Die große Revolution

ps_112 »Oh, wie viele Glasfenster«, rief er leise, »lassen sich aus allen diesen Glasfeldern herstellen! Unsre Museen können sämtlich Tageslicht bekommen. Doch siehe – was ist denn das?«
Der Loso setzte noch einmal die Fensterbürsten in Bewegung die draußen flink rauf- und runterflogen, sobald auf den dicken Knopf nebenan gedrückt wurde.
Und dann putzte der Loso nochmals seine Vergrößerungsgläser und das lange Fernrohr – und sah dann mit allen seinen Instrumenten hintereinander in die Ferne.
Und in der Ferne sah er nun große Würfelgebirge – blaue und blanke, die funkelten. Doch diese fernen übereinanderliegenden Würfel gingen so steil in die Höhe, daß die Tonnenwagen da ganz bestimmt nicht rauf kommen konnten.
Und der große Loso telegraphierte: Hohe Würfelgebirge uersperren mir infamerweise den Weg. So weit ich sehen kann, ist weder rechts noch links daran herumzukommen. Ich werde bis dichte ranfahren und dann kehrtmachen. Ich bitte die Monduölker, auf der Bauchtrommel einen neuen Wirbel einzuüben, damit wir bei unsrer Rückkehr richtig geehret werden.
Dieselben Würfelgebirge, die ein paar hundert Meilen lang waren, bewegten noch zehn andre Tonnenwagen zur Umkehr.
Andre Wagen – zwanzig Stück – hatten ein andres Pech: Sie gerieten auf so spiegelglatte Glasebenen, daß die Räder sich bald drehten, ohne die Wagen weiterzubringen. Es kam den Wagenführern so vor, als wenn die Glasflächen eingeölt seien. Da es nun einfach nicht mehr vorwärts ging, mußten sich die Herren zurückziehen lassen, was auch mit Hilfe der Drahtseile ganz gut gelang.
Doch nachdem diese zwanzig Wagen wieder auf ein befahrbares Pflaster gelangt waren, gaben es die Wagenführer auf, die Expedition seitwärts weiter auszudehnen.
So kams, daß bald dreißig Wagen wieder in die dicke Luft des Mondes gelangten und allda sehr feierlich mit neuem Bauchgetrommel, das sich wie irdisches Vogelgezwitscher anhören sollte, begrüßt wurden.
Knéppara war mit seinem Wagen in eine tiefe Schlucht geraten; er hoffte, daß er da unten eine Öffnung finden könnte, um dadurch ins Innere des Mondes zu gelangen. Doch diese Hoffnung erwies sich als eine trügerische.
Da sich Knéppara mit Hilfe der Drahtseile zurückziehen lassen mußte und dieses Zurückziehen nur sehr langsam ausgeführt werden konnte, so hatte der große Knéppara leider von der Expedition am wenigsten, da sein Horizont in der Tiefe zu lange beschränkt war.
Es stellte sich bald heraus, daß von sämtlichen Wagen nicht eine einzige Öffnung in der Glasdecke wahrgenommen wurde; auch in den kraterartigen Glasbergen, auf die einzelne Wagen hinaufgefahren waren, ließ sich von Öffnungen nichts entdecken – das Innere der Krater war stets von Glas ausgefüllt – was sich durchweg seeartig ausnahm.
Der eine Wagen, der von einem ziemlich tollkühnen Weltfreunde geführt wurde, fuhr sogar auf einen solchen Glassee hinauf und brach nicht ein.
Die Wagen hatte man so gebaut, daß sich die Räder, die zu den Reifen rechtwinklig standen, mit Leichtigkeit einziehen ließen; beim Runterfahren konnten daher die Tonnen gelegentlich seitwärts wie ganz gewöhnliche Tonnen an den Abhängen runterrollen – dabei mußten jedoch die Drahtseile sehr rasch gedreht werden – mit welchem Umstande die Maschinenbauer wohlweislich gerechnet hatten – die Drahtseile drehten sich in der Tonne beim Seitwärtsrollen von selbst.
Bei diesem gefährlich aussehenden Hinabfahren bliesen die Insassen der Gefährte ihren Bauch etwas auf und steckten den Kopf einfach in die Bauchhaut hinein – und zwar so tief, daß der Rumpf auch gleich von der dicken Bauchhaut umschlossen wurde; dieses Verfahren schützte gegen jeden Stoß ganz ausgezeichnet; der Mondmann wurde dabei zum unempfindlichen Gummiball.
Es war nun schon ein gutes halbes Jahr seit Abgang der Expedition verflossen – und nur noch siebzehn Wagen befanden sich unterwegs.
Da kam ein Telegramm von Mafikâsu und Zikáll an – das lautete einfach:
Drahtseile verlängern. Wir müssen weiter. Die übrigen Wagen können samtlich zurückgezogen werden.
Das Telegramm rief eine allgemeine Neugierde wach – und den sechzehn anderen noch auf der Fahrt befindlichen Wagen wurde die Geschichte sofort mitgeteilt.
Und die Sechzehn kehrten sofort um.
Und nun konzentrierte sich das ganze Interesse der Mondvölker nur noch um den einen Wagen, in dem Mafikâsu und Zikáll dahinfuhren.
Und sie fuhren immer weiter und ließen die Mondvölker beinah fünfzehnhundert Stunden ohne Nachricht.
Dann aber kams!
Zikáll telegraphierte:
Wir sind jetzt soweit gekommen, daß wir endlich sagen können, was wir entdeckt haben: Nach den bisherigen Bodenmessungen und nach der Zeigerstellung unsres kombinierten Radpendels müssen wir erklären, daß wir dem Mittelpunkte unsres Sterns itzo näher sind als auf jedem anderen Teile der uns bekannten Mondoberfläche. Und hieraus geht hervor, daß wir uns den Mond fürderhin nicht mehr als Kugel vorzustellen haben; die Glasseite des Mondes hat einen großen Riesenkrater in der Mitte. Wenn wir nicht irren, befinden wir uns auf dem Rande des großen Riesenkraters. Wir werden diesen Rand nicht durchfahren können – dazu sind die Terrainschwierigkeiten zu groß. Aber – zu bezweifeln ist nicht mehr, daß der mittlere Teil der hinteren Seite unsres Mondes von einer kolossalen Glaslinse ausgefüllt sein muß. Und diese viele Meilen breite Glaslinse wird ebenso wasserklar sein wie die der kleineren Krater, von denen wir fünf genau untersucht haben. Die außerordentlich wilde Natur der Glasgebirge, in denen wir hier umherfahren, gestattet uns nicht, weiter vorzudringen. Aber dem Mittelpunkte des Mondes sind wir näher denn sonst – und das genügt ja, wenn wir beweisen wollen, daß die Glasseite lange nicht so viel Ausbauchung besitzt- wie die Halbkugelform der vorderen Mondseite. Die hintere Seite ist eben so eingedrückt worden, daß der ganze Mond eine Art Mützenform erhielt; auch ein etwas angezogener Mondmannsbauch ist dem Bilde unsres Sterns ähnlich. Leider kommen wir schlechterdings nicht weiter – auch die besten Fahrzeuge würden hier nichts nützen. Die steilen senkrechten Felswände aus purem Glas mehren sich – und der Boden wird so ölig, daß wir uns ganz verwundert fragen, wie es möglich war – so weit zu kommen. Das ist das reine Wunder!
Und Mafikâsu telegraphierte: Derjenige Monddurchmesser, der für das große Fernrohr jetzt ganz allein in Betracht kommt, ist also kürzer, als wir dachten. Und da wir jetzt doch die Rückseite des Mondes näher kennenlernen müssen, so lassen sich die Bohrarbeiten im großen Stil nicht mehr aufschieben.
Als diese Telegramme der liebe Rasi las – da weinte er vor Freude.

 


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