_fognin Scheerbart

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Krietze und Kratze

oder
Das neue Gemüse

Ein Märchen

aus: das Lachen ist verboten

ps_008 Krietze und Kratze —  zwei gutmütige Zwerge —  hatten sich freundlich an die Hand gefaßt und gingen so zusammen nachdenklich durch die Mondlandschaft.

Der Vollmond blinzelte drollig nach einigen weißen Wolken hinüber.

Und da rauschte was durch die Luft.

Krietze und Kratze blickten empor und sahen über ihren Köpfen die Gondel eines Luftballons hin und her baumeln.

Ein paar Augenblicke später stand die Gondel auf der Erde. Der Luftballon oben war knallrot und riesig groß.

Indessen —  der Gondel entstieg ein hagrer unheimlicher Geselle mit grünen Katzenaugen. Der lachte sehr höhnisch, reichte Krietzen und Kratzen die Hand und sprach:

„Na, Kinder, wollt Ihr mal mit meinem Ballon zum Monde hinauffahren?“

„Geht das denn?“ Also fragt mit aufgezogenen Augenbrauen der kleine Kratze. Aber der unheimliche Geselle lacht darüber, ruft laut: „Hihallhh! Hihallhh!“ —  setzt Kratzen und Krietzen in die Gondel des Luftballons und geht rasch von dannen dem nahen Walde zu, in dems sehr dunkel war.

Die beiden Zwerge sehen sich verwundert an. Doch —  Herr, Du meine Zeit! —  da fliegen sie auch schon empor —  grade dem Monde zu —  so als wenn der Luftballon genau wüßte, wohin’s gehen soll.

Die Sache kommt den unfreiwilligen Luftfahrern anfänglich recht bedenklich vor.

Jedoch nach einiger Zeit finden sie sich in ihre seltsame schaukelnde Lage.

Die Erde liegt wie ein großer Teller unter ihnen —  und der Mond —  ja der scheint gar nicht mehr so fern zu sein.

Der knallrote Luftballon fliegt immer schneller. Die Gondel wackelt ganz gehörig. Die beiden Zwerge halten sich an den Stricken fest, mit denen das wackelnde Fahrzeug an den Ballon gebunden ist…

Es ist ziemlich still da oben in der Luft. Nur ein leises Pfeifen ist hörbar. Das wird allerdings immer stärker —  es kommt vom Monde.

Krietze kuckt neugierig zum Monde hinauf —  und —  und glaubt seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Da ist ein Altan unten am Vollmond, und auf dem Altan steht ein Mann —  der pfeift.

Der knallrote Luftballon fliegt immer schneller. Die Gondel schießt mit einem mächtigen Rucke seitwärts und stößt an den Mondaltan.

Der Mondmann greift die Gondel, hält sie, sagt „guten Abend“ und bittet die kleinen Zwerge, nur ruhig näherzutreten.

Na —  Krietze und Kratze klettern denn auch raus aus der Gondel über das Geländer auf den Altan. Das Geländer, das den Altan umgibt, ist breit.

Der Mondmann schüttelt den Kleinen gemütlich die Hände und flüstert lächelnd —  geheimnisvoll: „Kommt, Kinder! Ihr seid recht lange geblieben. Meine Frau wartet schon mit dem Abendbrot.“

Und bald darauf sitzen Krietze und Kratze beim Abendbrot an einem viereckigen Tisch; der Mondmann sitzt der Mondfrau, Kratze Krietzen gegenüber.

Es ist urgemütlich im Wohnzimmer des guten Mondmanns.

Die Magd trägt ein braunes Pilzengericht auf und kuckt dabei die kleinen Zwerge so von der Seite an —  sie kann sich das Lachen nicht verbeißen und geht schnell wieder raus.

—  Die große Zimmeruhr tackt in ihrem breiten großen Eichenkasten würdevoll und langsam nach rechts und nach links und dann wieder so und wieder…

Große dicke Schränke stehen an den Wänden, und blau bemalte Vasen stehen auf den Schränken.

Die Möbel sind alle aus dunkelbraunem Holz, und die Sessel sind sehr breit, mit bepreßtem Leder überzogen und so großväterlich, daß die kleinen Zwerge auf diesen Sesseln urdrollig aussehen.

Grüne Papageien sitzen in schaukelnden silbernen Ringen.

Der Fußboden ist sehr sauber weißgescheuert. Kleine muntre Katzen spielen auf den Dielen mit einem schwarzen Gummiball. Die kleinen Katzen sind grau. Die Mondfrau sieht immer erst die kleinen Katzen und dann die kleinen Zwerge an.

Dabei essen aber Alle. Die braunen Pilze schmecken gradezu ausgezeichnet —  prachtvoll schmecken sie.

Kratze ruft laut: „prachtvoll!“ und hebt den linken Zeigefinger steif in die Höh’. Krietze meint dazu: „Ja, wirklich!“ —  mahlt sich ein bißchen Pfeffer rüber und reißt dann plötzlich seine Zipfelmütz’ vom Kopf. Kratze macht ihm das sofort nach.

Mondmann und Mondfrau lachen laut auf.

Die Zwerge wollen sich entschuldigen.

Aber die Mondfrau sagt: „Eßt nur!“

Er, der Mondmann, sagt: „Erst essen —  dann reden!“ Sagt’s im tiefsten Baßton.

Und sie essen.

Das Tischtuch war schneeweiß.

Die Teller waren blau bemalt wie die Vasen auf den dicken Wand—  schränken. Links von jedem Teller stand ein feines, bunt schillerndes Spitzglas, in dem frische, gelbe Anemonen steckten, und rechts von jedem Teller stand ein großes Glas Milch.

In der Mitte der Tafel thronte sehr appetitlich eine große flache Schale —  ganz bedeckt mit Walderdbeeren, die zwischen ihren grünen Blättern so friedlich dalagen, als wenn sie schlummerten.

Und über dem Tisch hing ein dicke Lisakárro— Ampel.

Kaum haben die beiden Zwerge den letzten Pilz aufgegessen, so bringt auch schon die Magd neue Teller herein —  für die Erdbeeren.

Bei Milch und Erdbeeren fängt die Mondfrau zu reden an:

„Krietze und Kratze“, beginnt sie, „Ihr wundert Euch wohl sehr, daß Ihr hier plötzlich bei uns seid, nicht wahr?“

„Ja“, versetzt Kratze höchst eifrig, „so haben wir uns den Mond doch niemals vorgestellt. Wir dachten immer, der Mond sei nur eine große Kugel —  und weiter Nichts!“

ps_011 „Kinder, Ihr dürft nur“, erklärt die Mondfrau, „ja nicht immer gleich glauben, was die dummen Menschen zu erzählen pflegen. Erstlich mal sind wir gar nicht so weit von der Erde entfernt —  nicht. viel mehr als zehn Meilen ist der Mond von der Erde ab —  alsdann müßt Ihr wissen, daß der Mond nicht eine Kugelform sondern eine Tonnenform besitzt —  das werdet Ihr später schon noch sehen, Außerdem ist Alles, was die Menschen sonst noch über den Mond fabeln, unglaublich dumm!“

„Ei!“ entgegnet drauf der kleine Krietze, „das wundert mich nicht wenig —  doch doll! —  wie verhält sich’s denn nun —  im Übrigen mit dem Monde? Ihr lebt hier sehr gemütlich. Lebt Ihr hier ganz allein? Arbeiten müßt Ihr nicht, nein? —  oder doch?

Das Ehepaar lächelt —  so recht verschmitzt.

Der Hausvater stopft sich eine lange Pfeife mit Tabak, gibt Krietzen und Kratzen zwei kleinere Pfeifen —  die drei Männer stecken sich die Pfeifen an —  und der Hausvater beginnt seine wohlvorbereitete Rede —  wie folgt:

„Oh, Ihr Zwerge, Ihr wollt wohl wissen, was wir hier tun. Ich will’s Euch erzählen, Es ist das nicht so einfach. Seht mal! Als der liebe Gott die Erde schuf, da schuf er auch den Mond und setzte uns in den Mond hinein, damit wir auf die Gedanken der Menschen aufpassen sollten. Davon habt Ihr wohl noch nie was gehört —  was?“

Die Zwerge schütteln die Köpfe. Der Hausvater fährt in seiner Erzählung fort:

„Ich habe nun mit meinen Gesellen seit Erschaffung der Erde sorgfältig alle Gedanken der Menschheit gesammelt, auf Flaschen gezogen und hinten in unsrer großen Mondtonne aufgestapelt.“

„Ei! “ meint da wieder der kluge Krietze, „da habt Ihr wohl nur die klugen Gedanken der Menschen aufgestapelt —  denn alle menschlichen Gedanken zu sammeln, wäre doch ein bißchen mühsam.“

Nach diesen Worten schlagen aber Mondmann und Mondfrau mit der Faust auf den Tisch, lachen aus Leibeskräften, daß ihnen die Tränen über die Wangen rollen —  und daß die kleinen Katzen erschrocken mit Miaugeschrei hinter den Ofen flüchten… die beiden Alten lachen, daß die eichenen Wände dröhnen —  und daß die Magd neugierig durchs Schlüsselloch kuckt.

Der Mondmann setzt sich, wie er wieder weniger laut lacht, seine große Hornbrille auf die Nase, qualmt riesige Tabakswolken in die Luft und schreit —  noch immer lachend —  in höheren Tönen als sonst:

„Nee, Kinder, grad’ umgekehrt wird ’n Schuh draus. Wir sammeln zwar so ziemlich alle menschlichen Gedanken —  aber die dummen grad’ mit Vorliebe —  und nur die klugen stapeln wir nicht gleich auf —  die stellen wir in unsren Eiskeller und lassen sie dort so lange stehen, bis sie auch dumm werden.“

Die Zwerge schmunzeln —  aber klug sind sie noch nicht aus diesem Gerede geworden.

Kratze äußert zögernd: „So ganz hab’ ich das Alles noch nicht begriffen! Da ist ’ne seltsame Geschichte! Was man nicht Alles erlebt!“ Dabei streichelt er seinen Bart und schmunzelt wieder —  das sieht so pfiffig aus —  daß jetzt alle Vier zu schmunzeln beginnen. Die kleinen Katzen wagen sich wieder hinterm Ofen hervor.

Aber wie der Hausvater abermals reden will, fällt ihm seine gute Frau mit der linken Hand die Luft schüttelnd ins Wort, indem sie hochaufatmend ausruft:

„Weißt Du, Vater, geh nur lieber mit unsren Gästen gleich in den Lagerraum! Zeig ihnen auch den Keller! Die kleinen Männer wissen ja noch garnicht, was hier eigentlich los ist!“

Hiernach steht sie auf, reicht Vatern und den beiden Gästen die Hand und sagt „Gesegnete Mahlzeit!“

Das sagen die drei Männer auch.

Und alsdann gehen die Drei zusammen —  mit ihren Pfeifen —  mächtig qualmend —  in den Lagerraum.

Sie gehen draußen erst ein paar Treppen rechts hinauf —  dann links —  dann wieder rechts —  und schließlich kommen sie in einen kleinen Saal, in dem stehen viele leere Flaschen.

Kratze, der immer sehr vorsichtig ist, fragt den Mondmann, ob auch das Rauchen den Flaschen nicht schaden könne.

Der Mondmann erwidert dem Kleinen:

„Du meinst wohl, es seien feuergefährliche Gedanken in diese Flaschen gestopft. Hab nur nicht Angst, in denen ist gar nichts drin.“

Und er öffnet eine große Tür, und alle Drei blicken in den großen Lagerraum hinein.

„Donnerwetter!“ ruft Krietze, „so groß ist die Mondtonne? Man kann ja gar nicht bis ans Ende sehen! So viele Gedanken haben die Menschen schon gehabt?“

Natürlich lacht der Mondmann, und einige Gesellen, die in der Nähe weiße Zettel auf bunte Flaschen kleben, lachen mit.

Einer von den lachenden Gesellen wird herangerufen; er soll erklären, was hier im Lagerraum aufgestapelt ist.

ps_012 Er sagt —  und tut schrecklich wichtig:

„Wir haben hier menschliche Gedanken in die Flaschen zu stopfen. Oben seht Ihr das Gewölbe —  da ist Garnichts —  das heißt, da ist nur das Licht, mit dem der Lagerraum erhellt wird. Das Licht macht auch draußen die Mondscheibe hell—  je heller die ist, um so mehr wird hier gearbeitet. Unser Arbeitsraum hat ’ne Röhrenform, daher geht’s an den beiden Seiten schräg rauf, und daher ist es oben rund. Denkt Euch eine Röhre durch ein dünnes Brett in zwei ungleich große Hälften geteilt, das heißt: das Brett müßt Ihr Euch hineingeschoben denken in die Röhre! In dieser geteilten Röhre entspräche der größere Teil der Röhre hier diesem Lagerraum —  der kleinere dagegen dem Eiskeller, der unten unter dem Fußboden liegt. Hier oben stehen nun in langen, terrassenförmig über einander liegenden Reihen zu beiden Seiten dieser Tonnenhalle —  wie Ihr seht —  die Flaschen mit den menschlichen Gedanken —  genau geordnet —  es sind lauter dumme Gedanken… Ihr staunt wohl, wie viel dumme Gedanken auf der Erde ausgedacht sind… Ja! Ja! Es macht das Ordnen sehr viel Mühe!“

Krietze geht jetzt die Treppen runter in den Saal und nimmt neugierig eine Flasche in die Hand. Mondmann und Kratze folgen.

Auf der dunkelblauen Flasche, die Krietze in der Hand hält, sitzt ein weißer Zettel, der trägt die Aufschrift:

„Verbesserte Fußbekleidungsgedanken! „

Krietze, der an Hühneraugen leidet, muß lachen. Aber er wird immer neugieriger und fragt einen andern Gesellen:

„Sagt mir, lieber Freund, was wird denn aus diesen Flaschen —  wozu sind die?“

Der Geselle antwortet mit einer Verbeugung:

„Lieber Herr, die Flüssigkeit in diesen Flaschen wird von uns so lange geschüttelt, bis sie dick wird wie Syrup, diesen Syrup gießen wir in große Steinkruken, die da hinten stehen, und in diesen Stein kruken wird der Syrup bei richtiger Erwärmung schließlich zu Gemüse.“

Krietze schaut Kratzen, Kratze Krietzen an, sie schmunzeln verschmitzt und glauben, der Geselle flunkre ihnen nur was vor.

Doch der Mondmann bemerkt tiefernst: „So ist es!“

Das klingt nun so bestimmt, daß die Zwerge nicht mehr zu zweifeln wagen.

Sie gehen oben links durch die Flaschenreihen weiter in den Saal und kommen allmählich an die Steinkruken. Die Gesellen arbeiten überall sehr emsig, lachen nebenbei aber so viel, daß jeder Fremde glauben muß, die Arbeit mache höllisch viel Spaß, Kratze denkt bei sich: „Die dummen Gedanken der Menschen auf Flaschen zu ziehen muß eigentlich auch eine spaßhafte Arbeit sein,“ Und er will sich gleich beim Mondmann als Handlanger verdingen.

Krietze jedoch läßt Kratzen nicht zu Worte kommen, er fragt jetzt höchst neugierig: „Und was fangt Ihr denn nun mit dem fertigen Gemüse an?“

Der Mondmann lacht abermals und erwidert:

„Das essen wir! „

„Warum eßt Ihr das?“ fragt der Kleine weiter.

„Erstlich mal: weil wir doch eben so gut wie die Zwerge und Menschen essen können und essen müssen —  zweitens: weil wir nach dem menschlichen Gedankengemüse schrecklich lustig werden und kräftig lachen können.“

Also schallt’s plötzlich dröhnend im Chore von allen Seiten als Antwort…

Da schlägt sich Krietze mit der linken Hand aufs Knie und setzt sich zwischen die Steinkruken auf den Fußboden und fängt —  die Pilze wirken schon —  auch an zu lachen.

Und da lacht denn bald der ganze Lagerraum —  so als wenn fünftausend Löwen heulten —  so schrecklich laut schallt das Lachen durch den weiten schönen Lagerraum.

Das ist aber nur das in der Mondtonne übliche, ganz alltägliche Verdauungslachen nach dem Abendbrot.

Wie man sich endlich so ein wenig beruhigt hat, tragen ein paar Gesellen den Krietze und den Kratze —  dieser lacht jetzt erst —  langsam und behutsam die steilen Treppen zum Eiskeller hinunter, allwo die klugen Gedanken so behandelt werden, daß sie allmählich immer dümmer werden.

Der Mondmann folgt und erklärt hier Alles selbst. Die Gesellen und Burschen müssen stille sein.

