Lesabendio

Viertes Kapitel

ps_056  Es wird ein Traum des Lesabéndio erzählt. Danach wird geschildert, wie die Pallasianer erwachen und zuerst ihre Ballonhaut abschneiden, die in die Morgenluft emporsteigt. Lesabéndio fährt nach dem Erwachen in Pekas Atelier und sucht ihn für seinen Nordtrichter zu begeistern, es gelingt ihm das nicht; und sie begeben sich in Labus Atelier, der den Sofanti späterhin in dessen Atelier auf die Idee bringt, den Lesabéndio-Turm mit transparenten Häuten zu umspannen. Lesabéndio spricht dann von der Bekämpfung der Müdigkeit, und zum Schluß wird die Auflösung eines Sterbenden geschildert.

Lesabéndio träumte.

Er sah, wie ihm plötzlich an der rechten und linken Schulter riesig lange Arme wuchsen. Und diese Arme bekamen viele große Krallen. Er flog in einer roten Luft und breitete die Arme nach beiden Seiten aus und versuchte dann, die Krallen vorn einander zu nähern. Da sah er, daß aus den Krallenspitzen große Ballons wurden. Und diese Ballons vergrößerten sich immerzu. Da er aber die Krallen doch nicht einander nähern konnte, so versuchte er, beide Krallenhände mit den Ballons seitwärts nach hinten zu werfen. Und das gelang. Und dabei schoß Lesabéndios Körper mit furchtbarer Geschwindigkeit nach vorn, sodaß die Arme ganz hinten blieben. Da fühlte er, daß er die Krallen bewegen konnte und daß hinten die Ballons weg waren. Da riß er die Arme ganz steif, ohne sie zu biegen, wieder nach vorn – und als sie vorn wieder so waren wie am Anfang, bildeten sich wieder die großen Ballons an den Krallenspitzen. Und er warf die Arme wiederum nach hinten, und sein Körper schoß abermals mit der größten Geschwindigkeit nach vorn.

»Jetzt brauchen wir«, rief der Lesabéndio im Traume, »die Bandbahnen und die Seilbahnen nicht mehr – so gehts ja viel schneller.« Doch nach diesen Worten erwachte der Träumer und sah über sich in der Ballonhülle, die seinen Körper umgab, oben die vielen Blasen, die vom Rauchen des Blasenkrauts herrührten, ganz groß und ganz weiß. Und er schnitt mit den scharfen Nägeln seiner größten Hände die Ballonhülle dicht am Körper ab. Und da stieg die Ballonhülle, von den Blasen getragen, in die helle Morgenluft empor und verschwand oben.

Und ringsum stiegen auch die Ballonhüllen der anderen Pallasianer in die Morgenluft empor. Die weiße Spinngewebewolke leuchtete wieder hoch über dem Nordtrichter. Und alle Pallasianer rieben sich die Augen und erwachten und sahen die weißen Felsen ringsum und auch die blauen und grauen.

Lesabéndio sprang mit einem Satz auf die nächste Bandbahn und sauste in eine tiefe, ganz dunkelblaue Schlucht hinein und kam von dort in eine sechs Meilen hohe Höhle, die der Peka sein Atelier nannte.

Hier gabs sehr sehr viele glatt polierte Felswände in allen möglichen Farben und mit vielen scharfen Ecken und Kanten. Peka wollte die Felskegel und die Felsschluchten in den großen Trichter des Pallas glatt und kantig machen; alle möglichen regelmäßigen Kristallformen wollte er in den Pallas hineinmeißeln; seine Hauptmaschinen waren große Poliermaschinen, die den Felsen spiegelnde Glätte beibrachten.

Pekas größte Werkstätten waren Schleifanstalten, in denen kolossale Riesenbrillanten hergestellt wurden.

Aber Pekas Fehler war, daß er Alles in allzu großen Dimensionen haben wollte, sodaß er niemals die genügende Anzahl von Mitarbeitern fand. Und so kams, daß schon in seinem Atelier unsäglich viele Stücke nicht einmal zur Hälfte fertig wurden.

Einen abgeschlossenen Eindruck machten nur die kleinen Modelle, in denen er zeigte, wie die Bergkegel in säulen- und pyramidenartige Formen gebracht werden sollten; da wurden aus Bergkegeln auch viele spitze und kantige Türme mit Brillantenknäufen und überkragenden Balkengesimsen.

Der Peka wollte hauptsächlich nur mit rhythmischen Verhältnissen wirken, und die Rhythmik wollte er teils durch die Farbe und teils durch Brillantenverbrämung wirkungsvoll herausstreichen; dies gelang ihm besonders dort, wo er schräg abfallende Felsen in viele Terrassenanlagen zerlegte, bei denen er auch durch lange Säulenreihen wirkte.

In Pekas Atelier gabs an die zehntausend verschiedene Säulen – die meisten in kleinstem Maßstabe – aber auch viele von hundert Metern Höhe, sodaß man sich in diesem Atelier sehr wohl eine Vorstellung von dem, was Peka wollte, bilden konnte.

Das Atelier hatte nur eine geringe Breite, die nur an einzelnen Stellen bis zu einer halben Meile sich ausdehnte. Die Länge des Höhlenraums betrug nur zwei Meilen. Dafür gings aber überall fast sechs Meilen hoch in die Höhe, sodaß man überall lange überkragende Terrassen sah, auf denen gearbeitet wurde. Und Bandbahnen gabs hier natürlich in großer Zahl und nach allen Richtungen hin – und auch Transportbahnen, die aus vielen Drahtseilen bestanden.

Auf den Bandbahnen konnte man langsam und schnell fahren; man brauchte nur an der Anfangsstation den Schnelligkeitsapparat an den Schwungrädern umzustellen.

Lesabéndio stellte den Apparat einer schrägen Bandbahn so, daß er ganz langsam drei Meilen neben den Terrassen emporfahren konnte.

Und oben kam er mit dem Peka wieder zusammen.

Alle elektrischen Flammen und Scheinwerfer leuchteten in der Höhle so, daß alle glatten Felsflächen die Säulen und Gesimse spiegelten – und daß die großen Brillanten aus durchsichtigem Gestein glühende Farben ausstrahlten und dabei mächtig funkelten. Sehr lebhaft wirkten die Atelierterrassen auch dadurch, daß immer wieder viele Pallasianer durch die Säulen durch hinaussprangen und mit Hilfe ihrer Rückenflügel die nächste obere oder untere Terrasse zu erreichen suchten.

Die meisten Arbeiten, die hier getan wurden, wären ganz unmöglich gewesen, wenn nicht jeder Pallasianer sehr viele Hände gehabt hätte – sowohl sehr grobe – wie auch sehr feine. Zu den letzteren gehörten auch die, an denen sich Finger befanden, mit denen man ohne weiteres schreiben konnte wie mit einem Füllfederhalter.

Und mit solchen Fingern schrieb jetzt auch der Lesabéndio in sein winzig kleines Notizbuch, das neben andern Büchern an seinem Halse hing. Dem Lesabéndio gegenüber saß der Peka mit seinem braunen Körper, aus dem die gelben Flecke scharf herausleuchteten, auf einem zwei Meter hohen blauen Brillanten, der nur einen halben Meter breit war und sehr viele feingeschliffene kleine Flächen und auch scharfe Kanten zeigte.

