Die große Revolution

ps_126 Als nur noch zehn Jahre bis zur Entscheidung hin waren, da machte der große Loso eine Entdeckung, die den Mondvölkern mal wieder einen fürchterlichen Stoß gab:
Loso hatte einfach in einem photographierten irdischen Amtsblatte die Nachricht gelesen, daß ein Staat der Erdmänner, der über hundert Jahre die allgemeine Wehrpflicht anerkannte, diese ganz einfach abgeschafft habe – da seine Regierungsmänner überzeugt waren, daß sie in absehbarer Zeit von feindlichen Nachbarn nicht angegriffen werden könnten.
Weshalb dieser alte Militärstaat seine Stellung auf Erden für so unantastbar hielt – das stand in dem Amtsblatt nicht drin aber ein Staat hatte den Militarismus tatsächlich abgeschafft – das genügte ja.
Und Knéppara konnte lächelnd sagen:
»Es gibt eben überall Wunder – nicht bloß in der weiten Ferne. «

Die Mondleute konnten sich von ihrem Schreck nicht so rasch erholen.
Knéppara lächelte.
Es lächelten aber nicht viele mit ihm.
Die Sache kam so überraschend; man hatte gar nicht mehr erwartet, daß ein Staat der Erdmänner die bunten Röcke der Massenmörder an den Nagel hängen könnte.
Und nun wars doch so gekommen.
Die Weltfreunde priesen Mafikâsus Vorsicht, der damals vor vierzig Jahren verlangt hatte, daß die Gegner des großen Fernrohrs erst dann ihren Willen haben sollten, wenn drei Staaten das stehende Heer abgeschafft hätten.
Nun waren aber noch zehn Jahre hin bis zur großen Entscheidungsstunde.
Bis dahin konnten zwei weitere Staaten ihre jetzt von den meisten Mondleuten gefürchteten friedensfreundlichen Reformpläne doch noch durchsetzen.
Somit schwoll die Beunruhigung immer mehr an.
Und während nun alles für die Freunde des großen Fernrohrs auf dem Spiele stand, geschahen am Himmel abermals neue Wunder.
Ein ziemlich ferner Stern, den man nur mit dem Teleskope des Bleikraters sehen konnte, hatte seine Form verändert und wurde zum Stäbchen, und dieses Stäbchen wurde immer größer und größer – als wenn sich der Stern wie ein Stock, dessen Knopf man bisher nur gesehen, aufrichtete.
Wie gerne hätten alle Weltfreunde jetzt wieder das große Fernrohr gehabt!
Die Erdfreunde waren mit den Jahren auch schon Freunde des großen Rohrs geworden, denn die Beobachtung der dummen Erdmänner machte auf die Dauer wirklich keinen Spaß.
Die große Revolution auf der Erde konnte dergroßen Revolution auf dem Monde das Genick brechen – das sahen alle ein.
Und da wurde denn die Spannung auf dem Monde fast ermüdend; alle Teleskope, die die Erde beobachteten, wurden von zahllosen Mondleuten immerzu umlagert – denn jeder wollte in die Zukunft schauen und erfahren, ob noch andre Staaten auf Erden soldatenmüde werden könnten.
Im Laufe der Jahre hatte sich der irdische Militarismus ganz erheblich vergrößert – fast verzehnfacht.
Und das war dadurch gekommen, daß viele Staaten, die so lange kein stehendes Heer gehabt hatten, dieses einführten.
Diese neuen Militärstaaten kamen nun nicht für den Mond in Frage.
Aber durch diese neuen Militärstaaten waren einzelne der alten arg in den Hintergrund gedrängt worden, und es durfte sich niemand wundern, wenn von diesen alten verdrängten Militärstaaten einzelne ihre ganze Rüstung fallenließen, sobald sie annehmen konnten, daß allein die Zwietracht der Nachbarn ihnen etwas Unantastbares verleihe.
Das machte die Mondvölker bitter und gereizt.
Es fehlte nicht an Stimmen, die diese ganze Wettgeschichte für bodenlosen Leichtsinn erklärten und die Schuld natürlich den Ratsherren in den Ballonbauch schoben.
