Die große Revolution

ps_105 Und die Mondleute schwebten nun in so großen Scharen zu den neuen Blitzblumen, daß es nachts oft so aussah, als ginge ein elektrischer Funkenregen übers kraterreiche Mondgefilde.
Knéppara freute sich über diese elektrische Blütenpracht, die in ihrer ganzen Herrlichkeit nur in dunkler Nacht zu sehen war, keineswegs.
»Mafikâsu«, sagte er, »hat ein unbegreifliches Glück. Bei dieser Aufregung der Mondvölker ist es ganz sicher, daß die Expedition nach der andren Seite des Mondes nicht verschoben werden wird.«
»Das ist auch«, rief der große Loso dazwischen, »nicht beklagenswert. denn wir werden so mehr Glas bekommen, und ich muß gestehen, daß wir noch sehr viel Glas gebrauchen können; unsre Vorräte gehen durch das ewige Photographieren doch allmählich zur Neige – und wir brauchen auch Grotten mit Oberlicht. Bei Leib-, Wand- und Goldkäferlicht kann man nicht viel sehen – wenigstens nicht genug.«
»Du wirst also«, versetzte Knéppara, »für die Expedition Deine Stimme abgeben – nicht wahr?«
»Ohne Zweifel!« rief der große Loso.
Und Knéppara wurde wieder ein bißchen grün und schwebte in schmerzlichster Verfassung mit seinem Ballonbauch in den großen Lesesaal der Erdfreunde hinein.
Der große Lesesaal war jetzt nur so schlecht besucht wie die kleinsten Lesesäle; von den Blitzblumen ließen sich auch die Erdfreunde in großen Scharen hinauslocken.
Die weißwandigen hellen Lesesäle waren sämtlich bodenlos, so daß die Lesenden und Schreibenden an vielen Stellen bequem übereinander sitzen konnten; an den Wänden stiegen steile Terrassen mit Sitzsäulen empor.
Die meisten Grottensäle im Innern des Mondes gestatteten nicht, daß man sich unten auf dem Grunde niederlassen konnte, da sich da zumeist glibbrige Pilze angesiedelt hatten.
In dem großen Lesesaale, in dem sich jetzt der Knéppara niederließ, brachte ein Inspektor zwei neue Folianten herbei, in denen sich der Abdruck einiger Zeitungsseiten befand, die man in der letzten Nacht photographiert hatte; es waren das wieder Zeitungsseiten, die von den Erdmännern herrührten.
Der Inspektor zeigte dem Knéppara eine recht merkwürdige Stelle in diesem Abdruck – da stand klar und deutlich:
Wir leben auf der Erde in einem aufgeklärten Jahrhundert. Unsre Technik macht täglich die bedeutsamsten Fortschritte. Nur unsre moralischen Anschauungen wollen sich immer noch nicht weiter entwickeln. Die Völker kleben noch an unzähligen Vorurteilen – eines der größten ist aber, daß wir uns scheuen, das Fleisch frisch getöteter gesunder Menschen zu verspeisen. Ein lächerliches Vorurteil! In den vielen blutigen Kriegen, die wir jetzt gegen die wilden Völker und gegeneinander führen, werden so viele Menschen getötet, die, trotz dem sie ganz gesund vor ihrem Tode waren, nach Empfang der Todeswunde ohne weiteres in die bereitgehaltenen Erdgräber geworfen werden und dort verfaulen müssen. Wir sind der Ansicht, daß ein derartiges Wegwerfen gesunder Fleischmassen ein himmelschreiendes Unrecht gegen unsre oft in sozialer Not befindlichen Volksmassen ist. Es wäre doch viel praktischer, das frische Fleisch der gefallenen Feinde sofort auf die Märkte der Sieger zu schicken und dort zweckentsprechend zu verkaufen. Wir sind der Überzeugung, daß dabei ein gutes Stück Geld verdient werden kann, da Menschenfleisch bekanntlich als Nahrungsmittel den allerersten Rang einnimmt; das Fleisch der Auster steht an Nährwert und Wohlgeschmack dem des Menschen in jeder Hinsicht nach. Es ist doch geradezu albern, eine derartige Delikatesse, der wir auf Erden schlechterdings nichts an die Seite setzen können, einfach abzulehnen – aus >moralischen< Rücksichten – weils mal zufälligerweise bei uns nicht usuell ist! Diese Sitte! Na – wir haben durchaus keine Veranlassung, diese Sitte fürderhin zu schonen. Mit Hilfe unsrer vortrefflichen Waffen können wir in einer Sekunde Tausende von gesunden Wilden niederschießen und kurz und klein schlagen. Wenn wir uns nicht genieren, dieses zu tun, so brauchen wir uns auch nicht zu genieren, die Getöteten zu verspeisen. Das bringt doch das ewige Kriegsleben einfach so mit sich. Auch bei den immer häufiger werdenden Revolutionen hätten wirs doch wahrlich nicht nötig, die Erschossenen in die Erde