Die große Revolution

ps_118 Nun ward es wieder ruhiger auf der bemoosten Seite des Mondgestirns, und die lauten heftigen Reden der Mondleute verstummten allmählich.
Von den Blitzblumen war nicht mehr die leiseste Spur zu bemerken, sie kamen wie der Blitz und verschwanden auch so.
Die fünfzig Tonnenwagen wurden wieder ins Innere des Mondes gebracht und in der Nähe der Fabrikgrotten aufbewahrt; die Wagen sollten eigentlich verbessert werden, gerieten aber bald in Vergessenheit.
Nach all der großen Erregung kam jetzt eine Zeit der Abspannung.
Und es wurden sehr viele Mondleute müde.
Und der Pflastermann hatte mit seinen Gehilfen viel zu tun.
Und die hohen violetten Hallen der Todesgrotten bevölkerten sich immer mehr und mehr.
Oben an den Kratern wurde jetzt die Erde mit größtem Eifer beobachtet, und die Museen, in denen sich die Photographien der Erdbilder befanden, wurden überall durch Inanspruchnahme andrer Grotten erweitert.
Und bei dieser Erweiterung wurde viel Glas von der Jenseitsseite des Mondes geholt; in den Fabrikgrotten hatten die Erdfreunde zu diesem Zwecke eine kolossale Maschine hergestellt.
Der Pflastermann wunderte sich über die große Arbeit, die diese Maschine verursacht hatte und sagte mal zum Loso, dem großen Glasfreunde:
»Ist es nicht verwunderlich, daß die Erdfreunde so viel Scharfsinn und so viel Arbeit aufwenden, bloß um ja nicht die alte Erde aus dem Auge zu lassen? Und ist es andrerseits nicht wieder verwunderlich, daß sie der Arbeit, die das große Fern rohr verlangt, so ängstlich aus dem Wege zu gehen trachten ? Wie reimt sich das?«
»Lieber Pflastermann«, versetzte da der Loso, «die Geschichte nimmst Du nicht so ganz richtig. Die Erdfreunde gehen den großen Arbeiten durchaus nicht aus dem Wege. Wer das Gegenteil behauptet, kennt uns nicht. Bedenke mal bloß, was das für Mühe gekostet hat, die einzelnen Sprachen der Erdvölker zu entziffern! Das war keine kleine Arbeit – wahrhaftig nicht! Und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Was den Knéppara und mich veranlaßt, soviel gegen das große Fernrohr zu reden – das ist doch nicht Arbeitsscheu. Wir wollen bloß nicht in unsren Arbeiten, die noch viele Lücken aufweisen, gestört werden. Schließlich hoffen wir, in den fünfzig Jahren, die wir Vorsprung gewonnen haben, so viel zusammenzubringen, daß wir uns ein bißchen verschnaufen können. Die Erdfreunde arbeiten heute mehr denn je. Es sieht uns eben so aus, als ob jetzt auf der Erde jeden Tag Wunder passieren könnten. « »Hm!« sagte da der Pflastermann »auf dem Monde siehts mir jetzt auch so aus, als ob alle Tage Wunder passieren könnten.«
»Wie«, fragte Loso, »meinst Du das? Ich dächte, es wären jetzt bald genug Wunder bei uns passiert. Mafikâsus Erfolge – der Lanzen-Nebel – die Blitzblumen – der Diamantengletscher- der große Rubin – ist das nicht schon alles, was sein kann?«
»lch glaube« flüsterte der Pflastermann geheimnisvoll, »es ereignen sich noch mehr. Wenn Du in die Todesgrotten mitkommen möchtest, so würdest Du was erleben. Ich habe die Sache nun schon sehr lange geheimgehalten, da ich glaubte, auf dem Monde sei schon genug Erregungsstoff da.«
Na – Loso begleitete gleich den Pflastermann.
Und in den Todesgrotten fanden sie in einem stillen dunklen Winkel den gelehrten Zikáll, der neben den Herren Nadûke und Klambátsch saß.
Zikáll sagte gleich:
»So was ist noch nicht vorgekommen. Die Herren sitzen nun bereits über zwei Jahre, und die Neubildung in der linken Ballonseite zeigt sich nicht. Dafür zeigen sich andre Erscheinungen. Wartet ein wenig – die Geschichte muß gleich wieder losgehn.«
Und kaum hatte er das gesagt, so entstand ein seltsames dunkelblaues Licht in den Körpern des Nadûke und Klambátsch ZU gleicher Zeit. Und jedes der beiden dunkelblauen Lichter irrte in dem Leibe herum und sprang dann wie eine Leuchtkugel raus und tanzte in der Luft auf und ab wie ein Irrwisch. Und plötzlich zerspritzten die beiden tanzenden Lichter- und die blauen Lichtteilchen waren gleich wie dünne weiße Schlangen – die sich in der Luft hin und her schlängelten – und dann langsam nach allen Seiten zerrieselten – wobei es zuweilen so aussah – als wenn Schneeflocken herumflögen.