„Seht, Kinder“, donnert er mit seiner lauten Baßstimme, „dies hier ist meine Strafanstalt. Wer sich oben all zu laut benimmt, wird hier nach unten geschickt zu den klugen Gedanken. Bei denen hört das Lachen von selbst auf. Nun —  allzu lange braucht Niemand hier zu bleiben, aber die Arbeit hier unten will doch auch getan sein. Krietze, Du kluger —  und Kratze, Du vorsichtiger kleiner Mann —  wißt Ihr nun schon, weswegen wir so sorgfältig mit den Gedanken der Menschheit umgehen?“

„Na?“ fragt Krietze.

ps_013 „Nee, Kinder, hört! “ braust da der Mondmann auf, „begreift Ihr denn nicht, daß wir bloß deswegen die menschlichen Gedanken auf Flaschen ziehen, um daraus Gemüse zu machen? Wir haben’s doch vorhin schon deutlich genug gesagt! Was sollten wir nur anfangen, wenn wir uns nicht vom menschlichen Gedankengemüse ernähren könnten? Wir würden womöglich sterben! Wir haben doch nichts Andres zu essen —  und essen müssen wir doch auch! Wir leben ja nur von dem Gemüse! Das ist ja unsre einzige Nahrung! Die aber macht lustig! Die erhält frisch! Die scheucht den Trübsinn! Und —  daher die Umstände! Für erst eine Nahrung würden wir uns nicht so quälen. Das menschliche Gedankengemüse ist wohl für uns das, was für die Menschen das tägliche Brot ist —  aber unser Gemüse ist besser als das tägliche Brot der Menschen. Die dummen Gedanken bekommen uns immer vortrefflich. Wir werden immer lustiger da—  nach! Der liebe Gott verlangte allerdings anfänglich, ich sollt’ mit meinen Gesellen bloß auf die menschlichen Gedanken aufpassen —  und sollte nur die klugen sammeln und von den klugen unser Gemüse zubereiten —  das tat ich aber nicht —  denn ich hab’ immer meinen Kopf für mich —  ich sammelte hauptsächlich die dummen Gedanken und machte grad’ aus den dummen unser Gemüse!… ließ übrigens das Aufpassen —  Aufpassen sein. Und der liebe Gott war am Ende gar nicht böse deswegen. Nur die dummen Gedanken der Menschen machen Spaß —  nur die dummen sind leicht verdaulich! Das haben alle die, die in der Welt was zu sagen haben, längst eingesehen. Das Gemüse aus den dummen Gedanken —  das ist doch ’ne Nahrung! Wie unglücklich wär’ ich, wenn’s keine menschlichen Dummheiten gäbe —  ich stürbe ja vor langer Weile —   ich könnt’ ja mein Lebtag nicht mehr lachen! Von den klugen Gedanken kann man sich beim besten Willen nicht vernünftig ernähren —  die machen ja trübsinnig und liegen Einem wie kleine Steine auf dem Magen!“

Alle schmunzelten vergnügt. Und die beiden Zwerge verstanden den Mondmann —  ganz genau verstanden sie ihn —  plötzlich war ihnen ein Licht aufgegangen! Alles war zum Lachen! Krietze hatte ein ganz klein wenig schon oben bei den Gemüsekruken begriffen, als er sich hinsetzen mußte, um sich auszulachen.

Jetzt war Alles klar!

Alles war zum Lachen!

Die Zwerge betrachteten die klugen Gedanken, die da in großen Schüsseln neben einander standen, mit verständnisvollster Gebärde —  wie erhaben kamen sich die beiden Kleinen vor!

Wahrlich —  die breiigen, mehligen Suppen, die hier „kaltgestellt“ waren, sahen nicht sehr einladend aus —  mit den klugen Gedanken konnte man nicht viel anfangen —  die waren ja langweilig.

Krietze sagte das ebenfalls —  und die Gesellen stimmten kopfnickend zu, gingen verdrossen wieder an ihre Arbeit, während der Mondmann mit Krietzen und Kratzen langsam durch den Eiskeller zurückwandelte —  seinen Wohnzimmern zu.

Unterwegs hielt der Mondmann noch einmal an, nahm auf einem alten Fasse Platz, setzte sich Krietzen aufs rechte und Kratzen aufs linke Knie und flüsterte den Kleinen was ins Ohr.

Er erzählte ihnen ganz heimlich, daß seine Frau demnächst Geburtstag habe —  und daß er ihr zum Geburtstag ein neues Gemüse schenken wolle.

„Nun müßt Ihr mir helfen“, fuhr er fort, „Ihr müßt die Menschen verführen, ganz neue Dummheiten auszuhecken. Wollt Ihr das? Na, wollt Ihr? Deswegen hab’ ich Euch nämlich herkommen lassen. Ihr versteht —  nicht wahr?“

Hui —  da kicherten die kleinen Zwerge, und sie versprachen feierlich, den Menschen ordentliche Dummheiten beizubringen. Und Krietze sowohl wie Kratze taten sehr eifrig, sie setzten dem Mondmann auseinander, daß sie ganz besonders berufen seien, Dummheiten auszuhecken —  die Menschen sollten schon neue Dummheiten begehen —  oh —  ganz neue —  daran zweifelten die Zwerge nicht.

„Das wäre noch schöner“, prahlten sie, „wenn wir den Menschen nicht einmal ein paar ordentliche Dummheiten aufreden könnten —  das können wir Gott sei Dank noch alle Tage.“

Nun —  es war gut —  der Mondmann glaubte den Kleinen, freute sich und ging mit ihnen zu seiner Frau zurück.

Alle Drei dachten unterwegs nur noch ans neue Geburtstagsgemüse, sie schmunzelten, trugen ihre Pfeifen unterm Arm —  und weder Krietze und Kratze —  nicht einmal der Mondmann —  dachte daran, die Pfeifen wieder in Brand zu stecken —  die drei Köpfe der drei Männer waren so ganz voller Dummheiten, daß jeder einigermaßen vernünftige Gedanke im Augenblick ganz undenkbar in diesen drei Köpfen sein mußte.

ps_014 Etwas später unterbricht ein älterer Geselle die Stille des Nachdenkens durch eine Verbeugung.

„Meister Mondmann“, flüstert er, „die Frau Meisterin schläft schon, sollt’ ich sagen.“

„Dann“, versetzt der Meister, „wollen wir uns allein auf unsren Altan begeben. Bring’ mal gleich ein paar Flaschen Wein hinaus! Den Alten! Wir wollen mal unsren Gästen was Besondres —  was ganz Feines vorsetzen. Das Abendbrot war sowieso ein bißchen einfach —  nur Köhlergedanken! „

Die Zwerge widersprechen der letzten Bemerkung, aber der Mondmann hört nicht drauf.

Der Geselle bringt den Wein, und bald sitzt der lustige Meister mit Krietzen und Kratzen auf dem Mondaltan —  vor vollen Gläsern —  in traulichster Stimmung. Die Drei rauchen und trinken und —  werden natürlich schrecklich lustig.

Die Erde liegt unter ihnen wie ein Teller.

Auf den Weinflaschen bemerken die Zwerge kleine rote Zettel —  auf den Zetteln steht —  in goldenen Buchstaben:

„Weltverbesserungsgedanken“

Krietzen kommt das natürlich wieder seltsam vor, und er fragt den mächtig qualmenden Wirt:

„Kann man denn aus dem menschlichen Gedankengemüse auch Wein machen?“

Der Mondmann lacht diesmal nicht —  er trinkt, raucht und träumt —  träumt so vor sich hin, indem er auf die Erde hinabblickt. Nach einer Weile spricht er dumpf und tief:

„Seht nur! Wenn ich manchmal hier sitze und so die Menschheit mit ihren Gedanken überschaue, so sehe ich doch auch einige Gedanken, von denen man gewöhnlich nicht sagen kann, ob sie nun eigentlich klug oder eigentlich dumm genannt werden müßten… und diese Gedanken sind die „Weltverbesserungsgedanken“ —  die stell’ ich mir immer bei Seite —  und wenn diese Gedanken einige Zeit richtig gelagert haben, so werden sie zu Wein. Dieser Wein ist das Feinste, was wir hier auf dem Monde haben, Trinkt ihn, Kinder —  und redet nicht! Denkt aber ja nicht darüber nach, ob Ihr was Kluges oder was Dummes vor Euch habt! Trinkt! Trinkt!“

Und die Drei tranken.

Sie rauchen aus ihren langen Pfeifen und schauten auf die Erde hinab.

Die Drei tranken, rauchten und schwiegen.

Sie machten sich sonderbare Gedanken über die menschlichen „Weltverbesserungsgedanken“.

Kratze dachte des Öfteren; „Ob unser Wirt auch meine Gedanken auf Flaschen ziehen wird?“

Doch er behielt den Gedanken wie so manchen andern stumm in seiner Brust, um nicht zu stören.

Krietze blieb ebenso zurückhaltend, obgleich’s ihm schwer ward.

Die Drei tranken zwölf Flaschen.

Dann aber graute der Morgen, Die Mondfrau brachte noch Kaffee. Indeß —  die Hände der Zwerge zitterten… zitterten —  besonders, als sie ein Gebäck zum Munde führten, daß mit „Künstlergedanken“ gefüllt war….. und…. und… mittlerweile .. kam der knallrote Luftballon wieder herunter.

Mondmann und Mondfrau sagten Krietzen und Kratzen freundlich: „Na! Auf Wiedersehen!“

Der Wirt qualmte wieder mächtige Tabakswolken in die Morgenluft und ermahnte noch seine kleinen Gäste, ja nicht ihr Versprechen zu vergessen.

Die Zwerge riefen lustig „Nee! Nee!“ stiegen in ihre Gondel, grüßten noch einmal zurück und schaukelten weinselig in die Tiefe hinab. Sie sahen die Erde ringsum schon ganz hell, die Sonne stieg tiefrot aus qualmigen Wolken empor. Und bald hörten die kleinen Zwerge kleine Lerchen zwitschern.

Bald stand auch die Gondel wieder auf dem Erdboden, Der unheimliche Geselle mit den grünen Katzenaugen —  des Mondmanns Hausknecht —  kam heran, setzte die Zwerge schnell auf eine taufrische Landstraße —  schmiß danach einen großen Sack mit den neusten menschlichen Gesetzbüchern in seine Gondel und fuhr ohne Gruß in die Luft hinauf.

Krietze und Kratze faßten sich aber an die Hand und gingen heiter in die nächste große Stadt —  um dort die Menschen zu veranlassen —  ganz unglaubliche Dummheiten auszuhecken……………………………………………………………………

Krietze und Kratze dachten eifrig über die neuen Dummheiten nach —   denn die Mondfrau mußte unter allen Umständen zum Geburtstag ein neues Gemüse haben —  dazu mußten die Menschen neue Dummheiten machen —  sie mußten… das verstand sich für Kratzen sowohl wie für Krietzen ganz von selbst.

Die beiden Zwerge kamen sich fast bedeutend vor —  und die Menschen ahnten nicht —  was sie wieder sollten —  manche Menschen glaubten schon, genug Dummheiten ausgeheckt zu haben… aber sie dachten eben nicht an den Geburtstag der guten Mondfrau.

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Der grimmige Igel

Weisheitsidyll

aus: das Lachen ist verboten
aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_019 „Ja!“ sprach der Igel zum Maulwurf, „diese dummen Menschen bilden sich wirklich was auf ihr Lachen ein. Als wenn das was Besondres wäre!“

„Längst überwundener Standpunkt!“ flüsterte der kluge Maulwurf, „das Lachen haben wir nicht mehr nötig!“

Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind, und der Igel fuhr fort:

„Als wenn das Lachen was Besondres wäre! Du lieber Himmel! Nichts als Zerstörungslust! Nicht als Zerstörungslust!“

„Jawohl“, flüsterte der kluge Maulwurf, „alles Lachen ist ja eigentlich nur ein Auslachen. Und wer was auslacht, der möchte das, was er auslacht, gern vernichten.“

Da ward der Igel gräßlich grimmig, denn er haßte die Zerstörer.

„Ich will den Menschen das Lachen austreiben!“ schrie er ganz bleich vor Zorn.

Und er ging hin und stach einem unschuldigen Arbeitsmann in die Hühneraugen.

Der Maulwurf mußte lachen.

Den Igel aber schlug der Arbeitsmann mit seiner Axt entzwei.

„Nichts als Zerstörungslust!“ flüsterte der Maulwurf.

Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind…

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Der Revolutionär

aus: das Lachen ist verboten
aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_024 Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund; er beklagte täglich —  beinahe stündlich —  das große Unglück, das durch den Krieg in die Welt kam.

Und Lehmann beschloß, alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen; in einem Rundschreiben, das er für sein eigenes Geld drucken ließ, bat er alle seine Kollegen inständigst, der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den Kriegstaten der eigenen Nation fürderhin nicht mehr mit Begeisterung, sondern nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzählen.

Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht, und es entstand im Volksschulratsgebäude eine peinliche Stille; die Leiter der Volksschulangelegenheiten befürchteten sämtlich, daß derartig revolutionäre Rundschreiben auch in den Kreisen, die der Regierung nahe stehen, gelesen werden könnten.

Und man beschloß im Volksschulratsgebäude, gleich ganz energisch vorzugehen.

Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt, und Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt.

Lehmann war schwächlich gebaut und fand keine andere Stellung; es ging ihm immer schlechter, und seine Frau wurde täglich —  beinahe stündlich —  immer erregter.

Und Lehmanns Frau stürzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot auf der Straße liegen.

Lehmann ging wie ein Träumender mit glasigen Augen umher und konnte garnicht mehr ordentlich denken.

Auf einem großen Platze der Großstadt, mitten unter unsäglich vielen geschäftig dahineilenden Menschen fing Lehmann, der Menschenfreund, plötzlich ganz furchtbar laut an zu lachen.

„Nein!“ rief er dann immer noch lachend, „es kommt doch eigentlich auf ein Menschenleben mehr oder weniger nicht an. Der Krieg ist eine ganz vortreffliche Einrichtung.“

Und er ging lächelnd in die Destillation, die dicht neben dem Hause lag, in dem sich seine Wohnung befand —  und in der Destillation lächelte er immerfort, daß es den Gästen des Lokals unangenehm auffiel.

Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde, lächelte er immer noch.

Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf, das Lokal zu verlassen.

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 Sei sanft und höhnisch

 Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

*

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

*

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

*

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

*

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

*

Ich hab die ganze Nacht gelacht —
Natürlich — nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht —
Natürlich — noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

*

Sei klein — dann ist die Welt so groß!
Sei schwach — dann ist die Welt so stark!
Sei dumm — dann ist die Welt so klug!
Sei stumm — dann ist die Welt so laut!
Sei arm — dann ist die Welt so reich!

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!
Mensch, sei frei!

*

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

*

Die Eitelkeit, die Eitelkeit —
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten —
Da steckt sie unter allen Häuten.

*

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

*

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst —
Gräßlich ist der ganze Dunst.

*

Doch die stillen Flaggenstöcke —
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

*

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde rein.
Wir aber gingen immer schief —
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

*

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

*

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

*

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus —
Natürlich — nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

*

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

*

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf — sie ist gesund —
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

*

Rosenstielchen, Blätterkuß!
Meine Welt ist voll Verdruß!

*

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

*

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

*

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

*

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

*

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!
Schluß!!

(Katerpoesie)

 

http://scheerbart.de/index1/das-lachen-ist-verboten/platzende-kometen/

Platzende Kometen

aus: Immer mutig
aus: Das Lachen ist Verboten

Was ist das? Es wird immer dunkler und so schwül. Blitze zucken, aber es donnert nicht. Jetzt pfeift es oben —  so gellend wie Lokomotiven, die Angst haben vorm Tunnel. Und nun fliegen Hagelstücke runter, große Hagelstücke und kleine Hagelstücke. Sie sind nicht rund, sie sind zackig und kantig wie schlecht gehauener Zucker, Aber Zucker ist das nicht —  es schmeckt kühl und herzhaft. Und jetzt rauscht es oben in den Wolken. Die Wolken jagen blitzschnell vorbei. Ein Sturm wirbelt durchs Land. Die Bäume brechen ab, die Dachziegel fliegen mit Blumentöpfen, Menschenhüten und flatternden Krähen weit weg —  ins freie Feld. Es hagelt dabei und regnet. Der Regen schmeckt so kühl und herzhaft wie die Hagelstücke. Da steckt was Seltsames drin in diesem Hagel und in diesem Regen. Die Gelehrten fahren mit ihren Galakutschen aufs Rathaus und halten dort lange Reden; alle Gelehrten haben Hagelstüdke in der Hand, einige haben noch Flaschen mit dem neuen Regenwasser. Die Gelehrten reden ausgezeichnet, und währenddem hagelt’s und regnet’s draußen immer stärker. Und der Sturm heult —  heult. Im Rathause erklären die klugen Gelehrten, daß das kein gewöhnlicher Hagel sei —  auch kein gewöhnlicher Regen. Und sie kosten alle von den Hagelstücken und trinken das Regen—  wasser. Und sie sagen, da sei ein neuer Stoff drin —  im Himmel müsse ein Komet geplatzt sein —  es müsse ganz bestimmt ein Komet gewesen sein. Kometensalz ist der neue Stoff, Er wirkt nur so komisch. Wer das neue Salz gekostet hat, dem zieht so was Weiches durch alle Glieder, und die Gedanken werden so einfach. Das Kometensalz ist verführerisch wie Alkohol.

Das Kometensalz brennt aber nicht hinten im Munde und unten im Leibe, reizt nicht auf —  es macht genügsam —  still. Die Menschen, die das Salz im Magen haben, können bald ihre Gedanken nicht mehr sammeln. Es ist den Menschen, als ginge alles fort. Und dann bleiben die Menschen stehen und gehen nicht weiter, ihre Glieder werden steif und hart wie Holz, und der erhobene Arm will nicht mehr runter; die Hand, die den Hut zum Grüßen zog, bleibt mit dem Hute oben in der Luft. Allmählich verhallt der Sturm, und das Wetter wird wieder besser. Beim hellen Sonnenschein merkt man aber erst den Umfang der ganzen Geschichte. Zehn nasse Soldaten auf dem Übungsplatze vor der Kaserne stehen auf einem Beine kerzengerade, doch das andere hochgehobene Bein geht nicht runter. Eine Bäckersfrau stößt dem einen Soldaten in die Seite, und alle Zehn fallen um wie hölzerne Soldaten aus einer Spielschachtel. Die Luft ist wieder still, Und die Menschen lecken an dem Kometensalz, das massenhaft die Erde bedeckt. Die Tiere lecken auch an dem Kometensalz. Und dann bleiben die Menschen und die Tiere nach und nach sämtlich auf der Straße und in den Häusern in seltsamen Stellungen stehen, sitzen, oder, liegen. Den Hunden bleibt das Maul offen. Die Vögel überschlagen sich in der Luft, fallen mit steifen Flügeln auf die Salzhaufen und rühren sich nicht mehr. Ein Leichenzug steht vor einer Kirche und kann nicht weiter, Die Bäume werden ebenfalls starr. Die Trauerbirken und die Trauerweiden verharren in Windstellung —  mit weit weggewehten Ästen —  als wütete noch immer der große Sturm. Und die Luft ist doch so still. Und die Menschen und Tiere sind auch so still, als wüßten sie gar—  nichts mehr zu sagen. Ein Schutzmann sitzt auf einer Parkbank unbeweglich mit einem Strolch zusammen —  sie sehen sich unablässig an. Ein Regiment dekorierter Nachtwächter befindet sich vor dem Rathause in konstanter Prisentierstellung. Die Kinder sind in der Schule nicht mehr zu hören —  so ruhig sind sie. Und im Rathause sitzen die Gelehrten wie Wachspuppen da. Der Bürgermeister, der das Salz nicht anrührte, schleppt sich müde nach Hause, trinkt im SorgenstuhI vor seinem Schreibtisch ein Glas Wasser und sieht am Ofen seine Frau —  sie ist unbeweglich wie ein abgeschiedener Geist. Der Bürgermeister fa6t sich an den Kopf und ruftplötzlich angstvoll: “Franziska! Das ist die neue Zeit!” Aber er kann den Mund nicht mehr zumachen —  das Salz hat auch ihn gepackt —  es war im Wasserglase. Das furchtbare Kometensalz ist überall! In der Residenz sitzt der König auf seinem Throne und hält immerfort das Zepter —  regiert aber nicht —  denn alIe seine Untertanen sind so steif wie er selbst. Jedoch keinem der Gelähmten geht das Bewußtsein aus; das Gehirn arbeitet bloß etwas langsamer. Die Augen behalten ihre Kraft. Die Ohren hören; es ist nur nicht viel zu hören, Lauter Salzsäulen an allen Ecken und mitten im Wege! Lebende Salzsäulen! Sie sitzen, als wenn sie unablässig nachdächten —  stehen, als hätten sie was vergessen —  liegen, als wären sie dabei, was Feines zu dichten —  und rühren kein Glied. Die Oberfläche der ganzen Erde ist ganz starr geworden. Und nach sieben Tagen wird’s am Himmel abermals finster. Und abermals kommt ein Sturm. Und der Sturm wirbelt die Tiere und Menschen durcheinander wie weIke Blätter. Schornsteinfeger fallen von den Dächern; Arbeiter und SoIdaten, Frauen und Kinder rollen in den Gassen wie Tonnen herun, wobei die Glieder abbrechen, ohne zu bluten. Und dann wird’s wieder still. Und allmählich verändert sich alles. Langsam fallen die Häuser ein. Die Äste der Bäume fallen ab wie Eiszapfen. Säulen platzen, Denkmäler und Türme brechen krachend entzwei.

