Liwûna und Kaidôh

ps_078 Ihr Gesicht kann ich nicht sehen, ich sehe nur ihren breiten weissen Nacken und zwei lange braune Zöpfe, die auf einem gelben Seidenkleide hin—  und herpendeln.
Ihr Kopf ist mit meinem Kopf in der gleichen Höhe, und ich komm ihrem Rücken ganz nahe und greife mit der Linken in ihren vollen Arm. Doch die Hand geht gleich durch ihren ganzen Leib, und die Riesendame lacht wie ein Kobold.
Und sie sagt lachend:
„Ich bin doch nicht aus Fleisch und Blut. Was fällt Dir denn ein? Ich bin doch Liwûna. Und Du bist doch Kaidôh. Weisst Du das noch nicht?“
Ich muss lächeln und erwidre traurig.
„Also Kaidôh bin ich? Na ja, ich ahnte ja stets, dass ich was Andres sei.“
„Natürlich!“ ruft sie, „sonst könntest Du doch nicht so fein fliegen. Wir sind Beide aus sehr feinem Stoff; Luft ist plump wie Blei dagegen. Pass auf, was Deine lustige Liwûna machen kann.“
Dabei dreht sie sich um, zieht aus der Rocktasche ihres gelbseidenen Kleides zwei grosse Gewichte hervor, die viele Centner schwer zu sein scheinen, und hantelt mit den Centnergewichten, dass ihr die blauen Adern auf der Stirn und an den Schläfen anschwellen.
Ich frage sie, was das soll.
Da thun sich die Centnergewichte auf, und es fallen lauter Botokudenregimenter mit Schornsteinfegern untermischt aus den Gewichten heraus. Die Kerls sehen so klein und drollig aus, dass ich herzlich lachen muss.
„Gefall ich Dir jetzt endlich?“
Also fragt sie nun sehr rauh.
Und ich muss noch mehr lachen, bewege aber gleichzeitig wieder meine Zehen, um höher zu kommen.
Die Riesendame verschwindet unten, und ich denke mir, dass sie nicht so schnell fliegen kann —  da sie ja so dick ist. Doch ich irre mich, denn ich fühle sehr bald, trotzdem ich mit rasender Hast höher steige, ihre Nähe wie zuvor.
„Du entfliehst mir doch nicht!“ flüstert sie hinter mir —  mit einer ganz anderen Stimme.
Ich drehe mich rasch um und blicke in ein kleines feines sanftes Gesicht mit grauen Augen, die so ernst und milde mich ansehen —  wie ein guter Geist.
Und sie flüstert:
„Ich will so sein, wie Du es willst. Ist Dir das noch immer nicht genug?“
Es liegt so viel Sehnsucht in diesen Worten, ich werde weich und sage sanft:
„So schaff mir neue Welten —  ganz neue, die ich mir noch niemals ausgedacht habe und auch gar nicht ausdenken kann.“
Und ich höre die Liwûna erwidern:
„Liwûna thut Alles.“
Und dann verlässt sie mich.
In der Ferne höre ich sie rufen:
„Kaidôh! Kaidôh!“
Es wird Alles dunkel und zuletzt ganz schwarz vor meinen Augen.
Das Schwarze bleibt lange.
Allmählich wirds aber drüben an einer Stelle heller, und ich sehe einen Stern —  der sieht aus wie ein riesiger Diamant mit tausend feingeschliffenen Ecken und Kanten.
Und der Sterndiamant dreht sich um sich selbst.
Und seine Farben brennen.
Mächtige prächtige Lichtkegel in allen möglichen Farben drehen sich zuckend und zitternd durch die schwarze Nacht.
Und die Farben brennen sich mir ins Auge, dass ich geblendet werde.
Diamantenbrand!
Ein buntes ecken—  und kantenreiches Farbenfeuer mit glitzernden Flächen, die sich immerfort durcheinander schieben.
Und die spitzen Funken sind so grell.
Ich muss die Augen zumachen.
Ich halts nicht aus.
Ich fühle, dass Liwûna mich fortzieht —  ich bewege krampfhaft die Zehen.
„Du kannst das nicht aushalten,“ sagt sie mitleidig.