Der Unmut wuchs.
Knéppara hörte manches böse Wort.
Mafikâsu mußte ebenfalls viel hinnehmen.
Man sah immer öfter – einen Mondmann grün anlaufen.
Obgleich sich nun jeder Mondmann der grünen Hautfarbe schämte und gegen jede Ärgerstimmung nach Kräften ankämpfte, so durfte doch nicht geleugnet werden, daß die grüne Farbe am Leibe gar nicht mehr so großen Schrecken erregte und auch gar nicht mehr so furchtbar unangenehm berührte – wie früher.
Und während all dieser Unruhen, die überall ein gewisses Revolutionsparfüm erzeugten, geschahen am Himmel unaufhörlich weitere Zeichen und Wunder.
Aus dem gelben Nebelfleck der sechsten Region löste sich eine große durchsichtige Scheibe los, die allmählich rund wurde und Karminfarbe erhielt.
Und diese runde Scheibe vergrößerte sich und schwebte langsam durch den Hintergrund des Raumes.
Und die Sterne, die sich hinter der karminroten Scheibe befanden, erschienen im Roten als blaue Punkte und zitterten als solche heftig hin und her – die Sterne vor der roten Scheibe blieben in ihrer zumeist goldenen Naturfarbe unbeweglich.
Und dieses Farbenspiel von Rot, Blau und Gold wirkte in den Teleskopen entzückend, obgleich es dem bloßen Auge selbst in der Nacht vollkommen unsichtbar blieb.
Herrlich sah hinter der roten Scheibe der Stockstern aus, der als schnurgrade blaue Linie die rote Scheibe scheinbar in zwei Hälften zerschnitt.
Man denke sich eine große karminrote Scheibe übersät mit blauen und goldenen Sternen und durchschnitten von einer blauen Linie, die sich rechts und links als Goldlinie fortsetzt.
Die ersten Mondmänner der Wissenschaft konnten sich nicht an eine diesem Scheibengebilde analoge Erscheinung erinnern, und über Natur und Bestimmung dieses astralen Lebewesens ließen sich nicht einmal Hypothesen konstruieren; jeder feste Stützpunkt fehlte, ein größeres Teleskop hätte hier sicherlich sofort aufklärend gewirkt.
Die Stimmung der Mondmänner ward eine recht verdrießliche. Doch es blieb ihnen nicht viel Zeit, über die unglückliche Lage der Verhältnisse lange nachzudenken.
Im Bleikrater wird abermals eine äußerst interessante Entdeckung gemacht; man beobachtet eines Abends zwei kleine Nebelflecke und bemerkt, daß sie sich einander mit rasender Geschwindigkeit nähern. Die Sache sieht gleich beängstigend aus.
Die beiden Nebelflecke bleiben plötzlich dicht nebeneinander stehen, und Wolken – violette Wolken – dampfen aus den Nebeln empor. Und zu gleicher Zeit werden die Sterne der Umgegend brandrot.
Und aus den Wolken schießen riesige Blumen heraus, die an die Blitzblumen erinnern; tausend Adern durchschlängeln diese Blumen, und die Adern bekommen dicke Köpfe und Gliedmaßen, die Händen ähneln – und die Hände des einen Flecks schlingen sich um die Hände des andern Flecks und scheinen miteinander zu ringen.
Und unten aus den Nebelflecken fliegen fortwährend Sterne heraus – wie Kugeln; und die Kugeln aus dem einen Fleck gehen in den andern Fleck hinein.
Und dieses Schauspiel währt volle drei Jahre – und währenddem erhalten all die brandroten Sterne der Umgegend langsam andre Formen.
Die Mondleute erklären anfänglich dieses großartige Weltschauspiel für einen Kampf, aber Zikáll bemerkt sehr richtig, daß es sehr einseitig wäre, astrale Verbindungen und Entwicklungen aus feindseligen Empfindungen heraus zu erklären; es sei doch eine primitive Vorstellung vom kosmischen Reichtum, wenn man annehmen wollte, daß astrale Lebewesen immer bloß wie die Würmer der Erde zwischen Ab- und Zuneigung herumpendeln müßten.
Die Zahl der photographischen Aufnahmen von diesen beiden aneinandergeratenen Nebelflecken, die fürs bloße Auge zusammen bloß einen einfachen Stern siebenter Größe bilden, wächst ins Ungeheuerliche.
Die Erde wird währenddem beinahe vergessen.
Im vierten Jahre des Weltwunders schlagen plötzlich Flammen aus den beiden Flecken heraus, und die Flammen nehmen die Gestalt riesiger bunter Scheinwerfer an.
Und dann werden die beiden Nebelflecke immer kleiner, und schließlich entdecken die Mondleute, daß die Scheinwerfer aus unzähligen kleinen Sternen bestehen, die in Gasform hinausfliegen ins All – und im Hintergrunde des Weltraums allmählich verschwinden.
Und dann werden die Nebelflecke ganz unsichtbar – und die Scheinwerfer verblassen.
Und darüber sind abermals drei Jahre verflossen, so daß noch vier Jahre bis zu der großen Entscheidungsstunde hin sind.
Viele Mondleute erinnern sich anfänglich gar nicht, worüber die Entscheidungsstunde entscheiden soll; ein Rausch hat alle gepackt, und sie können sich, als von dem großen Weltschauspiel schlechterdings nichts mehr zu entdecken ist, in die alten Verhältnisse von Mond und Erde gar nicht zurückfinden.
Jetzt aber macht sich die Erde in recht unangenehmer Art bemerkbar; ein zweiter Staat dieser Erdmänner hat sein stehendes Heer abgeschafft.
Und dieser zweite Staat zählt mit.
Und das wirkt – als käme plötzlich eiskalte Ätherluft in die alten Mondkrater hinein.
Der Weltrausch ist mit einem Male verflogen.
Den Mondvölkern ist so zumute, als wäre jetzt alles zu Ende, und in leidenschaftlichen Reden bricht ein Grimm durch —
»Man hätte nicht Rücksicht nehmen sollen – auf Knéppara und Mafikâsu – man hätte niemals die Entwicklung des Mondes von der Entwicklung der lächerlichen Erdvölker abhängig machen sollen.«
In dieser und ähnlicher Tonart sprechen jetzt Unzählige.
Einzelne Mondleute schlagen vor, den Ratsherren und Führern auseinanderzusetzen, daß die Beschlüsse im Ratskrater Gültigkeit nicht mehr besäßen.
Die Ratsherren und Führer boten alles auf, die ergrimmten Völker zu beschwichtigen, und erklärten, daß man das Weitere erst abwarten müsse – noch sei ja nicht alles verloren.
Die Weltfreunde wollten die großen Bohrarbeiten beginnen – ohne jede weitere Rücksicht – auch ohne die Hilfe der Erdfreunde.
Es schien eine ganz neue unerwartete Revolution im Anzuge zu sein.
Da traten aber die Führer und Ratsherren sehr energisch auf und erklärten, daß sie allen Arbeiten geschlossen fernbleiben würden, falls man die Unantastbarkeit der Ratsversammlungsbeschlüsse in Frage stellen sollte.
Das half denn doch.
Die Volksmassen sahen bald ein, daß sie allein ohne Führer und Ratsherren kein neues Teleskop erbauen könnten – geschweige denn das große mit der Monddurchmesserlänge.
»Mit Gewalt ist auf dem Monde nichts zu machen!« riefen die beiden Rasibéffs.
Knéppara ließ sich nicht sehen.
Und Zikáll erklärte in der großen Versammlungsgrotte:
»Die große Revolution, die auf dem Monde stattfinden soll, wird niemals eine von den Massen dirigierte Revolution sein. Von derartigen Revolutionen träumen wohl zuweilen die Erdmänner, uns aber ziemt solch ein kopfloses Vorgehen nicht. Wir habens doch nicht nötig, uns gegenseitig an die Kehle zu packen. Warten wir erst ruhig ab, ob auch der dritte Staat der Erdleute die Waffen an den Nagel hängt.«
Und die Mondvölker warteten dieses ab – allerdings in einer Stimmung, die allmählich den Führern und den Männern der Wissenschaft recht unbequem wurde.