Und dann sickert ein dunkler Staub auf die Erde hernieder. Der dunkle Staub bedeckt alles —  Auch die Wasser und die Meere. Ein andrer Komet muß wohl geplatzt sein. Der bestaubte Erdball dreht sich weiter.

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Die Prinzessin Rona

Ein Märchen

aus: Na prost!

Die Nacht war still, und der Springbrunn plätscherte. Die blanken Sterne funkelten, die Rosenhecken dufteten, der weiße Kies auf den Fußwegen des großen Gartens leuchtete, die Palmen und Sykomoren standen ganz ruhig da… Doch plötzlich knirschte der Kies —  es kam wer —  —  und ein grüner Papagei rief krächzend «Siehst du mich? Siehst du mich?»

«Ich sehe dich», sagte die Prinzessin Rona —  denn sie wars, unter deren Fuß der Kies plötzlich knirschte —  und der grüne Papagei flog auf den Rand des Wasserbeckens, in dem der Springbrunn plätscherte. —  —  —

Da kam der junge Gärtner mit den blauen Augen, sank vor der Prinzessin Rona selig auf ein Knie —  und küßte der hohen Herrin ehrfürchtig die schmale gelbe Hand.

Und indische Blumen dufteten durchs Gebüsch —  und indische Brillanten funkelten in Ronas schwarzen Haaren, und indische Liebesworte drangen geflüstert in die stille Nacht hinaus. Ganz fern im Hintergrunde lag der Palast des großen indischen Königs, der der Vater der Rona war.

Der Papagei rief wieder: «Siehst du mich?» —  aber Niemand sah ihn.

Der Springbrunn plätscherte. Und nach einer längeren Weile küßte die Prinzessin ihrem jungen Gärtner abermals auf die Stirn und sprach dabei so wie im Traum: «Sieh nur, wie hübsch blank da drüben über den Sykomoren die Sterne funkeln.»

«Nanu», erwiderte der Gärtner, «warum sollen sie nicht funkeln; deine Augen, schöne Rona, funkeln doch auch.»

Da wiegte die Prinzessin ihren kleinen Kopf so nachdenklich hin und her, ihre mandelartigen braunen Augen strahlten auf, eine Verzückung überkam ihren ganzen Körper und dabei sagte sie: «Du, weißt du, ich möchte ein paar wirkliche Sterne in mein Haar stecken —  verstehst du?»

Der Gärtner ward sehr nachdenklich.

Er schwieg, Rona schwieg auch.

Der Springbrunn rauschte, und die aufspritzenden Wasser schienen höher zu spritzen als vorher.

Die blauen Augen des jungen Gärtners schauten nun forschend auf Ronas Stirn, in ihre kleinen Ohren, in ihre schwarzen Haare, in denen Brillanten funkelten. Diese Brillanten hob der Gärtner vorsichtig aus den schwarzen Haaren heraus, steckte die Steine in eine große weiße Lilie hinein und begann mit gedämpfter, zitternder Stimme also zu sprechen:

«O Rona, ich sitze hier mit dir zusammen auf dieser alten Granitbank, und du weißt nicht wer an deiner Seite weilt —  erschrick nicht und höre! Ich bin ein Zaubrer.»

«Aha», sagte die Prinzessin, «das hab’ ich mir doch gleich gedacht. Du kannst mir also ein paar Sterne wirklich besorgen. Nicht? O tu’s, ja, sieh, sei so gut, bitte, bitte, bitte —  ich knie vor dir —  sieh —  bitte, bitte, bitte!»

Der Gärtner hob die Kniende auf und setzte sie auf seinen Schoß. Dann sprach er: «Kind, die Geschichte ist nicht so einfach wie du denkst. Zunächst sind die Sterne viel zu groß —  sie sind ja viel größer als deines Vaters Gärten… alle zusammen. Wenn du also wirklich —  wirkliche Sterne in dein Haar stecken willst, so mußt du viel größer werden. Na —  willst du nun, daß ich dich größer mache?»

«Ja, ja!» rief die Prinzessin Rona ganz laut, daß es schallte und daß der Papagei, der schon eingeschlafen war, wieder erwachte…

«Komm, steh’ auf, Rona, stell’ dich hier hin, etwas weiter ab vom Springbrunn —  du sollst größer werden.»

«Wirst du nicht auch größer?» fragte die Prinzessin, die schon sehr ungeduldig wurde.

«Nein», versetzte der Zauberer ganz kalt, «ich kann wohl Andre größer machen, mich selbst aber kann ich nicht größer machen. Nun sei still und höre zu, ich werde den Zauberspruch hersagen —  warte!»

 

Nach einer großen Pause ward die Stimme des Zauberers abermals zu hören, sie sprach laut und deutlich:

«Osimânu! Asimênu!
Heterâpa kisolê.
Osimânu! Irawîra:
Lisikéte kisolê.
Osimânu!»

Der Papagei sah das und rief krächzend: «Siehst du mich? Siehst du mich?» Aber die Rona sah ihn nicht mehr, denn sie stak schon viel viel höher in der Luft als ihres Vaters Sternwarte.Und darauf ward die Prinzessin Rona immer größer und größer.

Bald war die Rona den Sternen ganz nahe; doch wie sie so wuchs —  wuchsen auch ihre Füße —  die bald so groß waren, daß sie den halben und schließlich den ganzen Garten bedeckten —  wobei natürlich alle Bäume und Sträucher ganz und gar entzwei gedrückt wurden. Der Zaubrer lag auf dem großen Zeh seiner Geliebten und dachte nach —  er dachte nach über die Eitelkeit der Welt….

Endlich konnte die Prinzessin ein paar Sterne vom Himmel herunterreißen, sie freute sich an dem Glanz der Sterne und steckte dieselben rasch in ihr schwarzes Haar.

Aber dann —  darauf —  ja —  da fehlte der großen Rona was.

«Nanu», rief sie laut, daß alle Himmel dröhnten und donnerten, «die Geschichte wird gut, ich habe ja, ich habe ja —  keinen Spiegel.»

Der Zaubrer auf ihrem großen Zeh hörte —  das —  und kicherte. Der Papagei rief immerfort: «Siehst du mich? Siehst du mich?» und er flatterte über Ronas große Sandalenriemen hinüber nach Ronas Hacke. Der Papagei flog sehr lange, denn der Prinzessin Fuß war ungeheuer groß.

Rona nahm den Mond in die Hand und wollte ihn putzen, doch er blieb blind —  in den weiten Himmelsräumen war kein einziger Spiegel zu entdecken.

Die Prinzessin ward aber schließlich sehr ungeduldig, sie stampfte mit dem Fuße, daß der Zaubrer von ihrem Zeh herunterfiel und daß der ganze Garten gräßlich verwüstet wurde. Die Prinzessin riß sich wütend die Sterne aus den Haaren heraus und schmiß sie in die stille Nacht hinein und dröhnend und donnernd rief sie hinab: «Mach mich wieder klein! Mach mich wieder klein!» Der Papagei rief wieder: «Siehst du mich?»

Aber der Zaubrer bekam Angst, rieb seinen beim Fall zerschundenen Rücken und sprach bedächtig den Verkleinerungsspruch.

Die Stimme des Zaubrers sprach laut und deutlich:

«Luriwêpa selakárri,
Monosô! Monosô!
Luriwêpa kurirássu!
Monosô! Monosô!
Kurirássu!»

Der große Garten war gräßlich verwüstet. Und der König, Ronas Vater, wunderte sich nicht wenig darüber, daß seine Tochter den ganzen Garten in einer einzigen Nacht zertrampelt hatte. Doch da der König ein guter Vater war, so ließ er den Garten wieder zurecht machen. Leider blieb des Königs Tochter, die Prinzessin Rona, seit jener Nacht sehr mürrisch, sie prügelte ihre Sklavinnen und war zu allen Menschen sehr böse —  im Schlafe murmelte sie häufig: «Was hab’ ich nun davon? Was hab’ ich nun davon?»Darauf ward die Prinzessin wieder klein —  aber der Zauberer war verschwunden —  auch die Brillanten, die dieser in die weiße Lilie gesteckt, konnten nicht wieder aufgefunden werden.

Im königlichen Palaste fand man des Morgens sehr häufig sämtliche Spiegel zerschlagen vor.

Indessen der grüne Papagei ward in dem zurechtgemachten neuen Garten noch viel älter. Der Vogel fürchtete sich nur vor der Prinzessin Rona, sonst war er ganz zahm.

Als der Papagei zum letzten Male rief: «Siehst du mich?» da sah ihn nur ein grauer Kater, der das alte Tier zerfleischte, rupfte und ruhig auffraß.

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Qualm und Rauch

Ein Nachtstück

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Na prost!

Weiche Trunkenheit überkam mich.

Unzählige Schornsteine rauchten vor meinen Augen. Und der Rauch ward immer dicker und dunkler.

«Das ist das Überflüssige und Unbedeutende, das Falsche und Gewöhnliche, das diejenigen hervorbringen, auf deren Herde sehr viel wirklich Treffliches entsteht. Aber das nicht Treffliche ist überall auch da —  und das steigt nun als Qualm und Rauch aus hohen Schornsteinen vor dir in den Himmel auf und trübt deinen Blick.»

So sprach ein altes Weib mit grasgrünen Augen und orangefarbigem Antlitz zu mir. Karminrote Haare wehten ihr um die feine lange Nase.

Ich und das alte Weib, wir saßen auf einer Dachrinne und schauten träumend in den Qualm, in den Rauch.

Da wirbelten Gestalten in dem Rauch empor und abgedroschene Redensarten, salomonische Weisheit und Karnevalsulk… und wirre Nebelbilder zuckten hindurch —  und ich wußte nicht mehr, was da trefflich war und —  was nicht.

«Nur was uns erlöst —  von irgend etwas —  das ist trefflich», —  so sprach das Weib neben mir mit dem Orangegesicht.

Ich aber wußte nicht, war das Weib ein höhnisches Sinnbild, das die Klarheit darstellen sollte —  oder war das Weib auch nur Qualm und Rauch? Ich ging über die Dachrinne zurück und fiel in mein altes Bett. —

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Hei! Tanz mit mir!

Eine Schwärmerei

aus: Na prost!

ps_322

Ich bin der lachende Herr der Welt!
Was willst du essen?
Was willst du trinken?
Ich kann dir Alles geben —  Alles!
Glaubst du, ich sei arm?
Dummes, kleines Kind! Siehst du da drüben überm schwarzen Meere die unzähligen Sterne funkeln?
Weißt du, wem sie gehören?
Mir gehören die Sterne —  denn ich bin so selig, daß Niemand seliger sein kann. Und wer Etwas selig anschaut —  der besitzt das, was er anschaut —  ja, der besitzt das —  Niemand kann’s ihm rauben!
Siehst du, jetzt weißt du, was Eigentum heißt!

—  —  —

Willst du nun die Königin der Welt sein neben mir auf meinem großen Throne?
Willst du?
Sei selig, und du kannst Königin sein!
Komm’ und setz’ dich an meine Seite!
Wir sind ein lachendes Herrscherpaar!

—  —  —

Was willst du essen?
Bah, sei selig, und du brauchst nicht mehr zu essen!
Sei selig, und du brauchst auch nicht mehr trinken!
Dein Auge sei dein Reichsapfel, dein trunken empor sich reckender Arm dein Zepter!
So —  jetzt herrschen wir über die Welt!
Komm! Wir wollen auch mal regieren!
Hei! Tanze mit mir!
Drüben durchs Gebüsch rennen unsre Diener —  die sind gehorsam —  siehst du sie?
Nein?
So schließe dein Auge, so kannst du Alles sehen, Alles haben, Alles besitzen!
Doch du lachst noch nicht so, wie’s Königinnen geziemt!
Lach so wie ich!
Sonne, Sterne! Tanzt mit mir auch!
Ho! Hei! Ha! Rase mit mir!
Nicht zu toll!
Tanz’ nur mit mir….

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Die wilde Kralle

Ein Raketen-Scherzo

Ich kletterte immer höher; es ging ja so leicht.
Die Astknorren waren nicht zu dick und nicht zu dünn – grade so recht.
Aber die Spitze der Tanne konnt’ ich nicht erreichen, so eifrig ich auch klettern mochte.
Es war doch ein schrecklich hoher Baum.
Er war bedeutend höher, als ich dachte.
Einmal, als ich runtersah, kam mir’s so vor, als wäre die Erde unten längst unsichtbar geworden.
So hoch im Weltall zu sein, erschien mir da ein stolzes Vergnügen zu sein.
Ringsum kein andrer Baum – kein Stück Erde – kein Stück Wasser – nur Himmel – nichts als Himmel – mit unzähligen seligen Sternen.
Mit stiller Andacht starrte ich in den großen Himmel.
Und der Himmel schien mir plötzlich so eng und begrenzt – wie eine kleine Dorfkirche.
Da knisterte was unter mir.
Ich weiß nicht mehr genau, wie’s war – ich sah nur allmählich, vor mir an der sternbestickten Himmelsdecke eine weiß schimmernde Riesenkralle zitternd emporsteigen.
Und die Riesenkralle krallte sich in die sternbestickte Himmelsdecke fest und riß ein großes unregelmäßiges Loch hinein; die Eckfetzen flatterten steif ab, als wenn ein starker Wind durch das Loch mich anbliese.
Und ich schaute durch die flatternden Eckfetzen in eine andre Welt, die größer ist als unsre kleine Dorfkirchenwelt.
Dort hinten – weit hinter unserm Fixsternhimmel – war der Hintergrund tiefschwarz und unendlich tief.
Und in der Mitte dieser anderen Unendlichkeit stiegen langsam zwei goldene Riesenraketen empor, die aus lauter goldenen Sonnen bestanden; sie perlten immer höher wie langsam aufsteigende Riesenfontänen.
Aber die Raketen gehen nicht grad in die Höhe, sie biegen sich nach allen Seiten wie alte Baumstämme, die oft vergeblich nach dem Lichte strebten.
Und sie werden immer größer.
Und sie bekommen wie die Baumstämme Äste.
Die rechts sich aufreckende Rakete hat keine Ecken; sie biegt sich, wie Schlangenleiber sich biegen. Die links sich aufreckende Rakete hat jedoch sehr viele Ecken und Kanten wie knorrige Eichen.
Es sieht anfänglich alles ganz friedlich aus – leider darf man keinem Frieden trauen.
Die goldenen Sonnenraketen biegen sich vor und zurück, als wenn der Sturmwind an ihnen rüttle. Und bald wird mir’s ganz klar: Die Raketen stehen sich gegenseitig im Wege.
Ich hatte wohl vorher gedacht, dieses Schwanken, Drängen, Schieben und Stucksen wäre nur eine Äußerung der Zärtlichkeit. Mir fiel jedoch zur richtigen Zeit ein, daß ordentlichen Feindschaften ein zärtliches Vorspiel was ganz Natürliches ist.
Die Atmosphäre scheint mir recht heiß zu werden. Die Schlangenrakete dehnt oft ganz beängstigend ihren gierigen Sonnenleib. Und die Eichenrakete schwankt und zittert wie ein wilder Trotzkopf, der gern seine Wutkrone aufsetzt.
Die beiden Ungeheuer stehen sich im Wege – das ist mir bald völlig klar.
Und ich nehme Partei für die goldene Eiche, die mir der Schlange an Schlauheit unterlegen zu sein scheint.
Der Schlauheit mag ich stets an den Hals.
»Ich schütze die Dummheit!«
Also ruf’ ich laut. Und ich erschrecke, da mir tausend Echos – der Himmel mag wissen woher – antworten – höhnend antworten.
Hei! Jetzt kommen die goldenen Sonnen ordentlich in Bewegung! Das Gold glitzert und zuckt! Die Raketen machen Ernst! Das ist keine Zärtlichkeit mehr! Ich recke mich auch! Meine sehnigen Muskeln schwellen an wie springende Wildbäche im Frühling!
Es zittern die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste so stark, daß ich mitzittern muß.
Und aus den Spitzen fliegen nun blaue, grüne und rote Lichtblasen heraus – die brennen in dunklen Farben und werden immer größer. Und aus den Lichtblasen schießen in die Nacht gelbe und weiße Lichtkegel, die wie weite Scheinwerfer blitzschnell den Himmel durchfliegen – von einem Ende zum andern – wie rasend!
Eine Lichtschlacht!
Zwei goldene Milchstraßen liefern sich eine Lichtschlacht – eine lautlose.
Ich muß mich sehr wundern.
»Himmel! Wetter!« ruf ich wieder ganz laut, »ist denn da hinten auch alles so eng, daß nicht mal zwei Sonnenbäumchen Platz haben? Sind denn ›sämtliche‹ Weltwinkel zu klein?«
Über mir hör ich ein heftiges Brummen, und seltsam hüstelnd antwortet mir eine dunkle Baßstimme:
»Was weißt Du von Weltwinkeln? Tu doch nicht so, als ob Du kosmische Größenverhältnisse besser ausrechnen könntest als unsereins. Die Naseweisheit steht Dir nicht gut. Verkrieche Dich in der alten Weltpauke! Da ist noch Platz für dich.«
Ich ducke mich, obgleich ich Keinen sehe.
Die Raketen kämpfen weiter.
Es wird furchtbar lebhaft da hinten.
Ich möchte noch mehr sehen; das Loch in der Himmelswand erscheint mir zu klein. Doch da kommt auch schon die weiß schimmernde Riesenkralle wieder höher und macht das Loch größer.
Jetzt kann ich bequemer dem Kampfspiele zuschauen. Die weißen und gelben Lichtkegel flirren immer heftiger. Die roten, grünen und blauen Gasblasen werden mordsmäßig groß und platzen dann – wie Alles, was zu groß wird. Dafür spritzen die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste immer wieder neue Blasen hervor, die auch mit weißen und gelben Lichtkegeln herumflirren.
Die Schlangenrakete wird offenbar noch schlauer; sie bedrängt die Eiche wie ein unheimliches Krötenweib.
Ich kann’s kaum ansehen; die Schlange wird mit ihren langen Schläuchen, die ihr immer dicker aus dem Leibe herauswachsen und gar nicht mehr was Astartiges haben, so aufgedunsen – so scheußlich groß.
Der Hintergrund, von dem sich die Raketen abheben, ist so bunt wie eine riesige zitternde Opalfläche; die roten, blauen und grünen Gaskugeln mit den gelben und weißen Lichtkegeln flattern umher, als wenn sie ein Weltföhn durchbrause.
Da kann ich mich nicht mehr halten.
Die Schlangenrakete wird von oben bis unten gemein.
Das ist die ewige Niedertracht!
Ich möchte der Schlange an den Hals.
»Eine Kralle möcht’ ich haben!«
Das schrei’ ich.
Und im selben Augenblick fühl ich, daß die wilde Kralle, die unsern alten dösigen Dorfkirchenhimmel aufriß, ›meine‹ wilde Kralle ist.
Und mit meiner weiß schimmernden Riesenkralle pack’ ich durchs Loch, mitten in den Schlangenleib rinn.
»Ich will nicht die Schlauheit siegen lassen!« brüll’ ich auf und drück’ mit meiner wilden Kralle zu – den ganzen Leib der Schlangenrakete entzwei.
Doch dabei muß ich »Au!« schreien.
Ich habe mich verbrannt.
Horngeruch – widerlicher – steigt mir betäubend in die Nase.
Ich sehe nichts mehr.
Ich reiße die Hand mit der Kralle aus dem Loche raus, um mich auf meiner Tanne festzuhalten.
Aber die Hand mit der Kralle tut mir zu weh, und ich kann mich mit der Linken allein nicht halten.
Und ich falle mit der Kralle.
Mich ergriff eine namenlose Wut.
»Die Schlauheit siegt! Sie ist zu kaltblütig!« schrie ich noch.
Dabei fiel ich immer tiefer.
Ich hielt den Atem an, indessen – ich fiel trotzdem.
Das Horn roch – brenzlich.
Es war mir auch so, als ob der Docht einer alten, großen Wachskerze verglimmte – in einer Dorfkirche.
Ich fiel – der Teufel – mochte wissen – wohin.
Ich glaube, ich fiel in die alte Dorfkirche unserer greulich beschränkten Fixsternwelt zurück.
Ich fiel immer tiefer – immer tiefer – immer tiefer!
Und ich wunderte mich, daß unsre beschränkte Welt so tief sein konnte.

