Lesabendio

Fünfzehntes Kapitel

ps_h01  Peka, Labu und Manesi sind in melancholischer Resignationstimmung; sie klagen, daß ein Nutzbau alle künstlerischen Interessen verdrängt habe. Aber der Turm bekommt abermals ein neues Stockwerk, das ganze Werk ist jetzt fünf Meilen hoch, und der oberste Ring hat nur noch einen Durchmesser von sechs Meilen. Und nun entdeckt man, daß die Lichtwolke aus unzähligen Lebewesen mit kleinen Köpfen besteht. Man will sich diesen mit Hilfe der Quikkoïaner verständlich machen. Aber das mißlingt. Dex will darum nicht mehr weiterbauen. Aber Sofanti erklärt, daß er das genügende Hautmaterial hergestellt habe, und da wird Dex so weit umgestimmt, daß er sich Bedenkzeit ausbittet.

Eines Tages saßen nun Peka, Labu und Manesi auf dem obersten Rande des kleinen Modellturms nicht weit ab vom Centralpunkt des Pallasrumpfes. Die Drei saßen da und rauchten ihr Blasenkraut und blickten nach oben. Sie hatten ihren Unterkörper mehrmals schraubenförmig um den Kaddimohnstahl gewickelt und lehnten den Oberkörper gegen den Unterkörper; ihre braune Molluskenhaut mit den gelben Flecken glänzte im Lichte der Spinngewebewolke. So saßen sie da, rauchten und schwiegen und sahen nach oben in das große neue Turmgerüst hinein. »Sehr heiter sind wir nicht! « meinte Labu nach einiger Zeit. Und dazu sagte nach einer guten Weile der Peka: »Dazu haben wir auch wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung.« Alle Drei rauchten heftig, daß viele tausend Blasen – auch ziemlich große – langsam emporstiegen und in vielen Farben opalisierten wie Seifenblasen auf dem Erdstern. Manesi sagte dann: »Ich hätte eigentlich keinen rechten Grund zur Klage. Das Gerüst da oben künstlerisch zu beleben, wäre ja eine natürliche Aufgabe für mich. Da lassen sich überall an großen Drahtseilen Girlanden anbringen; die Stoffe für das Wurzelwerk der Pflanzen ließen sich wohl in hängenden Schalen einpflanzen. Alles würde wohl möglich sein. Das Gerüst könnte da oben mal zu einem prächtigen Blumenstück gemacht werden. Aber – wann soll das geschehen? Vorläufig ist doch noch lange nicht daran zu denken. Zunächst hat da oben immer nur der liebe Dex das beherrschende Wort, und er will immer die größere Höhe erreichen, um da das Rätsel unsres Lebens zu lösen. Und wenn der Stahlturm fertig ist, so hat Sofanti mit seinen Steinhäuten alle Hände voll zu tun. Und an mich wird man noch lange nicht denken. Vor mir kommt auch noch der Nuse mit seinen Laternenkünsten, die auch so viel Zeit in Anspruch nehmen dürften, daß das, was ich durchsetzen könnte, gar nicht bemerkt werden kann. Sollen da oben tausend Schlinggewächse durcheinander wachsen, so ist dazu so viel Arbeit nötig, daß ich nicht mehr zu glauben vermag, ich könnte das jemals erleben.« »Ich aber«, rief Peka heftig, »bin fast ganz und gar überflüssig. Aus den Drahttürmen kann ich keine kompakten Steingebilde machen.« »Das würde«, versetzte Labu, »uns auch die Aussicht nehmen. Ich bin sogar der Meinung, daß Schlinggewächse da oben gar nicht möglich sind; sie würden uns doch das Licht der Wolke oben verdecken – wir hätten dann keinen ordentlichen Tag mehr auf dem Pallas.« »Was aus der Wolke oben wird«, sagte Manesi müde, »wissen wir auch nicht. Ich glaube nicht, daß der Turm so einfach durch die Wolke durchzustechen ist.« »Die rein künstlerischen Dinge«, sagte Labu, »werden auf dem Pallas nicht mehr geschätzt. Was ich in runden und unregelmäßig gebogenen Formen an dem Gerüst anbringenmöchte, das will der Dex nicht haben. Er behauptet, daß er die Tragkraft des Gerüstes nicht so groß machen könnte, um die plastische Ausgestaltung der Stangenverbindungen zu gestatten – so groß sei die Menge des Kaddimohnstahls nicht, hat er mir oft genug gesagt. Ich glaube sogar, daß der Dex die Belastung durch Schlingpflanzen auch nicht für möglich hält.