Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Doch seine dralle Köchin sagt rauh:

»Wasch Dir doch die Hände!«

»Nein —  sei nicht so rücksichtslos!« sagt er.

Doch gleich darauf wäscht er sich wirklich die Hände; sie waren ja tatsächlich sehr sauber nicht.

Wie die Hände sauber sind, ist Safur wieder ruhiger —  er lächelt sogar, lächelt über seinen protten Bären, der ihn immer wieder verletzt —  immer wieder.

Die Erinnerungen an alte Zeiten machen den Dichter wieder friedlich —  er freut sich über die vielen Kiepen mit Pfirsichen , Birnen, Gurken, Waldbeeren und Kirschen. Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben —  in einer Reihe —  ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite.

Tarub geht hinaus, sie muß nach der eitlen Abla sehen, ob die auch mit ihrer Zuckerbäckerei fertig wird —  Saids Abendessen soll fürstlich werden.

»Sollst doch nicht so die Stirn krausen!« ruft sie noch, als sie schon beinahe draußen ist, ihrem Dichter freundlich zu.

Der Safur nickt und befühlt mit seinen reinen Händen die fein getriebene Arbeit des großen kupfernen Eiskübels, in dem künstlich Eis erzeugt wird.

Er denkt —  spricht dabei zuweilen ganz laut:

»Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken. Ich erinnere mich heute fast an meine halbe Vergangenheit. Als Tarub Kopfschmerzen hatte und ich ihr Eisumschläge machte, da war sie so dankbar —  so weich und zärtlich. Dieses Aufbrausen berührt mich so entsetzlich roh. —  —  Aber die Erinnerung verschärft doch die Genüsse. Wenn ich aus einem alten, mir vertrauten Kochtopf esse —  so empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge —  nur so halb —  aber sie würzen doch das neue Gericht. Mit solcher Wiederholung eines Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte verschärfte Empfindung erzielen. … Wenn man nur alle Arten der Genußverschärfung genauer kennen würde! … Verschärfen läßt sich ein Genuß, aber nicht verlängern —  das ist wichtig. … Zum Beispiel: eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen —  als sie ist —  sie ist auch kein Gummiband. … Jedenfalls ist mir nun das Eine klar: man muß in jedem Augenblick einen neuen Genuß oder einen verschärften Genuß zu empfinden trachten —  man darf nicht kleben bleiben an der einzelnen Lustempfindung. Der verschärfte Genuß ist nur eine besondre Art von den neuen Genüssen… die Erinnerung spielt hier die Rolle eines feinen Gewürzes. —  —  Und dann darf man nie vergessen, daß man einen andauernden Glückszustand nicht in sich erzeugen kann. Man muß immer im Auge behalten, daß der einzelne Genuß nicht allzu lange genießbar ist —  man darf sich daher nicht bloß einer besondren Gattung von Genüssen zuwenden —  man muß alle —  alle —  alle Genüsse durchkosten wollen —  immer wieder andre —  immer wieder neue, feine, vergeistigte Gefühle —  aus dem trockenen Brot muß man ebenso viel Genußerreger rausziehen können —  wie aus der rasendsten tollsten glühendsten Liebesleidenschaft. Das höchste Lebensglück besteht in dem Leben, das da aufweisen kann: die größte Zahl von glücklichen Augenblicken —  die man nicht verlängern soll —  die man auch nicht verlängern kann —  die man nur zuweilen durch Erinnerungen und lustige Verse verschärfen darf. Verlieben darf man sich nicht in die einzelnen Genüsse —  kleben bleiben darf man nicht an den einzelnen Augenblicken. Man muß ohne Schmerz weiterspringen —  wenn die eine Wiese ein bißchen abgegrast ist. Nur nicht traurig werden! Mit geballten Fäusten oder anders will ich unermüdlich danach streben, die größte Zahl fein verzückter Augenblicke zu durchkosten. Ich will der glücklichste Mensch sein. Nichts soll mir zu klein und Nichts zu groß sein. Genießen will ich —  genießen!«

Ein durchdringender Blütenwind strömt aus dem Garten kühl in die Küche.

Safur fröstelt. Er dreht sich um.

Die Küchentür steht splarweit offen.

Und die Tarub, Bagdads berühmte Köchin, kniet dort auf der Schwelle —  faltet die Hände —  tut so, als ob sie ihren Dichter anbetet….


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