Liwûna und Kaidôh

ps_082 „Ich lache doch,“ erwiderte Kaidôh, „nur über die Grösse meiner Fusszehen, die ich jetzt garnicht regieren kann.“
„Die brauchst Du auch nicht zu regieren,“ versetzte die Liwûna, „lass Dich nur von den Wandwinden treiben.“
„Was sind Wandwinde?“ fragte Kaidôh, „ich verstehe nicht, was Du unter Wandwinden verstehst.“
„Tu doch nicht so,“ gab da die Liwûna spitz zurück, „als ob Du Alles verstehen möchtest. Ich kenne Dich! Sei still! Es kommen neue Sterne.“
Und die kamen auch näher —  es waren laute Glassterne.
Kaidôh brummte: „Sie wird dreist!“
Die Glassterne brummten ebenfalls —  nur anders. Es waren nämlich viele hohle Sterne dabei mit Löchern, aus denen seltsame dumpfe Töne in die Weltlüfte drangen.
In den hohlen Sternen leuchtete ein grünes Licht, sodass sich die verschnörkelten Formen der Glasgebilde haarscharf vom schwarzen Welthintergrunde abhoben.
Manche Sterne ähnten aufgeblasenen Fröschen, denen die Beine verloren gingen —  und andere Sterne starren Tintenfischen. Dazwischen drehten sich helle regelrechte Kreisringe, in denen viele helle Farben schimmerten. Auch schwebten in der Nähe Würfel und Oktaëder, deren Flächen glitzerten, als wären sie mit Phosphor bestrichen.
Liwûna sagte leise:
„Glaube nicht, dass das Alles Glas ist. Es sieht nur so aus.“
Und Kaidôh sah Millionen kleiner Tiere auf den Glassterne hin—  und herkrabbeln.
Einzelne der Sterne funkelten so stark, dass dem Kaidôh all die Farbenspiele durcheinander gingen. Er konnte oft nicht folgen.
Drollig wirkten grosse Ketten, deren Glieder aus vielen vielkantigen blauen Säulen bestanden.
Jedoch Kaidôh bemerkte bald, dass seine Augen immer stärker wurden. Er fühlte, dass er nicht bloß grösser sondern auch anders wurde. Leider wusste er nicht, ob er Grund habe, sich über das Anderswerden zu freuen.
Liwûna schwebte weitab wie ein grosser grüner Schleierstern.
Und nun tauchten smaragdgrüne Balkensterne aus dem Dunkel heraus —  die waren ganz mit grünen Wäldern bedeckt, die wie dunkles Moos auf den Balken sassen und wie Smaragde leuchteten. Kaidôh konnte erkennen, dass das grüne Licht unzähligen kleinen Häusern sein Dasein verdankte; die Häuser —  die reinen Glühwürmer —  lagen in den Wäldern so friedlich eingebettet —  wie junge Katzen in Waschkörben —  wenn es dunkelt und das Katzenauge funkelt.
Die grössten Balkensterne setzten sich aus sehr vielen Balken zusammen; die kleineren Balken waren fast alle in rechten Winkeln an die grösseren geleimt. Und die vielen rechten Winkel trugen so viel Berechnetes in sich, dass man glauben mochte, sehr fein ersonnene Weltwerkzeuge vor sich zu haben. Kaidôh dachte in dieser Richtung und meinte dann zu sich selber sprechend:
„Wozu ich mir über diese Sterne den Kopf zerbreche! Man kann sich noch so sehr verändern —  etwas bleibt doch immer in uns: jene Genuss hemmende Denkerei! Aber sie wird wohl nötig sein —  sonst würde man wohl öfters vor purer Seligkeit platzen.“
Doch die Gedanken waren bald verscheucht; Raketensterne sausten vorüber —  fix wie Kometen —  zischend und rauschend.
Wie unheimliche Feuerspinnen kamen sie angerannt —  in ihren Beinen züngelten zuckende Glutquallen. Bunte Augen sassen den Raketensternen auf den Zehen. Einige Sterne ähnelten glimmenden Knochengerüsten —  und andre wilden Aalen.
Sodann prasselten Feuergarben aus den Sternleibern heraus; blaue und grüne Feuertropfen flogen hinunter und hinauf. Lange gewundene Feuersäulen —  Riesenfinger —  bogen sich hinüber zu den blauen Feuertropfen und durchstiessen die, so dass sie wie Ringe auf die roten Feuersäulenfinger hinaufglitten.
Kaidôh fuhr oft erschrocken in die Höhe, da ihm das feurige Spinnengebein recht nahe trat.
Eine ungeheure wie Quecksilber zitternde Feuerschlange schloss den raschelnden Zug.
Der letzten Schlange sassen auch ein paar grüne und blaue Feuerringe auf dem Leibe. Dieser Leib —  rotglühendes Eisen —  wand sich und zuckte, als läg er in heissen irrsinnigen Fieberkrämpfen.

„Wenn man die Welt,“ flüsterte Kaidôh, „nicht mehr wiedererkennt —  dann ist wirklich Alles anders. Und ich erkenne diese Welt nicht wieder, denn ich habe sie noch nie gesehen. Ich erkenne mich nun auch selber nicht mehr. “
„Du wolltest doch,“ fiel da lebhaft die Liwûna ein, „unter allen Umständen das Neue und das Andere. Ich fühlte sogar, dass Du das wolltest. Jetzt hast Du das Neue und das Andere —  und jetzt ist es wiederum nicht recht. Ich werde Deine Wünsche bald unbeachtet lassen, denn Du willst offenbar noch Etwas, von dem man sich nicht einmal im Traume eine Vorstellung machen kann. Was Du sagst und empfindest, ist garnicht wichtig für Dich. Deine Gelüste sind Dir selber ein Rätsel. Kaidôh fühlt nur, dass er Garnichts fühlen kann.“
„Das mag stimmen!“ brummte der grosse Kaidôh.

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