Die große Revolution

ps_102 Während nun die Weltfreunde gar nicht unzufrieden waren und dem Gange der Ereignisse mit ruhiger Zuversicht entgegenblickten, bemächtigte sich der Erdfreunde eine ganz außergewöhnliche Erregung.
Und nach Verlauf einiger Mondtage waren Tausende von Erdfreunden von ihrer >Sache< dermaßen begeistert, daß man bei ihnen von ruhiger Anschauungsfreude kaum noch Spuren wahrnahm.
Die Weltfreunde sahen sich plötzlich einer gradezu schwungvollen Gegenagitation gegenüber.
Zunächst versuchten die an den Zinnkratern tätigen Mondleute bessere Photographien von den Gesichtern der Erdmänner zu verbreiten; es wurde sehr eifrig überall erklärt, daß die bislang bekannt gewordenen Gesichter der Erdmänner keinen Schluß auf die Allgemeinheit der erdmännischen Gesichtsbildung zulassen.
Der in allen photographischen Fragen maßgebende Ratsherr Loso äußerte sich zu dieser Angelegenheit in einem Rundschreiben folgendermaßen:
Wir können vom Monde aus naturgemäß nur selten das freie Gesicht des Erdmannes sehen – hauptsächlich nur dann, wenn dieser auf dem Rücken auf freiem Felde daliegt und schläft. Wir wissen nun aber, daß diese Schlafenden zumeist >obdachlos< sind, welches Wort auf Erden soviel wie >gemeingefährlich< bedeutet. Diese Obdachlosen, die von den Erdmannern auch >Stromer< genannt werden, haben Gesichter, die uns ein ganz falsches Bild von der Beschaffenheit der erdmännischen Gesichtsbildung geben. Wir veröffentlichen daher zunächst zweitausend Erdmannsgesichter, deren Bildung nicht als eine einfach-bestialische bezeichnet werden kann. Es zeigt sich in diesen neu herausgegebenen Photographien eine immerhin so ansprechende Gemütsart, daß wir das Stromerantlitz schlechterdings als Ausnahme behandeln müssen. Vorstehendes bitten wir gütigst zu berücksichtigen und danach die Vorstellungen vom Wesen des Erdmannes zu modifizieren.
Gleichzeitig veröffentlichte Knéppara, der sich immer noch sehr aufgeregt benahm, ein anderes Rundschreiben, das diesen Wortlaut hatte:
Die Kraterteleskope der Erdfreunde haben infolge ihrer beispiellosen Vergrößerungskraft in der letzten Zeit eine so kolossale Fülle von Beobachtungsmaterial geliefert, daß es momentan bereits schwer ist, das Wichtige vom Nebensächlichen zu trennen. Wohl gehören die Erdmänner im allgemeinen zu den niedrigen Lebewesen, die nur durch Abtöten und Runterschlucken andrer noch niedriger stehender Lebewesen ihre Existenz verlängern können – andrerseits muß es aber nach den photographischen Buchseiten, die für uns jetzt endlich lesbar geworden sind, auch Erdmänner geben, die von der Welt mehr als das Eß- und Trinkbare wahrnehmen. Diese Erdmänner, die bedeutender sind, heben sich deutlich aus den abstoßenden Volksmassen heraus; die Galerie dieser alleinstehenden Erdmänner verspricht, eine sehr interessante zu werden. Während die Mondmänner infolge ihrer vollendeten Natur, die sich ohne weiteres durch bloße Luftzufuhr am Leben erhält, in den Hauptzügen ziemlich gleichartig sind, ist die so heftig nach Erhaltung ringende Lebensart auf der Erde imstande, einen viel größeren Reichtum an Entwicklungsformen zu äußern. Die allgemeine Verachtung, die wir bislang dem Erdmann entgegenbrachten, scheint denn doch in mancher Hinsicht eine durchaus gerechtfertigte nicht zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Erdleute infolge der mangelhaften Beschaffenheit ihrer Natur sehr oft darüber nachdenken, wie sie wohl ihr klägliches Leben verbessern könnten. Und bei diesem