Die große Revolution

ps_119 »Und werden wir da«, meinte der große Loso, »nicht schließlich genötigt sein, eine neue Ratsgrotte zu suchen? Ist es nicht nötig, unter den obwaltenden Verhältnissen zweihundert Ratsherren zu wählen? Daß wir uns, wenn sich jeder von uns in zwei Teile spaltet, diese beiden Teile als gleichdenkend vorstellen können, das können wir uns doch nicht denken.«
Ohne diese Worte zu beachten, sprachen nun die andern.
Und alle sprachen – hintereinander – ohne Rücksicht auf die Vorredner – in langen wohlgesetzten Reden.
Und alle hatten plötzlich so viel zu sagen – daß es auf die zuhörenden Mondvölker ganz schrecklich wirkte – denn so viele Meinungen hatten sie noch niemals in einer einzigen Ratssitzung vernommen.
Sonst wars in den Ratssitzungen immer so einfach zugegangenman war ja vorher immer schon einig gewesen – wer sprechen sollte – im Auftrage der anderen.
Und jetzt sprachen alle Hundert.
Das war neu.
Die Namen der Herren Nadûke und Klambátsch wurden in den Reden an die hunderttausend Mal gebraucht; diese beiden Herren, die an Ruhm ihr Lebtag kaum mal dachten, hatten jetzt einen unheimlichen Ruhm; Gepenster könnten keinen haben, der unheimlicher wäre.
Und es empfanden bald alle Ratsherren, daß sich eine große Verwirrung ihrer bemächtigt habe.
Zum Schlusse sprach Knéppara ein erlösendes Wort:
»Liebe Freunde«, sagte er, »ich glaube, daß alle Reden vorläufig recht überflüssig sind, denn wir müssen doch zunächst mal abwarten und erst wissen, ob sich derartige Doppel-Geburten wiederholen werden. Es ist doch nicht so ohne weiteres anzunehmen, daß wir nun gleich sämtlich dazu verurteilt seien, in zwei Köpfen und zwei Leibern weiterzuleben. Ich glaube, wir täten gut, unsre Sitzung so lange zu vertagen, bis sich die Doppel-Geburten in größerer Zahl zeigen. Die Herren Nadûke und Klambátsch dürfen uns doch nicht vollständig aus der Fassung bringen. Wir haben in letzter Zeit doch wahrlich schon Dinge vertragen, die schwerer sind – Dinge, die noch tiefer in unsre Lebensverhältnisse einschneiden – obschon ich zugebe, daß uns dieses Ereignis in unsern Todesgrotten nicht ohne Grund im ersten Augenblick – ein wenig verwirrte.«
Nach diesen Worten beschlossen die Ratsherren, die Sitzung zu vertagen.
Das ging allerdings nicht so schnell – denn es sprachen noch sehr viele Mondleute, die sonst jahrhundertelang kein Wort geredet hatten, zum zweiten und dritten Mal.
Schließlich aber trennten sich die Ratsherren trotzalledem allerdings mit schwerem Herzen – denn die Aussicht, nächstens immerzu einen gleichberechtigten Namensbruder und Leibbruder neben sich zu sehen und neben sich zu hören – erschien keinem Mondmann als etwas Angenehmes – obwohl wieder viele der Meinung waren, daß diese neue Form der Lebensäußerung sicherlich mindestens so interessant sei – wie die Ereignisse im Lanzen-Nebel.
Nun- darüber ließ sich streiten.
Und das wurde auch reichlich getan.
Langsam – sehr langsam ging die Beruhigung der Mondvölker vor sich.
Die Herren Nadûke und Klambátsch kamen schließlich tatsächlich als vier Mondleute an die Oberfläche.
Und dieses verdoppelte Erscheinen machte wieder alle Völker rot; jeder Mondmann wollte nun was andres von den vieren erfahren.
Da gab es gleich ganze Labyrinthe von Fragen.
Und so hatten sowohl Nadûke I wie Nadûke II – wie auch Klambátsch I und Klambátsch II so viel zu antworten, daß ihnen bald das Antworten unmöglich wurde.
Und die vier ließen sich zusammen in einer einsamen Höhle am Zackenfall nieder und baten die Neugierigen herzlichst, vorläufig bloß fern zu bleiben – ganz fern.
Es ließ sich auf diese Weise nicht einmal feststellen, ob die Zweiten genauso dachten wie die Ersten; das wußten sie eben wie so vieles andre selber noch nicht.
Nun ereignete es sich währenddem, daß beinahe sämtliche Führer zu gleicher Zeit schrecklich müde wurden und – ohne es eigentlich zu wollen – genötigt waren, die Todesgrotten aufzusuchen.
Da bemächtigte sich der Mondvölker natürlich abermals eine Panik – denn nun fragte es sich ja – ob sie fürderhin von Doppelwesen regiert werden würden.
Die Geschichte wurde schwierig und gab jetzt auch denen einen tüchtigen Stoß, die schon was vertragen konnten.
Die ganze Beschaulichkeit ging in die Brüche.
Rasibéff war ebenfalls unter den Müden – und er war der erste, bei dem sich die blauen Lichterscheinungen zeigten.
Als es nun klar wurde, daß auch Rasibéff fürderhin in zwei Köpfen und in zwei Rümpfen und in zwei Ballonbäuchen weiterleben mußte – da wußten die Mondmänner nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand.
Anfänglich glaubte der Pflastermann, der jetzt selbstverständlich das erste Wort in allen Mondangelegenheiten hatte, es sei nicht unwahrscheinlich, daß die Ballonbäuche zusammen einen bilden könnten.
Dieses bewahrheitete sich glücklicherweise nicht; aber die Furcht vor einer derartigen Mißgeburt hatte nur noch wenig Eindruck auf die Mondvölker gemacht – sie waren schon ganz abgestumpft durch all das Unerwartete.
Beruhigend wirkte dann, als bei Mafikâsu und Knéppara alles normal verlief.
Und dann kam auch Zikáll wieder so aus den Todesgrotten heraus, wie er hineingeflogen war.
Und dann ereignete sich kein weiterer Fall, der zu Bedenken Anlaß bot.
Die Doppelgänger vermehrten sich nicht mehr.
Und die Furcht vor dem Doppelgängertum, die dem Mondmannsverstande schädlich zu werden drohte, löste sich langsam auf – und zerrann.


ps_120
%d Bloggern gefällt das: