Rakkóx der Billionär

ps_103 »Der Direktor der Rakkóxischen Erfindungsabteilung fiel bei Empfang des schwer wiegenden Telegramms unter seinen Schreibtisch. Und das Personal der Abteilung wurde beinahe wahnsinnig; drei Obergenies mußten wegen gefährlicher Tobsucht sofort einer Heilanstalt überwiesen werden.
Schultze VII. tat so, als ob ihn die Sache nichts anginge. Und dennoch wußte er sehr genau, daß ohne sein Zutun die Katastrophe ganz unmöglich gewesen wäre; aber seine Kameraden wußten das nicht, da ihr Direktor alles Wichtige für sich behielt.
Schultze VII. sah mager aus wie ein Windhund und hatte einen so starken Schnurrbart, daß der mit zwei Fingern nur mühsam zu umspannen war. Kaum hatte sich der Siebente in sein Lederzimmer zurückgezogen, so strich er seinen Schnurrbart mit allen zehn Fingern so heftig auseinander, daß einzelne Haare rausgingen und nur so rumflogen. Und er knirschte mit den Zähnen – zwar melodisch – doch nicht sanft. Und er hielt dabei einige seiner gewöhnlichen Monologe – er war an die Monologe gewöhnt.
»Es ist eigentlich«, sprach er zu seinen braunen Lederwänden, »durchaus sinnlos, mich über diesen Rakkóx zu ärgern, denn ich brauche ihn nicht. Und dennoch ärgere ich mich. Ich war ja ein Wüterich von meiner Geburt an, obgleich ich niemals einen plausiblen Grund für meine Wut hatte. Aus Wut bin ich sogar Humorist geworden – nicht aus Liebenswürdigkeit. Es ist zweifellos mein Schicksal, immerzu im Wutstadium zu leben. Andere Leute leiden an Wassersucht – ich aber leide an Wutsucht. Ich sehne mich ja danach, beleidigt zu werden, damit ich ein Recht bekomme, meinem tückischen Jähzorn freien Lauf zu lassen. Und dabei lach‘ ich noch.« Schultze VII. sieht wieder seine ledernen Wände und seine ledernen Möbel – fein gepreßte Sachen – an und freut sich, so ganz zwischen alten Tierhäuten zu stecken; ihm sind alle Bestien so recht sympathisch.
»Die einfachen Tiere und die menschlichen Kinder«, fährt Schultze fort, »neigen mehr zur Mordlust als zur Wollust – der entwickelte reife Mensch desgleichen. Das hängt damit zusammen, daß die einfacheren Lebewesen sich ihrer Persönlichkeit nicht bewußt werden und die komplizierteren Lebewesen erst recht nicht an ein individuelles Leben glauben – daher schätzen beide ihr Leben und damit auch das der anderen Wesen nicht hoch ein. Die Geschichte ist gräßlich einfach. Esel verstehen’s allerdings nicht. Am Anfange ist die Kreatur grausam und zerstörungssüchtig – am Ende noch mal. Und daher ist Schultze VII. ein Wüterich, denn er ist ein Lebewesen, das die höchste Entwicklungsstufe erreicht hat. Die höchste Genialität ist eben nur dazu da, die Menschenbrut feste zu verhöhnen und zu verhetzen. Blut will ich, verfluchtes Biestpack-Blut! Und darum muß Rakkóx – es läßt sich leider nicht ändern – zerrissen werden – wie die Taube vom Habicht zerrissen wird. Meine Logik ist immer vernichtend.«
Er lacht – was sich wie Storchgeklapper anhört- freilich nicht ganz so. Und er kreischt auf wie ein wildes Tier, schlägt mit beiden Fäusten auf seinen kleinen Kaffeetisch, daß der zusammenknickt wie eine alte Hutschachtel. »Rhinozeros! Rhinozeros!« brüllt er.
Und dann lacht er- wie die Irrsinnigen in der Heilanstalt zu lachen pflegen. Nachdem wird er aber ganz ruhig und kalt, geht zu der Versammlung der entlassenen Genies und Obergenies, überredet sie, mit ihm nach China auszuwandern und dort den Kaiser von China gegen den gemeingefährlichen Rakkóx aufzuhetzen – und tut so affektlos w ie ein stiller Waldsee.
Die Versammelten folgen dem großen Schultze; alle fahren mit dem nächsten Eilzuge nach China.

In den nächsten Monaten entwickelt sich die Geschichte auf beiden Seiten programmgemäß. In den Gebirgspalästen, die Kasimir Stummel auf der Westküste Südamerikas baut, arbeiten fünfmal hunderttausend Mann – Rakkóxens Geld kommt unter die Leute, er wird immer berühmter und beinahe vergöttert. Ein ordentlicher Unternehmer geht seinen Weg; ob die Unternehmungen vernünftig oder lächerlich sind, ist allen ganz egal – wenn nur gezahlt wird.
