Die große Revolution

ps_128 In der letzten Nacht, als der Mond für die Erde ganz dunkel wurde, leuchteten die Goldkäfer auf den knisternden Moosfeldern viel heftiger als sonst.
Die Mondleute umlagerten die Krater, in denen die Erdfreunde die Erde beobachteten – und unaufhörlich wurde der Inhalt der letzten Photographien bekanntgegeben.
Und die Hände der Mondleute zitterten.
Jetzt mußte sich endlich das Schicksal der großen Revolution entscheiden.
Und da zuckten die Mondvölker plötzlich zusammen – und blitzschnell verbreitete sich die Kunde, daß ein dritter Staat der Erdmänner seine stehenden Heere abgeschafft hätte.
Mafikâsu griff krampfhaft mit beiden Händen in die Luft und flog wie eine Leuchtkugel empor.
Zikáll schrie auf – und lachte – und ließ den Kopf sinken.
Die beiden Rasibéffs verzerrten ihre Gesichter und wurden grün.
Eine maßlose Wut bemächtigte sich der Weltfreunde, die in ein paar Augenblicken sämtlich grün wurden – und wie sinnlos durch die Lüfte flogen – wobei die aufgequollenen Bäuche dröhnend aneinanderstießen.
Die dumpfen Paukentöne durchdröhnten das ganze Land.
Und die Goldkäfer flogen auch alle empor und schwirrten um die Köpfe der grünen Mondmänner rum.
Und die Ratsherren wußten nicht, was sie tun sollten.
Und die Führer riefen wütend:
»Ruhe! Ruhe!«
Und das half nichts.
Da schwebte aus dem Bleikrater der große Knéppara heraus – der rot war – wie ein Feuerball.
Und Knéppara erschrak, als er so viele grüne Mondmänner sah.
Und die Grünen glaubten, Knéppara wolle sich triumphierend zeigen.
Und die Grünen brüllten vor Wut- und grüne elektrische Funken sprangen blitzend aus ihren Leibern.
Aber Knéppara schrie jetzt, während er hoch über dem Bleikrater schwebte:
Die Weltfreunde haben gesiegt! Ich verkünde meinen Gegnern, daß die Beobachtung der Erde zu Ende ist. Htirt mich doch! Ich habe ja die Wette verloren. Hört doch!«
Da sahen sich die Grünen erschrocken an, doch der Rote fuhr fort:
»Der dritte Staat zählt ja nicht mit – der Staat existierte ja vor fünfzig Jahren noch gar nicht. Ich freue mich von ganzem Herzen, daß die Erdfreunde die Wette verloren haben. Es lebe die große Revolution! Es lebe das große Teleskop! Seid froh! Werdet wieder rot!«
Und – da ging ein Schauer durch die Lande.
Und ein unbeschreiblicher Jubel brach nach diesen Worten los.
Und die Grünen waren im Handumdrehen alle rot – alle rot.
Wie das aussah!
Erst bildete sich ein roter Ring um den Bleikrater.
Der Bleikrater lag in der Mitte der bewohnten Mondseite. Und dann wurde der runde rote Ring, der aus lauter Mondleuten bestand, gleichmäßig nach allen Seiten immer breiter und breiter – wellenförmig- als wär ein Stein in ein Wasser gefallen, das rot werden kann – in ein grünes Wasser – denn vordem waren die Mondleute alle noch grün.
Und dann war nach ein paar Augenblicken die ganze Halbkugel rot – wie ein Feuermeer.
Und der Jubel rauschte nur so durch die dicke Luft.
Die Goldkäfer umschwirrten nun die Köpfe der Roten – wie sie vorhin die der Grünen, die nicht mehr da waren, umschwirrt hatten.
Und wie Goldstaub funkelten die Goldkäfer in dem roten Feuermeer. Die Seligkeit ward zur Raserei.
Und alle flogen jetzt auf den Bleikrater zu, so daß es aussah, als wenn ein kuppelförmiges rotes Pilztier seinen Krinolinenleib aufzöge und zu einer dicken Kugelmasse würde.
Und diese rotglühende Kugelmasse, zu der aus allen Kratern immer mehr Mondleute kamen, fing an sich zu drehen.
Und dann umkreiste diese rote Masse den Bleikrater siebenmal – langsam und feierlich.
Und Knéppara schwebte oben hoch überm Bleikrater, der jetzt gar nicht zu sehen war, mit Mafi, Zikáll und den Rasibéffs in der Mitte.
Und alle schrien und lärmten.
Und dann ward es ganz still.
Und dann schlugen sich alle auf den Ballonbauch – daß das Gedröhne so furchtbar wurde – wie ein einziger anhaltender Donnerton.
Und es durchdröhnte die Luft dieser einzige gewaltige Paukendonnerton sieben Stunden lang.
Danach wards abermals still.
Und dann löste sich die rote Masse auf – und die kleinen Mondmänner sprühten wie die Funken eines großen Feuers umher – die einen flogen zu den Sternen empor – die andern hinunter in die Krater.
Und die Freude war groß.
Die Freude rüttelte alles auf und wirbelte dann alles durcheinander.
Und nun ward die große Revolution auf dem Monde mit einem Schlage zum Ereignis; die hundert Ratsherren beschlossen, den Führern der Fabrikgrotten unumschränkte Machtbefugnisse über sämtliche Mondvölker zu verleihen.
Und die Führer der Fabrikgrotten geboten – alle Tätigkeit an den verschiedenen Kraterteleskopen, in den Museen und Bibliotheken – sofort einzustellen.
Und die große Bohrtätigkeit begann.
Da viele Maschinen in der Nähe der Todesgrotten angeschraubt wurden, so mußten diese durch schalldämpfende Portieren aus Moosfaserstoffen an allen Seiten abgeschlossen werden; es wurden nach den Aufregungen der letzten Zeit sehr viele Mondleute müde; doch mit diesem Umstande war gerechnet worden.

