Liwûna und Kaidôh

ps_093 Ihnen ist so, als schwebten sie zwischen grossen dunklen Blasen in die Höhe. Die Blasen haben weichgebogene Lappenform; goldbraune und dunkelviolette Wellen schwimmen auf der Blasenhaut hin und her —  wie auf Seifenblasenhaut.
Es ist ziemlich dunkel ringsum.
An der einen Seite wirds aber immer heller, die Blasen verschwinden, und ein kirschrotes Licht leuchtet den Beiden ins Auge. Vor dem kirschroten Lichte, das in einem Nebensaale zu leuchten scheint, sehen sie eine lange Reihe von schwarzen Säulen, die wie Knochengerippe wirken und doch wieder Buchstaben sind.
Da steht geschrieben in schwarzer Riesenschrift auf kirschrotem Lichtgrunde:
„Glaube nicht, dass es immer gut ist, wenn Du oft zur Besinnung kommst. Viele verlieren dadurch ihre ganze Kraft und ihr ganzes Lebensglück, selbst das Todesglück kann dabei in die Brüche gehen.“
Kaidôh sagt kalt:
„Diese Worte gehen mich garnichts an.“
Das Licht verschwindet, und die Schrift ist nicht mehr zu sehen.
Die Beiden steigen höher, und abermals wird ein Nebensaal hell —  der strahlt in citronengelbem Licht. Und schwarze Säulenlettern davor sagen:
„Unsres Lebens Anfang und Ende ist uns verschleiert, dass wir glauben können, es gäbe Beides nicht. Unser Leben soll wohl ein Sinnbild der Unendlichkeit und Ewigkeit sein. Wir können unser Leben auch ein unaufhörliches Sterben nennen —  wir werden immerzu was Andres. Wir sollen uns eben immer inniger ins Ganze einschmelzen. Und wenn wir das thun, wird unser Leben aus lauter gewaltigen Stunden bestehen.“
Da geht ein Zittern durch Kaidôhs ganzen Körper, und er spricht leise wie zu sich selbst:
„Ich aber will den Abschluss —  ganz eins will ich sein mit dem Geiste, der Alles ist. Und so muss ich den Tod wollen —  den Tod, der keine weitere Veränderung hinter sich zulässt.“
Mit einem krachenden Donnerschlag spritzt das citronengelbe Licht nach allen Seiten und verfliegt.
Es wird ganz finster, und dabei geht ein wimmernder Luftzug durch die Gewölbe. Der Luftzug dreht den Kaidôh um sich selber und reisst ihn rasend rasch empor —  immer höher —  immer höher —  dass ihm der Atem stockt —  dass er denkt, die letzte Stunde seines Lebens sei gekommen —  dass er aufjauchzt —  und nun des grossen Augenblicks harrt —  und die Augen weit aufreisst —  um sehen zu können —  mit einem Blick —  das ganze All.
Und ein lilienweisses Licht springt auf und leuchtet auf allen Seiten. Und vor dem lillenweissen Licht steht in schwarzer Säulenschrift viele Male auf allen Seiten die grosse Frage:
„Was ist die Unendlichkeit?“
Und darunter steht:
„Kaum ein Finger des Unnennbaren.“
Und Liwûna schwebt mit ihrem Kaidôh durch einen goldenen Sternzackenkranz, der eine runde Öffnung der grossen Tempelkuppel umsäumt, ins Freie hinaus —  in einen braunen Nachthimmel, der mit weissen schmalen ovalen Sternen übersäet ist.
Draussen ist es kühl.
Und Kaidôh fühlt, dass ein starker Arm seinen ganzen Körper wagerecht legt, sodass er nicht mehr die weissen Sterne sieht —  sondern nur noch die Kuppeln. Die Liwûna neben ihm liegt auch wagerecht in der Luft mit dem Gesicht nach unten wie er.
Und so schweben sie empor rückwärts —  also dass sie immer mehr von den Kuppeln und Dächern der Sternriesentempel sehen.
Die Beiden schwebten, während ihre Gewänder rauschten und knatterten, neben Türmen und Säulenhallen immer höher so schnell, als wenn die Beiden von Riesenmäulern, die oben Luft einsogen, hinaufgezogen würden.
Und dann liegt das ganze Tempelreich in aller seiner Herrlichkeit unter ihnen.
Kaidôh ist ganz berauscht von diesem gewaltigen Anblick.
In der Mitte thront ein Kuppeldach, das einer goldenen Riesenperle gleicht; das Gold windet sich in Schlangenlinien hin und her —  gekörntes Gold, blankes Gold und getriebenes Gold.
„Das sind natürlich lauter bewegliche Sternriesen!“ erklärt die Liwûna.
Die Goldkuppel ist von hellblauen und dunkelblauen Zackenringen umrändert. Die Ränder sind aber breit.
Ein Kranz von kleineren spitzen Silbertürmen umzäunt die Zackenringe.
Um diesen Mittelpunkt sind nun hellgrüne und dunkelgrüne Riesenwürfel herumgestreut —  die liegen wie Steinfelder da —  bilden aber gleichfalls einen regelrechten Ring —  einen so breiten allerdings, dass es schwer fällt, ihn als solchen zu überschauen.
Und um die grünen spitzen—  und kantengrossen Würfel hat sich ein breiter grauer Wolkenring gelagert. Der Wolkenring ist im Innern sehr unregelmässig und zeigt viele tiefe Täler, in denen das Wolkengrau beinahe schwarz erscheint.
Und ganz breite funkelnde Glastürme ragen auf allen Seiten hinter den grauen Wolken in den Nachthimmel hinauf.