zu verscharren. Wer sich gegen die Obrigkeit auflehnt, darf nach menschlichem Rechtsgefühl wohl auch von den Inhabern der Machtstellen verspeist werden; das kann das Ansehen einer jeden Regierung nur vermehren. Der gebratene oder geräucherte Revolutionär wird zu allen Zeiten einen ganz besonderen Leckerbissen abgeben. Es erscheint daher notwendig, unsre Gesetze entsprechend dem oben Mitgeteilten umzuformen, damit der Vergeudung gesunder Fleischmassen ein für alle Mal ein Ende gemacht werde. Der Mensch gehört dem Menschen und nicht den Würmern. Fort mit der Gefühlsduselei! Die schickt sich nicht für unser aufgeklärtes Jahrhundert. Wer Menschen totmacht, kann sie auch aufessen. Wozu sich genieren? Wenn das eine nicht strafbar unsern Gesetzgebern erscheint – so kanns das andere doch auch nicht sein. Wir verstehen es, trefflich mit unsern durchschlagenden Waffen umzugehen – lernen wirs auch, mit unsern Zähnen so trefflich umzugehen. Wir dürfen annehmen, daß uns unsre Köche das Fleisch unsrer Feinde in sehr appetitlicher Zubereitung vorsetzen werden; unsre moderne Küche ist doch zu allem fähig. Und was für Preise werden gezahlt werden für die >feindlichen< Delikatessen! Da wird mancher Lebemann feste sein Portemonnaie rühren! Das vergesse man nicht! Da lassen sich feine Geschäfte machen! Wir werden uns doch all die fetten Bissen nicht wegschnappen lassen – von den Würmern. Nochmals sagen wir: Fort mit der Gefühlsduselei! Sie führt zu nichts und verweichlicht nur die kriegerische Manneskraft unsrer stets kampfbereiten mut- und glorreichen europäischen Nationen, die allen ihren Glanz der Entwicklung ihrer schneidigen, allzeit schlagfertigen Volksheere verdanken.
Nachdem Knéppara diesen Zeitungserguß gelesen, sah er lange den Inspektor an – und der Inspektor sah den Knéppara an — dann sagte dieser: »Ist das tatsächlich photographiert worden? Ist das tatsächlich…?«
Er konnte nicht weiter – er wurde einfach smaragdgrün – und leuchtete, wie ein Glühwurm auf der Erde leuchtet – in stillen Sommernächten.
Und die Lesenden und Schreibenden im Lesesaal blickten sehr erstaunt auf und schüttelten mißbilligend den Kopf, als sie ihren großen Knéppara wieder mal so grün sahen.
Der Inspektor reichte den Folianten mit den Zeitungsabdrücken herum.
Und die Mondleute, die sämtlich Erdfreunde waren, erschraken über diese die Erdmänner so kompromittierende Stelle. Inzwischen wurde langsam Knéppara wieder so silbern phosphorescierend wie sonst.
Als ers aber ganz war, rief er alle Mondleute, die sich im Lesesaale befanden, zusammen und ließ die kompromittierende Stelle in den Zeitungsabdrücken von dem Inspektor laut und deutlich vorlesen.
Nach der Vorlesung ergriff der weise Knéppara feierlich das Wort und sagte kurz das Folgende:
»Meine Herren! Für die Erdmänner spricht diese Stelle – nicht gegen die Erdmänner. Ohne weiteres werden Sie erken nen, daß dieser Artikel eine Satire auf das allgemeine Kriegs wesen ist. Man hat es auf der Erde dick bekommen, Millionen von kostümierten Massenmördern dick zu füttern – und Herr Mafikâsu täte nicht klug daran, wenn er nochmals seinen neulich vorgebrachten Antrag wiederholen möchte; der liebe Mafi könnte eklig reinfallen dabei – in fünfzig Jahren werden auf der Erde sogenannte >stehende< Kriegsheere überhaupt nicht mehr existieren – das sagt Knéppara.«
Sagt es und schwebt lächelnd nach oben – durchs Eingangsloch durch – in den hellen Sonnenschein hinauf.
Der Himmel ist dunkelgrün und wie von Sammet.
Und Knéppara glänzt wie gleißendes Silber, während die Sonne wie gleißendes Gold glänzt.
Lächelnd schwebt der Führer der Erdfreunde weiter – über die kleineren Krater weg, die sich in der Nähe des großen Lesesaals befinden.
Und so kommt der unverzagte Führer zum hohen Sichelkrater, in dem das längste Teleskop der Erdfreunde verborgen ist.
Und oben am Kraterrande, der sichelförmig nur die eine Seite des Kraters abschließt, sitzt Zikáll, der Mann der Wissenschaft.
Und Knéppara setzt sich neben Zikáll. Beide schauen lange Zeit schweigend in den Kraterschlund, in dessen Mitte die große Linse des Teleskops wie ein Riesenauge glänzt.
Dann sagt Knéppara, ohne zu erröten:
»Wie denkst Du über die Blitzblumen?«

%d Bloggern gefällt das: