Tarub Bagdads berühmte Köchin

Das zwölfte Kapitel.

ps_116

Und nach vier Wochen stand der Vollmond über dem Mondtempel zu Hauran.

Und im Mondtempel weilten Abu Maschar und Safur, Abu Hischam und Battany, Suleiman und Jakuby.

Die anderen lauteren Brüder waren auf Saids Barke mit den drei Frauen nach Bagdad zurückgekehrt.

Den beiden Dicken, Kodama und Osman, war die Reise nach Hauran zu beschwerlich gewesen.

Auch mochten sie einem »Fastenfest« nicht beiwohnen —  ein Fest ohne Essen nannten sie nicht ein Fest.

Ein »Fastenfest« ward aber trotzdem in Hauran gefeiert.

Der Mondtempel ist ein Tempel der Ssabier.

Die Ssabier sind nach der Meinung des Volkes Götzenanbeter —  Heiden.

Doch die Meinungen des Volkes sind ja niemals maßgebend.

Die Ssabier sind mehr, als sie scheinen.

Ihre Religion ist ein Abglanz altbabylonischer und altassyrischer Kulte.

Der Mondtempel zu Hauran ist Jahrtausende alt —  eine alte träumende Ruine, die wie eine sterbende Greisin von alter, alter Zeit erzählt —  und Wunderdinge weiß.

Der Mondtempel wird hell vom Vollmond erleuchtet.

Und in das Mondlicht flammen aus eisernen Schalen mächtig lodernde Opferfeuer hinauf.

Wohlriechendes Holz —  zumeist Sandarakholz —  wird in den eisernen Schalen verbrannt, sodaß der ganze Tempel und die ganze Umgegend des Tempels wundersam duftet —  wie die Nähe eines Gottes.

Man fastet drei Tage und drei Nächte.

Zu bestimmten Stunden erklingt an den Mauern und auf den Terrassen des einsam und hoch gelegenen Tempels Musik —  von Zymbeln, Flöten und Saiteninstrumenten.

Abu Maschar hat die lauteren Brüder hierhergeführt, er spricht jetzt mit einem großen Priester, dessen langer schwarzer Bart nach assyrischer Sitte sorgsam gekräuselt ist, sodaß es aussieht, als bestände er aus lauter kleinen runden Löckchen.

Der lange weiße Kaftan ist mit goldenen Sternen übersät, die mit Goldfäden hineingestickt sind.

Über dem dunkelbraunen Gesicht des Priesters erhebt sich ein mächtiger hellblauer Seidenturban mit sieben silbernen Vollmonden vorn über der Stirn. Die mit Silberfäden gestickten Monde sind von verschiedener Größe.

Nur Männer, Jünglinge und Knaben weilen im Tempel —  ein Weib darf den Tempel nicht betreten.

Und ein eintöniger Gesang tönt durch die Mondnacht.

Die Gläubigen sitzen oder stehen —  einzeln —  nicht in Gruppen —  sie dürfen nicht mit einander sprechen —  nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie sprechen.

Die sieben großen Priester sehen sich im Äußern fast gleich —  tragen sämtlich den assyrischen Bart, den Sternenkaftan und den hellblauen Mondturban.

Jakuby macht sich fortwährend Notizen.

Suleiman und Battany hocken in einer großen Grotte, die der Mond nur zur Hälfte erleuchtet.

Abu Hischam wandelt vor der großen Tempelpforte auf dem großen Opferplatze unruhig umher und erzählt jetzt dem einen der großen Priester von dem Geheimbunde der lauteren Brüder.

Der Priester hört ernst zu und sagt dann mit großen Augen:

»Euren Bund nennt Ihr einen Geheimbund? Und Ihr sprecht doch zu allen Menschen von diesem Geheimbund? Ihr wißt ja noch gar nicht, was ein Geheimbund ist.«

Unwillig wendet sich der Priester ab.

Abu Hischam sieht ihm verblüfft nach.

Der Gesang verhallt, es wird ganz still —  nur die Opferfeuer knistern.

Unheimlich still ist es.

ps_209
%d Bloggern gefällt das: