Liwûna und Kaidôh

ps_099 Aber zum Weiterreden kams nicht. Unter ihnen schwebten schon wieder neue Weltgebilde —  die Schalensterne in allen möglichen Muschelformen mit krummen Schnäbeln.
In den Tiefen der vielen Schalen blitzte es wie von Brillantensplittern, und bei dem Blitzen bemerkte Kaidôh unter den krausen Rändern der Sterne ein tolles Weltgewürm, das grossen wackelnden Schornsteinen nicht unähnlich schien.
Und die Trompeten—  und Trichtersterne gesellten sich mit den Schneckensternen auch zu den Weltschalen.
Das ward ein mächtiges Blasen und Brummen, Getute und Geschnarre und Gepfeife.
Wie Brummkreisel drehten sich die Trichter. Die Schnecken drehten sich ganz langsam —  es waren nur die Gehäuse.
Und lange Glockenketten schaukelten und wackelten wie fliegende Guirlanden mitten durch, dass die andern Schalen ausbiegen mussten.
Das dumpfe Gebrumme der Glocken klang so alt, als stäken lauter längst verfallene Welten in den Glocken.
„Hörst Du,“ sprach Liwûna, „mit den Glockentönen steigt wieder eine alte Zeit in Dir herauf. Ja, das Neue macht es nicht. Ich will Dich verstehen. Dazu bin ich ja da.“
„Aber das Alte,“ rief Kaidôh, „ist wieder so furchtbar schmerzhaft. Es lähmt die ganze Lebenskraft.“
„Es soll,“ gab da leise seine Freundin zurück, „die Freuden dämpfen. Das Alte ist beim Weltgenuss so nötig wie das Gedankenspiel. Ist Dir Beider Daseinsrecht nicht klar? Wenn Dir die Erinnerungsschmerzen über den Kopf wachsen, dann musst Du allerdings sterben. Das ist schon richtig. Doch mit jedem Tode sterben auch die Erinnerungen. Und ist das nicht auch gut? Wenn Etwas ganz stirbt —  stirbt immer viel Schmerz zu gleicher Zeit mit. Ja —  jedes Sterben ist eigentlich nur ein Sterben von Schmerzen.“
Kaidôh klatschte in die Hände und lachte, als verstände er auf einmal die ganze Welt von oben bis unten.
Und aus den Trichtern, Glocken, Schnecken, Muscheln und Trompeten scholl wieder ein tausendfaches Echo, das ein Weltlachen war, empor in den endlosen Raum. Das Echo hing blos nicht ordentlich zusammen —  als wärs ein Echo von Liwûnas Worten.
Die Wandwinde bliesen gegen die beiden leichten Riesengeister an, dass sie weiter flogen.
Liwûnas Grösse entsprach der des Kaidôh, so dass dieser seine Begleiterin lange anschaute; eine so grosse Dame hatte er noch nie gesehen. Sie hatte langes pechschwarzes Haar mit einem Rubindiadem, ihr Gesicht war weiss wie Marmor, und aus den schwarzen Augen strömte ein grosser Glanz, der auch die nackten weissen Arme ganz hell machte. Öfters flackerten die grossen Augen, als rasten grosse Sonnen drinn.
Die Schatten der beiden Riesengeister gleiten auf der spiegelnden Wand wie zwei fliegende Pfeile dahin.
Und rasselnd steigen aus der Höhe abermals Sterne herunter —  durchsichtige Mühlenräder sinds! Sie drehen sich und lassen alle die eine Seite sehen; die Scheibe ist erst einförmig —  dann rund —  und zum Schluss wie am Anfange.
Und aus den Radreifen schlagen keilförmige Scheinwerfer raus —  blaue gelbe und orangefarbige —  die drehen sich durch den ganzen Himmelsraum, als wärens Speichen von Riesenrädern —  farbige Speichen. Und die Speichen drehen sich so schnell, dass Kaidôh dem flirrenden Farbenwirbel nicht mit den Augen folgen kann.
Er dreht sich um —  und erblickt in der grossen schwarzen Felsenwand, die überall glatt wie ein Spiegel ist —  das Spiegelbild der Rädersterne. Im schwarzen Spiegel sind die blauen gelben und orangefarbigen Streifen gedämpft. Kaidôh kann nun Alles von dem bewegten Farbenbilde in sich aufnehmen —  die Helligkeit nimmt allmählich immer mehr ab.
Und dann wirds wieder stiller in der Spiegelwand —  andre Sterne erscheinen —  Blattlappengebilde, die an vielen Stellen phosphorescieren —  was ganz unheimlich in der schwarzen Spiegelwand wirkt.
Liwûna und Kaidôh sprechen über die verschiedenen Arten der Schwärmerei in kurzen abgebrochenen Sätzen. Und nun folgen noch mächtige Wassersterne, deren Wogen nach allen Seiten hoch in die Höhe gespritzt sind —  man könnte sie für Zinngebilde halten. Die Wassersterne sind aber nicht alle so wie Zinn —  sehr viele sind rot wie Blut —  zwei ganz grosse sind wie Gold.
Die beiden Riesengeister sprechen gegen die Felsenwand, ohne sich umzudrehen, vom Müdewerden. Dazu haben sie aber keine Zeit, denn jetzt wirds ganz bunt im Felsenspiegel —  als schwebten Millionen Laternen durchs grosse All.
Kaidôh wird neugierig und wendet endlich den Kopf.
„Die Rauschlust kommt immer wieder!“ schreit er wild —  denn er sieht jetzt nicht blos die bunten Laternen —  er sieht alle Sterne, die bisher vorbeizogen, noch einmal —  auf ein Mal.
Kaidôh ist abermals noch viel viel grösser geworden —  er blickt jetzt in einen gewaltigen Sternwirbel und erkennt Alles.
Die Trichtersterne und die Wassersterne —  die Raketensterne und alle die andern wirbeln da im Raume herum, als führe ein Sturm durch Sonnenstäubchen.
Jetzt kann sich Kaidôh nicht mehr halten, er bewegt seine Zehen und will hinein in das glänzende schauerliche Sternenmeer.
Und er kann seine Zehen wieder regieren.
Und er stürzt sich in den Sternwirbel —  und schreit —  und schreit!!
Seine Brust dehnt sich weit aus, und ihm ist, als gingen all die vielen Millionen Sterne in seinen Leib.
Und er lacht wie ein Gott —  und schreit —  und schreit.
Liwûna kann ihm kaum folgen.
Und dem Kaidôh ist so, als setzten alle Sterne noch mehr Grösse an ihn ab —  immer mehr —  immer mehr!
Jetzt endlich fühlt er Welten in sich — Welten!
Und er bewegt die Zehen —  und schiesst durch den Wirbel —  und kreischt auf —  in verrückter Seligkeit —  und —  und —  weiss nichts mehr von sich. Liwûna folgt ihm mit gesenktem Haupt und führt ihn hinaus aus dem Sternwirbel in eine kühlere Weltgegend.