»Was ist denn das?« rief der Loso, als es vorbei war.
»Wir müßten die Sache«, sagte der Pflastermann, »eigentlich bekanntmachen. Mich hält nur eine Ahnung zurück. Diese Lichterscheinungen haben sich beinahe schon hundertmal gezeigt. Die beiden Herren wissen nichts davon. Aber nach jeder Lichterscheinung habe ich den Körper der beiden ein wenig verändert gefunden. Die Sache spielt schon viel länger als zwei Jahre – es sind bald vier. Wenn bei andern das Herauswachsen des neuen Rumpfes ein halbes Jahr dauert so ist das schon lange. Wir wollen nun noch einmal ganz genau nachsehen.«
Der Pflastermann löste ein paar Pflaster vom Bauche des schlafenden Herrn Nadûke ab – und wurde dabei sehr rot, um besser sehen zu können.
Und mit einem Male fing der Pflastermann furchtbar zu lachen an. Zikáll und Loso wußten zuerst nicht, was das Lachen bedeuten sollte.
Doch sie solltens bald erfahren.
Sie flogen näher, betrachteten den Bauch des Sterbenden sehr aufmerksam – und sahen nun – zwei ganz winzig kleine Köpfe nebeneinander in Nadûkes linker Ballonseite.
Der Pflastermann lachte noch immer.
Aber die Herren Zikáll und Loso schlugen entsetzt die Hände überm Kopfe zusammen und rissen den Mund weit auf.
»Das bedeutet ja«, rief Loso, als erwiederzu sich kam, »daß jetzt zwei Nadûkes entstehen.«
»Das bedeutet es!« sagte der Pflastermann ernst, » jetzt weiß ichs genau; nun können wir von dem unerhörten Wunder allen Mondvölkern Nachricht geben. Ich war bis heute meiner Sache noch nicht ganz gewiß; ich kann mich auf die Feinfühligkeit meiner Finger nicht mehr so recht verlassen; ich glaube, ich werde auch bald müde.«
»Wie steht es aber«, fragte Zikáll, »mit dem Herrn Klambátsch? «
Der Pflastermann nahm auch dem Klambátsch ein paar Pflaster ab – und da waren ebenfalls zwei Köpfchen in der Ballonhaut zu sehen.
Die beiden Sterbenden wurden wieder in die bequemste Lage gebracht, und dann flogen die drei, die das Wunder gesehen hatten, sehr rasch davon.
Und bald wußten alle Mondvölker, daß es demnächst zwei Nadûkes und zwei Klambátsche geben würde.
Und diese Nachricht brachte alle Mondvölker in ein paar Augenblicken ganz aus Rand und Band.
Die Erregung wurde im Handumdrehen so furchtbar, daß alle Führer und alle Ratsherren in größter Eile durch die Lüfte sausten – ohne zu wissen – wohin.
Alle Mondleute waren glühendrot und rangen die Hände.
Und an den Kratern wimmelten die Völker durcheinander – als wenn ein großes Feuer- Funken sprühte.
Und sie flogen in die Todesgrotten und flogen wieder in die Fabrikgrotten – und dann wieder nach oben – und wußten nicht- was sie eigentlich wollten.
Es war eine Aufregung!
Nicht zu sagen!
Und das Merkwürdige an der ganzen Geschichte war, daß alle Mondmänner nicht wußten, ob sie sich über dieses Wunder freuen – oder ob sies für ein Unglück halten sollten.
Die Trubelstimmung währte ohne Unterbrechung volle vierundzwanzig Stunden.
Dann aber kamen die hundert Ratsherren im Ratskrater zusammen und beschlossen, sich gegenseitig ihre Meinungen über dieses eigenartige Naturereignis mitzuteilen.
Und da saßen sie denn wieder mal auf ihren langen schlanken Amethystsäulen – und die Völker ringsum lauschten wieder.
Aber in dieser außerordentlichen Sitzung waren die Herren Ratsherren sämtlich rot wie glühendes Eisen.
Und keiner hatte lachende Gedanken, denn wenn die Sache eine Zukunft hatte…
»Sollen wir«, sprach Zikáll, »annehmen, daß wir nun fürderhin immer gleich mit zwei Schädeln denken werden? Müssen wir nicht befürchten, daß sich unsre Zahl verdoppeln könnte?«

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