Rakkóx der Billionär

ps_104 So redete Stummel bis zum Morgengrauen, und Rakkóx hörte aufmerksam zu, sie rauchten mit Genuß das Kraut von Melbourne, tranken nur kühle Limonade und begaben sich erst beim Aufgange der Sonne zur Ruhe. Der Atlantische Ozean glitzerte in tausend Farben, als die Sonne kam.
Der Krieg zwischen Rakkóx und dem Kaiser von China nahm nun seinen Fortgang. Eine Kriegserklärung fand natürlich nicht statt, denn sich gegenseitig Schlachten zu liefern, lag durchaus nicht in der Absicht der beiden Parteien. Sie lagen bloß auf der Lauer und suchten eine günstige Gelegenheit zu erspähen, ohne größeren Geld- und Blutverlust was zu erobern. Es war ein ständiges Manövrieren. Und alles konzentrierte sich dabei um Stummels Gebirgspaläste; Rakkóxens submaritime Torpedoboote kreuzten immerzu vor dem Arbeitsfelde und verhinderten das Näherkommen der chinesischen Flotte, ohne zu schießen. Und diese versuchte eigentlich nichts weiter, als Rakkóxens Admirale zu bestechen. Ein schöner Krieg! Die Bestechungsversuche gelangen aber nicht, da Rakkóx viel freigebiger war als der Chinesenkaiser. Das Hauptziel der chinesischen Diplomaten war zudem das: Stummel rumzukriegen. Indessen Stummel war nicht so leicht ins Verderben zu stürzen, da er alle persönlichen Empfindungen unterdrückte und nur für die Erhaltung seiner Gebirgspaläste kämpfte. Schultze VII., der bald die gesamte Bestechungs-Aktion gegen Stummel leitete, wußte wohl, mit welchem hochentwickelten Menschen er’s zu tun hatte. Doch die bösen Menschen sind nie in Verlegenheit, wenn es gilt, tückische Pläne auszuhecken. Der rachsüchtige Schultze telegraphierte aus Peking an Herrn Kasimir Stummel: »Ich gratuliere Ihnen zu den Erfolgen Ihrer Rassenvermischungsidee. Ihre Personendampfer funktionieren ja ganz ausgezeichnet. Erklären Sie Ihre Gebirgspaläste ebenfalls für international. Begeben Sie sich unter den Schutz der vereinigten Staaten des Erdballs und die Konsistenz Ihrer Arbeit ist für alle Ewigkeit gesichert. Andernfalls können Sie sich auf das Schlimmste gefaßt machen, da sich in Ihrer nächsten Umgebung an die fünfzig Verräter befinden. Schultze VII.«
Stummel erschrickt doch ein wenig, denn am Bestehenbleiben seiner Paläste, die natürlich nicht so rasch fertig werden, liegt ihm mehr als an seinem eigenen Leben.
Stummel ist ein Diplomat und immer schnell bereit, gleich wieder mit einem anderen Herrn zu arbeiten, wenn der momentan zur Verfügung stehende Herr nicht den genügenden Schutz bietet. Der kluge Kasimir schickt also an Rakkóx eine umständliche Depesche, in der er in sehr lustiger, humorvoller Form die Idee des infamen Schultze auseinandersetzt und beleuchtet; er läßt durchblicken, daß die Gebirgspaläste im Besitze sämtlicher Nationen des Erdballs an Wert nur gewinnen – nicht verlieren dürften.
Rakkóxens Antwort lautet: »Das Lachen der Verlogenheit ist immer noch liebenswürdiger als das Lachen der Verlogenheit. Rakkóx.«
Diese grobe Antwort stößt den Stummel doch furchtbar vor den Kopf, und er zweifelt daran, daß Rakkóx nötigenfalls bereit sein könnte, für die Paläste Kopf und Kragen zu riskieren, und er beschließt, nur noch im Interesse seiner Arbeit zu handeln und sich um den Rakkóx nicht weiter zu bekümmern. Stummels internationale Unterhandlungen beginnen darauf. Rakkóx wird nicht weiter befragt.
Gleichzeitig erfährt die allgemeine Wutstimmung, die sich auf der ganzen Erde gegen den verrückten Billionär im Laufe der Jahre ausbildete, eine unheimliche Steigerung.