« »Wir sind«, sagte Peka traurig, »auf dem Pallas sehr überflüssig. Wir können unsre künstlerischen Pläne nicht wirkungsvoll zur Ausführung bringen. Was wir in den Wänden des Nordtrichters anbringen könnten, würde immer verschwindend und wirkungslos bleiben. Der Nutzbau hat den Kunstbau verdrängt. Die wissenschaftliche Neugier ist mächtiger gewesen als die künstlerische Schöpferkraft. Ich glaube nicht, daß ich das lange überleben werden. Meine Pläne kommen ins Museum für veraltete Kunstphantasie. Meine Gedankenwelt löst sich langsam auf, da ich nicht mehr daran glauben kann, daß ich jemals nennenswerte Formänderungen im Pallas durchsetzen könnte.« Wieder schwiegen die Drei, und ihre Rauchblasen stiegen langsam zum hohen Turmgerüst empor und funkelten oben im blendenden Licht der Spinngewebewolke. Und von vier Türmen aus rollten nun hoch oben drei Meilen lange Stangen zur Mitte zu; Dex führte die nächste Etage zur Wolke empor. Die Arbeit nahm dieses Mal lange nicht so viel Zeit in Anspruch, wie man geglaubt hatte. Und bald stand auch das fünfte Stockwerk hoch oben unter einem Winkel von fünfundvierzig Grad. Jede der vierundvierzig Stangen hatte ganz unten rechts und links wieder im rechten Winkel zwei kürzere Stangen gehabt, die sich oben, nachdem alle Stangen hinausgedreht waren, aneinanderschlossen und so abermals einen Ring mit vierundvierzig Ecken bildeten. Dieser Ring war gar nicht mehr groß zu nennen; er hatte einen Durchmesser von sechs Meilen, sodaß man leicht von einer Seite zur andern fliegen konnte. Das ließ sich natürlich nur am Tage durchsetzen. Nachts ging die Spinngewebewolke ganz tief hinunter bis in die Mitte des dritten Stockwerks. Im Ganzen hatte man jetzt eine Hohe von fünf Meilen erreicht. Die Hälfte des Turms war vollendet. Alle glaubten, daß jetzt die Hauptarbeit getan sei. Und es entstand eine sehr freudige Stimmung, die nur von Peka, Labu, Manesi und ihren Anhängern nicht geteilt wurde; die waren trauriger als je, und das bedrückte die Andern. Währenddem aber hatte es Sofanti glücklich fertig gebracht, ganz durchsichtige Hautstücke herzustellen. Doch viel von diesen ganz durchsichtigen Hautstücken existierte noch nicht. Immerhin – das Wenige genügte ja zu Beobachtungszwecken. Und so wurden durchsichtige Hautstücke in den Bandbahnbedachungen des obersten Ringes untergebracht – und die Beobachtung der Spinngewebewolke konnte beginnen. Es hatten an den Beobachtungsstellen nur zwanzig Pallasianer Platz. Und die sahen nun bei Anbruch der nächsten Nacht mit teleskopisch vergrößerten Augen durch die kleinen Hautfenster in die dunkle Spinngewebewolke hinein und ließen Scheinwerfer durch die Wolke durchgehen. Das Gewebe wurde wieder leblos und starr wie bei der ersten Beobachtung. Man zog daher die Scheinwerfer zurück und versuchte, im Dunkeln etwas zu erkennen. Da sah man aber gar nichts. Danach machte man in der Beobachtungsstation ganz vorsichtig etwas Licht und verstärkte das Licht allmählich. Und da sah man plötzlich ganz kleine, winzig kleine Köpfchen in der Wolke – Köpfchen mit ganz spitzen, dunkelvioletten Stielaugen. »Jetzt wissen wir genug! « rief der Biba. Und man sah auf allen vier Stationen, von denen aus beobachtet wurde, die winzig kleinen Köpfchen mit den dunkelvioletten Stielaugen. Die Beobachter verständigten sich rasch drahtlos, daß sie unten zusammenkommen wollten. Und auf den Bandbahnen fuhren sie hinunter zum ersten Stockwerk. Auf der Spitze jenes Turms, den Nuse zuerst eine Meile hoch erbaute, versammelten sich die Zwanzig, um die große Entdeckung zu besprechen.