ps_015 Und nachdem Lesabéndio mit dem Notizenmachen fertig war, sagte er: »Es ergibt sich immerhin, daß der Eisendrahtturm, den ich über dem Nordtrichter aufrichten will, doch eine regelmäßige Form bekommen muß, die Deinen spitzturmartigen Brillanten in mancher Hinsicht ähneln dürfte. Die ersten schrägen Säulen, die von den höchsten Stellen des Trichterrandes aus zur Höhe gehen und sich dabei zur Trichteröffnung neigen, müssen zweifellos in ganz gleichen Abständen voneinander erbaut werden. Und der Ring, der die Spitzen der Säulen oben verbindet, dürfte nicht Kreisform haben; Säulenspitze muß mit Säulenspitze immer durch einen graden Balken verbunden werden. Und wenn nun auf diese erste Etage die anderen neunundneunzig Etagen hinaufkommen, so müssen diese genau so regelmäßig erbaut werden wie die unterste Etage – nur werden die Säulen oben immer näher aneinanderrücken. Aber wir werden oben so viele Säulen brauchen wie unten; wenn unten fünfzig Stahlsäulen nötig sind, werden oben in der hundertsten Etage ebensoviele Säulen nötig sein; sie können oben nur dünner sein. Verbindest Du nun die aufstrebenden Säulen und die Querbalken mit einem glatten Material, so hast Du einen Riesenbrillanten, wie Du ihn wünschest.«

»Die Verbindung«, versetzte Peka, »dieser Stahlstangen mit einem glatten und festen Material ist eben eine Unmöglichkeit. Es gehört doch schon genug dazu, dieses riesige Stangengerüst aufzuführen. Alle künstlerische Ausgestaltung dieses Knochengerippes muß von selber fortfallen, da unsre Kräfte doch nicht dazu ausreichen, auch noch das Entbehrliche herzustellen. Die Form Deines Turmes, lieber Lesabéndio, ist ja wohl eine Kristallform. Aber die Kristallsubstanz fehlt. Und die ist mir doch die Hauptsache. Du kannst nicht verlangen, daß ich mich für einen Plan begeistere, wenn ich einsehen muß, daß ich dabei überflüssig bin. Die Säulen und Balken wirst Du nicht kompakt machen können. Und ich bin doch immer in erster Linie für das Kompakte gewesen.«

Sie sprachen beide sehr lebhaft weiter, kamen aber zu keinem befriedigenden Schluß. Nun war aber in ein paar Sprüngen das große Atelier des Labu zu erreichen, der nebenan mit seinen Gehilfen wohnte und nur mit unregelmäßigen Formen den Stern Pallas verschönern wollte. Labu hatte nicht das geringste Verständnis für das Regelmäßige; ihm erschien alles Unregelmäßige tausendmal interessanter. Aber obwohl nun der Labu den schärfsten Gegensatz zu dem Peka bildete, so wohnten sie doch nachbarlich dicht nebeneinander – gleichsam Wand gegen Wand. Labus Atelier war nur drei Meilen hoch, dafür aber in der Grundfläche sehr umfangreich.

Lesabéndio und Peka sahen nun gleichsam von der Decke aus in Labus unregelmäßiges Atelier hinunter, in dem unzählige Grotten und Blasengesteine und ganz unregelmäßige Stangengesteine und viele seltsame Emailüberzüge und bucklige Perlmutterwände neben buntschillernden Wurzelphantasien zu sehen waren.

Hatte aber Peka immer wieder das Pech, daß die Pallasianer seine Pläne für zu schwer durchführbar erklärten, so sagten die Pallasianer dem Labu gewöhnlich, daß seine Pläne zu leicht durchführbar seien, da sie ja mit allzu großer Leichtigkeit dem Lokalcharakter der einzelnen Gegenden angepaßt werden konnten.

Labu kam zu den beiden Freunden nach oben, und Lesabéndio wiederholte, was er dem Peka erklärt hatte.