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Der Weg zur Schlachtbank

Rede eines Ochsen

aus: das Lachen ist verboten
aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

 ”Ich bin ein großes Tier und ein gutes Tier, Ich weiß, wohin man mich führt, Und ich habe auch nichts dagegen. Ich bin der wahre Wohltäter der Menschheit. Ihr gehört mein Herz —  ihr gehören auch meine Nieren und meine Schinken —  und meine Knochen mit dem herrlichen Mark! Daß man mich nicht so ehrt wie andere Wohltäter, macht mir nichts aus. Auf Dank hab’ ich nie gerechnet. Daß man mich aber noch schlägt mit dem Ochsenziemer —  halte ich für gemein. Muß ich auch noch zum Märtyrer werden? Wozu?”

 

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Wir maken Allens dot!

Clownerie

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

Hopp! Hopp! Hopp!
Da is er — zieht Cylinder — verbeugt sich und sagt ernst wie Staatsanwalt: »Dramatûschek!«
Der Andre lächelt, klopft sich auf dickes Bauch, nickt mit kahles Kopp und sagt schmunzelnd: »Serr erfreut, mein Lieber! Ick bin der Kapitälski.«
Händegeschüttel — Schmunzelei — zwei Stühle — Cylinder vergraben — Männer rauchen jleich Ziehgam — bald serr viel Dampf in Luft.
»Ick bin«, spricht Dramatüschek, »wie Sie woll wissen —ein Schenie!«
»Weeß ick längst!« erwidert Kapitälski.
»Ick will«, fährt Dramatüschek fort, »bauen jroßes Theater mit neistes Brimborium und allerscheenstes Humbug (speak: Hömmböck!). Wir maken Allens dot.Jiebst Du Kapital? Speak, Kapitälski!«
Jast legt rechtes Bein auf linkes Bein, raucht wie Schornstein und kickt jradaus wie Tatmensch.
Kapitälski steckt rechtes Hand in sei Rocktasch — zieht aber jleich wieder Hand raus.
Dramatüschek kriegt Courage, redet feste: »Mensch — jutes! denk an! Ick hab jroßes Jedank mit jroßes Mond — das schwebt auf Podium und quiekt: Au!«
»Jroßes Naar — kei Schenie!« murmelt Kapitälski. — Jast seiniges jleich serr hitzig.
Dramatüschek, das jroße Schenie, erhebt sich von Stuhl und hält wildes Red: »Du hast kei Ahnung, Kapitälski! Weißt Du, was ick will maken? Ick will maken jroßes Theater — serr jroßes und auch serr kleines. Da sollen Sterns vons Himmel auftreten als Aktörs, sollen sein tiefsinnik wie altes Sokrates — noch mehr tiefsinnik. Jroße Riesendams sollen ooch kommen in schlackerndes Feuer und buntes Pfaulicht. Tanzen sollen Panthers und Kamels, Oxen und Schenies. Janzes Welt soll werden gekrempelt um. Allens maken wir dot! Siehste, Kapitälski?« ‘ .
»Nix seh ick!« schreit der Herr mits Portmonee.
»O du stupides Eichkatz!« kreischt nu Dramatüschek, »hast Du kei Fantasie? Mal Dir aus ein jroßes Kunst mit Blitz und Donner — mit jroßes Krieg — mit herzzerdrücktes Jejammer und bombastisches Seligkeit. Wir maken Allens dot!«
»Kei Kunst!« replizieret Kapitälski, »dotmaken kann jedes Mörder. Achtes Kunst muß maken jutes Appetit —aber nich dickes Kopp.«
Dramatüschek flennt wie trauriges Mutter und sagt dazu: »Materialiste biste — kei Schenie! Aber jieb Kapital
— dann biste Ober—Schenie — Erz—Schenie — Gold—Schenie — General—Schenie! Jieb Kapital! Sei Freund!«
Jutes Mensch janz jerührt — umarmt Kapitälski — der steckt wieder Hand in Hosentasch — zieht raus blankes Ding — achtes deutsches Pfennig — jiebts an jutes jerührtes Mensch.
Uih!
Bumm! —
Dramatüschek springt hoch in die Höh, schreit wie Schwein bei Schlächter •— makt immerzu Salto—Mortals und packt altes dummes Kapitälski an Gurgel — dreht — dreht — dreht ab das Kopp. Wie Kopp in Dramatüscheks langes schmales Hand, steht Kapitälski ohne Blut und ohne Kopp janz ruhig auf — und — redet Bauch — — sagt dunkel: »Kapitälski kann leben ohne Kopp — braucht kein Kopp.«
Kopplos jeht das harte Mensch in sei Stall.
Dramatüschek heult wie Wolf, schmeißt Kapitälski—Kopp mang Publikums, daß alle Mädchen quietschen —und fällt steif wie trocknes Brett auf sei Nas’.
Publikus janz dumm.
Schenie Dramatüschek weint blutijes Trän — Sand wird naß und rot — immer merr naß — wird rotes Strom — und armes Kerl schwimmt fort — auch in sei Stall…
Armes Dramatüschek!
Armes Kerl!
Rotes Strom wird rotes Meer!
Armes Publikus!

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Der höfliche Eremit

Ein Menuett

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

»Guten Tag!« sagt schmunzelnd der höfliche Eremit. Und er schüttelte dabei seinem Freunde immer wieder höflich die Hand.
»Sei mir willkommen!« rief begeistert der große Einsiedler. Und dabei rückte er seinen Ledersessel ans Fenster und drückte seinen Freund in den Ledersessel hinein.
»Hier hast Du Cigarren!« schrie der allzeit einsame Mann seinem Freunde ins Ohr. Und gleichzeitig zündete er ein Zündholz an, das er in brennendem Zustande dem Freunde zierlich hinhielt.
»Wir trinken Grog!« kreischte der herrliche Wirt seinem Gaste ins Ohr. Und bald brodelte das kochende Wasser.
Und dann ward’s gemütlich in der Einsiedlerhöhle.
Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergnügen und erzählte dabei in einem fort.
Ja — die Höflichkeit!
»Mein guter Freund!« brüllte der höfliche Mensch. Und dabei nahm er seinen schönen Revolver von der Wand und schoß einen Spatz, der auf dem Fensterbrette saß, mausetot.
Der Freund drückte sich.
Der höfliche Eremit drückte ihm herzlich hundertmal die Hand und bat ihn, ja recht bald wiederzukommen.
Der Freund drückte sich.
Der Spatz aber war tot — ganz tot..

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Meine Tinte ist meine Tinte

Ein Klexosophicum

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

Eine sehr stille Sommernacht!

Matte Dämmerung mit traumschweren Gardinen und sanften säuselnden Winden.
Ich liege in weichen, schneeweißen Betten.
Und die Betten sind so schwer.
Es plätschert was – tropft.
Drüben ist es, am Schreibtisch.
Aber da ist ja so viel Schwarzes auf dem Schreibtisch – so viel Schwarzes.
Sanft säuselnde Winde draußen.
Auf dem Schreibtisch tropft es – sollte das meine Tinte sein?
Meine Tinte ist meine Tinte.
Aber sie ist so lebendig.
Sie geht ja aus dem Tintenfasse raus.
Und es ist viel Tinte, so viel schwarze Tinte.

Jetzt ist sie bei mir und beugt sich über mein Bett – wie eine kleine Milchstraße – wie eine kleine schwarze Milchstraße.
Jetzt tropft es wieder, und schwarze Tropfen fallen auf meine weißen Betten.
Dort in der Ecke über meinem rechten Fuße sitzt ein großer schwarzer Klex.
Und der Klex – ein ganz runder ist es – ist der Stil.
Neben dem runden Klexe entsteht nun ein viereckiger Klex – der heißt Ziel.
Und zwischen den Beinen bewegt sich ein schwarzer Tropfen wie eine Quecksilberkugel auf einer Menschenhand – die Kugel ist das Spiel – das große Spiel.
Bin ich in einer Spielschachtel?
Woher kenne ich all die klingenden Namen? Sie klingen so gut zusammen wie die guten Reime in alten Gedichten.

Am Stil ist das Ziel das Spiel, es dreht sich.
Im Stil sitzt das Spiel hinterm Ziel.
Hinterm Ziel!
Wie stilvoll das Spiel ist!
Auf dem Stil liegt der alte Nil – ein schwarzer Bindfaden.

Jetzt weiß ich: Der Nil ist der schwarze Faden, an dem spielt das Ziel mit dem Kiel und dem Zuviel – das sind neue Klexe – viereckige Klexe – mit Raupen.
Schwarze Raupen kriechen über den Nil – wohl Neger.
Meine Tinte ist meine Tinte – bei der ist alles möglich.
Mein schöner weißer Kopfkissenbezug bekommt auch was ab. – Meine Betten sehen aus wie ein weißer Himmel mit schwarzen Sternen – viele Himmel – bergige Himmel – Schimmel mit Sternengewimmel.
Es klingt ja so hübsch – ist das Gebimmel von Klexen? Glocken sind’s!
Aber da mittendrin ist ein roter Klex – und der nennt sich Ich. Das ist keine Tinte, denn ich habe ja rote Tinte gar nicht zu Hause. Ich wollte mir immer rote Tinte anschaffen. Aber ich hab’s vergessen – nur die Namen der Klexe kenne ich sämtlich – die kenne ich ja schon seit Olims Zeiten.

An der Bettkante im dicken Wassermann wackeln drei Sterne – sie heißen Welt, Wild und Wald. Die sind auch so mohrenschwarz und bedrängen jetzt das Ich – umkreisen das rote Ich.
Ich muss mich doch geschnitten haben, denn das rote Ich muss ein Blutstropfen von mir sein. So was kommt wohl mal vor. Jetzt geht der Weltklex über mein Ich hinüber – dem schadet’s aber nicht.
Die Klexe Lust, Last und List kommen meinem Munde sehr nahe.
Gehen die Klexe in meinen Mund? Sie kommen mit Kuh, Ruh und Schuh auf meinen Mund los.
Brr! schmecken die sauer!

Sanfte Winde wehen – aber die wehen ja die sämtlichen Klexe in meinem Mund.
Ich kann meinen Mund nicht schließen.
Alle meine Klexsterne kullern hinunter in meinen Magen.
Wie verschiedenartig die Klexe schmecken.

Meine Tinte muss sehr gemischt sein – wohl mit den Giften aller Zeiten.
Welt schmeckt nach Salpeter. Aber ich weiß nicht, wie Salpeter schmeckt – wahrscheinlich wie Bomben. Sehr gut!
Ich schließe die Augen, denn ich kann dieses fortwährende Heranrollen der schwarzen Sterne nicht vertragen.
Das Rollen tönt wie Donnern und bricht plötzlich ab.
Es hört alles auf – ich muss schon alles runter haben.
Ein Guter Magen ist ein Guter Magen.

Doch da rollt ja schon wieder was!
Die Augen kann ich nicht aufmachen.
Ach so!
Ich weiß ja!
Das ist mein rotes Ich, dass kann ich nicht runterschlucken.
Das Ich kann ich nicht verdauen.

Sanfte Winde wehen um meine Stirn – da wird’s aber nass.
Ist das Angstschweiß?
Nein – ich fühle jetzt ganz deutlich – es sind nur die schwarzen Sterne, die allmählich aus meiner Stirn wieder rausperlen – wie Alkohol – wenn man ihn literweise getrunken hat – aus der Stirne rausperlt – so perlen auch die schwarzen Sterne aus der Stirne heraus.

Die Winde draußen vorm Fenster müssen sehr kühl sein – oder sind die Sterne auf meiner Stirne so kühl?
Sind sie so kühl wie eine Birne?
Mein Ich fällt gleich vom Bette runter.
Mein Ich fällt und platzt entzwei – auf dem Teppich.
Jetzt ist Alles wieder gut.
Bloß auf dem Teppich wird ein roter Klex sein.
Das Schwarze verdunstet.

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Lika

Eine Künstler-Odyssee

aus: Immer mutig

I

ps_308  Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der großen See.
Der Himmel war dunkelblau.
Das Wasser war dunkelblau.
Lika saß in einer feinen weißen Porzellanschale, deren Rand so kraus war wie ein Kragen der Maria Stuart.
Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien – mattbraune, die sich zierlich verschnörkelten, wie altindische Schrift.
Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte die Lika vor den Strahlen der Sonne.
Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale. Das orangefarbige Schirmdach war aus Seide – nicht gebogen, sondern grad und steif wie ein Schirm aus dem Lande der Chinesen.
Lika wußte nicht recht, was sie denken sollte.
Jedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton empor und fragte, nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte:
»Nun, Lika, wohin willst Du?«
Lika besann sich auf Worte, doch sie merkte, daß sie fast alle Worte vergessen hatte.
Nur ein Wort fiel ihr wieder ein – das Wort »Heimat«.
Und die Lika rief laut:
»Du, ich möcht‘ in die Heimat!«
Der Triton fragte wieder:
»Was willst Du denn da?«
»Das Glück!«
Der Lika war dieses zweite große Wort ganz unwillkürlich in den Mund gesprungen.
Jetzt merkte sie erst, was sie gesagt hatte, und sie lächelte darüber.
Der Triton aber meinte:
»Gut, so wollen wir die Heimat mit Deinem Glück suchen – nicht wahr, Lika?«
»Ja!« sprach sie.
Darauf schwamm der Triton – die Porzellanschale mit der Lika vor sich herschiebend – gradaus.
Die Lika ließ sich das gern gefallen.

