Liwûna und Kaidôh

ps_083 Und er fühlt Boden unter seinen Füssen.
Rauschende Lichtfülle bricht hernieder und macht die Bergnasen und die Schluchten ganz hell —  so hell, wie’s tausend Sonnen kaum vermögen.
Kaidôh ist nicht geblendet: er sieht seine Welt in einem neuen Licht.
Die Bergnasen sind keine Gletscher mehr, es sind bunte Fliesenterrassen mit bunten Wasserfällen und bunten Springbrunnen, mit Blumenhecken und spiegelnden Teichen, mit Turmkanten Gallerieen Säulenhallen und blanken Treppen.
Ein glänzendes Fliesenreich!
Da sind keine Häuser, die Kaidôh nicht mag, da sie an schwerfällige Schnecken und Schildkröten erinnern. Und doch bildet das Ganze ein grosses Bauwerk mit sieben Terrassennasen und mit sieben Terrassenschluchten.
Und Kaidôh jauchzt.
Diese Welt ist einfach.
Mit dieser einfachen glänzenden Terrassenwelt kann er sich verbinden —  mit all den bunten Fliesen, die so einfach sind, kann er Eines werden.
Und er wirft den Kopf ins Genick —  das geht langsam nur —  doch es geht.
Die Sternriesen sind unsichtbar.
Der Himmel ist dunkelblau und so voll leuchtender Strahlenglut —  wie ein ewiges Rauschdach.
Und Kaidôh sieht oben aus seinen Fingerspitzen weisse Flammen herausflackern.
Und er fühlt, dass seine Hände brennen.
Und er jauchzt.
Er fühlt seine Hände nicht mehr —  er fühlt Fliesenterrassen.
Und er jauchzt.
Und seine Arme brennen.
Und es brennt seine Stirn —  und er sieht nicht mehr mit seinen alten, grossen Augen.
Unter seinen Fusssohlen fühlt der brennende Kaidôh Eiseskälte —  das Rubinmeer ist gefroren.
Weisse Flammen lodern um Kaidôhs ganzen Leib.
Aber nun beginnt ein neues Sehen und ein neues Fühlen für den grossen, lodernden Kaidôh —  er sieht mit Fliesenaugen in die hohe Welt —  und er fühlt mit den sieben Terrassennasen.
Während sein Riesenleib in hell blitzenden weissen Lichtflammen verbrennt, verbindet er sich mit den sieben Terrassennasen und mit den sieben Terrassenschluchten.
Und er schaut anders in die hohe Welt —  als ein buntes einfaches Fliesenrad.
Und die Eiseskälte unter seien Füssen zerfliesst —  er geht ganz auf in dieser vereinfachten Welt.
Die Bergnasen mit den Schluchten erwachen zu einem neuen Leben —  und ihnen ist so als hätten sie lange geträumt.
Und das ganze Rad dreht sich und funkelt —  und schwankt nun mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her —  hin und her —  hin und her.
Das ganze Rad dreht sich und funkelt.
Die Sternriesen drehen sich langsam mit und funkeln auch.
Und das Rad schwankt mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her und schwebt dann weit hinüber in die Nacht hinein, dass die ganze lichtrauschende Weltblüte bald so klein erscheint —
—  wie ein einfacher Lichtpunkt.

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Paul Scheerbart   http://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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