Liwûna und Kaidôh

ps_095 Liwûna schwebt wieder an Kaidôhs Seite und macht ihm Enthüllungen; sie bietet ihm ein Spiegelbild von seiner Sehnsucht dar.
Er glaubt, er verstehe das Alles, und hat eine Empfindung, als könnte er Liwûna durch und durch durchschauen. Dabei lernt er sich endlich selber kennen —  bildet sich das wenigstens ein —  glaubt, dass er nur das Gewaltige gesucht habe und klammert sich an dieses Wort, als wärs sein neuer Heiland.
Was doch son Wort macht!
„Ich suche die gewaltige Stunde!“
Mit diesen Worten schwebt Kaidôh gradezu weiter und müht sich ab, allmählich die Finger zu krümmen —  was schrecklich langsam von Statten geht.
Die Säulen sehen jetzt wolkig aus wie undurchsichtiger Bernstein, und blassrote Korallenketten, deren Glieder sehr unregelmässig sind, winden sich schraubenartig um die Bernstein— Säulen.
„Liwûna,“ ruft Kaidôh, „Du weisst, was ich will. Warum erfüllst Du nicht meinen Wunsch?“
Die riesige Liwûna sagt müde:
„Diese Quälerei um des Gewaltigen willen! Als wenns nicht überall genug der Wunder gäbe! Als ob nur die schärfste Paprikatunke geniessbar wäre! Es giebt doch noch sanftere Tunken! O Kaidôh —  deine nie gestillte Lustgier hat Dich so überreizt, dass jetzt nur noch das Schärfste bei Dir zieht.“
Kaidôh wird furchtbar heftig —  es hilft ihm aber nichts —  alle seine Muskeln gehorchen ihm nicht.
Sie fährt sanft fort:
„Sollten Dir vielleicht die stillen Stunden der grenzenlosen Gedankenlosigkeit helfen können? ja doch! Auf einen Punkt starren und sich durch nichts ablenken lassen —  macht auch schon mal selig. Weise die Geschichte nicht so leichthin von der Hand. Die unbeirrte Beschaulichkeit, die alles Denken nur als Stimmungshebel und Stimmungshobel aufkommen lässt, hat schon manchen Masslosen erlöst. Sehr heldenhaft sieht die Sache freilich nicht aus —  aber sie erfüllt doch ihren Zweck.“
Kaidôh wird noch wütender.
„So hat mich noch Keiner verhöhnt!“ brüllt er auf.
Sie aber sagt freundlich:
„Glaube mir nur: Kinder der Einsamkeit sind alle Deine Wünsche. O Kaidôh —  warum willst Du bloss noch das Gewaltige?“
Kaidôhs Zorn verraucht. Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und weiss nicht, was er von ihren Worten halten soll.
„Scherze nicht,“ spricht er feierlich, „Du weisst, dass ich nicht anders kann. Wenn Du meine Sehnsucht bist, musst Du mir eine gewaltige Stunde schaffen können. Ich verstehe nicht, warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit ist.“
Sie schweben still zusammen weiter —  immer zwischen den undurchsichtigen Bernsteinsäulen —  die unzählig sind wie die Tropfen eines Meeres.
Und Liwûna sagt zögernd:
„In den Stunden des Lebens, die wir gewaltig nennen könnten, glauben wir oftmals, nahe daran zu sein, alle Rätsel der Welt mit einem Blick zu durchschauen. Es geht wohl was Grosses mit uns vor. Eine geheimnisvolle Macht scheint uns mit fernen Sternen zu verbinden —  und uns auch hinter alle Sterne zu führen —  und wir nehmen gern an, dass wir mehr sind als sonst. Viele fasten und beten und kasteien sich, um zu solchen gewaltigen Stunden zu gelangen. Und die bleiben Vielen dennoch fremd. Man muss sich eben führen lassen wie Kaidôh und warten können. Wäre der Weg zum Gewaltigen so bequem, so hätten wir garkein Recht von einem ‚Gewaltigen‘ zu reden —  denn es würde bald was Alltägliches sein —  und das Alltägliche ist nicht mehr gewaltig. Man muss sich also ruhig führen lassen von seiner Liwûna —  eine Liwûna kann doch jeder haben —  nicht wahr, mein lieber Kaidôh? “
Kaidôh empfindet so was wie Eifersucht, ihm kommt aber diese Empfindung gleich sehr lächerlich vor —  er würde lachen —  wenn er das noch könnte —  er bemerkt in seiner Aufregung garnicht, dass Liwûna nur von ihren lieben Schwestern sprach.
Der stürmische Kaidôh will blos[s] noch mehr wissen —  mehr von der gewaltigen Stunde, in der nach seiner Meinung der gewaltige Geist, der Alles umschliesst, im Innern des Empfänglichen für ein paar Augenblicke auflebt und das ganze Dasein verändert.
Die Liwuna sagt still:
„Du sollst mehr wissen. Dazu habe ich Dich hierher geführt. Es giebt hier im Tempel noch so manche Flammenschrift. Blick nur scharf gradaus —  auf einen Punkt —  dann wirst Du schon was sehen.“
Und Kaidôh thut unwillig, wie ihm geheissen wurde, und er sieht plötzlich eine Wand von rot glühendem Eisen. Und in dem rot glühenden Eisen entsteht eine Schrift aus flimmernden Opalen. Kaidôh kanns lesen und liest:
„Es umrauscht Dich ein wildes Meer, und tausend Stimmen schreien Dir die Ohren voll, und Du verstehst nicht, was sie sagen. Sie sagen, dass Alles, was lebt, nur Eines will: es soll nur wieder eine andere Seite des Daseins aufleuchten. Und das Dasein ist ein Brillant mit unzähligen Ecken und Kanten. Und Alles, was lebt, steckt in den bunten Strahlen, die hinausleuchten in die tiefe Finsternis, in der Alles, was lebt, aufflammen und vergehen soll. Es ist Alles nur ein bunter Schein.“
Und Kaidôh sagt scharf:
„Es ist Alles nur ein bunter Schein.“
Und die Schrift erlischt, und die glühende Eisenwand fällt in die Tiefe.