Und ich werde sehr unruhig; Angstgefühle klemmen mir die Brust zusammen.
„Ich kann das nicht aushalten,“ spreche ich tonlos nach.
Wir schweben weiter. Ich kneife die Augen fest zu; sie thun mir weh. Und dann bitte ich die Liwûna, mir andre Welten zu zeigen, die ich wenigstens ansehen kann.
Sie redet mit sanfter Stimme lange Zeit auf mich ein, und ich wage es danach, wieder die Augen zu öffnen.
Ich schwebe in einem zerklüfteten schwarzen Gebirge. Die steilen Felswände sind so hoch, dass ich oben Stein und Himmel nicht mehr unterscheiden kann. Der Himmel wird immer dunkler. Und unter uns ist alles sehr tief, und in der Tiefe ziehen sich graue Nebelstreifen wie Schlangen hin.
„Langsam!“ ruft mir meine Begleiterin zu.
„Ich weiss,“ fährt sie fort, „dass Du Etwas suchst, aber ich weiss auch, dass Du noch nicht weisst, wie das aussieht, was Du suchst.“
„Ja,“ versetz ich rauh, „ich weiss nicht, was ich suche. Dass ich aber Etwas suche, das weiss ich. Ich suche!“
Es umweht mich kühlende Luft. Liwûna sehe ich nicht, ich fühle nur ihre Nähe —  und das thut sehr wohl.
Da entdecke ich in der schwarzen Felsenwand einen Spalt, der hell ist. Ich nähere mich dem Spalt und blicke in ein grünes Wunderreich.
Lauter grüne Pilze! Sehr grosse Riesenpilze mit wunderlichen Pilzdächern —  gezackten und gespreizten! Und auch viele kleinere Pilze in allen denkbaren Grüns. Viel giftiges und viel glänzendes Grün —  helles und dunkles —  totes Grün und ein Grün, das so voll echter Lebensgier ist. Diese grüne Welt kann ich ruhig anschauen. Das Auge wird beruhigt durch das viele Grün.
Kleine weisse Elephanten mit hellgrünen Libellenflügeln fliegen emsig von Pilz zu Pilz. Und es strömt überall ein scharfes Licht aus dieser grünen Pilzenwelt. Die weissen fliegenden Elephanten krümmen drollig ihre Rüssel, als wenn sie lachen möchten. Sie lachen aber nicht —  ich kanns wenigstens nicht hören. Vielleicht lachen sie innerlich —  wie die falschen Narren.
Ich wende mich ab und schwebe weiter durch eine grosse schwarze Schlucht.
Die schwarzen Felsen sind nur ganz matt erleuchtet. Das Licht kommt aus der Tiefe, in der sich die grünen Nebel zusammenballen wie Fäuste. Oben sind keine Sterne. Der Himmel ist so schwarz wie die Felsen.
Ich möchte hinaus aus der schwarzen Schlucht. Liwûna will aber nicht. Sie hat jetzt ein so gelbes glattes hartes Antlitz, als wärs aus Elfenbein. Und sie zeigt mit der Rechten auf ein rundes Loch in der Felsenwand. Ich sehe durch und —  wieder was Andres.
Da drinnen ist Alles bunt und glitzernd. Eine Glanzwelt! Blumen sinds nicht, Blätter auch nicht. Es sieht aus, als seien da Milliarden Schmetterlingsflügel durcheinander geschüttelt. Es sind aber keine Flügel, denn Alles scheint sehr dick zu sein. Die blauen und roten Töne sind so verschiedenartig wie die violetten und gelben. Und sie sind gleissend hell wie durchsichtiges Email, das ich so liebe. Und die Muster sind zierlich verschnörkelt mit krummen Hörnern und gekräuselten Bändern. Goldene Riesenkäfer kriechen über die Emailwälder. Die Käfer kriechen blos, fliegen nicht.
„Suchst Du immer noch?“
Also fragt neben mir die Liwûna.
Und ich weiss nicht, ob ich noch suche.
Mir ist wie in einem wirren Traume. Ich habe so viel vergessen, und ich möchte doch so viel behalten.
Liwûna ruft drohend:
„Kaidôh! Kaidôh!“

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