scheinleben. Wir sind doch Alle – Alle –.Geister!

LIRÁNDULA.

Ja, alle Geister haben nur ein Scheinleben – natürlich! Alles Leben ist schliesslich blos Scheinleben. Aber ob den Lebenden das Scheinleben gefällt, das hängt doch schliesslich blos von den Lebenden ab.

THEODOR.

Das hängt von mir ab, liebe Lirándula!

LIRÁNDULA. Aber – man kann ja Furcht vor Dir bekommen.

KÖNNICKE in braunem Lodenrock bis zum Knie und weisser Ballonmütze.

Was hör ich? Hier wird von Furcht gesprochen? Was ist denn los?

THEODOR unbeweglich.

Lieber Könnicke, teile mir bitte mit, wie viele Fremde sich momentan in der fliegenden Stadt aufhalten.

KÖNNICKE.

2673 sogenannte Fremde – eine grandiose Menagerie aus der grandiosen Welt.

THEODOR.

Verkehren diese Fremden unter einander?

KÖNNICKE.

Aber Theodor, wie soll ich das wissen?

THEODOR.

Hm! Wozu sind denn eigentlich diese Fremden hier? Ich dächte, Ihr solltet sie über die wichtigsten Angelegenheiten des Weltalls belehren. Hm? Wie stehts denn damit?

KÖNNICKE.

Das hat doch, wie Du weisst, wenig Zweck. Das Hornvieh begreift doch nichts. Das weisst Du doch. Daher haben wir doch die Belehrungsarie aufgegeben.

THEODOR.

So befehle ich Euch, die Belehrungsarie wieder von neuem zu beginnen.

IHLEFELD in grauem Rock bis zu den Füssen und weisser Würfelmütze.

Den Befehl vernahm ich. Wen sollen wir belehren? Dich?

THEODOR.

Nein – die Fremden.

IHLEFELD. Schön! Ich bin bereit. Ich bin zu Allem bereit – Du brauchst wirklich nur zu befehlen. Mir ist alles ganz egal.

THEODOR.

Ihr scheint Euch die Belehrungsarie etwas schwierig vorzustellen. Da muss ich Euch also helfen. Hört zu, wie ich Euch helfen werde: Ihr wisst, dass auf einzelnen Sternen die Fortpflanzungsarie komischer Weise durch zwei verschiedene Geschlechter bewerkstelligt wird. Da müssen sich denn immer ein paar Leute verheiraten – d.h. durch ein möglichst langes Zusammenleben eine gegenseitige Verständigung zu erzielen suchen. Und – und – so werde ich Euch – mit den Fremden verheiraten. Jeder von Euch wird gezwungen werden, mit einem Fremden Tag und Nacht zusammenzuleben – dann wird Euch die Belehrungsarie nicht mehr so schwierig vorkommen.

LIRÁNDULA.

Bist du toll geworden? Verheiraten sollen wir uns? – mit diesen Idioten? Du willst uns mit Ungeheuern verheiraten? Ich soll wohl einen Sechsbeinigen heiraten – was? Oder denkst Du an einen mit zwei Rüsseln? Hahaha! Die Geschichte wird reizend! Hahaha!

THEODOR langsam abgehend.

Das Weitere wird sich finden.

Lirándula fängt an zu weinen und setzt sich hinten auf einen Stuhl, Könnicke tröstet die Lirándula. Ihlefeld steht vorne rechts mit über der Brust verschränkten Armen, sieht die beiden Andern an und lächelt immerzu, während der Vorhang langsam runtergeht

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