Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Auf einer der höchsten Terrassen, die den großen Mondtempel umkränzen, neben einem uralten Götzenbilde spricht der allgewaltige Oberpriester Tschirsabâl mit dem Dichter Safur.

In der Tiefe an der Umfassungsmauer entlang zieht langsam eine feierliche Prozession vorüber, der ein offener leerer Sarg vorangetragen wird.

Fackeln beleuchten die Prozession, und Tempeldiener schwingen die alten Räuchergefäße an langen Stangen.

An vielen alten Götzenbildern zieht die Prozession vorüber —  die alten starren Steingesichter der Götzen scheinen sich zu beleben, wenn der leere Sarg langsam vorüberzieht.

Und Safur schaut von der Tempelterrasse in die mondbeglänzte arabische Wüste, in der die wilden Dschinnen hausen.

Tschirsabâl, ein Riese, der fast zwei Köpfe größer ist als der durchaus nicht kleine Dichter, sagt zu diesem, während er mit seiner mächtigen breiten Brust tief aufatmet:

»Atmest Du noch immer die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit? Woran dachtest Du?«

Safur erschrickt, besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig:

»Nein —  nein —  ich glaube —  ich atme nicht mehr die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit. Ich sehnte mich nur. Ich sehnte mich allerdings —  nach einem Weibe. Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung Nichts mit Sinnlichkeit zu tun —  wirklich Nichts. Denn, versteh‘ mich nur, das Weib, nach dem ich mich sehne, lebt noch nicht, ist noch nicht geboren, wird wahrscheinlich nie geboren werden. Sieh, ich sah so lange da in die Wüste hinein und glaubte zuletzt eine wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen. Ich bilde mir jetzt fast schon ein, daß diese Dschinne wirklich irgendwo lebt —  und ich liebe diese Dschinne —  ‚lieben‘ will ich nicht sagen —  das Wort ‚lieben‘ ist zu oft mißbraucht —  es sagt mir zu wenig —  doch Du verstehst mich ja —  atme ich Pestluft?«

Tschirsabâl schüttelt den Kopf und erwidert sanft:

»Nur die gewöhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt Pestluft. Wir müssen anders als die Tiere leben. Nicht ein Weib darf das Ziel unsrer Sehnsucht sein. Die Gottheit müssen wir lieben.«

»Die Gottheit?« fragt Safur.

»Ja —  den einzigen großen wahren Gott«, versetzt der Priester, »den müssen wir lieben. Die Götter und Götzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem Menschen und dem Einzigen, dessen Namen wir nicht unnütz aussprechen sollen. Aber — « und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser, »wir sollen den großen Gott, der die ganze Welt umschließt, wirklich ‚lieben‘ —  mit allen Nerven und mit allen Muskeln, die wir haben. Und wisse —  —  —  der Allgott offenbart sich in unsrem besten Freunde —  und —  ja —  im Freunde —  sollen —  wir —  den —  Gott —  lieben —  noch mehr —  anders als menschlich lieben. Ja —  Du hast Recht —  das Wort ‚lieben‘ genügt nicht, wenn wir die wahre große Leidenschaft bezeichnen wollen, in der Alles untergeht, die Alles verschlingt —  die nur die ewige Vereinigung mit dem Geliebten will —  die daher auch nur ihre ganze Befriedigung —  im Tode —  im Letzten —  finden kann. Die großen Priester der Erde dürfen nicht lieben wie die gewöhnlichen Menschen, sie dürfen nur den großen Gott lieben —  und ihn sollen sie lieben im besten Freunde! Safur, versteh mich! Vielleicht hörst Du meine Worte nicht noch einmal. Vielleicht sterbe ich in der nächsten Stunde, und Niemand sagt Dir mehr, was es heißt —  Sehnsucht nach der ewigen Vereinigung mit dem großen Gott haben und sterben —  sterben wollen —  sterben müssen, weil man nur lebt, um sich ganz auflösen zu können in dem, den man mehr liebt, als Alles! Denk‘ nach, ob Du nicht auch so sterben willst! Denk‘ nach! Safur! Nur im Tode wirst Du selig werden. Nur der Sterbende hat Alles —  und mehr als Alles!«

Und der gewaltige Riese zittert am ganzen Körper, seine Augen glühen, sein Atem keucht wie der Atem eines blutdürstigen Tieres, das sein Opfer sieht…

Tschirsabâl stürmt mit großen Schritten davon und verschwindet in einem dunklen Gange.

Safur bleibt fast starr zurück.


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