Über hundert Jahre nahm nun die große Bohrtätigkeit sämtliche Mondmänner ganz und gar in Anspruch.
Es war nur Maschinenarbeit – doch die Maschinen mußten hergestellt, transportiert und bedient werden; die Stützvorrichtungen und Berechnungen nahmen auch viele Hände und Köpfe in Anspruch.
Aber schließlich ward es Licht.
Und man gelangte in eine große große Glasgrotte, durch deren bunte farbenglühende Nischen und Wände das Sonnenlicht drang- wie ein stilles Abendlied am Flötenkrater.

Nach weiteren hundert Jahren hatte man eine ganze Anzahl weiterer Glasgrotten kennengelernt.
Des Staunens und Bewunderns war kein Ende – denn jede Grotte hatte ein neues komplizierteres Farbenwunder gezeigt.
Und je weiter man vordrang- um so heller und strahlender wurden die Grotten.
Und die Luft ließ nichts zu wünschen übrig.

Die unausgesetzte Arbeit spannte die Mondvölker derartig ab, daß sie sich, als dreihundert Jahre nach der Revolution verflossen waren, ganz gleichgültig allen ferneren Ereignissen gegenüber verhielten.
Selbst die wundervollen bunten Licht-, Glanz-, Brand- und Farbeneffekte der immer wieder neu wirkenden Glasgrotten vermochten eine bemerkenswerte Erregung nicht mehr hervorzurufen.
Die Leiter der Fabrikgrotten verfolgten mit zäher Unerbittlichkeit ihre Ziele.

Und als nun die müden Arbeiter endlich nach vierhundert Jahren die große natürliche Linse, von der Zikáll so viel geredet hatte, erblickten – da ging bloß noch ein langer Seufzer durch das Innere des Mondes.
Und die Hälfte der Arbeiter schwebte traurig zu den Todesgrotten, um durch eine neue Wiedergeburt wieder lebensfähig zu werden.

