Tarub Bagdads berühmte Köchin

Das neunte Kapitel.

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Wie nun wiederum der Morgen graute, stand der Dichter Safur am Tigris und starrte nach Osten.

Berauscht sah der Dichter Safur nicht aus —  aber —  ein wenig verwüstet und ein wenig verkommen; das dünne Gewand war seltsamer Weise nicht zerrissen —  ganz war’s geblieben —  indessen —  schrecklich schmutzig war’s geworden —  Blut, Wein, Milch, Staub, Blumensaft und Straßenpfützen hatten die braun und blau gestreifte Baumwolle höchst unregelmäßig gemustert.

Und Safur starrt —  halb blöde, halb verträumt —  nach Osten. Da wird’s über den breiten spiegelhellen Wassern des Tigris immer bunter.

Die Sonne geht auf.

Langsam hebt sich die brennendrote Scheibe aus den Fluten des Tigris raus.

Und der Tigris glänzt jetzt auch brennendrot.

Safur starrt in die heiße Farbenpracht und sieht plötzlich über der roten Sonne in den glühenden Wolken ein schwarzes Gesicht —  das schwarze Dschinnengesicht, das er bei der Sareppa sah, als ihm dort die Beduinen von den Schrecken der Wüste berichteten…

Purpurne und goldene Wolken umrahmen wunderlich das schwarze Gesicht, das nun die großen blauen Augen weit aufreißt.

Der Blick der Dschinne ist furchtbar.

Safur taumelt zurück.

Dabei bemerkt er aber, daß rechts von der Sonne noch zwei Dschinnengesichter vorkommen und links von der Sonne gleichfalls.

Die neuen Gesichter sind etwas zur Seite gelehnt, daß alle fünf Gesichter wie ein Kranz die Sonne einschließen.

Und die Gesichter sehen ganz gleich aus.

Ihre blaßbläulichen schmalen Lippen öffnen sich ein wenig und zeigen weiße fest zusammengepreßte kleine Zähne.

Safur traut kaum seinen Augen, blickt in den höher gelegenen Himmel hinauf —

Doch da beginnt er zu zittern, dort höher oben zeigt sich ein zweiter Gesichterkranz; die Gesichter sind nur viel größer und viel schrecklicher.

Und über dem zweiten zeigt sich ein dritter Gesichterkranz —  der ist noch größer —  fast noch einmal so groß.

Der ganze Himmel füllt sich mit schwarzen Dschinnengesichtern, die langsam aus dem dunklen Himmelsblau herauskommen und auf den Safur zuzustreben scheinen.

Ganz oben am Himmel sind die Gesichter riesengroß —  die schwarzen Haare flattern wild um die schwarzen Ohren und um die schwarzen Stirnen —  —  doch so wie die Haare an dem einen Gesichte flattern —  genau so flattern sie auch an dem andern.

Und den Dichter packt die Angst. Ihm schlottern die Knie. Er sieht plötzlich Nichts mehr. Ihm wird schwindlig, und er bricht bewußtlos zusammen.

Nach einer Weile hört er dann ein gellendes Pfeifen, als wenn ein schneller Wind vorübersause. Gleichzeitig wird vor seinen Augen Alles rot…

Der Dichter will die Augen öffnen, kann’s aber nicht —  er glaubt, er sei blind geworden.

Er ringt die Hände und schreit.

Dadurch kommt er wieder zu sich, seine Augen öffnen sich, und —  Bagdad mit dem Tigris liegt vor ihm. Drüben am Ufer erhebt sich der Garten des reichen Battany.

Safur befindet sich auf einer Anhöhe und kann weit herumblicken.

Der Himmel ist tiefblau.

Die schwarzen Gesichter sind fort.

Safur aber hat die Gesichter nicht vergessen, er springt auf, blickt sich scheu um und rennt wie ein Rasender nach Battanys Landhaus.

Er klopft dort heftig an die kleine Gartentür —  und die wird auch gleich geöffnet —  der Hausmeister öffnet selbst —  kriegt jedoch beim Anblick des Dichters ein so erschrockenes Gesicht, daß das seine dem der großen Dschinne nicht unähnlich sieht.

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