Liwûna und Kaidôh

ps_080 Und leise flüstert die Liwûna:
„Alle, die hier im Nebelreiche liegen, hatten so viel geträumt —  ihr ganzes Leben hindurch. Im Traume schwebten sie durch viele Sonnen Monde und Sterne. Dann aber kam eine Nacht, in der sie nicht mehr von all den Glanzwelten träumten. Ihre Freude am Traumleben war zerstört —  von einer unsichtbaren Hand. Und die Nacht wurde finster. Sie lagen da in banger Pein, und ihnen wurde so schwer. Sie fürchteten sich auf einmal vor einer schweren Stunde; ihnen war so, als käme das grosse Schweigen heran. Und sie hatten Angst vor dem grossen Schweigen —  Angst vor dem grossen Sterben. Und dann dachten sie an die ersten Jahre ihres Lebens —  an Eltern Freunde und Frauen —  an Kinder und Greise —  an alte Möbel und alte Stuben, die garnicht mehr da waren —  oder zerfielen wie altes Gemäuer am Meeresstrande, wenn die grossen Wogen unaufhörlich gegenschlagen. Und die Gedanken an das Vergängliche machten so schwer; die schweren Hände wollten noch was greifen —  aber sie wussten nicht was. In der Finsternis nur bleiche Angst und Herzenskrampf.“
Und dem Kaidôh wird zu Mute, als träume er noch einmal einen langen Kindheitstraum; in dem Traume entwickelt sich Alles sehr schnell, der Träumende wird älter und anders und empfindet zugleich, dass er das Älter—  und Anderswerden nur träumt.
Und die Liwûna fährt leise fort:
„Und da packte die Traurigen, als die schweren Stunden allnächtlich wiederkehrten, ein neues Empfinden an. Sie näherten sich langsam dem grossen Geiste, der überall ist —  auch in ihrer Brust. In seiner Nähe fanden sie ihre alte Traumruhe wieder, und sie vergassen ihre Angst und gaben sich in der geheimnisvollen Stille der Finsternis ganz dem Grossen hin, der keinen Namen hat —  der das Ewige ist —  der bleibt, wenn auch alles vergeht. Ging es Dir nicht ähnlich, mein lieber Kaidôh?“
Ein paar Kinder öffnen unten ihre kleinen Fäuste und irren mit den kleinen Fingern durch die Luft.
Kaidôh träumt noch und empfindet das Verwirrende und Erschöpfende des Traumes; er möchte aufwachen, kann aber nicht —  es liegt sich auch so gut und weich.
Es ist so still im Reiche der Schläfer. Kaidôh lächelt und nickt, er wundert sich, dass Liwûna so viel weiss, und während er von schwankenden Kornfeldern träumt, sagt er nachdenklich:
„Ja! Die Sehnsucht nach der zerstörten Vergangenheit ist die schwerste Sehnsucht; sie gebiert die bittersten Stunden der Wehmut. Und alles Andre, was Liwûna sprach, stimmte gut zusammen —  wusste sie noch von mehr?“
Seine ganze Vergangenheit zog vor ihm vorüber.
„Ich weiss noch,“ versetzte Liwûna schnell, „von Deinem lautlosen Gebet.“
„Sei still!“ sprach Kaidôh, „lass uns weiter schweben. Wir wissen nicht, ob wir die Schläfer stören —  sie wollen doch weiter träumen.“
Und die Beiden erhoben sich, indem sie mit den Armen um sich griffen, reckten ihre Glieder und verliessen das Nebelreich —  schwebten empor und weiter durch die schwarze Schlucht, in der die Dämmerung so schwer an den Steinen hing wie die schweren Stunden, in denen Alles zu Ende zu gehen scheint.
Kaidôh klagte über die Schwere.
Da wandte sich Liwûna zur Rechten und schwebte durch ein gewaltiges Felsenthor.
Kaidôh folgte.
Und blaues Licht umfloss die Beiden.
Das blaue Licht leuchtete wie Geisteraugen. Aber es umfloss nicht blos Liwûna und Kaidôh —  es hing sich auch an viele schwebende Köpfe, die wie blaue Schneeflocken aus der Lichthöhe herunterrieselten. Die schwebenden Köpfe waren auf der Schädelplatte sehr stark behaart, und alle hatten Vollbärte, die den ganzen Hals verdeckten. Und das blaue Licht hing an den Köpfen, als ob es sie herunterzöge.
Liwûna sagte, das wären lauter Denker —  grosse Denker —  weises Volk! Und in den Haupthaaren der Denker fing es plötzlich zu brennen an; buttergelbe Flammen schlugen aus den Hirnschalen heraus, und durch die brennenden Haare entstand ein grosser Feuerregen —  buttergelb war der. Liwûna schwebte mitten in den Feuerregen hinein; die gelben Funken rieselten knisternd um die perlgrauen Gewänder, die so dünn erschienen wie feinste Schleiergebilde.
Kaidôh erschrak; er glaubte, die Liwûna müsste gleich Feuer fangen und brennen wie die Hirnschalen der Denker.
Und besorgt flog der Erschrockene zu Hilfe.
Doch seine Freundin wandte sich lächelnd um und meinte lustig:
„So ganz gleichgültig scheine ich Dir also nicht mehr zu sein. Das freut mich. Aber Angst brauchst Du meinetwegen nicht auszustehen. Mir schadet das Feuer der Denker ebenso wenig wie Dir. Warum wunderst Du Dich nicht, dass wir garnicht Feuer fangen können?“
Kaidôh gab keine Antwort, und sie flogen rasch durch die brennenden Köpfe durch in ein grosses Blumenreich.
Berauschender Duft steigt da den Beiden in die Nase. Der Himmel ist hell und weiss wie Kreide. Doch unten blühen Riesenblumen —  so hoch wie Berge —  Blütenkelche so tief wie Thäler —  Staubfäden wie schwankende Leuchttürme. An einer langen Mauer hängen Weintrauben, die so gross sind wie dicke Bündel aufgeblasener Luftballons.
Ringsum ein Urwald aus Riesenblumen!
Glockenblumen, die grossen Tempelhallen ähneln! Rosenstengel, die nicht von tausend Gorillas zu umspannen wären! Lilienkelche —  so tief wie Kellergewölbe in alten Burgen.
Lauter farbenstrotzende Blumenwälder unter dem weissen Kreidehimmel! Sehr viele dicke Blumen haben Blütenblätter —  die sind gemustert —  wie zusammengeknotete Salamander und Schlangen. Manche Blüten bestehen aus riesenhaften Schmetterlingsflügeln —  faltenreich geknillt, verbogen und verschroben sind die. Und Alles ist schrecklich bunt und so sammetartig. Der Blütenstaub liegt an vielen Stellen so dick, dass er farbigen Schneemassen gleicht.
Eine Riesen— Gärtnerei!
Sie schweben langsam über den grossen Blumen dahin und blicken immerzu staunend in die Tiefe.

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