Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Abu Hischam fängt nach kurzer Pause wieder an —  heftig —  also:

»Aber Prasser sind wir dennoch! Jeder praßt nur in seiner eigenen Art. Ich mache mir auch Nichts aus feinen Fressereien. Was geht’s mich an, wie eine Torte schmeckt… ich bin froh, wenn ich meinen Hunger stillen kann. Doch —  genießen —  prassen —  will ich auch. Ich bin nur derber als Ihr. Wenn wir auch nicht so reich sind, wie Du, lieber Battany, so bist Du doch nicht mehr als wir. Du bist ein Astronom, und ich bin ein Philosoph. Das heißt: wir sind zwei Gelehrte. Wir sind sämtlich Gelehrte.«

»Außer Osman«, ruft Safur von der Spitze der Barke nach hinten hinüber.

»Ganz recht, Safur«, sagt der Philosoph, »daß hier Niemand etwas vor dem Andern voraus hat —  das ist also klar.«

»Ja! Ja!« meint nun Jakuby liebenswürdig, »Dein Buch ‚Der Zweifler‘ scheint mir sogar sehr —  höchst bedeutsam zu sein. Zwar —  ich habe nicht Alles verstanden…«

»Ich auch nicht«, schreit lustig Kodama, klopft dabei dem noch immer nicht so recht vergnügten Osman herzhaft auf die Schulter.

Alle müssen lachen.

Abu Hischam spielt wieder mit seiner Pelzmütz und schwenkt sie schließlich überm Kopf, damit die Andern wieder auf ihn aufmerksam werden.

Kodama jedoch reicht dem Philosophen den Goldpokal; der Philosoph soll erst wieder trinken. Nach dem Trunk läßt der sich aber nicht mehr behindern, er redet wieder —  folgendermaßen:

»Kommen wir also zum Schluß! Sagt! Seid Ihr jetzt nicht mit mir der Überzeugung, daß wir gezwungen sind, uns zusammenzutun? Das Verbot des dummen Kalifen sagt doch genug. Die Nacht ist sehr schön. Die Möwen krächzen. Wir segeln einer großen Zukunft entgegen. Der entscheidende Augenblick ist gekommen. Demnach! Brüder! Hört! Wollen wir jetzt nicht gleich unsern Bund, den ‚Bund der lauteren Brüder‘, in aller Form begründen? Jetzt gleich muß es geschehen. Warum sollen wir’s denn aufschieben?«

»Ihr wollt wohl eine neue Prassergilde schaffen?« stößt nun aufgeregt der dicke Osman hervor.

»Nein, wir wollen«, entgegnet Abu Hischam klug, »der Prassergilde eine Gelehrtengilde gegenüberstellen. Nicht wahr, Battany? Bist Du nicht auf meiner Seite, wenn wir eine Gelehrtengilde gründen, die im vollen bewußten Gegensatz zu Prassergilde der Tofailys steht?«

»Du willst wohl nur«, wirft da höhnisch der Kodama ein, »daß wir uns aufregen und demgemäß rascher zechen als sonst. Nimm! Hier hast Du den Krug! Keiner wehrt Dir heute mehr zu trinken als sonst. Ich trink auch immer mehr —  immer mehr!«

Abu Hischam lacht und trinkt.

Battany pfeift dazu.

Jakuby räuspert sich —  so verständnisinnig. Osman bricht aber in ein schallendes Hohngelächter aus, sodaß sich selbst der gutmütige Suleiman unwillig umwendet.

Eine andere Barke, auch von Pechfackeln erleuchtet —  wird dabei vorübergerudert —  stromaufwärts.

Eine tiefe Frauenstimme tönt dunkel und tieftraurig aus dieser Barke hervor; ein südarabisches Totenlied hallt unheimlich übers Wasser hin.

Battany und seine Freunde lauschen.

Abu Maschar, dem vorn allmählich zu häufig die Wellen über Bord spritzen, geht jetzt in die Mitte des Kahnes und setzt sich dem Abu Hischam gegenüber.

Kodama gibt einem Sklaven, der nicht schnell genug dem Sterndeuter Platz macht, einen sanften Klaps auf den Hinterkopf

Wie das südarabische Totenlied in der Ferne verhallt, ergreift Abu Maschar, der bisher ganz still war, etwas feierlich das Wort. Er spricht leise, fast flüsternd:

»Warum sollen wir eigentlich einen neuen Geheimbund gründen? Wir Gelehrten bilden doch bereits in der Menschenwelt eine so abgeschlossene Gesellschaft, daß wir diese auch schon einen Geheimbund nennen könnten. Sind nicht die alten Gesellschaftsformen, so wie sie sind, für unser Gesellschaftsbedürfnis vollauf genug? Wer wüst prassen und zechen will, kann sich jederzeit unter die Tofailys begeben. Wer feinere Gesellschaftsgenüsse verlangt, findet sie bei unsrem gastfreien Battany auf schaukelnden Barken und auf unsrer Sternwarte. Sind nicht schon in den Verhältnissen, in denen wir jetzt grade leben, eigentlich sämtliche Glückserreger, die uns in den verschiedenen Augenblicken unsres Lebens unentbehrlich erscheinen enthalten? Was wir bedürfen, verlangen und wünschen, das können wir unter den augenblicklich obwaltenden Verhältnissen ebenso leicht und bequem erreichen wie in den erhofften anderen Zuständen, die wir immer erst schaffen müssen. Jedoch —  wir haben garnicht nötig, etwas Neues zu schaffen. Alles, was wir wirklich brauchen, ist bereits da. Glaubt Ihr, die Welt könnte noch besser werden? Glaubt Ihr, ein Geheimbund könnte jemals irgend etwas besser machen? Die Welt ist, wie sie war —  und —  wird —  so —  bleiben. Wir haben keine Ursache, die sogenannte Entwicklung der Menschheit irgendwie zu fördern. Eine Entwicklung gibt es ja garnicht. Wir werden nicht klüger werden, als wir sind. Die Menschen werden nach tausend Jahren grade so klug und grade so dumm sein —  wie wir’s heute sind.«

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