Nachdenken kommen Dinge zum Vorschein, die die Erdleute mit dem Namen >Kunst< belegen. Wir haben dieses Wort >Kunst< bereits seit Jahrtausenden vergessen, da unsre mangellose Lebensweise uns nicht nahelegt, ein besseres Leben, das wir nicht zu einem wirklich für uns daseienden machen können, auszudenken und auszumalen. Jedoch die Erdleute erregen immer wieder ihre Phantasie und schaffen sich eine andere bessere Welt in dieser. Wohl tun das nur die feineren Erdleute – aber diese müssen doch da sein – sonst könnten wir auf der Erde nicht Malereien, Steinbauten, Standbilder, Dichtungen und Musikwerke in so großer Zahl entdecken und photographieren. Vielleicht können wir später mal aus dem Zusammenwirken der verschiedenen irdischen Künstlerindividualitaten, zu denen wir auch gar nicht unkluge Denker, die nur über die Welt nachdenken, ohne was wie wir von ihr zu sehen, zu rechnen haben, einen vernünftigen Schluß ziehen – auf die Gesamtnatur des Sterns, der fur uns Erde heißt und doch auch als Stern sehr interessant sein muß. Zu diesem Behuf erscheint uns eine Weiterarbeit an dem uns vorliegenden riesenhaften photo graphischen Material, das uns von allen Erdteilen Millionen von Bildern liefert, durchaus erforderlich. Durch Jahrtausende beobachten wir bereits die Erde, und unsre Apparate sind mit der Zeit vollkommen geworden. Die Einschränkung der Arbeiten an den Teleskopen, die ständig auf die Erde gerichtet werden, erscheint uns grade jetzt in absehbarer Frist nicht für angänglich. Wir bitten die Mondvölker alle ohne Ausnahme, das hiermit Gesagte gütigst in Erwägung zu ziehen und danach die Tagesfragen sachgemäß zu beurteilen.
Nun – diese beiden Rundschreiben gaben einen sehr großen Gesprächsstoff ab, so daß ein Mondmann, der bloß silbern phosphorescierte und keine Spur Röte am Körper zeigte, bald so seltsam auffiel wie ein pechschwarzer Komet.
Jetzt wurden von den Mondleuten infolge des lebhafteren Verkehrs auch wieder jene Krater aufgesucht, in denen sich beim Luftwechsel zu bestimmten Zeiten herrliche Töne hören ließen – die oft wie große Orchestermassen in klangvoll rauschendem Melodienfluß das Ohr mit Entzücken erfüllten – wie Töne aus fernen Geisterwelten.
In der Nähe dieser Musikkrater wurde von der Kunst der Erdmänner oft in sehr erregten Worten gesprochen. Und mancher Mondmann hielt es gar nicht für einen Vorzug im Mondleben, daß in ihm alles Herrliche auch ohne Zutun der Mondmänner da war – während auf der Erde die verschiedenen Erdmänner sich eigene, nur ihnen selbst gehörende Welten erschaffen konnten.
Der Weltfreund Rasibéff gab sich große Mühe, klarzulegen, daß in den Mondteleskopen eben unzählige Welten da seien und daß die doch besser seien als die zusammengedachten das Zusammendenken sei für die Kreaturen doch mehr Quälerei als Vergnügen – und das große Teleskop von Monddurchmesserlänge werde eben mehr Welten sichtbar machen – als Millionen Erdleute ausdenken könnten.
»Die Kunst der Erdmänner brauchen wir eben nicht mehr.«
Das erklärte Rasibéff immerzu; er behauptete auch, daß die grandiose Kratermusik nie und nimmer von den kleinen Instrumenten der Erdleute nachzumachen sei.
Die Konzerte, die die Krater zum besten gaben, ließen allerdings an Vielseitigkeit nichts zu wünschen übrig, da die natürliche Konstruktion der porosen Kraterwände alle denkbaren Varianten auch zur Ausführung brachte. Es war eben überflüssig, die natürlichen Kompositionen zu überbieten; sie überboten sich ja von selber immerfort.
