Liwûna und Kaidôh

ps_085 In seiner Nähe weilt wieder seine Liwûna. Wohl sieht er sie nicht, jedoch er fühlt sie wie einen kühlen Luftzug, und sie spricht feierlich:
„Jetzt kann ich Dich verlassen.“
Und sie thut, wie sie sagte.
In der Ferne hört er sie noch einmal in schweren Tönen rufen:
„Kaidôh! Kaidôh!“
Er will sie noch einmal sehen und ruft:
„Liwûna!“
Indessen —  nur Echos antworten in der Ferne.
Die Echos wollen garnicht aufhören, rufen immerzu:
„Liwûna! Liwûna!“
Wie die Echos nur noch ganz schwach aus der weiten Ferne über die Berge herübertönen, spricht Kaidôh still zu sich selbst:
„Ist Liwûna ein Echo geworden? Ein Allecho? Ein Sehnsuchtsallecho?“
Und er denkt über die Sehnsucht nach und möchte wissen, ob ihre Macht so weit reicht wie Zeit und Ewigkeit.
Und der dritte Sternriese giebt ihm Antwort —  in leichten Worten —  diesen:

„Nur wo immer viele Dinge
Gründlich sich verändern sollen,
Fühlt die Sehnsucht sich zu Hause.
Ist der Wandel der Erscheinung
Gründlich eingeleitet worden,
Macht die Sehnsucht, dass sie fortkommt.“

Kaidôh hebt seine Arme höher und versucht die Finger noch immer weiter auszuspreizen —  ihm ist, als würden sie immer länger.
Und er fühlt sich so frei.
Er spricht nach ein paar stillen Augenblicken hart und deutlich:
„Der Schatten ist fort. Nun ist Alles einfach. Ich bin allein“
Und der vierte Sternriese flüstert, dass es zischt:

 

Doch glaube nicht,
Dass dies das Letzte sei.
Dem Letzten folgt
Noch immer Mancherlei.“

ps_084 Aus den Schluchten dringen Töne an sein Ohr, die er nicht versteht —  sie sprechen von Tod und Einsamkeit —  von rasendem Rausch und festlichem Zusammenbruch. Und die Töne stören den grossen Kaidôh; er empfindet, dass er bereits in seiner gewaltigen Stunde lebt —  und er empfindet gleichzeitig schmerzlich, dass dem Gewaltigen noch etwas fehlt —  dass es noch nicht voll ist —  dass ers noch nicht vollendet nennen kann.
Er hebt die Arme höher und höher.
Es wird heller auf den Bergnasen und in den Schluchten, die den grossen Kaidôh wie Radspeichen anmuten.
Und der fünfte Sternriese brüllt heftig:

„Es giebt auch keine vollendeten Sachen;
Die Kugeln drehen sich zu viel,
Die Weisen müssen zu viel lachen.“

Ein Ahnungsspiel entwickelt sich vor Kaidôhs Augen; er bildet sich ein, Geister zu bemerken und diese Geister mit Sinnen wahrzunehmen, die er bislang nicht gekannt und nicht besessen hat. Und er hat die Überzeugung, tiefer ins All blicken zu können, und es durchzuckt ihn: er erkennt in der Tiefe des Alls einen grossen Riesen, der ganz allein da sitzt und sich nicht rührt. Und er hält diesen einsamen Riesen für die grosse Ruhe, die da kommen soll in dem Reich, das weder Licht noch Schatten kennt. Und er bildet sich trotz Allem wiederum ein, das Ganze verstanden zu haben.
„Er ist allein und ruhig!“ sagt Kaidôh.
Aber der sechste Sternriese brüllt wie ein Donnerwetter:

„Auch in jenem Jenseits,
Das wir hinter Licht und Schatten wissen,
Ist die grosse Welt kein Ruhekissen;
Das Unaufhörliche kann nie vollendet sein.
Durch Schlaf und Tod gehts nur zu neuer Lebenspein
—  Aber auch zu neuer Lebenslust — „

Kaidôh hebt die Arme ganz hoch, dass sich seine Hände hoch überm Kopfe beinahe berühren.
Er wartet auf einen Augenblick, der gewaltiger ist als alle andern.
Die Sternriesen verblassen allmählich.
Die Bergnasen kommen noch näher.
Der siebente Sternriese spricht —  mit abgewendeter Stimme:

„Wo du auch hinüberfliehst,
Niemals kommst du an das letzte Ziel!
Preise jede Welt und auch die Sterne.
Alles, was du hier so siehst,
Ist ja nur ein feines Lichterspiel,
Eine grosse Wunderweltlaterne.“

Und Kaidôh fühlt, während die Bergnasen immer näher und näher kommen —  auf seinen Fingerspitzen und auf seiner Kopfhaut einen scharfen Druck.

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