»Wir haben also«, sagte Biba, »endlich entdeckt, daß unsre große Wolke keine leblose Masse ist. Es ist von uns endlich festgestellt, daß wir hier ganz feine Lebewesen vor uns haben, von denen wir vielleicht sehr viel lernen können. Indessen – daß diese Wolke zur Tageszeit leuchtet, das ist nach meiner Meinung nicht abhängig von diesen zarten Wesen; dieses Leuchten wird wohl nur durch die Nähe des kometarischen Lichtes im Kopfsystem unsres Sterns erzeugt. Wie das allerdings erzeugt wird, das wissen wir nicht – wissen wir nicht – wie so viele andre Dinge. Wir leben in einer sehr rätselvollen Welt. Aber wir brauchen nicht ungeduldig zu werden, daß uns diese Welt so viele Rätsel aufgibt. Würden wir zu viele dieser Rätsel auf einmal lösen, so könnten wir ganz bestimmt diese Fülle der neuen Erscheinungen nicht ertragen. Wir haben schon an dem, was wir erleben, reichlich genug. Wenn wir nicht so trockene Naturen wären, könnten wir das Erlebte ganz bestimmt nicht überleben. Die Veränderung der Lage des Attraktionscentrums ist schon wunderbar genug. Die feinen Spinngewebefäden mit den winzig kleinen Köpfen und deren dunkelviolette Stielaugen sind noch wunderbarer als alles Bisherige. Wir haben jedenfalls den Bau unsres Turms nicht zu bedauern. Er hat uns in eine neue höhere Atmosphäre gebracht. Jetzt wollen wir zusehen, was wir von den kleinen Köpfen mit den dunkelvioletten Stielaugen erfahren können; vielleicht sind sie klüger als wir alle zusammen. Wundern würde ich mich auch darüber nicht.« »Das Gewaltigste«, rief da der Lesabéndio, »muß aber jedenfalls das Kometensystem hoch oben über uns sein. Von dem können wir bestimmt noch mehr erfahren als von den kleinen Köpfchen mit den Stielaugen.« »Das geht aber nicht«, sagte da der Dex, »der Lesa hat keine Ruhe mehr. Er will immer nur, daß wir weiterbauen. Und wir haben doch zunächst einmal ein Resultat erzielt. Damit müssen wir uns doch erst abfinden. Lesa hat eine Unruhe in sich, die uns ganz heftig machen könnte.« »Verzeiht! Verzeiht!« rief da der Lesa. Und nun wurden zuerst die Stationen für die Fernschalter in Bewegung gesetzt. Dumpf knallten die Explosionstöne durch die Nacht, und alle Pallasianer richteten ihre Kopfhaut den Stationen zu und hörten nun, was man entdeckt hatte. Und darauf flogen alle Pallasianer wild durch den Nordtrichter – und dann zum Turm hinauf. Alle wollten die Kleinen sehen. Und – man sprach sehr eifrig darüber, wie man sich wohl mit den Kleinen verständigen könnte. Und man dachte natürlich gleich daran, den Quikko’ianern den Auftrag zu geben, ein paar Verständigungsmanöver einzuleiten. Nax mit den Seinen war selbstverständlich gern bereit, erklärte aber gleich, daß er die Ahnung habe, hier vor unmöglich lösbare Aufgaben gestellt zu sein. Doch man begann: Nax ließ sich in einer Hautblase tief in die Wolke hineinstecken; die Hautblase war durchsichtig und durch einen langen, durch Draht versteiften Schlauch mit der durch Häute geschützten Beobachtungsstation verbunden – Nax konnte durch den Schlauch leicht zurückkommen, wenn die durchsichtige Hautblase, die ziemlich groß für Naxens faustgroßen Körper war, verletzt werden sollte. Die Hautblase, in der sich Nax befand, war ebenfalls durch feinen Draht versteift. Nax veränderte nun seinen Körper, machte ihn fadenförmig, gab sich einen ganz kleinen Kopf und zwei lange Stielaugen, und diese ließ er elektrisch aufleuchten. Auf der Beobachtungsstation war alles dunkel. Und dort sah man jetzt erst den kleinen Nax im Lichte seiner Stielaugen, die blaßrot leuchteten. Die kleinen Köpfe aus der Wolke kamen jetzt zu Hunderten näher, und die kleinen dunkelvioletten Stielaugen der Wolkenwesen legten sich vorsichtig an die Wände der Hautblase. Und nun veränderte der kleine Nax seinen Körper, machte ihn spiralförmig, er drehte sogar das eine Auge, daß es spiralförmig aussah. Die kleinen Köpfe außerhalb der Blase flogen hin und her und schienen sich lebhaft zu unterhalten. Aber es währte nicht lange – dann verschwanden sie plötzlich allesamt und ließen sich nicht mehr sehen. Nax konnte nun in seiner Blase hinkommen, wohin er wollte – die kleinen Köpfe blieben unsichtbar – nur das Spinngewebe schien in ängstlicher Bewegung, wenn der Quikkofaner näher kam. Und dann zog sich auch das Spinngewebe zurück. Und man sah gar nichts. Die Experimente wurden fünf Nächte hindurch immer wieder mit neuen Blasen fortgesetzt – und immer wieder erfolglos. Da sagten die Pallasianer allesamt: »Wir müssen es aufgeben! die Kleinen sind viel zu scheu.« Und man gab es auf. Lesabéndio sagte zum Dex: »Du nennst mich so unruhig. Und ich glaube doch, daß es das Beste ist, wenn wir mit dem Bau des Turms fortfahren. Das Wichtigste erfahren wir doch erst da oben. Und wenn wir schon die Hälfte des Turms gebaut haben, so können wir doch jetzt nicht mehr aufhören. Daß wir uns der Spinngewebewolke nicht weiter nähern können, zeigt doch, daß wir weiterbauen sollen.« »Das sagst Du alles so ruhig!« rief der Dex, »aber ich habe die größte Arbeit zu leisten. Und ich muß gestehen, daß ich beinahe müde werde.«

»So warten wir, bis Du wieder frisch bist!« sagte der Lesa. Und dann kam der Biba und tröstete den Dex. Dex aber sagte schließlich: »Es kommt mir doch beinahe seltsam vor, daß wir uns eine riesige Arbeit aufladen, ohne eigentlich zu wissen, warum wir das tun. Anfänglich wollten wir unsern Stern künstlerisch ausbilden – Rhythmik in Flächen und Räume hineinbringen. Und dann kam plötzlich der Lesa vom Stern Quikko und erzählte uns, daß wir über unsrer Lichtwolke ganz sicher ein Kopfsystem unsres Sterns hätten. Die Quikkoïaner bestätigten Lesas Erzählung. Und wir waren plötzlich alle so für dieses kometarische Kopfsystem begeistert, daß wir den Turm bauten. Aber zufrieden sind wir jetzt trotzdem alle nicht mehr mit dem Bau. Wir wissen ja jetzt, daß unsre Lichtwolke aus lebendigen Wesen besteht. Die fliehen uns aber. Was haben wir also von unsrer neuen Erkenntnis? Wird es uns nicht ebenso gehen, wenn wir oben das Kopfsystem von Angesicht zu Angesicht sehen? Wir wissen noch nicht einmal, ob in diesem kometarischen Kopfsystem irgendetwas enthalten ist, was unsrer Kopfform entspricht. Können wir hoffen, daß wir da oben weiterkommen, wenn wir bis da hinaufgelangen? Man bestürmt mich von allen Seiten, daß ich doch mit dem Turmbau aufhören möchte. Man will wieder künstlerische Pläne versuchen. Peka, Labu und Manesi tun mir leid. Man will im Allgemeinen nicht mehr mit. Und ich kann doch allein die Widerstrebenden nicht mitreißen – zumal ich gar nicht mehr weiß, warum wir weiterbauen wollen.« Nun kam auch der Sofanti zu den Dreien und erzählte, daß er jetzt endlich so viel Haut habe, um einen vier Meilen hohen Turm zu umhüllen, wenn er im Durchmesser nicht stärker als eine halbe Meile sei. Dex schwieg. Doch als die drei Andern immer dringlicher wurden, bat er einfach um Bedenkzeit. Biba meinte: »Wir wollen nicht verzagen; Dex wird sich schon klarmachen, daß jetzt ein Zurücktreten von unserm großen Plane, nachdem wir so weit gekommen sind, eigentlich ganz widersinnig ist.« Lesa und Sofanti waren bald derselben Meinung.


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