Glücklicherweise trat ein neues Wunder am Himmel hervor.
Wiederum war das Teleskop des Bleikraters zuerst in der Lage, das neue Wunder als solches zu erkennen.
Die Sterne des Himmels erhielten sämtlich einen neuen Glanz – selbst die Erde schien anders zu leuchten.
Es war so, als wenn sich über die ganze Welt ein zarter opalisierender Schleier gebreitet hätte.
Auch dieses Phänomen ließ sich mit bloßem Auge nicht wahrnehmen – so zart war es.
Aber es existierte; nach und nach konnten es siebenundzwanzig Teleskope konstatieren.
Zikáll gab eine Erklärung der rätselhaften Erscheinung.
»Wir gehen eben«, sagte er lächelnd, »mit unsrem Sternhaufen durch eine andere Weltgegend durch, in der es andre astrale Wesen gibt, die feiner sind als unser grobkörniges Sonnensystem. Wir werden dem flimmernden Gassterne, in dem wir uns befinden, wahrscheinlich als Fremdkörper etwas lästig fallen, und es ist möglich, daß der Feine den Groben wieder abstößt. Es läßt sich aber auch denken, daß der Grobe so grob ist, daß er dem Feinen gar nicht zum Bewußtsein kommt. Warten wir ab, ob uns die Welt fürderhin nur noch in Opalgeflimmer erscheinen soll – oder ob sie wieder so wird, wie sie für uns so lange war. Warten wir auch das ab – wir sind doch ans Abwarten gewöhnt. Jedenfalls könnten wir, wenn wir das große Rohr erst hätten, nach meiner Meinung bald konstatieren, daß wir im Jahre mindestens durch sechs derartiger feiner astraler Weltwesen durchgehen, ohne was Weiteres davon gewahr zu werden. Unser Wahrnehmungsvermögen ist überhaupt sehr beschränkt, solange wir nicht sensiblere Instrumente besitzen, die leider fürs Auge größer sein müssen als unsre alten.«
Die Erscheinung verschwand, als nur noch ein einziges Jahr bis zur Entscheidung hin war.
Und da wandte sich denn wieder das ganze Interesse den militärischen Verhältnissen der Erdvölker zu.
Die Mondleute lachten recht viel und auch recht herzlich darüber, daß sie einer so untergeordneten nebensächlichen Angelegenheit so viel Aufmerksamkeit entgegenbrachten aber es ward ihnen auch recht unheimlich bei der Affaire zumute.
Die einmal durch derartige Wettspiele erledigten Ratsfragen durften nach uralten Satzungen nie wieder aufs Tapet gebracht werden.
An ein Umstoßen dieser alten Satzungen war von seiten der Führer und Ratsherren gar nicht zu denken. Und gegen deren Willen ließ sich einfach nichts machen, da die stets geschlossen vorgingen.
So hing denn alles davon ab, ob der dritte Staat der Erdmänner die bunte Kriegsrüstung auszog oder nicht.
Langsam nahte der Tag der Entscheidung.
Die Todesgrotten waren von allen verlassen, da sich diejenigen, die ihre Wiedergeburt erwarteten, so rechtzeitig unten eingefunden hatten, daß sie die große Entscheidungsstunde oben miterleben konnten.
Zwei tolle Meteore wurden nun noch entdeckt – und zwar grade an den Teleskopen, die den Erdball beobachteten.
Es waren Gasmeteore, die zwischen Mond und Erde schwebten und immerzu wie Doppelsterne umeinander kreisten, bis sie plötzlich zusammenfielen und dabei einen großartigen Funkenregen in violetten und zinnoberroten Farben nach allen Seiten verstreuten – von den Funken flogen sehr viele zur Erde und beinahe ebensoviele zum Monde – die meisten zergingen im Äther – ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen.
Dieses kleine lustige Schauspiel erheiterte die erregten Beobachter auf dem Monde ganz außerordentlich, da es auch in den kleinen Ferngläsern, die die Mondleute stets in ihrem Rucksacke haben, sichtbar war.


ps_127

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