Und Schultze VII. wird kühner. Mit verblüffender Taktik weiß er den Stummel immer tiefer in sein Netz zu ziehen, so daß dieser schließlich öffentlich die Gebirgspaläste für internationales Eigentum erklärt und sich und seine Arbeiter unter den Schutz der vereinigten Staaten des Erdballs stellt.
Wie Rakkóx in Konstantinopel diese Proklamation liest, besteigt er sofort sein Blitzboot und fährt bei Gibraltar vorbei nach Südamerika – erklärt unterwegs die Proklamation des Kasimir Stummel für eigenmächtig und gegenstandslos. Aber Schultze VII. hat Rakkóxens Reise auf dem Blitzboot vorausgesehen. Mit den zweihundert Genies und vielen Chinesen kreuzt er so »zufällig« im Atlantischen Ozean ‚rum und fängt das Blitzboot mitten auf’m Äquator ab. Das raffinierte Obergenie läßt den Rakkóx fesseln und in seine große Salonkajüte führen.
Zehn alte Indianer mit langen blanken Messern im Gürtel sitzen schweigend rechts und links neben dem großen Schultze, der dem Billionär mit gleißenden Augen nur ein einziges Wort entgegenschleudert: »Rhinozeros!« Rakkóx sieht seinen Feind ruhig an, mustert die verrückten blutgierigen Indianer und sagt milde: »Armer Schuft!«
Schultze VII. streicht seinen dicken Schnurrbart, gibt den Indianern ein Zeichen – und die Indianer stürzen sich heulend auf den Billionär, jagen ihm die langen Messer in den Leib, drehen ihm den Kopf ab und schneiden den Leichnam in zweihundert Stücke von ziemlich gleicher Größe; den Schädel und die größeren Knochen zerlegen sie mit den Streitäxten. Die zweihundert Stücke werden abgewaschen und fein säuberlich in zweihundert Emaildosen gepackt. Und diese Emaildosen mit dem Rakkóxgebein werden feierlich unter die zweihundert Genies verteilt. Die Obergenies erhalten Kopfstücke. Schultze nimmt Rakkóxens Nase. So stürzt Rakkóx von seiner Höhe.
Das Publikum der ganzen Erde schreit Hurrah und feiert Schultze VII. als Erlöser. Die Verteilung der Billionen erzeugt natürlich einen ganzen Rattenschwanz von abenteuerlichen Prozessen. Die Advokaten trinken nur noch Uber-Sekt. Auch ein paar veritable Schlachten werden geschlagen – mit scheußlichem Gedonner. Das macht aber alles nichts aus – Rakkóxens Billionen werden verteilt- Rest bleibt nicht übrig. Die Todesart des reichen Mannes bleibt natürlich ein Geheimnis – dem Publikum wird was von Selbstmord und Testamentsvernichtung vorgeschwatzt- die Verwandten erhalten sämtlich Ministerstellen – einige Vettern bekommen den Herzogstitel usw. usw. usw. So stürzen Rakkóxens Billionen von ihrer Höhe.
Schultze VII. aber merkt plötzlich, daß er – zum – Götzen – der – Dummheit – geworden ist – und – – – verachtet sich. – So stürzt Schultze VII. von seiner Höhe. Die Gebirgspaläste des Kasimir Stummel verfallen, da die Nationen für derartige Baukünste kein Geld übrig haben. Schlangen und wilde Tiere nisten sich in den großen Granitsälen ein. Die Arbeiter fahren sämtlich davon, als sie keinen Lohn mehr bekommen. Und Stummel sieht, wie sein Werk zusammenbricht. Ein paar unternehmende Amerikaner betrachten die Gebirgspaläste als gute Bergwerke, finden dort Gold und – verwüsten die gesamten »architektonischen« Arbeiten von oben bis unten. Die herrlichen Terrassenanlagen werden rücksichtslos zerstört und die feinen großen Maschinen nur noch zu Bergwerkszwecken verwandt. Stummels Beschwerden werden von den z. Z. vereinigten Staaten des Erdballs mit lächelndem Bedauern entgegengenommen. So stürzt Kasimir Stummel von seiner Höhe. In Peking aber pflegt der allgemeine Genieverein jeden Sonnabend seine Sitzung mit einem Rundgesang zu beginnen, dessen Kehrreim »Sic transit gloria Rakkóxi« stets mit indianerhaftem Wutgeheule gesungen wird. Der rakkóxische Rundgesang wird mit der Zeit so populär, daß er bei jedem Siegesfeste gesungen werden muß.

Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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