Und die Glastürme sind ganz hell, als wären sie sämtlich innerlich erleuchtet; an den vielen rechteckigen Kanten der Türme funkeln die Regenbogenfarben wie an Brillanten. Kaidôh kann nicht über die Türme hinüberschauen; sie steigen alle rechteckig als breite Massen auf, die sich oben nicht verjüngen; sie tragen auf ihrer ganz stumpfen Spitze auf ganz flachem Dach unzählige kleinere Türme, die wie Schornsteine aussehen und noch stärker funkeln als die breiten rechteckigen Türme, die das Grundgemäuer bilden.
Kaidôh schwebt noch schneller aufwärts —  immer höher und höher. Der Mittelpunkt —  das sieht er nun ganz deutlich —  leuchtet in seinem eigenen Licht. Die goldene Mittelkuppel leuchtet wie heftige Sonnen. Milder leuchten die blauen Zackenringe und ganz milde die grünen Würfel; die silbernen Türme zwischen beiden glimmen nur so wie Phosphor im Dunkeln. Die grauen Wolken erhalten ihre Helligkeit von den grünen Würfeln und den Glastürmen.
Die ungeheuren Lichtmassen erscheinen in ihrer Wirkung so klein —  da die Entfernungen so furchtbar gross sind.
Und Kaidôh gelangt allmählich in so ferne Höhen, dass er auch über die Glastürme hinwegsehen kann.
Und hinter den Glastürmen sieht er nun einen runden Reifen von gewaltigen Pyramiden —  ein Diadem aus gelben Topasen und lilafarbigen Amethysten, die sich abwechselnd folgen.
Das Pyramidendiadem liegt weit hinter den Glastürmen.
Und der Paramidenring wird wieder von Perlenfeldern umrahmt. Es sind aber schwarze sehr höckrige Perlen, zwischen denen vereinzelt wie Thränentropfen kugelrunde rosafarbige Perlen schimmern.
Und Kaidôh schwebt noch höher und empfindet das Ganze als grossen Tortenstern.
Hinter den schwarzen und roten Perlen recken sich aber noch in der Runde in regelmässigen Abständen sieben weisse Zungen vor, deren lange lange Spitzen hoch aufragen —  wie die Spitzen der Schnabelschuhe.
Die spitzen Zungen sind weiss wie weisser Sammet und übersäet von vielkantigen dunkelrot glühenden Granaten; das Weisse herrscht aber wie Schnee leuchtend vor —  so viele Granaten sinds nicht.
Neben den Zungen ist tiefschwarze Nacht ohne Stern.
Ein siebenzackiger Tortenstern liegt unter Liwûna und Kaidôh.
Von den Glastürmen sind nur die Kappen der balkenförmigen kleineren Türme zu sehen —  die sprühen aber ihr buntes Licht in Scheinwerfern durch das graue Wolkenreich, so dass das auch zuweilen ganz bunt wird —  bunter als alles Andre.
Der Wolkenring wechselt jetzt immerzu die Farben —  öfters ist er schwarz und weiss gestreift.
Auf den Spitzen der sieben weissen Schnabelzacken sitzen wie feine hohe Federsträusse blutrote Kometenschweife.
Durch die hochaufragenden Schnabelzungen mit den weit hinaus ins Weltall steigenden Blutkometen erhält das ganze Tempeldächerreich von oben gesehen die Form einer seltsamen Himmelsblüte.
„Du hast wohl schon,“ sagt Liwûna, „ganz und gar vergessen, dass Du das Gewaltigste suchtest —  nicht so, Kaidôh? Du wolltest Dich mal mit dem Unnennbaren, der Alles ist, vereinen. Das liegt nun hinter Dir, nicht wahr? Du musst nicht so masslos in Deiner Gier sein. Verbinde Dich doch mit dieser Himmelsblüte!“
Kaidôh sieht die Tempeldächer noch lange an, lässt das Gold und das Silber, das Blau und Grün, die Würfel Permiden Kometen Granaten und die Wolken mit den bunten Glaslichtern so recht fest in seinen Augen wirken und erwidert dann langsam:
„Diese Himmelsblüte ist ein grosses Glanzwunder —  aber sie umschliesst nicht Alles. Sie zeigt die Mannigfaltigkeit der Welt in sehr stark vereinfachter Form mit vereinfachrein Farbenspiel; durch Regelmässigkeit ist Alles vereinfacht.“
„Die Welt ist,“ spricht da hart die grosse Liwûna, „so entsetzlich grossartig, dass sie selbst von Sternriesen nur in einem vereinfachten Sinnbilde zu erfassen ist. Bedenke nur, was schon alles aus der blosen Vermischung von Farben und Formen entsteht.“
„Ich empfinde,“ fährt nun Kaidôh fort, “ diese Tempeldächer als Bestandteile von Häusern. Und alles Hausartige hat für mich etwas Schneckenartiges. Dass selbst Sternriesen noch des Hauses bedürfen, verkleinert sie in meine Augen um ein ganz Beträchtliches. Ich liebe es — ganz frei im All zu sein —  ohne beengende Kruste, die uns doch blos die Aussicht ins All —  ins Ganze —  versperrt. Ich will nun mal im Ganzen aufgehen —  und nicht in neuen Kapseln. Und daher fürchte ich, dass ich selbst dann, wenn ich mich mit dieser Himmelsblüte unlöslich für ewig verbunden hätte, genau dieselbe Sehnsucht haben könnte —  wie bisher. “
Nach diesen Worten ist es still im weiten All.

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