Liwûna und Kaidôh

ps_091 Und er nimmt wahr, dass seine Beine mit grosser Schnelligkeit durch die Welt fliegen, während sein Kopf stille steht.
Der grosse Kaidôh hat die Empfindung, seinen Kopf wieder oben zu haben.
Und da sieht er ganz vergnügt in die Dampfwolken, die auf—  und abwirbeln —  und Liwûna sind —  was ihm unbegreiflich zu sein scheint.
„Sollte meine Sehnsucht ebenfalls unbegreiflich sein?“
Also fragt er sich selbst.
Und er hört aus den Wolken ein tausendstimmiges ‚Ja!‘ erschallen.
„Das klingt ja so,“ ruft er nun erstaunt, „als wenn Liwûna aus unzähligen Wesen bestände. Ist meine Liwûna in der Mehrzahl da?“
Und wiederum tönt ihm das tausendstimmige ‚Ja!‘ um die Ohren.
„Was ist verständlich in dieser Welt?“
Also fragte flüsternd Kaidôh —  der Riese. Und ihm wurde so kalt in dem weissen heissen Dampf, und er sagte zusammenschauernd:
„Nur Narren denken über Alles nach.“
Er wollte nicht mehr nachdenken.
Die Dampfwolken verzogen sich langsam, und ein gelbes grelles Licht drang körperhaft wie Wasser von allen Seiten rieselnd auf ihn ein.
Und er fühlte wieder wohltuende Wärme. Weiche Tropfen betupften seine Haut, sodass er wieder staunte —  denn er hatte lange nicht so deutlich seine Haut empfunden.
„Du bist mitten in einer grossen Gassonne.“
So rief ihm zischend wieder mal eine Stimme zu, die er niemals gehört hatte.
Und er sah einen Schlangenkopf vor sich —  der sprach kalt und lachend:
„Liwûna ist zur Knotenschlange geworden.“
Und er fühlte, wie ihr hellgrüner ungeheurer Schlangenleib mit den vielen Knoten sich um alle seine Glieder wand und nur die Arme und den Kopf freiliess.
In Liwûnas hellgrünem Schlangengesicht war die Schlangenhaut so fein, dass Kaidôh die schwarzen Adern deutlich unter der Haut sehen konnte; er sah in den Adern das schwarze Blut dahinströmen wie wilde Wasserfälle; er unterschied sogar weisse Schaummassen in den schwarzen Fluten.
Die Schlange sagte ruhig:
„Du hast gehört und hast gesehen, dass ich in sehr vielen Gestalten Dir erscheinen kann. Ich kann Dir in unendlich vielen Gestalten erscheinen. Wenn Deine Liwûna das schon kann, denkst Du da, dass grosse Sterne das nicht auch können? O ja —  sie können das. Jedes Stück Welt erscheint anderen Sinnen anders. Da das Erscheinen aber ein Sein ist, so ist jedes Stück Welt auch immer wieder etwas Andres, in jedem Augenblick —  zu gleicher Zeit das Eine und auch das Andre —  Alles, was es scheinen oder sein kann —  ist es auch immer. Und was vom Stück gilt, wird wohl vom Ganzen erst recht gelten. Auch der Allgeist ist nur in unendlich grosser Mehrzahl zu denken. Und mit einem so unbegreiflich grossen Geiste willst Du Dich vereinen? Weisst Du, wie Dein massloser Wunsch zu behandeln ist? Ich dächte, du könntest Dir die Frage selber beantworten.“
Kaidôh sah, dass Liwûnas Schlangengesicht immer wilder blickte, ihre zwei grossen Augen wurden ganz weiss und traten weit vor. Die schwarzen Adern schwollen heftig an. Und der Riese Kaidôh hatte ein Gefühl, als würde ihm der ganze Rumpf durch den Schlangenleib vom Kopfe getrennt —  er fühlte seinen Rumpf nicht mehr und glaubte, nur noch Kopf zu sein und weiter Nichts.
Und ihm gingen die Gedanken ganz und gar durcheinander, und es befiel ihn plötzlich eine zuckende Angst —  Angst vor dem Wahnsinn.
Und er rief laut:
„Liwûna! Liwûna! Ich will nicht mehr das Ganze. Es ist zu gross. Es ist zu viel. Ich will nur einen Teil —  nur ein Stück von der Welt. Ich will nicht mehr das Gewaltigste.“
„Was willst Du also?“ fragte die Liwûna rauh.
„Ich will,“ erwiderte der Kaidôh scheu, „eine vereinfachte Welt. Und mit der will ich zusammen eins werden.“
Und Kaidôh fühlte wieder seinen Rumpf unter sich aber seine Fäuste schienen ihm noch weiter entfernt zu sein —  seine Arme standen steif im rechten Winkel zum Körper.
„Eine einfache gewaltige Stunde!“
Also schrie Kaidôh in grässlicher Angst.
Und die Knotenschlange verschwand.
Alles wurde dunkel.
„Ich will sterben,“ flüsterte der grosse Riese, „denn das Leben ist zu schwer zu ertragen. Der rasende Wirrwarr ist zu gross. Man verliert zu oft den Kopf, und Alles wird sinnlos. Und ich sehne mich doch nur nach der gewaltigen Stunde —  und die finde ich doch nur —  wenn ich sterbe.“
Seine letzten beiden Worte klangen dumpf hallend durch die Finsternis, und ferne Echos riefen höhnisch zurück:
„Ich sterbe! Ich sterbe!“
Und er fliegt lange dahin ohne jeden Gedanken —  in die Finsternis.
Dann aber fühlt er, dass er nur mit Mühe weiter kann. Er muss stehen bleiben.
Er versucht, die Fäuste aufzumachen und die Finger auszuspreizen, als wenn er Halt suchen möchte —  da er ja keinen Boden unter den Füssen fühlt.
Und er kann die Fäuste aufmachen; es geht so ganz allmählich.
Und ihm ist so, als hänge er in der Finsternis.
Und er weiss nicht, wo er ist.
„Ich wusste,“ sagte er, „allerdings niemals, wo ich war. Das weiss ja Keiner. Daran muss man sich gewöhnen.“
Winde pfeifen um seine Ohren.
Und bald braust ein Sturm heulend durch die finstre Welt.
Es dröhnt in der Ferne, als würden gewaltige Schlachten geschlagen, und es knattert, als platzten grosse Granitsterne entzwei. Und dazu pfeift es gellend in keifenden hohen Tönen. Und es knallt und faucht und stöhnt und rasselt. Und es knistert, als flögen brennende Funken durchs All. Und dann bricht was Grosses zusammen, dass Milliarden Scherben durcheinander splittern.
Und bei alledem ist es stockfinster.

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