Liwûna und Kaidôh

ps_090 Und dem Kaidôh wird das Sturmgetöse unerträglich, er ruft weich:
„Liwûna! Das ist zu viel! Mach den Sturm einfacher! Mach ihn zur Musik mit Melodieen, denen ich folgen kann.“
Und der Sturm wird zur Musik mit langen weichen Tönen.
Unzählige Geigen erklingen und wiegen sich und schaukeln sich und schwirren, und die Töne dehnen sich aus und schwellen an und jubeln auf und klagen und summen und ziehen wieder hinaus in die Ferne in langen Zügen —  in die Unendlichkeit hinein.
Und Kaidôh wird von so vielen Empfindungen bestürmt, dass er sie nicht auseinanderhalten kann und unter dem Wirrwarr der Empfindungen ebenso leidet wie unter dem rasenden Sturmgepolter.
Der grosse Riese glaubt, die Musik wolle die Unendlichkeit auflösen, er aber kann alles Unendliche nicht mehr ertragen. Er flüstert wieder wie zu sich selbst: „Auch das ist zu schwer für mich!“
Und dann sagt er, wie die Gegenwinde immer weiter anschwellen und ihn immer weiter fortzuziehen suchen: „Liwûna, gieb Worte dazu!“
In der dunklen Ferne sieht er einen langen dünnen Stab —  gebildet aus lauter blutroten Rubinen —  auf—  und niedersteigen —  auf—  und niedersteigen —  wie ein Taktstock.
„Das ist ein Scepter!“ hört er die Liwûna neben sich sagen.
Er wundert sich nicht, dass sie das neben ihm sagt, während doch das Scepter so weit weg ist. Er will nur noch Worte hören.
Und er hört Worte.
Viele Männerstimmen singen.
Das Erste versteht er nicht —  es ist ein vielstimmiger Gesang —  und sehr gedämpft ist er.
Wie sie aber lauter singen, versteht er —  diese Verse:

„Wir mussten neulich so furchtbar lachen:
Ein Alter sprach so voll Herzeleid;
Er wollte die herrlichsten Verse machen
Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit.
Ihm aber gelang nicht das kleinste Gedicht,
Und dazu schnitt er noch ein Gesicht,
Als wenn die Unendlichkeit böse wär.
Ach Alter, wo kamst Du eigentlich her?
Mach Dir doch nicht das Leben so schwer.
Was machst Du blos für Sachen?
Man muss ja so furchtbar lachen.“

Die Geigen summten weiter, doch die Töne schliessen sich nicht mehr zu Melodieen zusammen.
Liwûna sagt:
„Du hörst nur Kopfnaturen in der Finsternis.“
Kaidôh denkt an die schlafenden Sternriesen und findet es seltsam, dass er selbst so lange ohne Schlaf durch die Welt schwebte. Er vergleicht das Sterben mit dem Einschlafen, wird aber durch ein Trompetengeschmetter aufgestört. Helle Hörnerklänge jubeln dazwischen. Die Geigen sind nicht mehr zu hören.
Mit einem Male wirds still, und tiefe Männerstimmen sprechen im Chor:

„Diese ganze Welt ist nur Sein Alltagsmantel,
Und wir Alle sind nur schlechter Zwirn.“

Tausend Echos hallen die Worte auf allen Seiten wider. Und es erklingen helle Glocken in einer lustigen Klimpermelodie. Dem Kaidôh kommt das Geklinge so bekannt vor. Tiefe Frauenstimmen singen dazu:

„Du kannst die ganze Welt verstehen,
Wenn Du vermagst, sie schweigend anzusehen.
Doch rufst Du dabei mal: Ich habs!
So kriegst Du einen derben Weltenklaps.“

Kaidôh will lächeln, denn er sieht ja nichts.
Er bleibt finster.
Die Glocken verstummen.
Eine tiefe Bassstimme, die so knarrt, spricht vertraulich in Kaidôhs nächster Nähe:

„Umfangreich sind die Weltengräber,
Aber wen verblüfft das noch?
Jeder schneidige Alldurchstreber
Findet unten doch ein Loch
In dem grossen Grabestrichter.“

 

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