Glasarchitektur

Glasarchitektur

BRUNO TAUT gewidmet

Abschnitte I —  CXI

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I
Das Milieu und sein Einfluß auf die Entwicklung der Kultur

 

Wir leben zumeist in geschlossenen Räumen. Diese bilden das Milieu, aus dem unsre Kultur herauswächst. Unsre Kultur ist gewissermaßen ein Produkt unsrer Architektur. Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume läßt sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind aus farbigen Gläsern. Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.


 

II
Die Veranda

 

Es ist selbstverständlich, daß man zunächst das rasch Erreichbare im Auge behält. Und da wird man zunächst eine Umwandlung der Veranda vornehmen. Sie ist leicht zu vergrößern und zunächst auf drei Seiten mit doppelten Glaswänden zu umgeben. Beide Wände sind farbig zu ornamentieren. Und wenn das Licht zwischen den Wänden angebracht ist, so wird die Veranda des Abends innerlich und äußerlich sehr imposant wirken. Soll noch ein Blick in den Garten gewährt werden, so ist dieses ja bequem durch durchsichtige Fensterscheiben zu erreichen. Man tut aber gut, diese Scheiben nicht »fensterartig« einzufügen. Die Luft wird besser durch Ventilatoren eingeführt.
Für bescheidene Ansprüche ist somit jedem Villenbesitzer sehr leicht möglich, zu einer Glasarchitektur zu gelangen. Der erste Schritt ist sehr leicht und bequem.


III
Der Botanische Garten zu Dahlem

 

Eine Glasarchitektur besitzen wir bereits und zwar in den botanischen Gärten. Der Botanische Garten zu Dahlem bei Berlin zeigt, daß bereits ganz imposante Glaspaläste aufgeführt sind. Allerdings es fehlt die Farbe. Aber in der Abendsonne wirkt das Palmenhaus und das Kalthaus so herrlich, daß man wohl einen Begriff bekommt, was zu erzielen ist, wenn die Farben auch am Tage da sind. Das Palmenhaus ist besonders interessant: außen die freitragende Eisenkonstruktion, das das Glas haltende Holzsprossenwerk innen, sodaß kein Rostwasser entsteht und das Eisen immer wieder frisch angestrichen werden kann. Das Holz ist natürlich seiner Vergänglichkeit wegen k e i n imponierendes Baumaterial. Das Schlimmste jedoch ist, daß die Glaswände einfach und nicht doppelt da sind; dadurch ist der Heizaufwand im Winter einfach ein enormer.
Die Direktion erzählt in einem ihrer »Führer« mit unberechtigtem Stolze, daß im Winter bei — 10 ° Celsius des Morgens um 8 Uhr an einem einzigen Tage ein Waggon mit 300 Centnern bester schlesischer Steinkohle verheizt wird.
Man wird zugeben, daß das ein wenig viel ist und nicht mit Stolz betont werden dürfte. Einem derartigen Heizaufwande hätte mit doppelten Glaswänden begegnet werden müssen.


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