Die große Revolution

ps_115 »Auf der Glasseite lassen sich eben Bohrarbeiten nicht ausführen – dazu fehlt uns eben die Luft. Und wollten wir einen Wagen glatt anlegen auf eine glatte Fläche und dann durch den Wagenboden durch gleich hineinbohren ins Glas – so wäre das doch zu umständlich, da ja der Wagen der Bohrma schinen wegen so groß sein müßte, daß es schwerfallen I dürfte, ihn weiter ins Glasland hineinzuschaffen; die glatten I Flächen sind nicht gleich am Luftrande da.«
Also sprach Zikáll, nachdem er mit Mafi seine Mondvölker wiedergesehen hatte.
Das war ein Wiedersehen gewesen!
Zittern vor Freude taten die Weltfreunde und glühen taten sie, daß der grüne Himmel beinahe ganz rot wurde – denn die Mondleute waren doch in so großen Scharen an den Luftrand eflogen, daß die Atmosphäre an der Stelle, an der der letzte der fünfzig Wagen zurückkehrte, von oben bis unten und nach allen Seiten ganz und gar mit Mondleuten angefüllt erschien.
Das war ein herzerquickender Anblick gewesen für die beiden großen Mondmänner, die in ihrer Tonne am Fenster saßen; die Fenster hatte man der Sicherheit wegen sämtlich durch Drahtnetze geschützt, so daß die drinnen Sitzenden von außen nicht gesehen werden konnten.
Und so wurde das Wiedersehen der beiden großen Entdekker für alle Mondvölker ein ganz plötzliches.
Mafikâsu und Zikáll schwebten nun im Mittelpunkte der Tagesinteressen.
Und alle Mondvölker lauschten nun tagelang den Worten der beiden – wie Offenbarungen.
Und dem Knéppara mit seinen Erdfreunden, soweit sie ihm noch treu bleiben mochten, fiel es sehr sauer, sich Gehör zu verschaffen.
Die Mondmänner vernachlässigten ihre gewohnte Tätigkeit an den Kraterteleskopen und interessierten sich bloß noch für die neu entdeckte Mützengestalt des Mondes – und besonders für die große natürliche Glaslinse, die in der Mitte der Glasseite sitzen sollte.
Die Versammlungen in den großen und kleinen Versammlungsgrotten folgten einander immerzu; es riß gar nicht ab.
Indessen – Knéppara sprach in einer dieser Versammlungen ein paar Worte, die nicht unbeachtet bleiben konnten. Knépp sagte:
»Ich halte mich doch für verpflichtet, die Mondleute vor voreiligen Handlungen, so gut ichs kann, zu warnen. Wir alle wissen, daß Meteore auf der von uns bewohnten Mondseite sehr selten herunterfallen. Jedoch gleichzeitig wissen wir, daß die Meteore in die Luft der Erde zu Tausenden hineinfliegen. Nun ist die Erde durch eir.en anderthalb Meilen breiten Luftgürtel geschützt. Hätte die Erde nur so wenig Luft an ihrer Oberfläche wie der Mond auf der von uns bewohnten Seite, so wäre alles, was die Erdmänner geschaffen haben, längst von den Meteoren kurz und klein geschlagen.«
»Das würde nicht sehr zu bedauern sein!« rief da ein Mondmann aus.
Doch der Knéppara fuhr fort:
»Es ist nicht unsre Aufgabe, über Dinge, die auf andern Sternen vorgehen, unser Mißfallen oder unser Frohlocken zu äußern. Und ich verstehe nicht, wie ein Mondmann, der doch der Welt gegenüber immer nur unbeteiligter Zuschauer bleibt, eine derartige Bemerkung machen kann.«
»Ein Erdmann sprach wohl aus ihm!« rief da eine Stimme aus dem Hintergrunde.
Es trat eine Pause ein. Knéppara trommelte nervös auf seinem Ballonbauch, und ein paar Weltfreunde baten, den Redner doch nicht mehr zu unterbrechen.
Und da sagte dieser leise und eindringlich:
»Da nun aber auf der Glasseite des Mondes gar keine Luft ist und dort auch keine Erde die Meteore ablenkt, so muß doch die natürliche Linse, die für das große Teleskop benutzt werden soll, mit Meteoren einfach gespickt sein.«
Nun – diese Bemerkung zog. Und die Freunde des großen Teleskops wußten lange nicht, was sie sagen sollten.
Wohl meinten einige, daß die Existenz der natürlichen Linse ja noch gar nicht bewiesen sei. Und andere behaupteten, das große Fernrohr ließe sich auch, ohne die Naturlinse zu beachten, mit einer Kunstlinse herstellen, da ja Glas in genügender Menge vorhanden sei.
Aber die Verstimmung blieb, denn die Gefährlichkeit der Meteore erschien allen als nicht zu leugnende Tatsache.
Dieser Knéppara war ein zu verachtender Gegner in keinem Fall.
Doch da ergriff zur rechten Zeit wieder der große Zikáll das Wort und äußerte sich in einer Drucksache folgendermaßen:
Die Bewegungen der meisten Meteore, die in unserem Sonnensysteme herumschwirren, schließen sich im großen und ganzen den Bewegungen der Planeten und Monde an und umkreisen mit diesen – wenn auch in komplizierteren Kurven – unsre Sonne so gut wie wir. Und das hat zur Folge, daß alle Meteore nicht in senkrechten, sondern nur in sehr schragen Linien auf die größeren Sterne und Monde fallen. Nun ist aber ohne Frage die natürliche Linse, die wir inmitten der Glasgefilde vermuten, ziemlich tiefliegend – und vielleicht nicht allzufern von den Todesgrotten. Was will denn da der Knéppara? Die Linse ist doch durch die höheren Gebirge, von denen sie kraterartig auf allen Seiten umgeben ist, genü gend geschützt. Wir müssen doch annehmen, daß diese Ge birge, die die Spiegelfläche der Linse umschließen, diese Linse viele Meilen hoch überragen. Ja – es ist nicht unwahrschein lich, daß sich d ie Linse in einem Loche befindet, das mehr als hundert Meilen tief ist. Wir sind durchaus nicht berechtigt, anzunehmen, daß die Meteore der großen Linse gefährlich geworden seien; alle Kreaturen – und auch die Sterne – pfle gen ihre empfindlichen Organe an geschützten Stellen zu ha ben. Vergessen wir nicht, wie gut unsre Augen geschützt sind. Unsre Fühlhörner sind so empfind lich, daß wir jedem Meteor aus dem Wege gehen müssen – und da sollte der große Mond Organe haben, die jeder dumme Meteor zertrümmern kann? Das ist doch wohl nicht anzunehmen.
Die Mondvölker atmeten auf nach dieser Rede.
Und es dauerte nicht lange, so wurde auf Beschluß aller cine große Ratssitzung anberaumt, in der endlich über das Schicksal der großen Bohrarbeiten endgültig beraten werden sollte.
Um dem Knéppara nicht Zeit zu lassen, weitere störende Bemerkungen zu machen, hielten es die Weltfreunde für gut, die Ratssitzung womöglich sofort abzuhalten.
Und das ging auch.
Und dann saßen die hundert Ratsherren wieder auf ihren Amethystsäulen und dachten nach über ihr zukünftiges Leben.
Und an den Wänden aus Bergkrystall lagerten die Völker des Mondes in großen Scharen.
Und da nicht alle in der Ratsgrotte Platz hatten, so ließen sich auch viele oben und auf dem Rande des Kraters nieder. Und auch die äußeren Seiten des Kraters wurden dicht besetzt.

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