II

ps_307  Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren, sahen sie einen kleinen Turm am Horizonte.
Die Lika frug:
»Was ist denn das da?«
Und der Triton sagte Wasser prustend:
»Das ist ein Leuchtturm!«
Als sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom Turme hinunter, und die beiden Kinder des Meeres hörten eine laute Stimme – die frug dumpf:
»Wer bist Du?«
Der Triton versetzte mit schallendem Gelächter: »Ich bin doch der Triton, der fidele Triton!«
»Wen aber hast Du,« kam’s nun wieder aus dem Sprachrohr, »in der Porzellanschale?«
»Das ist doch,« gab da der Triton zurück, »die kleine Lika – die will wissen, wo ihre Heimat ist und ihr Glück.«
»Ist das Kind sehr klug?«
Also hörten anitzo die Beiden fragen, und die Lika gab zur Antwort:
»Ich hab’s gar nicht nötig, sehr klug zu sein, wenn bloß mein Triton sehr klug ist.«
Langes Schweigen.
Dann aber brummte es im Sprachrohr:
»Die Lika ist tatsächlich das klügste Kind der Welt. Ihr könnt in den Hafen fahren.«
Da klatschte die Lika vernügt in die Hände und tat ganz stolz.
Der Triton jedoch brüllte laut:
»Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!«
Und es geschah.
Im nächsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu blasen an.
Das Blasen erschütterte die ganze Luft, sodaß sich die Lika ihre beiden kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten mußte.

III

ps_306  Die Zwerge kamen eiligst herbei.
Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen herzlichst begrüßt; sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhüten fröhlich in der Luft herum.
Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschänke auf den Hafenrand.
Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklärte den Zweck seines Besuchs – er ließ sich dabei gemütlich von den Zwergen das Kreuz reiben.
Die Zwerge rauchten fast sämtlich gute Cigarren und sahen in ihren buntdurchwebten Schlafröcken außerordentlich gutmütig aus, obgleich sie sich eigentlich nicht wenig einbildeten, denn sie waren Maler – ächte Künstler – und wußten das sehr genau.
Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte: »Wo ist das Glück?« – riefen alle Zwerge sofort:
»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«
Und als der Triton beim zwölften Eimer fragte: »Wo ist die Heimat?« – riefen die Zwerge abermals:
»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«
Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den Ohren, kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte:
»Na, dann wollen wir nur das Land suchen.«
Die Zwerge taten sehr erstaunt, und ein Dickkopf meinte:
»Lika, eigentlich hätte ich Dich für klüger gehalten.«
Der Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.
Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres, denn die Lika hatte es furchtbar eilig.
Die Zwerge bedauerten, daß der Besuch so kurz bemessen gewesen sei, ließen wieder alle Blasen blasen, daß die Molen bebten – und dabei fuhr die Lika mit ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus, allwo es etwas dunkler wurde.

IV

ps_305  Es ward Nacht. Die Sterne gingen auf und der große Mond.
Der große Mond beleuchtete das große Meer, und die Lika freute sich an dem blitzenden Wellenglanz.
Der Triton lenkte die Porzellanschale allmählich einem andern Lande zu; einem grünen Lichte, das nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam er langsam näher.
Die Lika machte den Sonnenschirm zu, bog den Stock nach vorn, so daß die Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte, und schlief ein bißchen ein.
Als sie wieder erwachte, sah sie vor sich ein großes schwarzes Gebirge.
Unten, wo der Fels ins Meer stieß, war ein großes zackiges Loch – das schimmerte grün – da fuhr der Triton mit der Lika durch. Und nun schwammen sie in einem weiten hohen grünen Grottensaal. In herrlichen Nischen standen weiße Gestalten aus Stein.
Die Lika sah sich ganz verwundert um.
Unten war Alles Wasser, doch an den Seiten hinter den Nischen führten weiße Treppen bis hoch in die grüne Lichtkuppel hinauf. Die weißen Gestalten aus Stein waren von Menschenhand geschaffen; die beiden Kinder des Meeres waren bei den Menschen – die kamen jetzt langsam die weißen Treppen hinunter.
Die ernsten Bildhauer in ihren weißen Gewändern glichen mit ihren langsamen Bewegungen bösen Gespenstern.
Die Lika hielt den Atem an; ihr lief’s kalt über den Rücken.
Die Bildhauer – lauter Menschen – kamen langsam immer näher, und das arme Kind in der Porzellanschale fürchtete sich.
Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser, daß es hoch aufspritzte.

V

ps_303  Der fidele Triton taucht unter, stößt beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hält aber noch die Hände an den krausen Rand.
Die Bildhauer flüstern was und wenden sich ab – ihren Steingestalten zu.
Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor, jedoch die Antwort bleibt aus – die Bildhauer hämmern an ihren Steingestalten.
Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt ruhig:
»Liebe Lika, wundre Dich nicht über die Schweigsamkeit dieser Herren. Sie wollen Dir mit ihrem Gehammer bloß dieselbe Antwort geben, die Du bei den Zwergen vernahmst.«
Die Lika versetzte kleinlaut:
»Ich weiß noch: Glück und Heimat ist dort, wo man Tag und Nacht Künstler sein kann. Da müssen wir wohl wieder weiter. Mir wird hier auch so schwül.«
Der Triton lacht, daß es im grünen Grottensaal unheimlich schallt, und fragt wild:
»Kein Modell gefällig?«
»Wir formen,« brummt darauf ein alter Bildhauer, »jetzt nur noch Menschenkörper; die verkrüppelten Wesen – namentlich die knielosen – sind nicht mehr nach unserm Geschmack.«
Das nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt wortlos mit der Lika durch die nächste Pforte ab – in einen roten Grottensaal, wo lauter Gruppen mit Schlangenarmen in den Nischen stehen. Es geht noch durch goldene, silberne, blaue und anders gefärbte Grottensäle.
Überall – wilde Steingesellen mit lustigen Köpfen und seltsamen Gliedmaßen – abenteuerlich tolle Märchengeister.
Öfters brummt der Fischbeinige:
»Krüppel! Feine Krüppel!«
Die Lika versteht nicht, was er damit sagen will.

VI

ps_302  Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt – draußen unterm blauen Himmel.
Die Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit.
Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie freuen sich über die grünen Bäume, über die Wasserrosen und über die weißen Schwäne, die würdevoll ihr Haupt umdrehen, um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf.
Am Ufer blühen dicke bunte Blumen, wilde Enten fliegen hin und her, Hirsche kommen und trinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort – in die dunklen Wälder, durch die Niemand durchblicken kann.
Es ist still, es bleibt aber nicht still.
Von einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder.
Und wie sie weiter fahren, ertönen in den Wäldern harte Hörner und dröhnende Pauken – ganz in der Nähe hinterm hohen Schiff wird eine Flöte geflötet.
Der Triton sagt:
»Du, das ist ein Dudelsack!«
Aber danach hören sie einen glockenhellen Gesang – viele Mädchenstimmen!
An den Ufern wird’s auf allen Seiten immer lauter – Geigengesumm und Trompetengeschnatter – Trommelgerassel und Harfengeklimper!
Musik überall!
Und es klingt so fein zusammen.
Die Lika lauscht und lächelt und bewegt im Takte die zarten Finger.
Vorsichtiger bewegt der Triton seine glitzernden Fischbeine, damit man ja die Lika Alles hören kann – all die vielen Jubelstimmen, die dem Morgen »guten Morgen« sagen.

VII

ps_301  Plötzlich – auf allen Bergen ein wüstes Geschrei!
Alle Instrumente kreischen durcheinander – und es erscheinen die Bocksbeinigen – tolle Weiblein und noch tollere Männlein.
Die Musiker sind’s!
Sie begrüßen den fidelen Triton und die drollige Lika mit graulichem Gejohle.
»Wo ist die Heimat?« fragt der Triton.
Da wird’s mit einem Male wieder still, und die Bocksbeinigen singen im großen Chore:
»Ach, unsre Heimat ist doch überall –
Im blanken Saale und im Stall,
Auf freiem Berge und im engen Tal –
Im grenzenlosen Weltenall!«
Und dann springen die Sänger und Sängerinnen ins Wasser, küssen den Triton und wollen die Lika aus ihrer Schale herausheben – aber ach! – das geht nicht – die Lika ist ja mit ihrer Porzellanschale zusammengewachsen – wie die Schnecke mit ihrem Haus.
Großes Entsetzen.
Aber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm zu, und die Bocksbeinigen beruhigen sich, tragen ihre beiden Gäste so recht behutsam ans Ufer und spielen dort zum Tanze auf. An dem können nun die beiden Kinder des Meeres nicht teilnehmen. Jedoch das stört die Freude nicht.
Nach dem Tanze wird Wein getrunken und Rauschmusik gemacht; die ganze Gesellschaft schwimmt in Seligkeit. Alle erklären der Lika, daß das Glück in der Kehle und in den Instrumenten sitze; ein vernünftiges Wort läßt sich mit diesen Leuten nicht reden.
Der Triton sagte bloß:
»Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidele Gesellschaft teilt die Meinung der Zwerge in jeder Beziehung.«
Und die Augen der Lika leuchteten verständnisinnig auf – wie zwei neue Sterne.

VIII

ps_300  Als das Fest zu Ende war, erklärte die Lika ihrem Begleiter würdevoll: »Mein Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich endlich ans Ziel kommen. Das gesuchte Land muß denn doch zu finden sein. Wenn Du mich nicht bald hinführst, so muß ich mir einen andern Führer suchen. So geht’s nicht weiter.«
»Hm!« versetzte der Triton, weckte mit einer dreieckigen Trommel ein paar schlafende Musiker und bat um einen Wagen.
Ohne die Andern Musiker in ihren Träumen zu stören – sie schliefen sämtlich – kamen die Herren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs Hirsche vor ein Kabriolett – – und bald ging’s über Stock und Stein in eine andre Gegend; die Lika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn sie saß in einer Schale von allerfeinstem dünnstem Porzellan.
Auf einem großen runden, mit bunten Fliesen bedeckten Platze blieben die Hirsche dampfend stehen.
Und aus dunklen Wolken kam ein aufgeblasener Luftballon herunter.
Die Lika schlug die Hände überm Kopfe zusammen, aber die Bocksbeinigen setzten sie mit ihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch dem Triton hinein – und fort ging’s – hinauf in die dunklen Wolken.
Das war eine Fahrt!
Die Lika war ganz sprachlos.
Der Ballon fuhr durch die Wolken durch und kam in den hellen blauen Himmel.
Drei Bucklige kletterten an den Gondelstricken empor, und drüben stieg ein riesiges Purpurgebirge so hoch ins Blaue, daß man die roten Spitzen oben nicht mehr sehen konnte.
Aber was Andres sahen die Kinder des Meeres – lange Männer mit furchtbar langen schmalen Flügeln!
Die Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen herum – wie Schwalben vor ihren Nestern herumfliegen.
»Was sind denn das für Kerls?« frug die Lika.
Und die drei Buckligen riefen oben unterm Luftballon:
»Das sind die großen Dichter!«

IX

ps_299  Na – die Dichter waren ganz freundliche Herren; sie empfingen die schnurrigen Gäste wie alte Bekannte, hoben sie aus der Gondel und brachten sie durch ein rundes Fenster in ihre Felsenwohnung. Der Triton legte sich gleich auf einen molligen Divan und stopfte sich einen Tschibuk.
Die Lika setzte man auf einen fünfeckigen Fenstertisch, von wo aus das gute Kind eine prächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel genoß; keilförmige Schatten und Sonnenstrahlen huschten vorüber.
»Also jetzt,« sprach Lika, an ihre Porzellanschale klopfend, »soll mir endlich der richtige Weg zur Heimat mit dem Glück gezeigt werden. Bitte! Sprechen Sie, meine verehrten Herren!«
Die Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem Triton nach dem, was das resolute Kind wissen wollte, und dann hub der Älteste der Dichter also an:
»Für diejenigen Weltbewohner, die Laien und keine Künstler sind, bedeuten die Begriffe ›Heimat‹ und ›Glück‹ etwas Andres als für uns Künstler. Das Laienvolk verbindet eben mit den einzelnen Worten völlig andre Geschichten. Das geht uns natürlich nichts an. Laiensache bleibt Laiensache! Wir Künstler aber nennen die ganze Welt unsre Heimat und finden überall dort unser Glück, wo wir nach unserm Geschmack leben können. Das Land, das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr zu suchen, denn Du bist ja schon da. Du willst doch Künstlerin werden, nicht wahr?«
»Ich möchte, «erwiderte schüchtern die gute Lika, »gern eine Künstlerin werden.«
»Das freut mich!« sprach der Dichter, »freut mich sehr! Ich hätte Dich auch im andern Falle zum Fenster hinausgeworfen.«
»Aber,« schrie erschrocken die Lika, »meine Porzellanschale wäre dann doch entzweigegangen!«
»Wir Dichter sind,« fuhr der alte Herr unbeirrt fort, »ebenfalls Künstler, außerdem haben wir noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Namentlich kommt es uns zu, jegliche Einrichtung der Welt im besten Lichte zu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit zu erhellen.« Der Triton lachte leise auf seinem molligen Divan und blies wirbelnde Tabakswolken in das stille, hochgelegene Dichterzimmer.

X

ps_298  »Kluge Lika, merkst Du nun bald was?«
Also der Triton – die Lika sagte:
»O ja! Ich merke, daß die ganze Reise eigentlich überflüssig war, denn was ich suchte, ist ja da. Unsre Heimat ist überall. Und das Glück kommt ja beim Schaffen. So klug, um das Alles zu begreifen, bin ich schon. Wo aber lerne ich das Schaffen?«
»Schaf!« versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer Dichter, »ordentliche Künstler lernen überhaupt nichts von Andern, sie probieren einfach und können dann was.«
»Ach so!« flüsterte nun die Lika lächelnd, »da werde ich ›Erinnerungen aus meinem Leben‹ schreiben, das kann ich bereits.«
Die Dichter verneigten sich respektvoll und begrüßten in dem Porzellanmädchen die neue Kollegin, empfahlen ihr aber, zuvörderst ins Riesenreich zu fahren, allwo für Dichterinnen und Erinnerungskunst sehr viel Platz vorhanden sei.
Die Lika sagte nicht »Nein,« und so ging’s schnurstracks ins Riesenreich.
Die höflichen Dichter brachten ihre beiden Gäste schleunigst in die Hinterzimmer und von dort in eine düstre Höhle, die nur von Fackeln erleuchtet wurde. Unten plätscherte Wasser – da setzte man die Beiden hinein.
Und bald schwamm der Triton, die Porzellanschale wieder vor sich herschiebend, durch einen matt erleuchteten Höhlenfluß.
Das Wasser rauschte sehr – es rauschte immer stärker, immer schneller schoß es dahin. Bald merkte die Lika, daß sie sich in einem reißenden Strome befanden.
»Wir sind in der Wasserrutschbahn!« brummte der Fischbeinige, hob die Porzellanschale ein bißchen höher – und dann ging’s wie eine Pfeil hinab – rasend rasch – wieder hinaus ins Freie.
Und durch den spritzenden Wasserschaum sahen sie – das Riesenreich.

XI

ps_297  Uih!
Das saust und braust und schäumt und sprüht seinen Wasserstaub, daß Regenbogen entstehen – hinunter geht’s in grader Linie – zum dunkelblauen Meere.
Und was sieht die Lika?
Riesen sieht sie drüben auf den Inseln des Meeres. Die Riesenköpfe ragen hoch in die Wolken – und bauen tun die Riesen – Paläste bauen sie mit blitzenden Türmen, Erkern und Säulenhallen – Alles funkelt und glüht und zuckt und sticht in lodernd brennenden Farben – denn alle Bausteine sind natürlich echte Edelsteine und Diamanten – riesige!
Die Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre Kleider flattern – und das Wasser stürzt polternd, große Wogen rauschend – mit dem Triton, der die Porzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte hält, ins blaue Meer.
»Das war eine feine Fahrt!« ruft die Lika, als sie unten sind. Die Purpurgebirge liegen schon weit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fährt schnell dahin – wie eine Kanonenkugel.
»Willst Du nun,« fragt der Triton, »auch die Riesen noch einmal fragen, wo Deine Heimat mit Deinem Glücke ist?«
»Das ist wohl,« erwiderte die Lika, »nicht grade nötig, denn ich weiß ja schon, daß unsre Heimat und unser Glück bloß dort ist, wo wir ungestört Künstler sein können. Hübsch wär’s aber doch, wenn wir frügen. Wie machen wir das?«
Likas Führer steuert der nächsten Insel zu, wo das ganze Ufer aus hohen Säulenhallen besteht – dort klingelt er an einem dicken Strick – und bald erscheint eine kolossale Riesentrompete in der Luft. Wieder werden die alten Fragen gestellt.
»Wo ist unsre Heimat?« brüllt der Fidele.
»Bauen!« tönt’s aus der Trompete zurück.
»Wo ist unser Glück?« fragt er dann.
Und abermals kommt’s aus der Trompete heraus:
»Bauen!«
»Siehst Du,« sagt da der kluge Meermann, »die Riesen meinen ganz genau dasselbe wie die Zwerge. Jetzt weißt Du doch endlich, was Du wissen willst. Es war nicht leicht, Dir die Geschichte klar zu machen. Deine Heimat hast Du also gefunden. Nun schreibe Deine Erinnerungen, damit Du auch glücklich wirst.«
»Ich danke Dir,« sagte freundlich das gute Porzellangeschöpf, »gib mir nur das nötige Papier und einen Tintenstift. Ich will gleich glücklich sein.«
Der Triton zieht das Gewünschte aus seinem Rucksack hervor und gibt es hin.
Der Himmel ist blau.
Das Meer ist blau.
Der Triton taucht unter.
Die Lika schreibt ihre Erinnerungen unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm.

XII

ps_296 Feierlich türmen die Riesen einen edlen Baustein auf den andern, heften die großen Diamanten ordentlich fest, messen und zeichnen und rechnen, bauen Palast an Palast, daß alle Inseln im Riesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern – wie Kronen – wie ewige Kronen.
Schiffe kommen und bringen neues Werkzeug, unzählige neue Stoffe, Silber und Glas für die Kuppelbauten – Gold für die dicken Wetterfahnen.
Die weiten Säulenhallen, die Terrassen mit ihren spiegelnden Fliesen, die Treppen mit den offenen Pforten – fassen die hohen Inseln so ein – als wären’s Juwelen. Aus den Turmlaternen leuchtet’s wie aus glücklichen Augen. Und alles scheint weit aufgetan zu sein – frei – sonnendurstig!
Die Lika sitzt in ihrer Schale – schaukelt im Meerwasser neben einem großen siebeneckigen Turm, schreibt aber so emsig an ihren Erinnerungen, daß sie das Schaukeln gar nicht bemerkt.
Der Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift und meint schmunzelnd:
»Es ist nur gut, daß Du wie alle ächten Künstler von der Luft leben kannst, sonst würdest Du vielleicht nicht ganz so glücklich sein.«
»Doch!« sagt sie, »ganz so glücklich!«
»Na! Na!« tönt’s zurück.
Möwen schweben vorbei – weiße.
Das Meer ist blau.
Der Himmel ist blau.
Und die Lika schreibt.
Der Triton plätschert im Wasser herum und spielt mit dicken Lachsen.
Finis!