Die Mondleute konnten eigentlich, wenn sie fein ihre Ohren spitzten, überall auf der Oberfläche die feinste Musik vernehmen, die Goldkäfer trugen ebenfalls, wenn die Sonne nicht schien, das ihre zu der Musik bei; die Goldkäfer warfen sehr oft einen drolligen Glanzkitzel in die Tonwelten hinein – etwas Lächelndes stak in den oft zitternden Stimmen dieser Goldkäfer- als wüßten sie was von den fernsten Sternen.
Es gab Krater, die nur durch gewaltig komplizierte Harmonien immer wieder neue ergreifende Stimmungen im Zuhörer auslösten; andere Krater wirkten wieder nur durch Melodien.
Rasibéff wurde gar nicht müde, die unzähligen Vorzüge der Mondmusik an allen Ecken und Kanten auseinanderzusetzen, die irdische Kunst war nach seiner Meinung wirklich nur ein Notbehelf.
Die Agitation der Erdfreunde wurde durch Rasibéffs Eifer bedrängt – gleichzeitig aber auch aufgestachelt – zu noch größerer Energie.
An einem stillen Abend nach langen Reden am Schwammkrater schwebt Rasibéff hoch über den Moosfeldern ins Dunklere, blickt stolz zum großen Himmel auf, in dem die unzähligen Sternwelten funkeln und glühen – auf schwarzem Grunde.
Unten am Horizonte sieht Rasibéff auch die Erde als große karminrote Scheibe – und er wendet sich ab – und wird grün vor Ärger – und schüttelt sich, als er das bemerkt – und blickt scheu um sich – und sieht unter sich die unzähligen Goldkäfer, die die Oberfläche des Mondes ebenso erscheinen lassen, wie ein Himmel mit Sternwelten in Augen ohne Fernrohr aus sieht, so daß Rasibéff plötzlich glaubt, mitten unter unzähligen Sternen zu schweben und ihnen ganz nahe zu sein.
Und der Weltfreund steigt auf wie ein rotglühender Feuerball und möchte aus der Atmosphäre raus – und wird oben grün, wie er fühlt, daß er nicht höher kann.
»Die Vollkommenheit unsres Lebens«, sagt er heftig, »ist nur dann da, wenn wir aus unsrer Luft nicht rauswollen.«
Währenddem wird unten in den Rauchergrotten, wo die kolossalen Fächerblumen nach allen Seiten immerzu wachsen und zerfallen, von der Bedeutung der erdmännischen Individualität gesprochen.
Und Knépparas Rundschreiben wird heftig angegriffen.
Der sonst so ruhige wissenschaftlich denkende Zikáll, der für gewöhnlich nur mit chemischen Kochtöpfen beschäftigt ist, hält eine lange Rede, in der er zum Schlusse sagt:
»Darüber wollen wir uns doch ja nicht täuschen: daß die weisen Erdmänner auch alle Tage ein paar Bestienzüge in ihren Charakter schmieren – das macht diesen nicht reicher. Die Mondleute unterscheiden sich auch voneinander- aber sie können doch nicht interessanter werden dadurch, daß sie in atavistischer Weise Bestienzüge in ihren Charakter schmieren. Knéppara ist so nervös geworden, daß er schon ganz ungereimte Sachen redet. Wenn die Opposition doch bloß nicht immer gleich zu weit gehen möchte!«
Zikáll trifft drei Tage später in den dampfenden Bädergrotten, in denen man auch Wolken studieren kann wie bei den Rauchern, den schwitzenden Rasibéff.
Und dem Rasibéff sagt der Zikáll:
»Mein Freund! Daß wir auf der Mondoberfläche weder Wolken noch Nebel haben – das ist ein Mangel auf dem Monde – daher müssen wir uns immer noch eifrig um die Erde kümmern, weil da Wolken und Nebel in Hülle und Fülle zu haben sind.«
»Oho!« erwidert Rasibéff, »in diesem herrlichen Schwitzbade, in dem ich jetzt rotglühend herumschwebe, sehe ich Nebel und Wolken genug- vollauf genug.«
Der Zikáll lacht und ruft:

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