Oratorium in Ballongondeln

Oratorium in Ballongondeln

 

ps_077 Für die Hygiene-Ausstellung in Dresden im Jahre 1911 wird die Aufführung eines Oratoriums geplant, bei dem die Chöre und das Orchester in Ballongondeln oben in der Luft untergebracht werden sollen. Man will eben auch in musikalischen Kreisen mit der Zeit mitgehen. Die rapide, fast beängstigende Entwicklung der Luftschiffahrt macht sich auch in den Kunstkreisen bemerkbar. Man könnte nervös werden. Glücklicherweise ist das Fahren in Luftschiffen das beste Heilmittel gegen alle Nervosität. Das sollte man nicht vergessen.

Berlioz erzählt in seinen phantastischen Geschichten von einer Musikaufführung mit fünfzig Bässen, so daß die Zahl aller Instrumente mehr als tausend sein müßte. Etwas Aehnliches soll in Dresden 1911 realisiert werden.

Natürlich will man eine größere Anzahllenkbarer Luftschiffe dabei verwenden, damit Sänger und Instrumente oben den genügenden Platz haben. Und die Lenkbaren werden dann während der Aufführung steigen und niedersinken, so daß die Schallwirkung immer wieder eine andere sein kann – stärker und schwächer, wie es der Dirigent verlangt.

Es ist natürlich eine Aufführung nach Einbruch der Dunkelheit beabsichtigt, so daß die Hörer unten tatsächlich den Eindruck einer Sphärenmusik empfangen könnten.

Der Dirigentenstab soll ein Scheinwerfer sein.

Bei der fast stürmischen Entwicklung der Luftschiff-Industrie ist ganz bestimmt darauf zu rechnen, daß 1911 die genügende Anzahl von Lenkbaren zur Verfügung stehen könnte.

Störend dürften allerdings wohl die Motorschraubell‘ sein. Aber bei Windstille ließe sich ja ihre Tätigkeit auf ein Minimum reduzieren.

Ob ein bekanntes oder ein ganz neues Oratorium zur Aufführung gelangen soll, steht noch nicht fest – doch wäre wohl ein neues vorzuziehen, da die ungewöhnlichen Voraussetzungen dieses Orchesterwerkes mit großen Chören doch auch eine ungewöhnliche Komposition verlangen, die mit ganz neuen Mitteln ihre Klangwirkungen erzielen kann und besonders auch dadurch zu wirken vermag, daß die Musik und der Gesang immer wieder von einer andern Seite und immer wieder aus einer andern Lufthöhe herunterkommen könnte.

Dresden wird mit dieser Luftmusik ganz bestimmt einen großen Erfolg haben. Die Luftschiffe sollen von Musikfreunden zu diesem Zweck geliehen werden.

 

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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