Liwûna und Kaidôh

ps_094 Während er ärgerlich sich abwendet und weiter möchte, schweben schaukelnde bunte Laternen aus der Kuppelhöhe hernieder und bilden ein paar Beruhigungssätze.
Kaidôh buchstabiert und liest:
„Du brauchst keine Furcht vor dem Tode zu haben. Wer sich eins weiss mit dem Geiste des Alls, kann die Todesstunde nicht mehr fürchten, denn was sie auch bringen mag —  sie bringt immer nur das, was der Geist, der Alles ist, will. Das, was der Namenlose will, kann nicht unsre Sache sein. Wer sich, obschon er Garnichts weiss, mit dem Allgeist eins weiss, wird allzeit ganz ruhig sein —  einverstanden mit Allem, was geschieht. Todesfurcht kann nur der haben, der zu viel Freude an seiner Selbstherrlichkeit hatte. “
Kaidôh schreit wütend:
„Ich habe doch keine Furcht vor dem Tode! Ich habe doch Sehnsucht nach dem Tode! “
Schauerlich hallen diese Wutworte durch die grossen bunten Glasgewölbe. Die bunten Laternen brechen klirrend entzwei und sinken in die Tiefe, die grau ist wie ein Wolkenbett.
Hastig spricht Kaidôh zur Liwûna, deren Gesicht sehr rot wurde:
„Warum höre ich kein klares Wort über die Todesstunde? Warum nicht?“
„Geliebter,“ entgegnet die Rote schnippisch, „was Du bloss zu verlangen beliebst! Man hätte viel zu thun, wenn man alle denkbaren Möglichkeiten, die beim Tode und nach dem Tode eintreten könnten, erörtern wollte. Und man würde doch nie zum Rande komme. Eine Formel, mit der man Alles lösen kann, findet man nicht —  in der gewaltigen Welt.“
Dem Kaidôh wird so traurig zu Mute. Er glaubt, dass man ihn absichtlich missversteht. Er möchte vor lauter Unruhe beinahe weinen —  kanns aber nicht. Er ist ja viel zu gross zum Weinen. So schnell sind seine Thränendrüsen nicht in Thätigkeit zu versetzen. Es ist nur ein Wunder, dass er immer noch sprechen kann.
„Du hörst nicht mehr auf mich! “ sagt er bitter.
„Du hörst auch nicht mehr auf mich!“ sagt auch sie bitter.
Und während sie weiterziehen, sehen sie sich die mächtigen Bogen der reichgegliederten Glaskuppel an, von der sie natürlich nur ein kleines Stück sehen können, das keinen Begriff vom Ganzen erzeugt.
Und schillernde Paradiesvögel setzen sich auf eine hohe türkisblaue Scheibe, und auch diese bunten kleinen Vögel, von denen Tausende da sind, bilden eine Schrift —  in verschiedenen Absätzen.
Der oberste Absatz lautet:
„Mit dem Prophetentum ist die Sache immer man mau. Jeder Prophete wird so leicht zum Hallunken. Weil aber auch diese von den gewaltigsten Dingen sprechen, so soll man ja nicht glauben, dass alles Gewaltige blos qualmender Mumpitz ist. Alles Ernste will auch sein Widerspiel in seinem Gegensatze haben. Und die Hallunken sind doch so —  spassig.“
Die Paradiesvögel zwitschern mächtig.
Der unterste Absatz lautet:
„Da das, was in der einen Gegend lebt, gleichzeitig immer noch wo anders lebt, müssen wir annehmen, dass alles Leben niemals im Einzelnen erstickt werden kann —  es wird immer noch wo anders sein.“
Kaidôh wendet sich wieder ärgerlich ab, da er nichts davon versteht, doch die Liwûna spricht schnell:
„Kaidôh, in der Mitte steht doch noch ein sehr wichtiger Absatz.“
Da steht nämlich:
„Die Sternriesen haben noch keinen ihrer Brüder sterben sehen und glauben nicht mehr, dass sie sterben könnten. Sie halten daher den Tod nur für eine Wesensverwandlung, die bei sehr unentwickelten Lebewesen eine Berechtigung hat. “
Kaidôh staunt darüber und wird verwirrt.
„Sagtest Du nicht,“ fragt er „dass wir im Todestempel der Sternriesen seien?“
„Das kann ich,“ erwidert sie, „nicht gesagt haben, denn bei den Sternriesen spielt der Tod garkeine Rolle. Die grossen Sternriesen verändern sich, ohne dabei gleich zu sterben. Die Inschriften, die Du kennen gelernt hast, sind nicht für die Sternriesen. Wir befinden uns hier immer noch in den äussersten Vorhallen. Du würdest viel Sternjahre brauchen, wenn Du Dir von der Tempeleinrichtung, die sich in ungeheuren Tiefen befindet, ein ungefähres Bild machen wolltest. Das Sinnbildliche würde Dir zudem ganz unfassbar bleiben.“
„Dann komm raus!“ sagt Kaidôh.
Das geht aber nicht so geschwinde.

Die Liwûna fliegt mit ihrem Kaidôh durch ein Perlkettenfenster in einen andern Saal. Und in dem ist die Kuppel so himmelhoch, dass Kaidôh müde wird bei dem Gedanken, da oben durch zu müssen.
Es ist still und geheimnisvoll ringsum.
In dem Saale sind nur ein paar Lichter sichtbar —  das sind grosse Sterne, die an fernen Säulen leuchten. Die Säulen sind als solche garnicht wahrzunehmen, da ihr Umfang viel zu gross ist.
„Wir müssen immerzu emporsteigen!“ sagt leise die Liwûna.
Und sie steigen immerzu empor.

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