Liwûna und Kaidôh

ps_086 Kaidôh kann nicht den Kopf bewegen und sieht so nichts von dem Meere. Er hört nur unten die Wale noch einmal singen.
Der Gesang klingt so lächelnd.
Die Wale singen:

„Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren,
Wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel —
Und wollen uns Garnichts weiter erklären,
Wir bleiben beim grossen Ahnungsspiel.
Und thun wir auch vielen Skorpionen leid,
Wir sind doch die Weisen —  im Narrenkleid.“

Es hallt lange in den Schluchten nach.
Die Wale tauchen im Rubinmeere unter, und klatschend schlagen die Rubinwogen über den schwarz und weiss karrierten Leibern zusammen. Ein Brausen steigt empor und weckt in den Schluchten dumpfes Donnergetöse.
Kaidôh reisst weit seine beiden Augen auf, dass sie leuchten wie Phosphorsonnen und aussehen, als sähen sie Unsägliches.
Der Mondschein zergeht. Oben im Himmel erscheinen viele Sterne. Und ganz hinten über den sieben Schluchten erscheinen sieben ungeheure Sternriesen mit Raketenarmen und unzähligen Köpfen, die goldene Hörner haben und bunte Brillantenaugen. Die Leiber der Riesen sind goldene und silberne Astknorren, um die sich Opalschlangen winden. Und Alles funkelt und glitzert. Die blauen und roten und grünen Sternfarben brennen gewaltig in die Nacht hinauf.
Die Bergnasen und die Schluchten sind dunkelbraun und nicht sehr hell.
Kaidôh sagt leise:
„Nun will ich das Letzte!“
Da spricht der Sternriese, der zuerst erschien:

„Ja! Wir Grossen preisen nie das Letzte,
Denn das Letzte giebt es nicht.
Wen das Unbegreifliche verletzte,
War noch nie ein Rauschgedicht.“

Kaidôh versucht, seine Arme zu heben, und will damit sagen, dass er auch das Unbegreifliche empfangen wolle mit weit offenen Armen.
„Es muss aber doch einen Abschluss geben!“ ruft er heftig beim Armheben aus.
Und der zweite Sternriese erwidert ihm:

„Das Unaufhörliche durchlacht auch diesen Raum,
Und nur ein Farbenspiel ist jeder Todestraum.“

Kaidôh bemerkt, dass die Sternriesen ganz einfach sprechen —  trotz ihrer vielgestaltigen Körper. Und er fühlt, dass ihm die einfache Sprache der Sternriesen so wohl thut —  er wollte ja das Einfache.
Nun wird ihm die ganze Welt immer einfacher.
Und er will nur noch das, was doch geschieht.

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