Die große Revolution

ps_123 Doch die Zeit ging dahin – im Fluge.
Und zwanzig Jahre nach der großen Ratssitzung, in der das erdmännische Soldatentum so wichtig gemacht wurde, hatte man wieder mal ein anderes Bild vom Erdball; der sah jetzt so aus, als wenn endlich alles gründlich verrevolutioniert werden sollte.
Knéppara sagte feierlich:
»Es können sich Wunder auf der Erde ereignen! Photographieren wir besonders die Tageszeitungen!«
Das geschah denn auch.
Aber dabei kam was Schönes zutage.
Bekanntlich war es die Absicht der irdischen Friedensfreunde schon vor zwanzig Jahren gewesen, die Tagespresse auf ihre Seite zu ziehen; diejenigen Zeitungen, die von den Friedensfreunden tüchtig bezahlt bekamen, taten natürlich alles mögliche für die Verbreitung der Friedensideen – aber die andern Zeitungen, die nach ihrer Meinung nicht genug für ihren Schlund kriegen konnten, taten bald alles mögliche zur Verbreitung der Kriegsideen – und verstanden es, ihre Leser durch kriegerische Alarmartikel und tägliche Mordsgeschichten so zu verrohen, daß es in kurzem gradezu als Vaterlandsverrat betrachtet wurde, wenn jemand seine Kinder nicht schon im zarten Alter von zehn Jahren militärisch drillen ließ – wofür es viele staatliche Erziehungsanstalten gab, die das Drillen ganz umsonst besorgten.
Und so erfuhr der Militarismus auch durch die Tagespresse nur eine Steigerung seiner Kraft, was allerdings zur Folge hatte, daß die Erdleute überall geneigt waren, große Revolutionen zu arrangieren.
Und so wurde manches anders – ganze Reihen von Potentaten wurden abgeschafft – aber die stehenden Heere wurden keineswegs abgeschafft.
Die von den Regierungen gut bezahlte Tagespresse sorgte dafür, daß das Interesse am Heerwesen nicht wieder erschlaffte. Aller Hohn und Spott von seiten der Friedenspartei nutzte gar nichts; die Soldaten lachten die Friedensleute einfach aus und drückten ihnen öfters die Hände und sagten freundlich:
»Ihr habt das meiste zu unserm Wohlsein beigetragen. Wenn Ihr nicht so viel auf das Soldatenwesen geschimpft hättet, so lebten wir heute noch so schlecht wie die armen Stiefelputzer, die vor zwanzig Jahren dienten. Jetzt leben wir einen Herrentag!«
»Sehr gut!« sagte Loso, als er das in den hellen Museumsgrotten las,» wir werden sicherlich siegen; ein Wunder kann sich ja, wie Knéppara sehr richtig äußerte, immer noch ereignen. Verlieren wir nur den Mut nicht; die Erdmänner verlieren ihn auch nicht.«
Und als nun dreißig Jahre nach der entscheidenden Ratssitzung ins Land gegangen waren, da fiel es allen Erdfreunden sehr sauer, noch fürderhin auf Abschaffung des irdischen Militarismus zu hoffen; grade die Bekämpfung des Militarismus von seiten einzelner Erdmänner hatte diesen erst recht stark gemacht- und es machte sich auf Erden schließlich die Meinung geltend, daß grade die Bekämpfer des Soldatentums die gemeingefährlichsten Leute seien.
Und dieses letztere stimmte – denn eine Sache, gegen die man kämpft, beeinflußt das innere Wesen des Kämpfenden im Sinne der bekämpften Sache; der Kampf gegen die Roheit verroht mehr als jeder andre Kampf; die Bekämpfer des Verbrechertums werden die größten Verbrecher; und der Kampf gegen die Verrücktheit macht selbst das bißchen reine Vernunft in uns zu einer ganz verrückten Sache.
Das Uniformwesen aber nahm auf Erden immer mehr überhand, und es war tatsächlich herzlich langweilig, diese wohlbewaffneten Erdvölker, die sich ewig und immer nur an die Gurgel packen wollten, noch länger anzusehen – statt anzuspeien.
Und viele Mondmänner bedauerten bereits, daß das große Fernrohr den dummen Erdmännern eine so große Wichtigkeit verliehen hatte.
»Die Erde«, sagte Knéppara, »ist tatsächlich ein langweiliger unsympathischer Stern.«
Dieses Bekenntnis machte natürlich großes Aufsehen.
Und viele Weltfreunde bedauerten jetzt lebhaft, daß der Beschluß der Ratssitzung unveränderliche Gültigkeit behielt.
Alle wurden von großer Ungeduld gepeinigt; die Weltfreunde sehnten sich nach dem großen Rohre, und die Erdfreunde hatten an dem durchweg ekelhaften Gebaren der Erdvölker keine Freude mehr, da alle Hoffnung auf ein Besserwerden der irdischen Zustände wie eine Albernheit aussah.