Und langsam wird Alles anders.
Und mir ist so, als wenn ich langsam erwache —  aus wirren wüsten Träumen, und ich frage
leise:
„War ich Kaidôh?“
Liwûna —  das ungeheure Riesenweib neben mir—  lächelte und nickte —  und sprach sanft:
„Du bist immer noch Kaidôh!“
Und ich bebte, als hätte sie mir was Furchtbares gesagt.
Wir schwebten wieder im stillen Raume —  aber die Sterne waren nicht rund —  sie waren alle feine kleine Striche —  nur wenige dickere Striche sah ich.
Kühle Lüfte wehten um meine Stirn —  und ich wurde wieder ruhiger.
Die feinen kleinen Striche —  waren roth wie Blut —  und der ganze Himmel schwarz —  wie die Felsenwand —  die weit hinter mir liegt.
Ich suche was mit der linken Hand
Liwûna lächelt und sagt: „Du suchst wieder was!“
„Ich suche!“ sage ich.
„Ich will noch mehr —  noch Grösseres!“ fahre ich fort.
Und Liwûna bittet ihren Kaidôh, weiter zu fliegen.
Er fliegt weiter.
Und wieder neue, wieder andre Wunderwelten thun sich vor ihm auf; die sind aber etwas kleiner —  denn Kaidôh ist im Sternenwirbel noch mehr gewachsen —  ins Ungeheuerliche hineingewachsen.
Dem Kaidôh ist so, als wäre er in ein grosses Schneegestöber geraten. Es sind aber nicht Schneeflocken, die ihn jetzt umschweben —  es sind grosse Sternwolken aus Schnee—  und Eisgestirnen.
Kaidôh bemerkt, dass faltige dunkelviolette Sammetkleider seinen riesigen Körper umflattern. Liwûnas Gewänder sind wie Goldschaum und flattern ebenfalls.
Die Schneesternlüfte sind so kühl und beruhigend —  und Kaidôh bedarf der kühlen Ruhe —  ihm ist noch immer so, als tobten grosse Sternscharen durch seine Adern —  und durch alle seine Knochen.
Wie kleine weisse Federn schweben die Sterne dem unermesslichen Kaidôh um Kopf und Brust.
„Das sind,“ sagt Liwûna, „sehr leichte Welten, denn sie sind alle sehr alt.“
Die Sterne fliegen zuweilen wie ein grosser Vogelschwarm in die Höhe, und dann kommt es dem Kaidôh so vor, als flögen ihm rasende Eisklumpen an der Nase und an den Ohren vorüber. Seine Augen sind aber so scharf, dass er die verschiedenen Formen der Schneesterne, wenn sie weiter weg sind, wohl unterscheiden kann; er sieht auch viele Tiere auf den Sternen. In den Schneesternen glänzt viel blankes Eis, und die Eissterne sind an den Krystallspitzen meist mit Schnee umzogen, als wären sie verschimmelt.
Die Sterne haben viele thurmartige Auswüchse und Zacken und Zinnen und alle nur denkbaren Formen, die aber gewöhnlich regelmässig sind wie die Krystalle.
Alle Schneesterne und auch die Eissterne verstehen es ausgezeichnet, dem grossen Kaidiôh auszubiegen, so dass er garnicht mit den Sternen in Berührung kommt. Der Schnee verbreitet ein mattes schweres Dämmerlicht. Kaidôh hat immerfort das Gefühl, etwas vergessen zu haben —  und dieses Gefühl macht ihn immer erregter, so dass er ganz heftig wird.
Liwûna lacht dazu und fragt spöttisch:
„Was suchst Du denn?“
„Ich weiss es eben nicht!“ giebt Kaidôh zur Antwort.
Da fliegt die grosse Liwûna an ihren Kaidôh ganz nahe heran und flüstert mit leuchtenden Augen:
„Ich weiss, was Du suchst —  Du suchst das Weib, das Dein Weib sein kann.“
Kaidôh zittert, ballt die Faust und schlägt der Liwûna ins Gesicht.

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