Da sagte der Labu: »Mir fällt was ein: wir sollten zum Sofanti fahren.« Zu Sofanti aber gings durch Labus sehr unregelmäßig gebildete Decke durch. Als die drei oben durch waren und von der Bandbahn absprangen, erblickten sie den Sofanti gerade vor einer großen transparenten Haut, hinter der probeweise Lichtarrangements gestellt wurden, um die lampionartige Wirksamkeit der transparenten Haut zu erproben. Dem Sofanti aber sagte der Labu:

»Du mußt Lesabéndios Nordtrichterturm mit Riesenhäuten umspannen, dann wird das große Skelett kompakt, und wir bekommen im Nordtrichter dadurch einen neuen Himmel. Die Häute könnten auf der Außenseite erleuchtet werden.«

Da lachte der Lesabéndio und freute sich sehr. Und der Sofanti sagte lachend: »Dazu wär ich schon bereit. Aber – wird auch der Stoff reichen? Soviel Haut gibt es vielleicht doch nicht. Augenblicklich ist noch nicht so viel da.«

Nun war aber die Haut, die der Sofanti wie Leder verarbeitete, nur auf glatten Steinflächen zu finden und von diesen leicht abzulösen. Solche glatten Steinflächen gabs natürlich auf und im Pallas nur in sehr geringer Anzahl.

Peka hatte daher Recht, als er sagte: »Hätten wir seit vielen Jahren mehr Felsenabhänge poliert und zu glatten Flächen gemacht, so hätte Sofanti heute mehr Haut loszulösen. Aber der ganze Plan ist ja so großartig, daß wir seine Ausführbarkeit garnicht in Erwägung ziehen dürfen. Ist das nicht eigentlich nur Zeitverschwendung?«

Da sagte Lesabéndio:

»Ihr seid alle so müde – und zwar nur deshalb, weil Ihr nicht alle Eure Gedanken um einen einzigen ganz einfachen, aber ganz großartigen Plan konzentriert. Solche Konzentration macht ganz allein wieder frisch, wenn auch die Ausführbarkeit noch in weiter Ferne liegt. Ihr verzettelt Euch.«

Lesabéndio hatte kein Atelier, aber er war dafür bekannt, daß er immer nur einen so einfachen Plan mit sich herumführte, daß für den ein Atelier garnicht nötig wurde.

Mit der Müdigkeit der Pallasianer hatte der Lesabéndio auch Recht; es kam so oft vor, daß Pallasianer müde wurden und sterben wollten.

Der Pallasianer stirbt, wenn erst sein Körper ganz trocken geworden ist, sodaß man beinahe durchsehen kann. Dann aber hat der Sterbende den Wunsch, von einem Lebenden aufgesogen zu werden; der Lebende saugt den Sterbenden durch die Poren in sich auf. Dieser Prozeß geht aber nicht so einfach vor sich.

Es ist zunächst nötig, daß der Aufsaugende auch damit vollkommen einverstanden ist, daß er aufsaugt. Wenn nun Jemand aufgesogen werden will, so fragt er zunächst bei dem, der ihn aufsaugen soll, höflich an. Sagt der »Ja« – so geschieht das Gewünschte gemeinhin sofort.

So wurde der Peka, während er mit seinen drei Freunden vor den transparenten Häuten saß, von einem alten Pallasianer, der schon ganz durchsichtig aussah, gefragt, ob er wohl geneigt sei, dem Sterbenden einen Dienst zu leisten. Der Körper des Sterbenden war ganz hellbraun; die gelben Flecken waren fort.

Peka willigte sofort ein; ein Pallasianer willigte nur dann nicht ein, wenn er an demselben Tage bereits einen anderen Sterbenden in sich aufgenommen hatte!

Nachdem Peka eingewilligt, reckte er sich sofort zu seiner ganzen Höhe auf – fünfzig Meter hoch – Pekas Poren öffneten sich dabei ganz weit – und im Körper des Sterbenden, der – zehn Meter von Peka entfernt – höchstens fünf Meter hoch sich aufrecken konnte, entstanden plötzlich fluoreszierende Lichterscheinungen – dann gingen alle Teile des Körpers zerbröckelnd auseinander und wurden von Peka angezogen, in dessen Poren der Körper des Sterbenden nach ein paar Augenblicken verschwand.


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