Liwûna und Kaidôh

ps_081 Und erst nach geraumer Zeit brach Kaidôh das Schweigen.

„Früher,“ bemerkte er, „kam mir die Welt fast immer drollig vor; ich musste über Alles lachen. Und jetzt empfinde ich nicht den geringsten Lachreiz, obwohl diese Riesenblumen einen ernsten Eindruck kaum erzeugen. Wie kommt es, dass ich so wenig lache? Kannst Du mir das erklären?“
Liwûna lächelte und sah recht zufrieden aus. Sie hatte jetzt hellbraune Augen und strohgelbe Haare. Sie erwiderte:
„Die Welt wäre sehr eintönig, wenn sie fortwährend drollig wirken wollte. Sei doch froh, dass sie Dir mal anders kommt. Das Trübe ist so selten unerträglich, und es ist dabei so notwendig an der Pforte der Klarheit. Diese würde uns ohne jenes garnicht als Klares zum Bewusstsein kommen. Und Du weisst doch: nur das Klare lacht hell! Ich freue mich übrigens, dass Du Dich schon mit mir unterhalten magst. Aber das Lachen, von dem Du vorhin sprachst, lernt man zumeist nur dann, wenn man lange Zeit von vielen verbissenen Möpsen umgeben ist —  und das wird denn garkein helles Lachen. Den Möpsen hab ich Dich nun entführt —  die siehst Du nie mehr wieder —  daher lachst Du nicht mehr so —  wie Du’s gewöhnt warst. Du hast es ja garnicht nötig, über die Verbissenheit zu lachen; die liegt Ja hinter Dir.“
Liwûna lachte nach dieser Rede so laut und hell, dass aus allen Blütenkelchen ein tausendfaches Echo herausschallte. Das Echo war so fein und vielstimmig, dass die Beiden lange voll Entzücken dem Wohllaute lauschten. Und der stumpfe weisse Kreidehimmel ward klarer.

Es tauchten unten aus der riesigen Blumenwelt alte Tempelruinen empor; sie gaben dem Gespräch eine andre Richtung.
„Sieh mal,“ sagte Kaidôh, „hier entwickelt sich in mir wieder der Schmerz um die zerstörte Vergangenheit. Ich vermag es nicht, diesem Schmerze zu entfliehen. Es ist keine trübe Wehmut, die nur im eingebildeten Unmut weh thut —  es ist echter richtiger Schmerz.“
„Der wird Dir wohl ganz dienlich sein.“
Also lautete Liwûnas Antwort.
Und Kaidôh hatte das Gefühl, als tasteten alle Weltwesen wie die Blinden in der Welt umher —  Alles schien ihm unsichere Tasterei zu sein.
Die Ruinen konnte er garnicht überschauen —  so gross waren sie. Sie waren auch stellenweise so überwuchert von Dorngestrüpp. Und er empfand es sehr schmerzlich, dass Liwûna so schnell vor ihm weiterflog und sich garnicht nach ihm umdrehte. Er hätte so gerne die Ruine länger angesehen, um einen Überblick zu gewinnen. Es ging aber nicht; die Liwûna flog zu schnell.
Bald zogen auch weisse Wolken unter seinen Füssen vorüber und verhüllten die ganze Blumenwelt und alle Ruinen.

Als sich die weissen Wolken wieder auflösten, lagen mächtige schwarze Felsen unter ihnen. Und als sie nach oben blickten, waren auch oben schwarze Felsen.
Die Beiden schwebten durch eine grosse schwarze Felsenhöhle, in der es immer dunkler wurde.

„Ein Blick in den Sternenraum,“ rief Kaidôh, „ist doch das Grösste in dieser Welt. Warum, Liwûna, zeigst du mir keine Sternenwelten? Sind die alle zu gross für mich?“

Es wurde ganz dunkel. Und Liwûna war nicht mehr zu sehen. Sie rief aus weiter Ferne:
„Kaidôh! Kaidôh!“
Das klang so voll Jubel, dass er gleich hinstürmte; er bewegte dabei so heftig die Fusszehen, dass sie ihm weh taten.
Als er wieder die Nähe seiner Freundin fühlte, hörte er sie leise rufen:
„Duck Dich, Kaidôh! Hier ist der Ausgang! Komm! Komm!“
Er folgte und sah plötzlich rauschende Lichtfülle und —  unzählige funkelnde Sterne.
Und Kaidôh sah hinab —  und unten glühten in grausiger Tiefe unzählige rote Sterne —  die bewegten sich alle hin und her.

Und Kaidôh sah hinauf —  und da drehten sich Sterne um sich selbst —  die schimmerten so wie Perlen.
Und Kaidôh sah gradaus und rechts und links —  und da wanden sich unzählige bunte Sterne durch den Raum —  die hatten eckige kantige schlauchartige und linsenförmige Gestalt.

Und Kaidôh sah hinter sich und erblickte eine riesige schwarze Felswand —  die ging nach oben, nach unten und nach allen Seiten der Fläche steil und grad als glatte Platte ins Unendliche.

Liwûna schwebte nicht weitab von Kaidôh. Beide liessen sich seitwärts wehen von einem sanften Himmelswinde.

„Jetzt kommt ein Stern ganz nahe vorbei!“ rief die Liwûna.

Und es schwebte durch die Luft ein Stern heran, der wie ein plumpes Ungeheuer aussah —  wie ein höckriger Schlauch. Eine ungeheure, unregelmässig nach allen Seiten aufgequollene Weltenmasse —  mit kurzen bunten Rüsseln —  bunten Raupen ähnlich! Wie Fühlhörner bewegten sich die Rüssel. Und dicke spitze Stacheln bedeckten den ganzen Leib des Sterns. Einen Kopf hatte das Vieh nicht; wo man vorn den Kopf vermuten konnte, kam weisser Dampf aus vielen Löchern hervor. Aus einzelnen Rüsseln wirbelten ebenfalls weisse Dampfwolken nach allen Seiten. Der Dampf kam stossweise und ging schnell auseinander.
Während das Ungeheuer vorüber flog, bewegten sich seine vielen Fühlhörner, die besonders auf den Höckern sassen, sehr heftig, als wenn sie die Nähe von feindlichen Wesen witterten.
Die plumpe Schlauchmasse, die sich in der Form immerfort veränderte und zuweilen einem zerknillten Kopfkissen ähnelte, drehte sich plötzlich um sich selbst und rollte sausend schnell davon, wobei sich viel weisser Dampf entwickelte, der wieder rasch auseinander ging.
Und Kaidôh wollte wieder seine Zehen bewegen —  es gelang aber nicht. Er blickte hinunter —  und —  oh! —  seine Füsse waren so tief, dass er sie kaum noch zu erkennen vermochte.
Kaidôh war grösser geworden —  und seine Füsse und seine Zehen ebenfalls.
Er musste laut auflachen. Doch Liwûna rief heftig aus:
„Kaidôh! Das finde ich nicht hübsch, dass Du über Deine Grösse lachst! Du hast doch immer grösser werden wollen! Und jetzt, da Du’s bist, ist es Dir wieder nicht recht? Ich glaube, Du bist sehr undankbar und sehr launenhaft.“

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