Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Battany flüstert mit Abu Hischam.

Und wie der Mond in voller Pracht erglänzt, landet man am Ufer.

Man will das Grab des Abu Nuwâs besuchen —  jenes großen Dichters, der noch zu Haruns Zeiten lebte und blutarm starb wie ein Lump —  und der dann sehr berühmt wurde, sodaß seine Verse bald in Jedermanns Munde waren.

Das Grab des Abu Nuwâs ist ganz mit gelben Rosen bedeckt —  ganz mit gelben Rosen.

Gelb ist die Farbe des Königs —  in Persien und in andern Ländern, die von Bagdad nicht weitab liegen.

»Abu Nuwâs!« murmeln jetzt die Männer, die des großen Dichters Grab besuchen.

»Abu Nuwâs!« murmeln auch die drei Frauen.

Die Pechfackeln der schwarzen Sklaven knistern und flammen hoch auf.

Die Gesellschaft ist plötzlich ganz ernst und ganz still geworden.

Suleiman liest mit leiser Stimme die Grabschrift, die auf einem kleinen Alabasterblock mitten unter den gelben Rosen in zierlichen Schriftzügen zu lesen ist.

Abu Nuwâs hat sich die Grabschrift, die Suleiman leise liest, selbst gedichtet.

Sie lautet:

»Leb doch, wie’s Dir grade paßt! Machst Dich nur dadurch verhaßt! Hast Du Alles mal verpraßt, Kannst Du wirklich Nichts mehr erben — Darfst Du doch noch friedlich sterben: Stirb nur! Selbst die Dichter sterben!«

Kodama räuspert sich und will was sagen, Battany kommt ihm aber zuvor.

Battany sagt zum Safur, der wieder sehr ernst dreinschaut:

»Lieber Freund, kannst Du uns nicht auch ein paar Verse zu hören geben? Du bist heute so ernst —  laß Dich nicht lange bitten.«

Safur nickt und spricht nach einer Weile, in der nur die Fackeln knisterten:

»Du ruhst nun unter Rosen aus — Oh, der Tod hat Dich befreit! Und milder wird mein Schmerz um Dich, Da ich weiß, Du fühlst kein Leid.«

Und Safur empfindet eine so gequälte Stimmung.

Ihm ist, als täten ihm die Fingerspitzen weh.

Sein ganzer Körper empfindet so fein, daß er jeden Luftzug zu spüren glaubt.

Er hört den Tigris leise rauschen.

Und er hört in der Ferne wilde Tiere heulen.

Und er sehnt sich nach einem Wesen, dem er mitteilen kann, wie er eigentlich immer leidet —  etwas Unerklärliches leidet, das die andern Menschen nicht kennen.

Ihm ist oft so, als sehne er sich nach einem Weibe, das er lieben kann.

Aber er weiß, daß es solches Weib nicht gibt.

Bei diesen Gedanken sieht er drüben neben Said seine Tarub stehen —  drollig ernst…

Und Safur muß lächeln.

Doch Battany spricht jetzt —  auch sehr ernst:

»Freunde! Ihr wißt, der große Philosoph Abu Hischam, der unter uns weilt, wollte einen Gelehrtenbund gründen. Ich glaube, dieser Augenblick am Grabe des größten arabischen Dichters ist so schön und feierlich, daß wir dem Abu Hischam, der ein kluger, tatkräftiger Mann ist, wohl eine Freude bereiten, wenn wir uns hier am Grabe die Hand reichen und die Gesellschaft, die wir bilden, die Gesellschaft der lauteren Brüder nennen. Ich hoffe, unser Kreis wird bald größer werden.«

Und Alle reichten sich die Hände, sodaß sie einen Ring um das Grab bildeten.

Sehr drollig sah’s zwar aus, daß auch die drei Frauen und der dumme Said im Ringe waren.

Doch die Gesellschaft machte trotzdem einen sehr feierlichen Eindruck.

Den Mond umkränzten rötliche Wolken —

In der Ferne am andern Ufer zuckte ein bläuliches Licht auf —  es blitzte —

Die Fackeln knisterten und flackerten hell.

Als sich die Hände der lauteren Brüder von einander lösten, warf Abu Hischam seine armenische Pelzmütze hoch in die Luft, worüber Alle lachten.


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