Zikáll hatte also recht gehabt – die große Naturlinse, die einen Durchmesser von mehreren Meilen besaß, war in der Mitte der gläsernen Mondseite entdeckt worden.
Aber es kam noch mehr.
Bald entdeckte man auch in anderen Grotten, die an der Oberfläche lagen, große Glaslinsen, die sich ebenfalls für Riesenteleskope eigneten.
Und da beschlossen denn die hundert Ratsherren, deren Zahl immer wieder, wenn einzelne müde geworden waren, aus den Führern ergänzt wurde, auch diese kleinen Naturlinsen zu Teleskopzwecken zu verwerten.
Die Grotte mit der großen Mittellinse war im Innern eine Rubingrotte und bestand aus lauter kolossalen roten Brillanten, die schreckliche Brandglut ausströmten, so daß man bei Tageslicht nicht lange dort sein konnte.
Überhaupt: sämtliche Grotten, die an der Oberfläche lagen, zeigten sehr viele Brillanten und Edelsteine in unsäglich vielen neuen Farben und Kristallformationen, so daß es eine große Freude war, in diesen Brillanten-Grotten zu weilen.
In den Glaslinsen zeigte sich glücklicher- und seltsamerweise kein einziger Brillant – während doch das Innere der Glasgrotten so viele aufwies; die Linsen waren sämtlich wasserklar und auch von Meteoren nicht beschädigt.
Die natürlichen Glassäulen und die herrlichen Nischen, Galerien und Schluchten aus Glasgebilden und edelsten Steinen wirkten allmählich durch all den blitzenden, funkelnden und brennenden Reichtum der immer wieder neuen Formen- und Farbenkompositionen – wiederbelebend auf die ermüdeten Mondvölker – wie frischer Blütenduft wirkte das neue Grottenreich.

Und dann wurden die Teleskope zusammengebaut- sowohl das mittlere große – wie auch zwölf seitwärts stehende kleinere, die allerdings recht beträchtliche Dimensionen durchquerten – und zum großen Rohr in demselben Verhältnisse standen – wie in einem aufgespannten Regenschirm die spannenden Querstangen zum Stock.
Die Zwischenlinsen, die geschliffen werden mußten, machten die meiste Arbeit – mancher Mondmannsmund lernte das Seufzen dabei.
Jedes der dreizehn Rohre führte zunächst in den Ausgangspunkt der Bohrarbeiten, den man früher für den Mittelpunkt des Mondes gehalten hatte. Und von diesem Punkte aus ging das mittlere Riesenrohr stockgrade nach der Mondseite, die der Erde zugewandt ist – bis in den Bleikrater, der das Zentrum der bewohnten Halbkugeloberfläche bildet.
Man denke sich einen Regenschirm aufgespannt – und die Vorstellung wird komplett sein; nur vergesse man nicht, daß das Schirmtuch der Glasseite entspricht.
Diese riesenhaften Teleskope sollten so eingerichtet werden, daß Beobachtungen und photographische Aufnahmen an verschiedenen Stellen des großen Rohres möglich wurden; vom Bleikrater bis zu den Todesgrotten schuf man sieben undzwanzig Rohrstationen mit kompliziertesten Apparaten.
Auch ganz neue Apparate zur Beobachtung der Licht- und Wärmespektren wurden in den Fabrikgrotten hergestellt.
Das Gehämmer und Geklopfe ward vonJahrzuJahr stärker.
Die Metalle klangen oft melodisch zusammen – doch nur selten.
Vom Bleikrater bis zur großen Linse warens gute tausend Meilen.