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Die wilde Hummel

Eine Fabel

aus:  Immer mutig

Eine wilde Hummel wurde jeden Tag älter, und das gefiel ihr nicht.
Sie wollte jeden Tag jünger werden.
Als nun der Zaubrer Zappro des Weges kam, bat die wilde Hummel diesen mächtigen Mann um ein Verjüngungskraut.
Zappro schmunzelte und gab das, was die Hummel von ihm verlangte.
Das dumme Tier fraß von dem Kraut und wurde nun täglich jünger – aber auch kleiner – schließlich so klein wie die Kleinsten – und dann – allmählich – zum Ei. »Ei! Ei!« schrie da die Wilde, »bin ich jetzt eigentlich besser dran?«
Zappro lachte und ging weiter.
»Man soll eben,« murmelte er vergnügt, »nicht zu toll nach der Jugend sein. Die gibt uns das ewige Leben ganz bestimmt nicht.«
Die vernünftigen Hummeln umsummten Zappros Kopf und wollten sich gar nicht von ihm trennen; ein weiser Mann hat sehr viel Anziehungskraft.

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 Mopsiade

Für den ersten Welterlöser
Muß ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

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 Indianerlied

Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

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http://scheerbart.de/index1/meine-tinte-ist-meine-tinte/das-grose-los/

Das Große Los

Ein Kapitalsmärchen

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

Da saßen die kleinen Dickköpfe nachts um die zwölfte Stunde am ellenlangen Stammtisch und tranken und beklagten sich. Der eine Dickkopf hatte wieder eine alte Frage aufs Tapet gebracht: Sollen wir spielen in der Lotterie oder sollen wir nicht spielen?
Das war also hier die große, dicke Frage.
Die Dickköpfe saßen auf kleinen Tonnen, in denen nur Dukaten waren — lauter blanke güldene Dukaten mit einem Kopf auf der einen und mit anderen Dingen auf der anderen Seite.
Sehr viele Dukaten lagen dicht aufeinander in den kleinen Tonnen, auf denen die Dickköpfe saßen und über die Lotterie nachdachten.
»Nein, spielen wir lieber nicht!«
Also sprach ein kahler Dickkopf und hustete dabei — wie ein alter Mann, der bald sterben soll.
Und die anderen Dickköpfe nickten beinahe, obschon sich einige leise sagten: »Ih! Ih! Mancher hat dadurch schon sein Vermögen vermehrt, daß er spielte — in der Lotterie — man denke nur an den dummen Schneider von nebenan.«
»Unrecht Gut gedeihet nicht«, sagte der Kahle, dem jeder verlorene Groschen sehr, sehr leid tat.
Na ja — na ja — die schönen Dukaten!
Aber da zog ein junger Dickkopf Papierchen aus der Tasche — auf den Papierchen stand dick und fett:
»Papierchen für die vereinigten Staaten von Europa. Wer bis Weihnachten zahlt, bekommt einen Regierungsanteil — regiert mit.«
Ih — da wollten sie alle gerne etwas ausgeben — denn was soll man mit all dem vielen Gelde anfangen? Soll man bloß für die Söhne und Schwiegersöhne sparen.
Oh — die Dickköpfe waren sehr, sehr kluge Dickkopfe und wußten wohl, wo ein Geschäft zu machen ist und wo
Und sie handelten danach und kauften die Papierchen
für die vereinigten Staaten von Europa.
Und als sie so ihr Geld losgeworden waren, schmunzelten sie sehr und dachten an den kommenden Profit — Profit — Profit.
Und sie lachten sich halbtot..

http://scheerbart.de/index1/das-lachen-ist-verboten/20die-unverstandliche-sonne/

Die unverständliche Sonne

Eine Seehundsgeschichte

aus:  das Lachen ist verboten
aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

Sieben dicke Seehunde schwammen mit ein paar großen Eisbergen aus Grönland hinunter gen Süden, um Lachse zu fressen.

Die Seehunde fanden auch recht viele schöne Lachse, fraßen die gleich mit einem Haps bis auf den Kopf auf, schmissen die Lachsköpfe immer in die See zurück und wurden täglich dicker, so daß die Hunde Gelegenheit fanden, über dies und das nachzudenken.

Der dickste Seehund konstatierte eines Tages, daß die Sonne recht warm zu werden begänne und legte sich auf eine Eisscholle; die andern Seehunde legten sich auch auf die Eisscholle, denn sie waren allesamt recht faul geworden.

Und da die Sonne wärmer und wärmer ward, stürzten die Eisberge um; die Sonne “haßte” das hochaufgetürmte Eis —  trotzdem es schöner aussah als die Berge von Stein.

Der Seehund aber, der der dickste war, wunderte sich drob und fragte die andren Hunde:

“Sagt, Geliebte, wozu gibt sich bloß die dumme Sonne die überflüssige Mühe und zerstört fortwährend die großen hohen Eisberge? Es entstehen doch trotzdem immer neue im Norden.”

Die sieben Seehunde lagen mit den dicken Bäuchen auf der kalten Eisscholle und dachten sehr angestrengt nach.

Aber die Seehunde konnten die Geschichte sämtIich nicht begreifen —  so sehr sie sich auch bemühten, weiter über die Sonne nachzudenken.

Wenn die Sonne Lachse gefressen hätte —  das hätten die Seehunde verstanden.

Aber Eisberge umstürzen?

Wozu das?

Wer wurde denn dadurch dicker?

Ja —  ja —  was unverständlich ist —  bleibt unverständlich.

—-

http://scheerbart.de/ja-was-mochten-wir-nicht-alles/moderne-gotter/

Moderne Götter

Telepathisches Capriccio

aus:  „Ja..was.. möchten wir nicht Alles! 

ps_327 „Weiter! Weiter! Weiter!“ So ruft der Steuermann durch die laue Nacht, in der es unablässig weiter geht… doch es geht nicht dorthin weiter, wohin der Steuermann weiter will.
Ein Luftschiff schwebt durch den Himmel, es führt aber nicht zu den Sternen hinauf, es kreist immer nur um den Erdball herum und zwar so, daß es niemals von der Sonne beschienen werden kann. Die Wesen, die auf dem Luftschiff fahren, können kein stärkeres Licht vertragen, sie freuen sich nur am milden Mondenglanz… sie leben nur in stiller Verborgenheit
Aber dem Steuermann ist es zu finster in der Nacht, die nur von Mond und Sternen erleuchtet wird… er will loskommen von der Finsternis…er will hineinsegeln in die Strahlen der Sonne. –
Forschend schaute der greise Steuermann zu dem langen Ballon hinauf, der wie eine Schlauchschlange hoch über dem länglichen Schiffe schwebte. Der Schlauch endete vorn in einen Rüssel, der sich fortwährend umherwand. Und der Alte, der das ganze Schiff steuerte, lenkte zugleich den Rüssel des Schlauches. Wie ein Fühlhorn tastete dessen Spitze vorn in den Lüften umher; bald krümmte sich der graue Luftrüssel ganz nach hinten zurück, bald stieß er hastig nach den Seiten oder nach oben, oder er reckte sich steif gradaus… es war, als sollte die Rüsselspitze die Winde prüfen, als wollte das Schiff den Wolken ausweichen.
Götter waren es, die auf dem langgestreckten Luftschiffe dahinfuhren, Götter, die durch die Allmacht ihrer Hirnkraft, durch die überwältigende Wucht ihrer Gedanken die Köpfe der auf der Erde wandelnden Menschen beherrschten,. .. die Handlungen der Menschen nach göttlichem Willen lenkten und ihre Taten und Werke von oben herab erzeugten.
Mit lustigen Sprüngen pfeifend und zwitschernd kommt der Mundschenk der Götter auf das Hinterdeck gerannt. Schon von ferne schreit er: „Alter, Alter! Kannst Du mich nicht steuern? Ich bin ja berauscht, siehst Du das denn garnicht?“… Der Alte brummt
Das Schiff saust dahin, als wenn’s Eile hätte. Die Wolken sinken in die Tiefe. Die dünne Mondsichel leuchtet nur spärlich.
„Lärme nicht so! Setze Dich hier an meine Seite! Es ist nicht gut, wenn der Mundschenk so viel trinkt Du bist noch viel zu klein.“
„Holla, Du Schlemmer, Du willst wohl trinken. Hier, nimm‘ meine Flasche… gib mir die Ruderleinen und trinke! So… so!… Wie Du heute wieder trinken kannst!“
„Sei nicht so unverschämt, Bengel!“
Nachdem der Alte noch einmal getrunken, sagt er zum Knaben: „Es wird Dir wohl auch allmählich zu finster bei uns. Hast Du schon einmal die Sonne gesehen?“ „Nein, wie sieht die denn aus?“
„Denke Dir den Mond ganz voll und denk ihn Dir immer heller und heller, so blendend und glänzend, daß Dir die Augen schmerzen, daß die Sterne verlöschen vor dem strahlenden Licht, daß die Wolken ganz weiß werden… und die Erde leuchtet! Denke Dir alles Licht der Welt zusammen und Alles ganz bunt und frisch – weißt Du nun schon, wie es sein könnte? Rote, gelbe, grüne Farben denke Dir ganz hell, als wären sie von dem Götterlicht erleuchtet!“
Der Alte zieht an einem Draht, und an der Spitze des Schiffes blitzt das Götterlichtauf… wie eine Strahlenkerze… mittendrin ein weißglühender Glanzkern, der das ganze Schiff viel heller als Mondlicht bescheint
Die Götterbarke war ein stattlicher Luftsegler. Neben den Bordflanken des langen Kahnes schaukelten viele kleine Gondeln, in denen die Götter bei ihrer Arbeit saßen.

Das Schiff musste jetzt an einem hohen schneebedeckten Gebirgskegel vorbeigesteuert werden. Der Steuermann griff somit wieder zu seinen Drähten und Tauleinen, riß den grauen Rüsselschlauch zur Seite und spannte die braunen Segel auf, die sich unter dem Schiffe befanden – eine Verlängerung des Barkenkieles waren. Wie mächtige Fischflossen staken die vielen Segel unter dem Luftkahn, sie bewegten sich nun heftig und warfen das Fahrzeug zur Seite. Der Mundschenk wunderte sich wieder über die Kraft der großen Segelflossen; er konnte nie begreifen, wie das Schiff mit diesen Segeln gesteuert werden konnte… jedoch darüber dachte er jetzt nicht weiter nach, denn etwas Andres nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch.
Beim Scheine des Götterlichtes war das kleine Waschmädchen auf das Verdeck gestiegen und hatte sehr eifrig begonnen, den feingefugten Dielenboden blank zu scheuern. Sie beeilte sich nach Kräften, da sie die Sessel und Tische noch zu putzen hatte; wieder war so viel Meteorstaub auf das hellgelbe Holz gefallen, daß das arme Mädchen recht seufzen mußte über die Arbeit „Wenn ich schon die Sternschnuppen seh‘, so wird mir schon immer das Herz schwer, denn dieser Meteorstaub ist ja ganz entsetzlich.“ Dabei scheuerte das Waschmädchen der Götter noch heftiger die Dielen, denn sie sah wohl ein, daß durch das bloße Seufzen nichts gebessert würde. Der Mundschenk sah zu… Während dessen ärgerte sich der Alte, daß der Knabe vorhin gar keine Antwort gegeben hatte.
„Meinst Du denn, alte Leute reden zum Spaße mit solchem Knirps, wie Du einer bist? Kannst Du Dir nun schon einen Begriff machen, wie das / Sonnenlicht wirkt? Nein?“
„Ach so, bester Steuervater, werde nicht gleich so böse. Sieh nur, ich dachte, Du müßtest noch immer steuern, und daher schwieg ich, um Dich nicht zu stören.“
„Ich kenne Dich schon, Du hast nur nach dem Waschmädel geschaut“
„Meinst Du? Jetzt muß ich Dir aber zuerst antworten… Jawohl, ich kann mir einen sonnenklaren Begriff vom Sonnenlicht machen… so klar ist mir’s, daß mir die Augen schmerzen. Du, weißt Du, fahr‘ doch nach der Sonne hin… so gern möcht ich sie einmal sehen. Bitte, tu‘ mir den Gefallen, Du kannst auch diese volle Rasche ganz allein austrinken.“
Da schmunzelte der Alte, nahm die Flasche und trank, dann aber sprach er bedächtig und traurig:
„Die Götter wollen doch nun einmal nicht zur Sonne fahren. Wie soll ich sie dazu überreden?“
Die letzten Worte hatte das Waschmädchen gehört, sie hielt in ihrer Arbeit inne, blickte rasch auf, strich sich die Locken aus der Stirn und meinte hastig: „Warum könnt Dir denn nicht auch ‚mal die Götter beeinflussen? Wenn die da in ihren Gondeln alle Menschen beeinflussen und ihnen immerwährend die neuen Gedanken eintrichtern, dann könnt Ihr doch auch ‚mal die Götter lenken. Ich dachte schon lange daran, ‚mal die Sonne zu sehen.“ Und das Mädchen putzte weiter die Dielen – eifrig – in Hast, denn bald mußten die Götter ihre Gondeln verlassen und aufs Verdeck steigen, da sollte dann immer Alles rein sein.
„Du, Alter, hast Du gehört, was die Kleine sagte? Hm? Ja? Na, wollen wir den Göttern den Kopf verdrehen? Du, das wird ein Spaß.“ Und der Mundschenk lachte, das Waschmädel kicherte, der alte Luftfahrer strich sich den Bart und sann nach. , /
„Wie wollt Ihr das nur anstellen?“ fragte der Alte nach einer Weile. Das Waschmädel richtete ’sich danach erregt auf und flüsterte, mit den Händen herumfuchtelnd, dem Mundschenk etwas leise vertraulich in’s Ohr, bis der Schlingel zustimmend und verschmitzt lachend mit dem Kopfe nickte. Der Alte lenkte das Schiff.
Währenddem kletterten die Götter aus ihren Gondeln heraus an Bord. Das Waschmädel lief nach unten in die Küche, der Mundschenk schritt mit würdevollen Bewegungen den Göttern entgegen und verneigte sich vor ihnen… das Haupt bis an die blank gescheuerten Dielen niedersenkend.
Hiernach begrüßten sich die Götter gegenseitig, indem sie sich feierlich freundlich die Hände schüttelten und einander lebhaft fragten:
„Wie geht’s?“ „Gut, sehr gut, vortrefflich“, lautete die Antwort. Nach dieser Begrüßung setzten sich die Herren auf die bereit stehenden Sessel an die verschiedenen Tische. Das Götterlicht glänzte vorn so niedrig, daß die Tischplatten sämtlich im Schatten lagen, doch die goldenen Zackenkronen der Götter funkelten sehr prächtig, und die würdevolle Ruhe der großen Gestalten wirkte fast ergreifend vornehm.
Der Büßergott, der Denkergott und der Kriegsgott – diese drei saßen ganz vorn in nächster Nähe des großen Barkenlichtes. Der Erste sagte:
„Wir Drei sind die Götter der Zukunft.“ Der Zweite wiederholte diese Worte, der Dritte gleichfalls. „Unser Einfluß wird immer größer“, meinten sodann die Drei bestimmt und einstimmig.
Der kleine Mundschenk ging von Gott zu Gott, füllte Jedem die hohen Gläser und betrachtete voll Ehrfurcht die roten Gewänder der Götter. Diesem und jenem rückte der Kleine die goldene Zackenkrone zurecht.
Rund um den runden Mitteltisch haben sich die drei Traumgötter mit den drei Göttern der Nüchternheit niedergelassen. Diese Sechs wollen einen Bund schließen, doch sie werden noch immer nicht einig. Obschon sie wissen, daß sie nicht zusammen passen, bleiben sie doch eng befreundet, da ihnen der Unterhaltungsstoff niemals ausgeht. Sie glauben, daß ihnen die Gegenwart gehört.

An den übrigen Tischen sitzen im erregten Kampfeshader die Götter der Dichter und Künstler… sie sind sämtlich mit einander verfeindet, und jede Zusammenkunft endet stürmisch. Einer dieser Götter lacht fortwährend, und Einer sieht sehr gleichgültig aus, er schweigt viel – doch gräßlich grob sind die Schweigenden.
Der hagerste Gott entwickelt gewöhnlich die kühnsten Pläne – tolle Dichtungen, bei denen dem Leser ganz wirr im Kopf wird, die liebt er am meisten.
Die mit den langen Bärten wollen das Reizvolle, die Bartlosen das Sinnvolle in Kunst und Dichtung bevorzugt wissen – jene sind mehr sinnlich, diese mehr Denker und kühl. Auch unter diesen beiden Göttergattungen herrscht niemals Einigkeit.
Die Dichterfreunde pflegen sich zu ärgern, wenn der Mundschenk nicht rasch genug die Kanne schleppt… sie freuen sich nur mit den Künstlerfreunden zusammen, wenn der Wahrheitsgott gefoppt wird. Dieser Gott – der sich nur noch unter den Dichtern halten kann – ist schon seit langer Zeit die Zielscheibe blutiger Witze, doch das hat sein Selbstbewußtsein nicht erschüttert. Er trinkt kräftig, denkt einfach und redet immer dasselbe… stets sieht er gesund aus.
Zutraulich plaudern die Geheimnisvollen mit den Tiefsinnigen… doch das hat nichts zu bedeuten. Die Begehrlichen zanken sich dicht daneben recht eifrig mit den Willensmüden.
Große Achtung haben sich die Geisterfreunde zu erwerben gewußt. Das sind die Götter mit den größten Augen.
Alle diese Köpfe gehören den Göttern der Künstler und Dichter, sie haben sich zu einem Bunde vereint… dieser Bund beherrscht das ganze Schiff, denn derselbe besitzt dreimal mehr Mitglieder als alle übrigen Götter zusammen.

ps_329 Jetzt steigt der kleine Schenk mitgemessenem Schritt auf das erhöhte Hinterdeck, wo einsam und selbstbewußt die Baugötter thronen, sie trinken und reden wenig… sie haben viel zu tun – die Kunst der Baumeister beherrscht noch nicht die anderen Künste. Bald wird sie aber herrschen, und dann sind die Baugötter die Herrscher der Welt – also denken diese Stolzen. Wie sich der Mundschenk ihnen so ehrfürchtig naht, da hoffen sie grade wieder auf einen großen Sieg. Vor ihren Blicken steht klar und groß die Kunst der Zukunft, in der Jedem in den herrlichsten Bauwerken die wahre Heimat geschaffen werden soll, die Jedem gestattet, nichts Anderes zu tun als rein und ungestört zu denken, zu empfinden und zu fühlen. Doch die Baugötter gehören nicht zum großen Künstlerbunde.
Es entsteht ein Gedränge, die Stimmen der Götter schallen plötzlich lärmend durch die Nachtluft… Die Götterbotenwerden in Gondeln aus der Tiefe zur Barke emporgezogen.
Jeder Gott stürzt auf seine Boten zu, des Fragens und Scheltens ist kein Ende. Jeder will wissen, ob sein Einfluß auf dem Erdball erstarkt sei, ob die Gedanken der Götter auch ordentlich von den Menschen nachgedacht werden, ob man auch wirklich nach göttlichem Willen lebt und strebt. Große Freude herrscht dort oben, wenn die Menschen fein fromm sind; doch auch Klagen ertönen auf dem göttlichen Luftschiff.
Klagend und händeringend rennen die Staatsgötter umher. Traurig schütteln die Wissenschaftsgötter ihr gekröntes Haupt. Sowohl diese wie die ersteren fühlen zu ihrem Entsetzen, daß ihre Macht geschwächt ist, daß sie nicht mehr das Zepter halten können wie einst, daß sie der Verzweiflung nahe sind; ihre Kraft ist erschöpft, und der Mundschenk muß ihnen immer mehr Wein in die großen Gläser füllen, worüber der Kleine sich freut wie ein Dieb… vergnügt reibt er sich die Hände, wenn ihn die alten Grauköpfe nicht sehen.
Die Staatsgötter sind Greise, die Wissenschaftsgötter klagen auch schon über graue Haare, müde Augen und zitternde Hände.
Nur Einer geht stolz im wehenden roten Mantel umher, nur Einer ist vollständig durch seine Boten zufrieden gestellt – das ist der Gott der Freiheit – er ist groß und breit wie ein Riese.
„Allmählich“, ruft er lachend, „kommen alle Menschen zu der Überzeugung, daß man am besten tut, wenn man Alles so gehen und laufen läßt, wie es eben gehen und laufen will. Die Menschen brauchen keinen Staat und sie brauchen keine Wissenschaft und Kunst, wenn sie nur leben können, wie’s ihnen gefällt. Ich bin der größte Gott! Es lebe die Bedürfnislosigkeit und es lebe die Freiheit!“
Der Büßergott drückt dem Redner ernst die Hand, der Kriegsgott klopft ihm froh auf die Schulter, und dem Denkergott blitzen die Augen auf in teuflischer Lust, und er brummt dabei:
„Das ist ein Sieg der Denker, nicht Dein Sieg, Du alter Freiheitsvater!“
Die Boten empfangen ihre Aufträge, trinken noch schnell einige Weinkannen aus und springen dann wieder in ihre Gondeln, in denen sie rasch zur Erde hinabschaukeln. ^
Die Götter klettern auch wieder in ihre Gondeln, ergreifen dort ihre silbernen Fäden und beginnen von neuem ihre Gedanken und ihren Willen den Menschen einzuflößen… sie bieten wiederum ihre ganze Nervenkraft auf.
Die Arbeit der Götter ist schwerer als Steine klopfen.
Aus den einzelnen Göttergondeln hängen lange Büschel silberner Fäden bis auf die Erde hernieder. Diese feineingesponnenen Fäden schleifen den Erdboden; dadurch teilen sich die Gedanken der Götter, die diese Fäden oben in den Händen haben, der Erde mit, und von der Erde steigen die Gedanken in die Köpfe der Menschen – jeder Gedanke, jede Vorstellung erzeugt eine bestimmte Nervenbewegung, eine bestimmte Bewegung des ganzen Körpers; diese Bewegung teilt sich eben durch die Fäden den Menschen unten mit, und die Menschen empfangen sonach wieder dieselben Vorstellungen, durch welche die Bewegung veranlaßt war… so denken die Götter den Menschen die Gedanken vor – die kräftigsten Gedanken werden natürlich •am leichtesten auf die Erdbewohner übertragen.
Und der Mundschenk hatte zum Freiheitsgotte so im Vorübergehen flüsternd gesagt: „Weißt Du, ich find’s recht langweilig, daß Ihr immerfort die Menschen regieren wollt Fahrt doch mal in die Welt hinaus zur Sonne oder sonst wo hin. Laßt doch die Menschen denken und tun, was sie wollen – das willst Du doch auch so. Möchtest Du nicht einmal zur Sonne fahren? Der Steuermann tut’s sehr gern, wenn wir’s ihm sagen.“ Da hat der Gott herzlich über den Kleinen gelacht und ihm herzlich zugeraunt: „Du machst mir Spaß.“ Darauf gingen aber gleich die Götter über Bord und begannen wieder zu arbeiten wie sonst
Als nun das Verdeck wieder ganz vereinsamt ist, da schleicht das Waschmädchen vorsichtig aus der Luke heraus, pfeift leise den kleinen Schenken heran und flüstert ihm was in’s Ohr. Hierauf klettern beide an den Tauen, mit denen das Schiff an den grauen Rüsselschlauch gebunden ist, nach oben… jeder von einer anderen Seite. Wie sie oben auf dem Schlauche sind, sehen sie sich wieder und nicken sich kichernd zu. Sie kommen sich so nahe, daß sie mit dem Kopfe zusammenstoßen und liegen nun auf dem Bauch da – ganz ruhig. Sie greifen die silbernen Fäden, die sämtlich oben zusammenlaufen, fassen sie fest an, und dann rufen sie: „Jetzt!“
Während sie da so liegen, denken sie mit all er Kraft, und sie denken nichts weiter als „Licht, Licht, Sonnenlicht!“ Bald merken das die Götter, sie werden in ihrer Arbeit gestört, sie werden beeinflußt von ihrem Waschmädchen und „ihrem Mundschenk, die höher denken als die da unten in ihren Gondeln. Schließlich rufen die Götter heftig „Licht! Licht!“ Und da der Steuermann das vordem ausgelöschte Barkenlicht nicht wieder anzündet, so klettern alle Götter an Bord und schreien wütend die Fäuste ballend den armen alten Steuermann an. Der aber sitzt ruhig da und glaubt, die Götter seien wahnsinnig geworden… und er ruft in seiner Angst nach dem Mundschenken, damit der – den Wein bringt… zur Beruhigung. Der Mundschenk kommt natürlich nicht, und das Waschmädchen ist auch nicht zu finden. Nun werden die Beiden von den Göttern gesucht, denn der Steuermann ruft immerzu: „Sucht den Mundschenken! Der wird Euch Licht anzünden! Mundschenk! Mundschenk!“
Natürlich finden dann die Götter endlich die Beiden da oben auf dem Schlauch, die würdigen Herren merken den Spaß und verprügeln die naseweisen Kinder, wie sie es verdienen.
Jetzt erst merkt der arme alte Steuermann, daß die Kinder ihm einen Gefallen tun wollten,und da wird er allsogleich furchtbar betrübt. Das hilft aber nichts. Die Kinder haben ihre Schläge bekommen, und die Götter gehen wieder an die Arbeit
Schmollend steht der Mundschenk vorn vor dem jetzt wieder brennenden Barkenlicht. Der Kleine sieht ärgerlich in die Tiefe und denkt bei sich: „Wenn die Götter so dumm sind und sich nicht einmal einen freien Genuß verschaffen wollen, wenn sie immer und ewig nur den .- Menschen was vordenken wollen und nicht ein einziges Mal für sich selber leben wollen, dann mögen’s die dummen Götter bleiben lassen. Wie froh bin ich nur, daß ich kein Gott bin!“ Er schüttelt die blonden Locken und zupft seinen zerknitterten schwarzen Sammetkittel zurecht, blickt über Bord und überlegt, ob er sich nicht lieber hinausstürzen sollkopfüber – doch er tut es nicht Das Waschmädchen ist in der Küche -scheuert wieder – weint sich aus. Der Steuermann weint auch beinahe – murmelt aber immer noch wehmütig, indem er an die Sonne denkt:
„Weiter! Weiter!“

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Das Märchen vom blauen Hund

Eine ganz unergründliche Geschichte

Aus:  Meine Tinte ist meine Tinte!
aus:  Immer mutig

Der Ritter Knut Lemcke von Bullerstein hat endlich ausgeschlafen, hat gleich sein Panzerhemd angezogen, Stahlhaube auf den Brummschädel gestülpt und sein Schwert in die Hand genommen. Mit dem rechten Fuß stößt er die Tür zum Altan grimmig auf und saugt die frische Abendluft in langen Zügen schmunzelnd ein.
Da steht er nun auf seinem Altan. Die Sonne geht drüben überm Birkenwäldchen grade unter.
»Lange geschlafen!« sagt der Knappe und setzt den Morgenimbiß auf den Tisch — Eier, Schinken, Butter, Brot, sauren Aal und eine Kanne Moselwein.
Der Ritter ißt und trinkt und denkt an die wüste Nacht, die nun auch hinter ihm liegt.
Die Sonne geht unter — der Mond geht auf.
Der Knappe bringt ein gebratenes Huhn nebst rotem Wein und verschwindet wieder.—lautlos wie ein stiller Schatten.
Knut beugt sich über die Brüstung des Altans und schaut in die tiefen, bewaldeten Abgründe; er denkt an was, vergißt es aber gleich wieder. Die Spitzen der Tannen, Fichten, Buchen, Erlen und Eichen sind tief, tief unter Knut. Der Mond bescheint die welligen Waldberge und auch die stramme Burg.
Der Ritter beißt ins Huhn und läßt die Wälder das sein, was sie sind. Doch plötzlich hört er’s bellen da unten.
»Wetter!« ruft er, »ist das nicht mein toter Hund? Der bellt doch grade so.«
Er erhebt sich und brüllt: »Hopsmajor!« — denn so hieß der Hund bei Lebzeiten.
Der Vollmond leuchtet unheimlich hell. Hopsmajor bellt — die Echos umhallen Knutens Ohr.
Der Hund kriecht langsam an der Burg empor; Knut hört’s ganz deutlich. In den Hecken raschelt’s, alte Ziegelsteine rollen ins Tal, und dazwischen bellt der dumme Köter.
Dem Ritter Lemcke von Bullerstein sträuben sich sämtliche Haare, er murmelt mit großen Augen: »O Karoline!«
Jetzt ist der Hund dicht unter der Brüstung, das Gebell wird schrecklich laut, Lemcke stößt vor Schreck auffahrend mit dem linken Ellenbogen die Kanne um, und der gute Rotwein übersprudelt die Fliesen des Altans.
»Knut! Knut!«
So hört der Ritter rufen unter der Brüstung, und »Hopsmajor!« stößt er heiser hervor. Und danach sieht der Herr von Bullerstein seines toten Hundes Antlitz über der Brüstung.
»Das Tier hat sich doch stark verändert«, denkt sein Herr, »denn es ist ganz blau, ganz blau — wie Blaubeeren.«
»Nu?« brüllt der Hund finster, »wunderst Du Dich denn gar nicht, mich heute abend im Mondenschein wiederzusehen?«
Hopsmajor, eine kräftige Dogge, legt die Vorderpfoten auf die Brüstung, der Ritter stottert: »Ich — ich wun —wundre mich nie!«
»Denn nich!« erwidert lächelnd die blaue Dogge. »Weißt Du auch, was ich jetzt vorstelle!«
»Nee!« versetzt der Lemcke, »nee!«
Zwei haarfeine Blitze umzucken den Mond — wie Eichenäste sehen sie aus.
Hospmajor zieht die Hinterbeine nach und geht auf der Brüstung des Altans langsam auf und ab. Der Ritter reicht dem Tier den Rest des Huhns, doch der Hund winkt mit der linken Vorderpfote ab.
»Aber!« ruft der gute Knut — Hand mit Huhn sinkt in den ritterlichen Schoß.
Des Hundes rechtes Hinterbein, das auch ganz blau ist wie der ganze Hund, wird dick — und dicker — und dann immer länger — riesig lang — bis in den Himmel reicht es bald hinein — bis an die Sterne. Die Krallen kratzen an den Sternen, und dann wird das Bein wieder so, wie’s war.‘ »Nu?« fragt der Hund, »weißt Du nu, was ich vorstelle?« »Nee!« heißt es wieder. • Itzo wird der Kopf des Hopsmajor immer größer und dicker — so groß, daß der Ritter gar nicht mehr das ganze Tier sehen kann — bloß die große Riesenschnauze sieht er
— nichts als Schnauze!
Die Schnauze drückt den Herrn Ritter an die Wand, daß der »Au!« schreit. Und da wird der Hundskopf wieder, wie er war.
Der Hund fragt abermals: »Nu?« und abermals heißt es:
»Nee!«
Indes — alsdann wird der ganze Rumpf hinter den Vorderpfoten größer und dicker — so groß und dick, daß der Leib bald die sämtlichen Täler unterm Altan ausfüllt.
»Donnerwetter! So blau und so dick!«
Also Knut.
Der Hund fragt aber zum dritten Male: »Nu?« und zum dritten Male heißt es: »Nee!«
»Ich will’s Dir sagen«, brüllt nun ärgerlich der blaue Hospmajor, dessen Kopf lächerlich klein aussieht dem riesigen Sackleibe gegenüber, »ich bin — das sag‘ ich Dir unter vier Augen — das Symbol des Vornehmen.
»Dacht‘ ich mir — scho — schon!« stottert der Knut, »wi
— willst Du — Du mir — wei — weiter nichts mit — mitteilen?«
Hopsmajor räuspert sich und bemerkt in distinguiertem Tonfall: »Ich werde mich ganz klar aussprechen.«
Den Mond umzucken wieder zwei haarfeine Blitze. Knut beißt noch mal ins Huhn, ärgert sich, daß er nichts zu trinken hat, freut sich, daß dem Hunde jetzt die sämtlichen Tannen, Eichen, Erlen, Buchen und Ahorns in den Bauch picken — der Hopsmajor aber beginnt so: »Mein lieber Freund Knut Lemcke von Bullerstein, Du bist sonst ein ganz famoser Kerl, dessen vornehme Lebensallüren mir schon während meiner gewöhnlichen Lebenszeit beträchtliche Genüsse verschafft haben. Du bist unter allen Umständen zu allen Zeiten ein wahrhaft vornehmer Mann, den man ohne weiteres seines Umganges würdigen darf. Nimm zunächst mal eine kleine Prise!«
Der blaue Hopsmajor nimmt fix eine Schnupftabaksdose aus seiner rechten Backentasche und reicht sie seinem früheren Hausherrn. Beide schnupfen und niesen, und der Blaue fährt fort: »Nur dann, wenn Du angetrunken bist — die Bauern sagen >sternhageldun< —, dann bist Du so, daß man Dich nicht für >vornehm< erklären kann. Mensch, merkst Du nicht, daß diese Angelegenheit höchst peinlich geworden ist? Du wirst im angesoffenen Zustande — und in diesem befindest Du Dich doch in jedweder Gesellschaft — teils zu grob und teils zu liebenswürdig. Du behältst nicht die Balance. Du drückst die größten Peter der Menschheit, die selbstverständlich >Peter< niemals heißen, in ungebän—digter Rührung an Dein edles Ritterherz und merkst gar nicht, daß diesen Petern Deine Rührung höchst lächerlich vorkommt, da sie von der ewigen Sehnsucht der Besoffenheit nicht die blasseste Ahnung haben. Andrerseits aber geht’s wieder folgendermaßen: Merkst Du, daß Du Dich mit Deiner seelischen Entblößung lächerlich machst, so haust Du dem nächsten Besten — und das sind immer noch die Leidlichsten — ohne Scham und Mitleid ins lachende Antlitz. Und aus solchen Wutausbrüchen entstehen dann ganz alberne Mopsgeschichten, da Du nachher von nichts
mehr die blasseste Ahnung hast und oftmals in sehr wenig vornehmer Weise grade diejenigen um Entschuldigung bittest, die Du hättest verhauen sollen. Mensch, höre: Sterne verkratzen, mit der Schnauze alles bedrängen und sich recht breit machen — darin allein steckt das wahrhaft vornehme Wesen;. — das zügellose Temperament sollen andre nicht sehen!!!

»Sauf drum hinfüro ganz allein, Mein lieber Lemcke von Bullerstein‘.«

Und es gibt einen fürchterlichen Knall, Knut springt in die Höhe — und sieht die Täler mit blauen Mondnebeln bedeckt.
In der Hand hält der Ritter noch immer das Stück Huhn, und der Altan schwimmt — alles Rotwein!
»Stimmt!«’sagt Knut Lemcke von Bullerstein.
»Gäste!« sagt devot der Knappe, der etwas verschlafen aussieht.
»Achherrjeh!« schreit dazu der arme Knut, »o Karo—line!«
Der Knappe eilt davon, der Herr Ritter folgt ihm, denn die Gäste warten — er murmelt in seinen krausen Bart:

»Sauf drum hinfüro ganz allein, Mein lieber Lemcke von Bullerstein!«

Wie der große Knut die Treppen runterstolpert — zum Ahnensaal — murmelt er noch: »Na — nächstens!«

 

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»Ich weiß nichts«, sagte das Knäblein in der Badewanne.

»Das ist auch gar nicht nötig!« bemerkte die weise Mama.