Und dicht vor Kaidôhs Gesicht entstehen humpelnde Gliederpuppen aus hellgrünem Chrysolith —  die bilden auch Buchstaben in der Luft —  und bald steht da vor der Finsternis in hellgrüner Schrift. „Wir möchten auch so gerne das Ganze umfassen, es ist nur so schwer. Wir denken daher in allem Ernste daran, uns mit einzelnen Teilen der Welt zu begnügen. Wir wissen allerdings, dass uns die Teile eines unendlichen Ganzen als solche ebenso unbegreiflich sind —  wie dieses selbst. Indessen —  du lieber Himmel! Halten wir, was wir grade haben —  obs nun Teile sind oder nicht. Man hat so doch immer noch Etwas —  wenigstens scheinbar! Es lebe die Kirsche!“
Und mit Geknatter zergeht das grüne Puppenvolk.
Kaidôh bedauert, dass er nicht mehr lachen kann —  was doch so lustig war.
Und er blickt seiner Liwûna ins grosse Antlitz, und siehe! —  ihr springen plötzlich die Zähne aus dem Munde heraus und bilden auf den roten Lippen eine weisse Glanzschrift —  die da sagt:
„Du kannst aber den Grossen, der keinen Namen hat und viel grösser als alle Unendlichkeit ist, dennoch —  fühlen. Es zuckt Dir noch einmal eine Erkenntnis durch den ganzen Leib. Du wirst dann plötzlich nicht mehr hören und nicht mehr sehen wollen —  denn Du wirst zufrieden sein, als wenn Du Alles wüsstest. Und Du wirst doch niemals sagen können, was Du weisst und was Du erkannt hast. Und es wird doch mehr als ein Traum sein. Und du wirst zufrieden bleiben —  solange Du Dein Leben lebst.“
Und Liwûna verschluckt ihre Zähne.
Kaidôh sagt hastig:
„So sollte es möglich sein? Unser Leben könnte schliesslich nur aus gewaltigen Stunden bestehen? Wenn das möglich ist, so soll es wirklich sein —  ich wills! “
„Was schreist Du so!“ bemerkt kalt die Liwûna, deren Zähne wieder an der richtigen Stelle sind, „glaubst Du vielleicht, dass es sehr geistreich wäre, wenn in unsrem Leben eine Stunde der andern ähneln würde —  wie ein Ei dem andern? Immer wieder neu und anders müssen alle Stunden sein —  auch die gewaltigen Stunden.“
„Dann,“ versetzt Kaidôh barsch, muss auch eine Stunde gewaltiger als die andre sein, und es muss eine gewaltigste geben. Und welche Stunde könnte nun die gewaltigste sein? Doch nur die, in der das Einzelwesen mit dem Allwesen ganz und gar verbunden wird. Und die Stunde nennt man die Todesstunde. “
Liwûna fragt sanft: „Suchtest Du den Tod?“
Kaidôh hört nicht mehr —  sein ganzes Wesen leuchtet auf in einem Gedanken —  er denkt sich mit dem Geiste, der Alles ist und keinen Namen braucht, für ewig vereint.
Und Alles, was den Kaidôh umgiebt, verliert jede Bedeutung für ihn —  auch Liwûna verliert ihre Bedeutung für ihn.
Und sie fliegen in einen grossen Saal, in dem so viele duftende Rauchwolken sanft emporwirbeln, dass die Beiden von den Wänden nichts gewahr werden.
Sie sind in dem kleinen Saal des Schweigens, in dem jeder durch die duftenden Rauchwolken am Sprechen verhindert wird.
Sie fliegen lange Zeit, und Kaidôh versucht wiederum eine Faust zu machen.
Und nach langer Mühe gelingt es ihm, eine Faust zu machen —  mit der rechten Hand —  mit der linken gehts noch nicht.
Kaidôh freut sich und fühlt sich dem Herzen des Alls ganz nahe und möchte sprechen.
Er kann aber nicht sprechen —  und fährt schweigend durch die Rauchwolken dahin wie ein Gewaltiger.
Und Liwûna findet einen Ausweg aus dem Saale des Schweigens.
Und sie schweben bald in freier Luft unter einer weiten Kuppel, die ganz aus Glas besteht.
Kaidôh schreit:
„Führe mich in den Tod. Ich will das Gewaltigste. Ich will die Vereinigung mit dem Geiste, der Alles ist.“
„Was weisst Du,“ versetzt die Liwûna, „von den gewaltigen Stunden des Lebens und des Sterbens!“
Und Kaidôh sieht seitwärts im dunkelvioletten Kuppelglase eine zitternde Schneeschrift —  diese Worte:
„Wir wissen über Geburt und Tod so viel wie Garnichts und reden doch davon. Das ist die Macht des Unbekannten, die uns zum Reden reizt. Wer aber über Dinge redet, die er nicht kennt, wird leicht zum Schwätzer. Oh, hütet Euch vor dem salbadrigen Geschwätz —  wenns auch manchmal stürmisch klingt! Ihr könnt so leicht da drinnen kleben bleiben —  wie die Fliege im Fliegenleim. “
Kaidôh will die Augenbrauen zusammenziehen und ein böses Gesicht machen; er hat ja noch nicht geschwatzt.

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