Nach Verlauf eines guten Jahres bemerkt aber der große Billionär ein sichtliches Schwinden seiner Popularität. Uber die Ursachen dieser Erscheinung kommt er bald ins klare. Schultze Vll. telegraphiert ihm nämlich aus Peking: „lhr Vorgehen in Südamerika wird hier an höchster Stelle scharf verurteilt, rate Ihnen, sofort Herrn Stummel ebenfalls zu entlassen, da er sich Ubergriffe gegen chinesische Staatsbürger erlaubt hat. Ehrfurchtsvoll! Schultze Vll.« »Aha«, ruft Rakkóx. AufMadeiratriffter mit Kasimir Stummel zusammen, dessen glatt rasiertes Gesicht sehr braun und sehr gesund aussieht. Stummel teilt seinem Prinzipal zunächst mit, daß sich an der Westküste Südamerikas die Anzahl der chinesischen Kriegsschiffe nachgerade täglich vermehrt. Die Situation wird brenzlich. Rakkóx telegraphiert demnach an den Direktor seiner Marineabteilung: » Schnell alle fertigen submaritimen Torpedoboote zu Stummeln nach Südamerika senden. Die Geschichte eilt. Rakkóx. « Dieses Telegramm beruhigt jedoch Herrn Kasimir Stummel keineswegs.
»Ich kann mir«, führt er aus, »nicht verhehlen, Herr Rakkóx, daß Ihre Offiziere sehr unzuverlässig sind. Sie haben sämtlich nur pekuniäre Interessen und keine nationalen. Die Soldaten, die sich als Vertreter einer Nation betrachten, bieten ohne weiteres viel mehr Sicherheit als die gesamte Rakkóx-Armee. Wir müssen das nationale Element aus den feindlichen Armeen rauspumpen. Es ist mein voller Ernst. Mit internationalen Armeen werden wir immer fertig. Wir müssen aus der chinesischen Armee eine internationale Armee machen.« »Wie machen wir das?« fragt Rakkóx. »Es geht!« erwidert Stummel, »es ist eine kühne Idee – aber ich weiß, Sie schrecken vor kühnen Ideen nicht zurück- besonders wenn sie nur Defensivmaßregeln verkörpern wollen.«
»Nu reden Sie doch – was wollen Sie denn?« Also Rakkóx. Und Stummel fährt fort – bedächtig: »Es hört sich toll an – aber es geht! Wir müssen China zum internationalen Staate machen. Wir müssen durch glänzende Anerbietungen eine Vermischung aller Rassen des Erdballs durchzuführen suchen. Wir müssen die Ubersiedlung sehr vieler Europäer nach China und sehr vieler Chinesen nach Europa veranlassen. Diese Tätigkeit mas kieren wir dadurch, daß wir gleichzeitig die Afrikaner nach Indien und die Inder nach Australien transportieren; die Indianer können ja nach Skandinavien. Sie verstehen wohl! Wir müssen das reine Rührei aus den Nationen machen. Ich sage Ihnen, lachen Sie nicht! Es geht tatsächlich! Dazu gehören nur recht viele Personendampfer, die für die Uberfahrt einen lächerlich geringen Preis beanspruchen.«
Rakkóx steht auf und telegraphiert an den Direktor seiner kaufmännischen Abteilung: »Sofort tausend Personendampfer ankaufen oder bei der Werft von Europa bestellen. Größtes Format! Rakkóx.«
Stummel stammelt seinen Dank, er ist ob seiner Erfolge ganz verwirrt. Im besten Strandhotel essen sie danach ein einfaches Abendbrot. Nach dem Abendbrot rauchen sie auf der Fürsten-Terrasse eine gute Zigarre aus Melbourne, der Mond beleuchtet ganz ausgezeichnet den Atlantischen Ozean, und Rakkóx plaudert von seinem Obergenie Schultze VII.
»Das ist ein ganz gemeingefährlicher Mensch«, sagt er heftig, »stellen Sie sich nur vor, was für geniale militaristische Ideen mir dieser freche Kerl zu unterbreiten wagte! Krokodilsregimenter in dunkelblauer Uniform wirkliche Krokodile in dunkelblauer Uniform – wollte der Herr zum Schutze der Hafenforts dressieren lassen. Ich glaube, er schrieb auch von einer Dressur der Austern zu Kriegszwecken. Er hätte auch noch die Regenwürmer in Uniform gesteckt – wenn ich dem Satan nicht den Laufpaß gegeben hätte. Und aus Rache für den Laufpaß putscht er nun die Chinesen gegen mich auf. Ein sauberer Kunde! Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, die Bedeutung des Ungeziefers herauszustreichen; das Ungeziefer nannte er das natürliche Leibregiment der Menschheit. Meine zweihundert Genies glaubten immer, ich könnte mich nur am Spaß ergötzen. Weil ich’s mir selten versagen mag, gelegentlich einen saftigen Ulk vom Stapel zu lassen – deswegen glaubte man, mir könnte nichts angenehmer sein, als selber ordentlich verulkt zu werden. Wenn man über die Tiefsinnigkeit dieser Genies, die das Gehirn eines Billionärs nur für ein Witzkaninchen halten, nachdenkt, so kann man beinah Bauchweh bekommen. Es gibt doch verschiedene Arten von Humor. Wir können speziell defensiven und aggressiven Humor unterscheiden; der aggressive ist eine ganz entartete Art und diesem Schultze Numero VII. eigentümlich. Sie, Herr Stummel, haben eine seltsame Abart von Humor, die ich die geschäftliche Abart nennen möchte. Nehmen Sie mir’s nicht übel, mir ist die Abart durchaus nicht unsympathisch. Ich selbst habe einen Humor, der mehr unfreiwilliger Natur ist. Der unfreiwillige Humor wird ja wohl von einzelnen Gelehrten für den einzig wahren erklärt. Ich gestehe aber, daß ich sein Dasein in mir lebhaft bedaure. Seien Sie nie zu lustig, der ganze Humor ist überhaupt nur eine gute Nummer für den Armen – für den Reichen ist der Humor ein Malheur. Ich habe meinen verdammten Mitmenschen immer zu wenig übelgenommen. Ich habe das fatale Talent, bei jedem nur die lächerlichen Seiten zu sehen- und was man belachen kann, nimmt man nicht krumm. Doch durch diese Gutmütigkeit verliert man den Respekt. Die Leute glauben einem schließlich nicht, daß man mehr will – als Lachenkönnen. Und vom Lachen allein wird man doch noch nicht vergnügt.«
Die beiden Männer qualmten mächtige Rauchwolken in den Mondschein, der Atlantische Ozean lag glitzernd vor ihnen wie ein verworrenes Spiegelbild der Unendlichkeit.
Die beiden Männer schwiegen lange und waren so ernst wie diejenigen, die ihr ganzes Leben nur mit weltzerkneifenden Taten füllen möchten.
Und dann sprach Stummel von seinen großen Palastgebirgen: »Ich möchte das Bleibende schaffen!« sagt Stummel, »ich habe zunächst mit den neuen Maschinen größere Höhlungen in den Bergen vorgenommen, die dabei herausgebrachten Stein- und Kalkmassen habe ich draußen am Meeresstrande zu reich gegliederten Terrassenbauten verwandt. Es lassen sich verschiedene Berge ganz leicht in eine rechtkantige architektonische Form bringen, auch mit komplizierten Kurven lassen sich glänzende, architektonische Kompositionen schaffen. Die Säle, die im Innern der Rakkóxfelsen entstehen, werden beispiellose Dimensionen erhalten. Wir machen das Dimensionale modern. Die neuen Maschinen arbeiten so sicher, daß Einstürze nicht zu befürchten sind. Unsere Mathematiker arbeiten zudem fast viel zu sorgsam. Am Kasimirfelsen lasse ich den ganzen Gipfel abschneiden, so daß in allen Sälen Oberlicht sein kann. Ich denke mir die Wände der Säle zumeist ganz mit Wohnungen angefüllt die hinter Vorbauten, Säulenhallen und Balkons jede beliebige Ausdehnung haben können. Gewaltig werden die Granitsäle wirken. Zweihundert Meter hohe Wände ganz spiegelglatt! Und da die Beleuchtung mit Fackellicht! In den tieferen Schichten sind riesige Baderäume unterzubringen- mit Springbrunnen, Kaskaden, Teichen und Gondeln. Sämtliche Kirchenbauten fallen vor diesen Gebirgspalästen untern Tisch, nicht wahr? Man muß lächeln, wenn man an die kleinliche Architektur der Vorzeit denkt. Um die Wohnungen wird man sich reißen und märchenhafte Summen bezahlen. Vorzüglich wirken die grandiosen Perspektiven, wenn ganze Ketten von Riesensälen neben-, hinter-, über- und untereinander liegen können. Es sind selbstverständlich durch eleganteste elektrische Bahnen die Säle zu verbinden. Die Wagen müssen allerdings ganz im Stile der Architektur gebaut sein. Wir schreiben da wohl verschiedene Konkurrenzen für die einzelnen Stilarten aus. Von außen aber werden die Gebirge einen hinreißenden Anblick gewähren. Die Natur ist tausendfach übertrumpft. Es lassen sich auch im ägyptischen Geschmack große stilisierte Skulpturen herausarbeiten. Immerhin bin ich eigentlich dagegen: die reine Architektur muß allein mit großen Rhythmen w irken und kleinlichen Zierat verschmähen, wenn er auch noch so groß ist. Die neuen Emailfarben bringen übrigens, wenn man sie vorsichtig zum Rausstreichen der Verhältnisse benutzt, einen verblüffenden Eindruck hervor- und die Farben sind wetterfest. Ich bin sehr glücklich…«

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