Liwûna und Kaidôh

ps_079 Ich schrecke zusammen und taste mit den Händen um mich, doch ich fühle nichts. Auch der schwarze Stein lässt sich nicht anfühlen; die Hände gehen ohne Empfindung durch. Ich kehre der Glanzwelt den Rücken, bewege wieder die Zehen und schiesse in die Höhe —  immer höher —  aber aus der schwarzen Felsenschlucht komme ich nicht raus. Plötzlich giebts einen Krach, und auf allen Seiten fällt was runter, und ich habe das Gefühl, dass alle schwarzen Felsen in die Tiefe fallen.
Und ich blicke in eine Spiegelwelt.
Lauter Spiegelwände! Grade und krumme Spiegel —  in verschiedenen Winkeln stehen sie zu einander. Oben sind auch Spiegel kantenreich durcheinander gestellt —  unten nicht.
Ich sehe Liwûna in den Spiegeln viele Tausend Mal. Sie hat noch ihr Elfenbeingesicht —  grüne Augen funkeln darin. Sie starrt mich an allen Ecken und Enden wie eine richtige Medusa an.
Neben der Liwûna erblicke ich ein anderes Wesen.
„Das ist Kaidôh!“ sagt sie neben mir.
Kaidôh sieht ernst aus und hat eingefallene Augen, die grau sind, vergrämt und ruhlos umherschweifen wie die Augen der Diebe.
Kaidôh nickt der Liwûna zu und spricht zu ihr in all den Tausend Spiegeln.
Was spricht Kaidôh?
Seine Stimme tönt hell und splitternd —  es ist aber nur eine einzige Stimme.
Er sagt langsam und hört sich dabei:
„Das Glück ist stets in dem Andern. Deswegen müssen wir der Andre werden. Wir müssen nach dem Andern suchen. Wenn wir suchen, ohne zu wissen, was wir wollen, so suchen wir immer ein Andres —  das ist das Unbekannte —  das Fremde —  das ist es, was wir herbeisehnen. Und wir sehnen uns nach der grossen Überführung. Für gewöhnlich verstehen wir uns nicht. Es ist jedoch kein einfaches Hinübergehen —  wir müssen hinübergeführt werden —  ins Andre hinübergeführt werden —  von dem Geist, der uns immer begleitet. Das Eigene müssen wir vergessen —  aus uns herauskommen —  nur dadurch kommen wir in uns hinein. Eine sehr drollige Geschichte —  aber auch eine sehr ernste —  so schauerlich ernst wie der Unsinn, der uns als Wahrheit erscheint. In den Spiegelwelten sehen wir die Wahrheit im Unsinn und auch den Unsinn in der Wahrheit. Alles ist verzerrt und verschoben —  Fratzenreich! Aber so ist immer die Welt, wenn sie sich uns von sehr vielen Seiten zeigt. Wir müssen sie im Ganzen fühlen —  fühlen —  im Ganzen.“
Liwûna führt den Kaidôh fort, streichelt seinen Kopf, der ihm weh thut —  so furchtbar weh. Kaidôh weint —  weint.
Liwûna weint mit —  in allen Spiegeln.
Und sie führt ihren Kaidôh weiter durch die schwarze Schlucht, die wieder da ist —  durch die schwarze Felsenschlucht, in der keine Sterne leben —  in der nur ein graues Dämmerlicht heraufdringt aus der Tiefe —  aus den Nebeln, die da leuchten.
Und die Liwûna führt ihren Kaidôh hinunter in das stille Nebelreich, in dem die grossen Schläfer träumend schlafen.
Das Reich der Schläfer ist sehr sehr gross. Sie liegen unten unter den Nebeln mitten in der freien Luft —  umhüllt von feinen perlgrauen Schleiern. Die Nebel bilden den Himmel der Schläfer. Sie liegen neben—  und untereinander —  aber berühren thun sie sich nicht. Die Luft ist ihr Bettzeug. Die feinen perlgrauen Schleier hängen schlaff wie die Zweige der Trauerbirken; einige Schleier zittern und bewegen sich, als würden die Körper von tiefen Seufzern durchzogen.
Es schlafen da Riesen und Zwerge und Wesen mit seltsamen Gliedern, Tiere mit tausend Köpfen und Kinder mit einem Kopf, der grösser ist als ihr Leib. Alle schlafen und träumen —  einzelne schnarchen ein bischen —  doch nicht zu laut. Zuweilen bewegt sich ein Fuss oder ein Arm. Lange Haare hängen an manchem Haupt —  und die Haare bewegen sich —  ganz wenig im Takte wie die langen Perpendikel alter Uhren. Es ist so still im Reiche der Schläfer.
Und die Liwûna erzählt ihrem Kaidôh von den Träumen der Schläfer, und sie führt ihn dorthin, wo Kinder und Knaben träumen. Und die Beiden legen sich über den Träumenden genau so in die Luft wie die Kinder und Knaben.

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