Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Sie trinken.

Die Tarub bewundert des Dichters weiche Stimme, die jetzt wieder recht nachdenklich durch die Küche hallt —  folgendermaßen:

»Ja das Leben! Ich glaube, ich nehme das Leben viel zu ernst. Zwar —  ich will nur genießen. Doch ich kann nie fein genug genießen. Ich möchte den Genuß so fein machen wie einen Geist —  wie ein Frauenhaar. Man muß so mit allen Fingerspitzen genießen —  die feinste Reizung der Haut muß empfunden werden. In jedem Augenblicke müßte man anders erregt und bewegt werden —  und zwar bewußt. Man muß die Bewegung jedes fallenden Blattes mitfühlen. Da ich so viel Neues in jedem Augenblicke genießen will —  so bin ich auch immer wieder ein Andrer. Jeden Tag will ich auch was Andres.

Was ich gestern war, Bin ich heute nicht. Jeder neue Morgen Zeigt ein neu Gesicht.«

Wieder Pause.

Die kleine Tarub denkt —  er hat ’ne Andre.

Er muß sie beruhigen.

Er streichelt sie, ist sehr zärtlich.

Er flüstert ihr Schmeichelnamen in’s Ohr, nennt sie »lieber Bär«… »protter Bär«… »Busselbär«…

Sie lachen und essen Oliven und trinken Wein aus Bassora dazu —  der schmeckt sehr schön.

»Bär«, fragt er, »wie lange ist es schon her, daß ich zu Dir in die Küche komme?«

Bär weiß nicht, denkt, es sei schon schrecklich lange. Doch das glaubt er nicht, er meint:

»Nicht doch! Mir ist, als wenn es erst ganz kurze Zeit wär‘. Oh! Der Genuß der Menschen ist so flüchtig. Man genießt eigentlich immer nur den einzelnen Augenblick. Ich glaube, ein ständiges unveränderliches Glück gibt es garnicht. Wirklich! Wir kennen nur Augenblicksgenüsse. Darum darf man sich nicht darauf beschränken, bloß große hocherhabene Gefühle zu suchen und zu pflegen —  die kann man doch nicht immer haben. Man muß auch an Allem, was klein ist, sich ergötzen. Sonst wird man sehr oft unbefriedigt und unglücklich sein. Da drüben die blanken Messingkessel und die bunten irdenen Tiegel —  die sind mir auch allmählich lieb und wert geworden. Ich suche an jeder Kleinigkeit etwas zu finden. Deshalb esse ich auch so bedächtig —  mit Verstand, wie Du zu sagen pflegst. Man muß sich an den Augenblicksgenüssen festklammern, als wären sie Alles, was wir jemals erreichen könnten. Die großen erhabenen Stimmungen sind eigentlich auch nur für den Augenblick da. Ja —  immer kann man sich nicht für große Dinge und für große Empfindungen —  für das stark und heftig Erregende —  begeistern —  oder man lügt sich was vor —  oder das Große ist nicht mehr groß.«

»Ich möchte noch viel öfter«, bemerkt zaghaft die kleine Tarub, »mit Dir zusammen sein. Du mußt mir noch Vieles erklären. Ich verstehe Dich zuweilen nicht so rasch. Willst Du noch Wein, Safur?«

»Gutes Kind!« entgegnet er freundlich, »ach ja! ein wenig!«

Safur sitzt da in seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande —  wie ein hockendes Zebra.

Er stützt den Kopf in die Hand. Das feine schmale Gesicht mit dem ganz schmalen feinen Nasenrücken sieht nachdenklich auf die schimmernde große Muschel, in der noch wie eine große grüne Perle eine Olive ruht.

Aus Saids Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche. Vom Feuer her riecht man jetzt das kochende Fleisch —  ganz schön ist das.

Im rußigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen.

Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert. Neben dem Herde steht noch der schmutzige Scheuereimer.

Und die Tarub in ihrem grünen Wollrock wirtschaftet in ihrer Küche so eifrig herum, daß Safur ganz erstaunt ist —  der versteht niemals, wie man das Wirtschaften so wichtig nehmen kann.

Wieder bringt sie Wein —  aber sie hat ihn diesmal gewürzt mit alten getrockneten Kräutern, die sie aus alten Büchsen und Dosen hervorkramte.

Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf —  fast schöner als Saids Blumen.

Safur und Tarub trinken.

Der Wein macht den Dichter ganz tiefsinnig.

»Der Mensch«, flüstert er —  so als wenn er allein wäre, »kann nicht in einem fort lachen, kann auch nicht fortwährend weinen, kann nicht immer traurig sein und auch nicht ewig sich selig fühlen. Dieses glaube ich. Daher muß man die einzelnen Augenblicke des Lebens gesondert genießen und vor allem nicht immer geneigt sein, jeden Augenblick zu verlängern. Jede Lust währt ihre Zeit —  wenn sie vorbei ist —  dann ist sie vorbei. Daran muß man sich gewöhnen. An jedem Tage —  in jeder Stunde sieht unser Wohlbehagen und unsre Erregung ganz anders aus. Oft ist uns auch die Unruhe und das Unbehagen nötig. Die schmerzlichen Empfindungen sind auch von manchen Genüssen gar nicht zu trennen. …«

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