Liwûna und Kaidôh

ps_087 Sodann spricht ein Walfisch allein —  seine Stimme dröhnt so wie tausend rauhe Bässe:

„Als langes wüstes Träumen
Erschien uns alles Leben.
Stumpf wie altes Weltgewürm
Schwammen wir nun ohne Worte
Durch den langen Himmelsraum,
Kamen so an eine Pforte,
Deren weite Schallgewölbe
Auf Säulen ruhten, die aus Glas bestanden
Und blitzten, dass wirs überall empfanden.
Als wir nun sehr bald bemerkten,
Dass die Schläge sich verstärkten,
Riss uns die Geduld —  wir schimpften;
Unsre dicken Walfischfelle brannten.“

Nach diesen sehr kräftig gesprochenen Versen räusperten sich die Wale, wackelten bedächtig mit den hinten hoch anfragenden Schwanzflossen hin und her und sprachen —  abermals im Chore:

„Und mit vielen Donnerworten,
Die wir itzo singen werden,
Brüllten uns die Säulen an.“

Dröhnend sprach hiernach der Walfisch mit der rauhen Bassstimme:

„Es sangen die Säulen!“

Und im mächtigsten Posaunentone sangen die Walfische, was die Säulen gesungen hatten:

„Also scheuert Ihr nicht ab
Eure Weltnatur.
Diese Pforte sei für Euch
Starres Sinnbild nur
Und ein Jenseitsgruss.
Denn hier geht es zu den Weltgesichtern,
Die auch hinter allen Räumen lachen,
Und auch hinter allen Farbenlichtern
Leben aus den Sehnsuchtsträumen machen.
Zwar zu der Jenseitsherrlichkeit
Kommt ganz allein die Weltenzeit.
Die geht so leicht durch diese Pforte
Und weilt an manchem Wunderorte;
Sie hängt beinah an jeder Weltallsfalte,
Nicht nur an der, die sich mit Sternen schaukelt;
Sie ging nach vielen Seiten,
Ohne zu verschwinden,
Und pflegte fortzuschreiten,
Ohne wegzugehen.
Die in Räumen sich befinden,
Werden niemals das verstehen.
Es schwebet die leichte Unbekannte
Nicht über dem ganzen Allgewande,
Doch hat sie viel davon gesehen.
Wollt Ihr das Ganze sehen, seht Ihr Nichts,
Wollt Ihr das Ganze hören, hört Ihr Nichts.
Ihr schwimmt im räumlichen Faltenschooss
Und wisst von Formen und Farben blos.
Und die andren Höhen Weiten und Tiefen,
Die im Allgewande wachten und schliefen
Und weder Höhen, noch Weiten, noch Tiefen sind —
Für Euch sind sie nicht da.
Ihr wisst nicht, was geschah.
Was wisst Ihr von dem Ganzen?
Mit dem könnt Ihr nicht tanzen.
Doch hier vor unsrer Säulenpforte
Entwickelt sich ein Ahnungsspiel
Von andrer Sinne Sehnsuchtsziel.
Atmet doch in jedem Augenblick
Noch manches andre Weltgeschick,
Das weder Lichter noch Schatten kennt
Und nicht vom Einen zum Andern rennt.
Und jede selige Stunde
Wird von dem Ahnungsspiel durchglänzt,
Dass eure Sehnsuchtsallkunde
Sich licht—  und schattenlos ergänzt.
Ja, nur Zeit und Ewigkeit
Stehn mit einem Bein in andren Sphären,
Des Gewürmes Wenigkeit
Soll in Sehnsucht sich verzehren
Und ein Ahnungsspiel gebären.
Diese Pforte sei für Euch
Starres Sinnbild nur
Und ein Jenseitsgruss
Von der Allnatur
Mit den Faltengebilden
Aus den Rauschglanzgefilden.“

Nach diesem langen Gesange rufen die Wale sämtlich, als wär ihnen ein Stein vom Herzen gefallen:

Schluss!

Es steckte viel Trutzigkeit in diesem kleinen Wort.
Und die sieben Wale im karrierten Fell kommen mit ihren dicken Köpfen dem Kaidôh in Brusthöhe ziemlich nahe, sodass die Köpfe einen Kranz um seinen Oberkörper bilden. Während sich nun Kaidôh mit ausgebreiteten Armen um sich selber dreht, steichen seine Hände, ohne dass ers will, über die Köpfe der Wale.
Und die Wale sinken nach dieser Berührung langsam in die Tiefe, in der ein blutrotes Rubinmeer funkelt. Die blutroten Rubine sind natürlich lauter grosse Sterne.

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