Die ungeheure Arbeit wirkte nach und nach ganz eigenartig auf die Gemütsverfassung der armen Mondmänner ein; die waren an eine derartig ununterbrochene Handtätigkeit gar nicht gewöhnt – es bildete sich viel Horn in den Handflächen.
Die Krater, in denen früher so regelmäßig Beobachtungen des Himmels und der Erde stattgefunden hatten, standen nun schon jahrhundertelang in stiller Einsamkeit da.
Niemand fand die Zeit, die alten Räume, an die sich so viele Erinnerungen knüpften, wieder mal aufzusuchen.
Und am Himmel und auf der Erde konnten die kolossalsten Wunder geschehen – die Mondleute bemerkten davon nichts.
Selbstverständlich hatte man die alten zurückgesetzten Apparate so sorgsam umwickelt und eingepackt, daß sie Schaden nicht leiden konnten.
Auch die Museen und Bibliotheken liefen nicht Gefahr, zu verderben – dafür war gesorgt.
Aber für die Köpfe der Mondleute war weniger gesorgt worden.
Die Führer der Fabrikgrotten nutzten ihre Machtstellung ganz rücksichtslos aus – und gestatteten keine andre Beschäftigung den Mondleuten – als die an dem großen Werke.
Und bald warens volle tausend Jahre, daß die Mondleute so unablässig arbeiteten.
Die Zeit war vergangen – man wußte nicht wie.
Aber da kam es einigen Ratsherren – und besonders dem Knéppara – so vor, als müßte nun notwendigerweise die große Arbeit mal unterbrochen werden.
»Das furchtbarste Gefängnis«, sagte er in der Ratsversammlung, »kann nicht einen so verheerenden Einfluß ausüben – als diese ständige mechanische Tätigkeit. Ich habe diese schlimmen Folgen der großen Arbeit damals vor tausend Jahren vorausgesehen und gefürchtet. Aber Ihr wolltet nicht hören.«
Und Knéppara schlug vor – zehn Jahre zu ruhen.
Auf den Amethystsäulen fand danach wieder eine Abstimmung statt.
Zuhörer wie sonst waren in der Ratsgrotte diesmal nicht da.
Und der Knéppara wurde wieder überstimmt; die Führer der Fabrikgrotten waren der Uberzeugung, daß in guten drei Jahrhunderten alles fertig sein würde – man müßte fest bleiben.
Knéppara setzte es danach bloß durch, daß einzelne Arbeiter jährlich fünfhundert Stunden von der Arbeit befreit werden konnten.
»Ihr seid grausam!« sagte Knéppara – und bat, ihn sofort fünfhundert Stunden hindurch allein zu lassen.
Dem Knéppara ward die Bitte selbstverständlich gewährt; dabei versicherten aber die Führer der Fabrikgrotten mit erhobenen Händen, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen handelten – ein Nachlassen in der Arbeit setze das ganze große Unternehmen den größten Gefahren aus.
Und danach suchten sich wieder die Ratsherren durch die kolossalen Weltbilder, die ihnen später beschert werden würden, zu berauschen.
»Dieser Zukunftsrausch«, sagte Zikáll, »hat uns bereits tausend Jahre aufrechterhalten – er wird uns auch über die nächsten drei Jahrhunderte hinweghelfen.«
Und mit diesem Troste flogen die Herren vom Ratskrater wieder eilig davon und nahmen die ihnen zugewiesene Arbeit von neuem in Angriff.

Knéppara aber saß nun hoch oben am Rande des Zinnkraters und starrte die volle, rotglühende Scheibe des Erdgestirns an, das die Moosfelder des Mondes mit weichem Licht erfüllte.
»Diese Erdmänner!« sagte er leise in Gedanken zu den Nachtwinden“wer hätte das vor tausend Jahren gedacht! Heute kümmert sich keiner mehr um die Erdmänner. Wir wissen gar nicht, was sie tun; sie können bereits sämtlich ausgestorben sein – sie können sich auch heute noch gegenseitig totschießen – sie können sich auch gegenseitig aufessen – und dabei ruhig weiterleben – ein anderes Leben. Wer kann das wissen? Wir jagen einem größeren Ziele zu. Und es werden noch drei Jahrhunderte vergehen – bis wir wieder was von dem Leben der Erdmänner erfahren. Vielleicht haben auch sie eine große Revolution erlebt. Vielleicht können wirs nach drei Jahrhunderten gar nicht mehr konstatieren, ob die Erdmänner eine große Revolution erlebten – oder nicht. Vielleicht sind die Folgen der großen Revolution schon wieder verweht. Es ist doch traurig, daß ich von alledem nichts weiß.«
Goldkäfer schwirrten um Knépparas Kopf.
Feine Musik tönte aus dem Zinnkrater heraus – so wie von fernen fernen Gesängen, die weder traurig noch heiter sind.
Die Sterne funkelten.
Und die Erde glühte.

 

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