»Ich will doch aber«, rief das Knäblein, »ein großer Mann werden.«

»Dann brauchst Du«, schrie krächzend das weise Welt­weib, »erst recht nichts zu wissen.«

»Dolle Welt!« murmelte das Knäblein.

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Feuerblumen

Ruinenspaß

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

Der Himmel war schwarz wie schwarzes Glas. Durch den finsteren Qald gingen zwölf Zwerge — die waren alt. Sie kamen an einen großen Berg — der war hart. Der harte Berg stand dicht am Meere. Das Meer aber lag da — noch dunkler als der schwarze Himmel — auch sowie blankes schwarzes Glas. Die Schaumschlangen blitzten im schwarzen Wasser immer wieder weiß auf, wie lange badende Geisterlaken.
Auf den Spitzen des harten Berges ragten uralte Burgruinen in den schwarzen Himmel hinein. Ein viereckiger, hoher, breiter Turin starrte mitten drin empor. Kleine Türme mit Rabennestern und Graspolstern erhoben sich rechts und links, vorn und hinten.
Zerklüftete Söller hingen an den Abhängen — ein paar Glasscherben staken in den Mauerritzen . . .
Die zwölf Zwerge zündeten ihre kleinen Laternen an. Es ward nicht sehr hell — doch die Zwerge wollteil sich nur ein paar gute Plätze suchen. Die alten Männchen kletterten mit ihren Laternen durch Geröll und Schutt bis an die Söller hinauf. Hier versammelten sie sich, setzten sich auf eine zerbröckelte Mauer und leuchteten sich mit den Laternen ins Gesicht. Friede lag auf ihren alten Gesichtern.
Die Zwerge saßen mit dem Rücken gegen das Meer.
»Nun?« fragte der älteste.
»Hm!« sagten die anderen.
»Hier können wir sitzen«, meinten zwei Zwerge, die sich zärtlich umarmt hatten.
»Hier können wir träumen«, riefen alle wie erleichtert aus.

Alle nickten mit den Köpfen, daß die weißen Bärte auf und nieder wehten. Alsdann kletterten alle einzeln oder zu zweien weiter; und bald saß auf jedem Turm ein Zwerg, und auf den Söllern saßen immer zwei zusammen.
Alle pusteten drauf ihre kleinen Laternen aus, schauten schweigend in die schwarze See hinab und beobachteten die weißen Schaumschlangen, die wie badende Gespensterlaken auf den Wassern aufblitzten.
Nicht lange hatten die Zwerge so dagesessen und geträumt . . . bald knisterte was in den zerfallenen Türmen —
Und aus dem dicken viereckigen Turm, der mitten drin im Gemäuer emporstarrte, züngelte eine hellgrüne Lichtzunge langsam in den schwarzen Himmel hinein.
Langsam, weich schwankt das grüne Licht immer höher und höher — sieht aus wie ein dünnes langes Flammenschwert — aber sanft ist es — sanft.
Hiernach empfängt der schlangig gewundene Lichtstreif — eine schmale Blattform . . .
Breiter wird das Lichtblatt.
Und bald ist es rund: eine große Lichtscheibe, die olivgrün wird und immer sanft hin und her schwankt.
Aus dem Rande des Lichtblattes züngeln dann kleinere Flammenspitzen vor, die alsbald auch länger und länger werden.
Allmählich entwickelt sich ein riesiges olivgrünes Fächerpalmenblatt.
An den langen Spitzen bilden sich kleine violette Glockenblumen — die schaukeln an den olivgrünen Lichtstengeln.
Die Zwerge sitzen still und starren ins schwarze Meer —dort spiegelt sich ganz kraus das große Feuerpalmenblatt. —
»Was mag daraus werden?« fragt ein kleiner Zwerg.
Die anderen sagen: »Still! still!«
Ein alter aber flüstert lächelnd: »Nun? Träumt es sich nicht gut bei diesen Feuerblumen? Wo wär’s besser? Wir ruhn am Busen der Vergangenheit. Selbst Ruinen haben noch ihr Leben: sie leben ein Feuerleben in dunkler Nacht. Die seltsamen Blumen, die aus diesen zerfallenen Türmen emporzüngeln, sind die ewigen Träume jener untergegangenen Welten und Wesen, die einst hier anders lebten. Was die uns jetzt sagen, werden wir natürlich nicht ordentlich verstehen. Aber das längst Verfallene lebt —lebt ewig — immer — lebt ein müßig spielendes Traumleben.«
»Das müßig spielende Traumleben ist das wahre Leben!«
Also hallt es leise zurück — auf den Türmen und auf den Söllern.
Die Zwerge sitzen still und träumen — beim milden Feuerblumenschein, der so wackelt. Der Himmel ist ganz schwarz, und auf den Meereswogen spiegelt sich das Flammenspiel.
Lange schon vergessene Geschichten und altbackene Gedanken erheben ihr altes Haupt.
Die Feuerblütenträume längstverwehter Zeiten spielen unter dem tiefschwarzen Himmel, spiegeln sich kraus auf dem tiefschwarzen Meer.
Die weißen Schaumschlangen verschwinden.
Das Meer wird so spiegelglatt wie der Himmel.
Und das Lichtblatt mit den Glöckchen wackelt nicht mehr.
Die kleinen violetten Glockenblumen werden größer —und — falleil ab; sie schweben schräge hinunter ins schwarze Wasser hinein.
Doch dort unten auf dem düsteren Spiegel hüpfen die violetten Glockenblumen wie Irrlichter, die sich necken wollen. Sie hüpfeil und springen — von rechts nach links –von hinten nach vorn — auf und ab — vor — zurück — immer lustig — neckend!!
»Ja, das sind Urgroßmütter!« sagte der eine Zwerg, der immer die Augenbrauen emporzieht.
»Ach, was weißt Du davon?« ruft ihm sein Nachbar zu.
Die violetten Glockenblumen hüpfen auf der schwarzen See.
Als aber das olivgrüne Feuerpalmenblatt langsam emporsteigt bis in den Himmel hinauf und dann oben umkippt und wie eine große, grüne, segnende Blatthand sich langsam auf den schwarzen Spiegel legt — da stieben die violetten Glocken hastig nach allen Seiten.
Wie hernach das grüne Feuerblatt still wie ein Wasserrosenblatt auf dem Wasser daliegt — bleiben auch alle Glok—ken stille stehen.
Und sie scheinen das grüne Blatt mit den züngelnden Spitzen für eine große Insel zu halten.
Drollig steigt nun aus dem Turm ein brennender, citro—nengelber Pilz mit dickem, citronengelbem Kuppeldach wackelnd in den Himmel hinauf.
Eine ganz eigentümliche Flamme!
Und hupp! — mit einemmal springt da aus dem gelben Pilz eine lederbraune Feuerkugel raus — hoch in den Himmel hinein — und dann im großen Bogen ins Wasser hinab — mitten unter die violetten Glockenblumen.
Und hupp! — da springt ein zweiter brauner Feuerball in die dunkle Luft empor — und dann ein dritter — und dann ein vierter — und so fort — immerzu.
Alle braunen Kugeln falleil aufs schwarze Wasser, wo sie sich schaukeln und sich drehen — einige Kugeln falleil in den violetten Kelch der Glockenblumen, allwo sie leise zischen.

Bums! — da stürzt der gelbe Feuerpilz auch vom Turm herunter — die Zwerge schreien »au!« — aber der Pilz kollert den Abhang hinab — Gras und Sträucher versengend.
Zischend rollt der Pilz ins Wasser.
Dort versinkt er.
Nicht aber lange dauert’s, und es gibt einen heftigen aufpuffenden Knall: der citronengelbe Pilz stößt mit dem Kopf durch das hellgrüne Feuerpalmenblatt — steht plötzlich mitten im Grünen — wie auf einer Insel — steif da.
Die Zwerge schauen ins Meer und wundern sich wieder über die Wunder dieser Ruinenwelt.
Hier in der Ruinenwelt ist das Meer nicht von Wasser und der Himmel nicht von Luft, die Flammen sind keine Flammen — nur das müde Farbenspiel spöttischer Irrlichter, die sich nie greifen ließen, umgaukelt die alten verfallenen Türme.
Jetzt dreht sich die grüne Lichtinsel auf dem seltsamen schwarzen See und sich selber immer im Kreise herum; nur der gelbe Pilz steht steif und unbeweglich da.
Die violetten Glockenblumen lassen sich nicht von den grünen Schwertern verletzten; sie springen immer über die grünen züngelnden Spitzen rüber, und die braunen Kugeln rollen auf dem schwarzen Meer — rollen auf das grüne Palmenblatt rauf — und rollen da immerfort wie sinnlos herum.
Nur der citronengelbe Pilz steht still.
»Sinnlos!« sagt ein Zwerg.
»Nur für uns sinnlos!« sagt der Klügste.
Und ein Alter spricht bedächtig: »Es sind die Erinne—rungsspiele der vergangenen Zeiten so wirr und kraus wie wüste Träume — wir können nicht folgen.«
Ein anderer ruft dann seufzend: »Unsere >eigene< Vergangenheit spiegelt sich dort unten in der schwarzen See.

Die Vergangenheit der Träumer ist auch so wirr und krau wie das Spiel der Feuerblumen.«
»Und trotzdem träumen wir so lustig weiter bei diesei Feuerblumen.«
So tönt’s hell auf den Söllern.
»Ja, hier können wir träumen!«
So tönt’s dunkel auf den Türmen.
»Die Blumen sind nur nicht bunt genug«, meint ki chernd ein Spötter.
»Oh, noch viel zu bunt!« ruft da der Kleinste, und er zeigt dabei mit dem Finger auf den großen Turm.
Dort entsteht ein mausgraues Bündel von Kornähren die wachsen mächtig ins Riesenhafte — sie werden imm( größer — recken sich in die Unendlichkeit rein.
Und das sind auch Feuerblumen!
Die mausgrauen Kornähren spiegeln sich drüben am schwarzen Himmel. Doch sie erscheinen dort verkehrt: Das
Korn ist unten — die Halme sind oben.
Ein halb piepsender, halb knatternder Knall — und alles ist wieder stockdunkel.
In der Ferne verdonnert leise das Echo — es verknisterte zuletzt. . .
Die zwölf Zwerge stecken nicht ihre Laternen an. Die
zwölf Zwerge rühren sich nicht; sie können einander nie
mehr sehen — wollen’s auch nicht.
Der Himmel ist schwarz und unbeweglich.
Das Meer ist schwarz und unbeweglich.
Und die Zwerge sitzen und träumen — träumen — träumen — träumen . . .

 

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Die gebratene Flunder

Tanz Poem der „tiefen“ Richtung

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

Die gebratene Flunder sitzt auf dem gelbseidenen Familiensofa und sinnt – sinnt lange.
Plötzlich springt sie auf und schaut den heiligen Nepomuk, der sich im Schaukelstuhl ein bisschen schaukelt, durchdringend an.
Dann ruft sie, während sie auf ihrem knusprigen Schwanze in der Stube herumhopst: „Nepomuk, Du solltest Kaiser von Pangermanien werden – wahrhaftig! wirklich!“
„Du hast wohl“, erwidert Nepomuk, „zuviel gebratene Butter im Kopp!“
Die gebratene Flunder springt auf den Tisch und singt die Marseillaise.
Da wird der heilige Nepomuk wütend und schlägt mit der Faust auf den Tisch.
Was geschieht?
Die Lampe fällt runter und explodiert.
Alles verbrennt und stirbt.
Die Asche gibt kein einziges Lebenszeichen von sich.
Hieraus erkennt man wieder, wie viel der Zorn zerstören kann.

 

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Die grosse Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken —
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

(Katerpoesie)

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 Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!

(Katerpoesie)

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Donnerkarl der Schreckliche

Ein Heldengedicht

Reich mir meine Platzpatronen,
denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen,
alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich
heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! das wilde Morden preis’ ich,
denn das ist der letzte Trumpf!
Welt, verschrumpf!

 

Notturno

Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht — nach — ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte — ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten . . .. .

(Katerpoesie)

 

 

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Die grossen Flammen

So nehm‘ ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind — irgendwo
Lichterloh . . .

(Katerpoesie)

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Maßlied

Liebe, Labe, Lobe mich!
Aber nicht so fürchterlich!
Sind mir viel zu viel…
Lebe, liebe dich nur aus -!
Doch mit Laben, Loben halte Haus!

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Der springende Ton

Der springende Ton,
Der springende Ton,
Der ist mein Sohn!
Und ich bin seine Mutter.
Die backt mit guter Butter
Für ihren Sohn,
Den springenden Ton
Kuchen! – Kuchen!
Daß er sich freuen kann. –
Er wird ein großer Mann –
Mein lieber Sohn,
Der springende Ton!
Der braucht ein gutes Futter!
Das backt ihm seine Mutter!
Schweige du Hohn!
Es lebe mein Sohn!

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Schlussweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,
Auf Erden niemals Ruhe findet.

(Katerpoesie)

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Der große Mann und der Schlaukopp

oder Der gegenseitige Kultus

»Mein Freund, Du bist der größte Mann!
Es zweifelt keine Seele dran!
Ich lese jedes Wort von Dir.
Die Andern liefern nur Geschmier.
Du bist der Einz’ge, der was kann!
O glaub’s, Du bist der größte Mann!
Was Andre reden, ist nur Quatsch.
Drum reich mir freundlich Deine Patsch!
Wir gründen einen Männerbund
Und hauen los auf jeden Schund!
Damit man endlich doch mal seh,
Worin die wahre Kunst besteh!
Und will einmal ein Schweinehund
Verhöhnen unsern Männerbund,
So kommen wir mit Knüppeln an
Und zeigen, was ein Mann noch kann.
Vor uns muß Jeder tief sich bücken
Und dabei weg sein vor Entzücken!«
So sang voll Hohn ein Bösewicht
Dem Freunde Süßes ins Gesicht.
Und dieser Gute merkte nicht,
Wie leicht das Süße an Gewicht.
»Der größte Mann«, rief er voll Stolz,
»Der sei jetzt länger nicht von Holz!«
Und er begann vergnügt zu zechen
Und mußte schrecklich dabei blechen.
Der Bösewicht, der freut sich drob,
Er wird beim zwölften Glase grob.
Jedoch der größte Mann vergißt,
Daß ihm sein Freund oft lästig ist.
Er freut sich seines großen Ruhms,
Gedenkt nicht seines Eigentums.
Bald ist sein Hab und Gut verschwendet.
Der Bösewicht sich von ihm wendet.
Denn große Männer ohne Geld
Sind doch das Schlimmste in der Welt.
So geht’s dem Dummen, der gemütlich
Des Freundes Lob hält für sehr gütlich!
Der Schmeichler ist ein Bösewicht –
Oh, kluger Mensch, vergiß das nicht!
Auch arme Menschen sollen lächeln,
Wenn sie ein Schmeichler will umfächeln.
Verrate deine Größe nie!
Sei nur ein heimliches Genie!

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Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?
Das willst du wissen?
Leg dich nur ruhig
Auf dein Ruhekissen;
Es wird zum Luftballon.
Mit dem gehst du davon.
Und deine Locken —
Die werden klingen;
Du sollst mit ihnen,
Da sie rot sind,
Die gelben Sterne umschlingen!
Ach ja, dein verfluchter,
Alter, dammlicher Luftballon
Wird dich weit bringen.

*

Durch die alte Türe,
Die so herrisch knarrt,
Kommt der Ofenmann
Mit vielen schwarzen Bechern,
Die so traurig sind wie schwarze Briefe.
Na — was will denn der Ofenmann?
Will er den alten Zechern
Die letzten Tropfen schenken?
Der Ofenmann hat kurze Beinchen;
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf —
Der geht natürlich ganz entzwei,
Denn der Ofen ist ja warm.
Und die schwarzen Becher fallen
Diesem alten Ofenmann
Aus den schwarzen alten Händen
Auf die stillen weißen Dielen.
Und der Wein macht die Dielen naß.
Das macht den Zechern Spaß.
Die Beinchen des Ofenmanns
Brechen entzwei.
Und der schwarze Ofen
Steht an der Wand — wie einst.

(Katerpoesie)

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 Nun geh zur Ruh

Nun geh zur Ruh!
Es ist schon spät,
Nun träume deinen Traum,
Die Welt ist gut,
Die Nacht ist kurz.
Nun träume deinen Traum
Von Liebeslust
Und Seligkeit
Und freundlichen guten Augen
Träume! Träume
Von allen denen,
Die du liebst,
Damit sie dich
Auch lieben –

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Kein Gedicht

Ich möchte so gern wie ein Vogel
Durch die Lüfte fliegen.
Ich möchte so gern wie ein Löwe
In der Wüste liegen.
Ich möchte so gern wie ein König
die lange Weile besiegen.
Doch der Glanz der ewigen Sonnen
Begeistert mich heute nicht.
Ich habe Vieles begonnen.
Doch das macht noch kein Gedicht.

 —

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 Erdianerlied

Fliegt man stückweis‘ in die Luft,
Wird man gleich zu Leichenduft;
Man verpufft in einem Nu,
Macht nicht mal die Augen zu.

(1912)

 

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Stammbuchvers

Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
mein Herz ist über und über voll.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
mein Herz ist über und über voll.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.

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Fahnenlied der Neoanarchisten

So geht mir doch!
Was schert mich das?
Ich bin nicht für die Eine.
Ich schwing‘ nur Fahnen, die ich mag,
Ich schwinge doch auch Deine.

Ja, geht mir nur!
Wie rührt mich das!
Ich bin nun mal für Alle!
Ich trage jede Erdenplag –
Ich habe keine Galle.

So geht mir doch!
Was schert mich das?
Ich darf mich nicht verrennen
Und werd‘, so lang ich lachen mag,
Euch Farbe nie bekennen.

Ja, geht mir nur!
Wie rührt mich das!
Ich schwärme für die Weiten
Und kämpfe nur beim Zechgelag‘ –
Ich mag nicht nüchtern streiten.

So geht mir doch!
Ihr rührt mich nie!
Ich liebe die Gescheidten.
Es kommt ja doch der helle Tag –
Es kommen andere Zeiten!

(1897)

 

 

Index: Bücher

Index: Erzählungen – Ja was möchten wir nicht Alles!

Paul Scheerbart   http://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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Die letzten Trümpfe

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe