Lesabendio

Dreizehntes Kapitel

ps_h03  Lesabéndio, Peka und Biba werden in ihren Schlafsäcken kurz vor dem Einschlafen mit ihren Monologen vorgeführt. Peka bekommt, um Haut zu schaffen, den Auftrag, die Fundamente der vierundvierzig Randtürme architektonisch auszubauen. Er tut das bei drei Türmen und erklärt, daß er aus dem ganzen Pallas einen Kristallstern machen möchte. Dem widersprechen sogar seine Freunde Labu und Manesi. Sofanti aber merkt, daß Peka in einem Jahrhundert nicht das notwendige Hautmaterial für die oberen Stockwerke des Lesabéndio-Turms herstellen kann. Alles verzweifelt. Nax aber hat eine erlösende Idee.

Als es auf dem Pallas dann wieder mal Nacht wurde durch die Spinngewebewolke, da lag Lesabéndio oben im Nordtrichter auf einer Pilzwiese in einer tiefen Talschlucht und fühlte, wie sich seine Nachthaut vom Rücken aus aufspannte und sich dann anderthalb Meter über ihm oben zusammenschloß. Lesa steckte sich einen Zweig seines Blasenkrautes in den Mund, ließ seinen linken Arm elektrisch leuchten und rauchte, daß große schimmernde Blasen zur Decke seines Schlafsackes aufstiegen – die Blasen verhinderten, wenn sie aus dem Munde mit den kleinen weißen Kautschukzahnen herauskamen, immer wieder ihre Farben und sahen oft wie Perlmutter und wie Seifenblasen aus, wenn sie langsam sich drehend emporstiegen; und oben an der Decke des Schlafsackes bewegten sich die Farbenspiele noch lange Zeit in den Blasen, ohne daß diese zerplatzten.

»Nun sind wir«, sprach Lesa unhörbar zu sich selbst, »wieder eine ganze Strecke höher gekommen, schon drei Meilen hoch. Und ich habe beinahe vergessen, warum wir diese schwere Arbeit übernahmen – und die Andern vergaßen wohl auch, wozu das alles sein soll. Wir handeln eben gar nicht in erster Linie nach unserm Willen. Der große Geist unsres Sterns herrscht in uns, und wir sind nur scheinbar selbständige Wesen. Was unbewußt in uns tätig ist, das ist das Mächtigste in uns. Und ich glaube, daß das Führende hoch über uns im Kopfsystem des Pallas lebt, – in der großen Wolke, die uns Tag und Nacht gibt – und über der großen Wolke – in den gefesselten Kometen – zu denen wir hinstreben. Ihretwegen bauen wir immerzu an dem großen Turm. Das ist gar keine künstlerische Geschichte mehr – das ist ein Andres – ein Unbegreifliches. Wir fühlen uns auch nur wohl, wenn wir uns mit dem Gewaltigen ganz eins wissen. Ich möchte mal ganz und gar mit ihm zusammen ein Wesen sein. Vielleicht sterbe ich mal anders als die andern Pallasianer – vielleicht nimmt Er da oben – der Gewaltige – mich auf, wenn ich schwach und durchscheinend werde. Wir werden transparent, wenn wir dem Tode nahe sind. Aber ich glaube…«

Lesasbéndio schlief ein, und er träumte von einem großen Sonnensystem – und das wirkte auf ihn wie ein System von Millionen Gummistrippen, die sich immer wieder auseinanderzogen und sich dann wieder näherten – und er wußte nicht, ob sie sich lieber zusammenziehen oder auseinanderziehen wollten – aber die Millionen arbeiteten immerzu – bald so und bald so – und es entstand dabei eine feine schwingende Saitenmusik – und dann rissen ein paar Saiten entzwei, und es dröhnte ganz dumpf durch den großen Raum. Und an den Enden der Strippen saßen plötzlich grüne spinnenartige Wesen mit ganz langen Beinen, die auch zu Gummistrippen wurden und bald länger und dann wieder kürzer wurden.

Und während Lesa so träumte, lag der Peka nicht weitab von ihm – auch rauchend – in seinem Schlafsack und sprach laut zu sich selbst – ungefähr so:

»Jetzt braucht man Haut. Und da die Haut nur auf den polierten Steinen bei uns wächst, so wird man mir Gelegenheit geben, mit meinen polierten Steinen große Fundamentalbauten herzustellen. Etwas werde ich machen können in meiner Art. Aber viel wirds nicht werden – das weiß ich schon. Einiges kann ich machen, weil man mich braucht. Aber dadurch kommt das kristallinische Prinzip – die Kunst der Raum- und Flächenrhythmik – das Architektonische – nicht zur vollen Entfaltung auf dem Pallas. Der ganze Turm ist doch keine Kunstangelegenheit – der Turm da oben ist ein simples Nutzwerk – wie eine Brücke oder eine Bandbahn. Architektur sah niemals so gerippeartig aus – die will stets das Kompakte. Die Ingenieure, die unsre Bandbahnen bauten, waren keine Künstler – keine Architekten – und die Ingenieure wie Dex und Nuse, die heute den großen Nordtrichterturm bauen, sind auch keine Künstler – keine Architekten. Hier sind zwei einander widerstrebende Richtungen, und ich vermag nicht einzusehen, wie da jemals eine Einigung möglich wäre. Das eine wird vom andern erstickt. Was ich wollte, wird auch durch diese Ingenieure erstickt. Und da muß man ganz ruhig sein. Und ich kanns nicht sein. Meine Welt wird mir zerschlagen. Man gibt mir jetzt ein paar kleine Aufgaben, um mich zu zerstreuen und ein wenig zu beruhigen. Ich aber kann von der Phantasie allein nicht leben. Ob das eine Schwäche ist? Dann wäre ich schwach – ich kann nicht dafür. Aber mein Beharren im einmal Erkannten ist doch wieder eine Stärke. Oh – wer Alles vereinen könnte – so vieles widerstrebt dem andern…«

Und Peka schlief auch ein und träumte von Brillantensonnen – die glühten mächtige Strahlenbündel ins weite All hinaus.

Und währenddem lag der Biba gleichfalls in seinem Schlafsack auf dem Nordtrichterrande nicht weit von der äußeren Kruste, an die sich vorsichtig die geheimnisvolle Spinngewebewolke anschmiegte. Biba sagte laut:

»Wieviel Unbegreifliches haben wir in unserm Leben zu ertragen! Mich zieht die Centralsonne immer wieder an, den Lesa zieht das Kopfsystem des Pallas an. Aber – was ist dieses Anziehen? Warum zieht in unserem Sonnensystem eins das andre mit unsichtbaren Fäden zu sich? Und warum gibt es so viele Dinge, die wieder zurückdrängen und nicht an das herankommen lassen, was doch eigentlich unaufhörlich das Näherkommen des Angezogenen möchte? Wie unbegreiflich das alles ist. Lesabéndio glaubt jetzt wohl schon, daß er mit dem Kopfsystem des Pallas eins werden könnte – in Bälde. Ich glaube nicht daran, daß ich bald mit unsrer Centralsonne eins werden könnte. In zehn Millionen Jahren vielleicht! Ja vielleicht dann noch nicht einmal. Aber die Pallasianer sollten den Turm doch weiterbauen – schon der Spinngewebewolke wegen – die sonst nichts an sich herankommen läßt – die mehr abstößt als anzieht – die muß durch den Turm entfaltet werden – vielleicht wollen wir nur darum unsern Stern künstlerisch ausbauen – vielleicht kommt es gar nicht auf das Künstlerische an – vielleicht will der große Stern nur, daß wir oben den Turm bauen – damit sich oben einiges verändert.«

Biba schlief nun auch ein und träumte von einer großen blauen Kiste, die von oben herunterkam und plötzlich auseinanderging, wobei große und kleine Tiere und viele bunte Steine herausfielen.

Am nächsten Morgen kam Sofanti zum Peka und setzte diesem auseinander, daß er jetzt große Fundamentalbauten mit großen kristallinisch geschliffenen Steinen herstellen müsse. Peka tat nicht sehr erfreut, aber doch so, wie man wollte; von den vierundvierzig Grundtürmen gab er drei Türmen ein imponierendes Fundament.

»Das ist«, sagte er, »eigentlich nur eine dekorative Arbeit. Rein künstlerische Ideen sind hier nicht leitender Teil, das Ganze wird gemacht, um Haut zu bekommen. Utilitätsprinzipien sind hier nur herrschend. Die rhythmische Gliederung der Raum- und Flächenteile kann dabei nicht so durchgeführt werden – wie bei ganz reiner, absichtsloser Baukunst.«

Nun waren anfangs alle Pallasianer sehr gern bereit, Pekas Ideen gerecht zu werden, doch Peka zeigte sehr bald, daß er mehr haben wollte, als er beanspruchen konnte. Pekas Hauptidee war: dem ganzen Stern Pallas eine vielseitig geschliffene, kristallinische Form zu geben. Peka konnte die unregelmäßigen Formen nicht vertragen, und er sagte das; er sagte das immer wieder, sodaß schließlich seine besten Freunde ungeduldig wurden.

»Ordnungsfanatiker«, sagte Manesi, »mögen ja künstlerisch sehr berechtigt sein. Aber die Natur unsres Sonnensystems zeigt eine Ordnung, die dem Symmetrischen oft entgegenarbeitet. Wir müssen es für einseitig erklären, wenn Peka die Rhythmisierung der Raum- und Flächenteile nur durch kristallisch-symmetrische Formen durchführen möchte. Eine Guirlandenkunst, wie ich sie haben möchte, ist mit der gerüstartigen Trockenheit des großen Turmsystems viel eher vereinbar als mit der starren Schwerfälligkeit eckiger Kanten- und Seitenkunst. Die Bogen haben doch mindestens dieselbe Berechtigung wie die Winkel.«

Dem stimmte natürlich auch Labu sehr lebhaft bei, da Labu ebenfalls die komplizierten Bogenkurven in allen seinen Entwürfen bevorzugte und grade Linien sowie alle Winkel, Kanten und Ecken zu überwinden bestrebt war.

Und so stand der arme Peka bald ganz allein mit seinem kantigen Ordnungsfanatismus da, obschon man zugab, daß seine Fundamentkompositionen an den drei Türmen ganz herrlich wirkten. Da gab es dreihundert Meter hohe, ganz waagrecht aufsteigende Spiegelwände und dann viele rechtwinklige Schluchten und köstliche Überkragungen und tausendkantige Säulen dazwischen. Alles funkelte. Und die Haut gedieh auf den glatten Flächen ganz vortrefflich. Und die Terrassen glänzten.

Dex, Nuse und Sofanti rechneten währenddem ganz genau aus, wieviel Haut sie oben gebrauchen würden. Und sie sahen sehr bald ein, daß sie sehr viel Haut gebrauchen würden.

ps_043  »Die zwanzig Fundamentbekleidungen«, sagte Sofanti, »werden uns nicht so viel Haut liefern, wie wir brauchen. Wenn wir den Turm in der angefangenen Weise weitere sieben Meilen hoch bauen wollen, so brauchen wir so viel Haut, daß Peka tatsächlich den ganzen Nordtrichter kristallinisch gliedern müßte. Das würde aber so lange Zeit beanspruchen, daß wir das alles kaum überleben dürften.«

Das sahen alle Pallasianer ein. Und man war nicht mehr gerne bereit, den Peka in seinen Arbeiten zu unterstützen.

Und der Weiterbau des Turmes ohne das notwendige Hautmaterial erschien Allen als unmöglich, da die Spinngewebewolke alle Arbeit oben unmöglich machte. Wenn nur so lange oben gearbeitet werden konnte, wie die Wolke oben leuchtete, so zog sich die ganze Geschichte allzu lange hin.

Somit waren die Pallasianer der Meinung, daß man das begonnene Werk liegen lassen müsse; Unmögliches ließe sich doch nicht durchsetzen, sagten sie mit mitleidigen Mienen. Und man bedauerte den Lesabéndio.

Der aber saß eines Tages ganz ruhig oben auf dem Turmgerüst drei Meilen über dem Rande des Nordkraters und lächelte, und der kleine Nax umschwebte den Kopf des Lesa in zierlichen Kurven und sah, daß Lesa lächelte.

»Ei! Ei! lieber Lesa«, rief der kleine Nax, »ich sehe, daß Du lächelst, während man Dich unten überall bemitleidet. Du siehst so glücklich und gar nicht bemitleidenswert aus. Was denkst Du? Glaubst Du, daß Dir und Deinem Turm noch zu helfen ist?«

»Das«, versetzte Lesa, »weiß ich nicht. Aber ich habe die Empfindung, daß wir einen Ausweg finden müßten. Ich lächle darüber, daß wir so schwerfällig sind und uns gar nicht zu helfen wissen. Ich habe die Empfindung, daß ein Unbefangener dieses Turmproblem im Handumdrehen lösen kann. Ich glaube, daß mir gleich das Richtige einfällt. Und ich mußte lächeln, daß mir das Richtige noch nicht eingefallen ist.«

Die grünen Sterne im violetten Himmel funkelten recht lebhaft, und die Wolke oben leuchtete weiß wie ein Geisterauge.

Nax setzte sich in beweglicher Kugelform auf Lesas Schulter, klemmte seinen Körper wie einen kleinen Saugfuß fest an, ließ seine kleinen Augen sehen, brachte seinen Rüssel vor und sprach zwitschernd:

»Baut doch quer, sodaß Ihr erst zur Mitte des Nordtrichters hinkommt. Dann könnt Ihr da einen ganz dünnen Turm errichten. Und für den braucht Ihr nicht so viel Haut. Die Geschichte erscheint mir sehr einfach.«

Da lächelte der Lesa und sagte so, als wenn gar nichts Besonderes passiert sei:

»Siehst Du! Da hast Du das Richtige getroffen. Es war so einfach. Und ich muß abermals lächeln, daß wir alle nicht darauf gekommen sind. Natürlich gehts so. Und Du, kleiner Nax, sollst jetzt unten gefeiert werden. Deine Idee war sehr einfach. Aber sie kam zur rechten Zeit. Wie oft können wir nicht zu der ganz einfachen Lösung kommen, weil wir zu sehr befangen sind von allen möglichen andern Dingen, die uns von der Lösung eines Problems zurückdrängen. Es geht uns mit den Problemen so wie mit unsrer mysteriösen Wolke – wir können nicht rankommen – und es erscheint uns alles so einfach, wenn wir uns doch dem Ziel nähern. Wir nähern uns dem Ziel! Komm, Nax, an mein Halsband! Wir wollen hinunter und den müden Seelen neuen Mut einflöß.en. Neuen Mut hast Du uns gegeben. Der Gewaltige oben gab ihn uns durch Dich, kleiner Nax! Sei nicht zu stolz auf das, was Du sagtest.«

Der kleine Nax lachte, und dann stieß sich Lesabéndio zur Mitte zu ab. Und er flog dahin wie ein Pfeil und sauste langsam in großartiger Parabelkurve ganz langgestreckt zur Tiefe.

Und als Lesa unten das sagte, was der Nax gesagt hatte, da erscholl ein großartiges Gelächter im Nordtrichter des Pallas. Diese Lösung des schwierigen Problems erschien Allen so einfach und selbstverständlich, daß man sich gar nicht beruhigen konnte.

Sofanti sagte ganz erbittert: »Ich glaube, daß uns die kolossale Arbeit ein wenig den Verstand verwirrt hat. Wir sind zweifellos etwas dumm geworden und sollten uns vor den edlen Quikkoïanern schämen. Die haben jetzt alle Veranlassung, sich über uns lustig zu machen. Ich finde das eigentlich beklagenswert.«

Aber des Nax rief da ganz laut:

»Das finde ich gar nicht beklagenswert. Wir haben uns ein wenig nützlich gemacht. Und deswegen wollt Ihr uns ausschelten? Das ist nicht freundlich von den Pallasianern.«

Und der Kleine tat so, als wenn er wieder weinen müßte. Sein Schluchzen klang ganz fürchterlich.

Und viele Pallasianer kamen herbei und wollten den Kleinen beruhigen.

Er aber schluchzte nur noch heftiger.

Da sagte der Lesa:

»Nax! Lach mal wieder!«

Da war der Kleine plötzlich still und sagte dann ganz leise:

»Ich weine ja gar nicht. Ich tat bloß so. Ich muß doch immer Unsinn machen. Ich kann doch gar nicht anders.«

Die Pallasianer waren entzückt über diese Worte des kleinen faustgroßen Quikkoïaners.


 

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