Und die Weltfreunde machten am Himmel so viele neue Entdeckungen, die immer wieder die Sehnsucht nach dem großen Teleskope fast ins Krankhafte steigerten.
Auf einer nicht allzu weit entfernten Kreisring-Sonne hatte man große Lebewesen entdeckt, die bei den kolossalsten Temperaturen ganz friedlich und ohne Kämpfe nebeneinander lebten.
»Es ist«, sagte Zikáll, »ein großer Irrtum, wenn man annimmt, daß friedlose kriegerische Zustände auf sehr vielen Sternen zu finden seien. Es ist doch ein bodenloser Stumpfsinn, wenn man sich ein erhöhtes heftiges Pulsieren des Lebens immer als Begleiterscheinung von Kampf und Vernichtung denkt. Zustände, wie wir sie auf der Erde kennenlernen, gibt es wohl noch an verschiedenen Punkten des uns bekannten Weltenraums – aber diese Unglücksstätten sind irdischen Pestbeulen vergleichbar – seltsame Ausnahmezustände – einfache Abnormitäten.«
»Daher habe ich mich«, versetzte Knéppara, »auch so leidenschaftlich mit der Erde beschäftigt. Ich will doch hinter die Ursache kommen, der derartig abnorme kranke Zustände ihr Dasein verdanken – so was muß doch Gründe haben. Es muß doch was dahinter stecken.«
Mafikâsu sagte da errötend:
»Ich kann mir nicht denken, daß Lebewesen, die sich gegenseitig töten und verspeisen, irgendeine Spur von höheren Zwecken verfolgen könnten. Es gibt im Weltraum ohne Frage unsäglich viele Kreaturen, deren Erhaltung nicht beabsichtigt werden kann; daß aber was hinter solchen Mistexistenzen stecken könnte – das will mir gar nicht recht einleuchten; wir sehen doch, daß die Gestorbenen da unten nicht wiederkommen.
« Knéppara lächelte und sagte still:
»Vielleicht ist all das Leben, das wir auf der Erdoberfläche wahrnehmen, nur ein Scheinleben, das ein andres Leben, das unter jenem steckt, verdecken und vielleicht auch schützen soll. Vielleicht führen die Erdmänner schon ein ganz andres Leben in ihrem Schlafe. Vielleicht wissen sie noch gar nicht, daß sie ein Doppelleben führen. Vielleicht geht schon etwas andres in ihnen vor, wenn sie das tun, was wir da unten sehen. Das Doppelleben der Erdmänner kann auch noch viel komplizierter sein. Was sie Traumleben nennen, könnte vielleicht bloß ein Teil ihres andren Lebens sein. Die Mondmänner leben nicht im Schlafe – aber die Erdmänner müssens doch; sie reden doch genug von Dingen, die ihnen im Schlafe kommen – und die sie Träume nennen. Wir Mondleute kennen ja so was nicht. Vielleicht empfinden die Erdleute in ihrem Traumleben die feineren Ätherwellen eines besseren vollkommenen Lebens. Wir brauchen das Traumleben wohl nicht- weil wir in unsrer Leibfassung schon das Vollkommene haben – und daher kennen wir auch das bessere l.eben der Erdmänner nicht – diese haben dafür wohl noch keine Worte gefunden.«
»Das erinnert mich«, sagte Mafikâsu nach langer langer Pause, »an eine neue Art von Kometen, die wir in einem sehr hellen Nebelflecke beobachtet haben. Da entstehen aus einem Kometen, der Glaskörper hat, in einem Augenblicke mehrere, und die kreisen dann umeinander und können sich jederzeit wieder vereinen. Ich bin überhaupt der Meinung, daß so einfache Lebewesen, wie es die Mondmänner sind, nur sehr selten im Raume zu finden sein dürften. Ich nehme wenigstens an, daß wir, wenn wir von unsrem Verhältnis zu unsrem Stern absehen, einfach sind und nicht ein Doppelleben führen. «
»Vergessen wir nicht«, sagte Zikáll, »daß wir zwei Rasibéffs und zwei Nadûkes und zwei Klambátsche haben. Und es wäre wohl sehr wichtig, zu hören, was diese drei oder sechs Personen zu dem, was Mafi meinte, sagen.«
Und man unterhielt sich am nächsten Morgen mit den beiden Rasibéffs – und zwar mit jedem einzeln:
Und es war merkwürdig, daß beide die Empfindung hatten, ihr andres Ich sei sowohl in ihnen – wie auch so außerhalb ihrer Natur, daß es sie immer ganz umschlossen hielte.
Dasselbe sagten auch die beiden Nadûkes und die beiden Klambátsche.
Aber alle sechs fühlten sich, obgleich ihnen das Verhältnis zu ihrem Nebenmann sehr geheimnisvoll erschien, trotzdem als einfach Naturen; sie empfanden ihr andres Ich zuweilen nur als eine Art Brusterweiterung.


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