Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Den Knaben sträuben sich zuweilen die Haare.

In der Mitte des Saales steht auf einem eisernen Gestell eine längliche, mit himmelblauen Türkisen verzierte Wanne, in der auch ein sehr großer Mensch vollauf Platz haben würde.

In der Wanne ruhen vierzehn große Perlen, die sich in der Form ganz gleichen —  nur in der Farbe verschieden sind.

Die eine Perle ist schwarz.

Das ist die Todesperle.

Die vierzehn im Opfersaal versammelten Menschen treten an die Wanne und greifen langsam gleichzeitig hinein und nehmen behutsam, ohne hinzusehen, eine Perle heraus.

Dann heben sie die Perle empor.

Die schwarze Perle ist in den Fingern des größten Knaben, der viel schöner aussieht als die andern.

Ein gräßlicher Schrei schallt durch den stillen Raum.

Tschirsabâl schrie —  —  —  der Knabe, den er am meisten liebt, der sein bester Freund ist, der Knabe hat die Todesperle in den Fingern —  der muß sterben.

Und der Oberpriester heult —  wie ein wildes Tier.

Die andern Priester zittern.

Die Knaben weinen leise, ihre Augen werden noch größer.

Die sieben großen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet —  sie wollen sterben, wenn sie die schwarze Todesperle in die Finger genommen haben.

Und die sieben Knaben, die zum Teil schon älter sind, haben denselben Schwur geleistet wie die Priester.

Doch die Knaben dürfen, wenn sie den Schwur geleistet, nie wieder mit andern Menschen zusammenkommen. Nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie zusammenkommen.

Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch. Der Vierzehnte wird immer geopfert.

Außer denen, die den Schwur leisteten, weiß kaum ein einziger Mensch, daß im Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden. Mit größter Vorsicht wird jeder Neugewählte eingeweiht. Nur diejenigen, die den Tod ernsthaft suchen, werden gewählt.

Die Priester wissen, daß die Macht der Ssabier gebrochen ist und sind darum schon stets bereit, sich opfern zu lassen.

Ja —  die vierzehn Menschen, die da unten im Opfersaal versammelt sind, haben sämtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer —  sie sehnen sich nach dem Tode —  —  —  aus übergroßer Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren.

Die furchtbarsten Lustgefühle durchrasen jetzt —  diese vierzehn Menschen da unten, die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod gehen wollen.

Doch es bereitet ihnen eine grausame gräßliche Wollust, daß sie nicht zu gleicher Zeit sterben, daß sie nach einander sterben und über jeden gestorbenen Freund mit wahnsinnigen Qualen —  herfallen —  wie die Hyänen über die Leichen herfallen.

Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester, sie fühlen die feinsten Dinge —  sie wissen so Vieles, das Niemand je geahnt.

Und die Knaben sind womöglich noch feiner.

Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch für die feinen gebildeten Menschen. Sie »leiden« —  durch diese feinen Nerven —  und müssen sich daher immer nach dem Tode sehnen, im Tode den Erlöser sehen —  müssen sich noch mehr quälen —  das Gräßlichste und Entsetzlichste ist für die feinen Nerven eine Art Beruhigung. Der ungeheuer große Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten.

Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund töten, weil sie ihn lieben. Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde töten lassen aus Liebe. Das ist verrückte Liebe —  ein großartiger Wahnsinn!


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