Die große Revolution

ps_111 Man hatte bei der großen Aufregung gar nicht bemerkt, daß die bunten Blitzblumen in der letzten Zeit nur noch ganz vereinzelt gesehen wurden; ihre Größe hatte allmählich sehr abgenommen.
Aber nach der Abfahrt der Wagen, deren Zahl sich auf fünfzig belief, ließen sich die Blitzblumen ganz und gar nicht mehr sehen; Rasibéff wars, der hierauf zuerst aufmerksam machte und diese Tatsache selbstverständlich als ein für die Weltfreunde sehr erfreuliches Zeichen betrachtete.
Und nun leitete Rasibéff mit den Weltfreunden eine ganz energische Agitation ein; er wollte besonders die von den fünfzig Wagen einlaufenden Telegramme für die Zwecke der Weltfreunde benutzen; Knéppara war ja nicht da, und seine Abwesenheit mußte doch benutzt werden.
Die Telegramme ließen natürlich nicht lange auf sich warten; es wurden beim Telegraphieren zumeist die Drahtseile benutzt, an denen die Wagen gefesselt waren; die Wagenführer bedienten sich auch der Schalltrichter – doch nicht zu oft.
Zunächst enthielten die Nachrichten begeisterte Schilderungen von den wundervollen Glassteinen.
Es ist unglaublich, telegraphierte der große Erd- und Glasfreund Loso, was für wundervolle Glassorten hier überall zu sehen sind. Uber die einfachen Farbenwunder, die von der Luftgrenze aus sichtbar sind, brauche ich ja Weiteres nicht zu sagen. Aber das Herrlichste entfalten nun die weiten Platten und Ebenen, die von verschiedenen Farben koloriert sind Eisflächen unter buntem Himmel geben kaum eine Ahnung; die Eisflächen, die wir auf der Mondoberfläche zeitweise sehen können, zeigen sich ja nur noch in der Umgebung des Kupferkraters und sind viel zu klein. Hier aber ist alles im größten Stile da: weiße Felder mit unzähligen gelben und schwarzen Flecken – in graden Linien blau gestreifte Purpurgebirge – und ganz bunt gestreifte in herrlich geschwungenen Linien! Oft hängen grüne und perlartig schimmernde Glaskugeln wie die Trauben blühender Moosarten hoch oben an den steilen Gebirgsrändern. Und die Glaskugeln schimmern! Was haben die Mondleute versäumt, daß sie erst jetzt eine Expedition aussandten! Der Himmel ist hier am Tage grau und nachts braun; die Sterne sind wie drüben bei Euch.
Es fiel dem Rasibéff und seinen Freunden natürlich nicht schwer, dieses Telegramm im weltfreundlichen Sinne zu verwerten. Wenn die jenseitige Mondhälfte so großartig war, so mußte es doch bald wie ein großes Unrecht aussehen, wenn man immer noch zögern wollte, die großen Bohrarbeiten im Mittelpunkte des Mondes in Angriff zu nehmen.
Und nun liefen gleichzeitig von zwanzig Seiten Telegramme ein mit Berichten von großen herrlichen Höhlen, die man unter dem durchsichtigen Glase entdeckt hatte.
Diese Höhlen wurden von den Wagenführern in ganz sinnverwirrenden Worten geschildert.
Und so lief immer mehr Wasser auf die Mühle der Weltfreunde, obschon das Wasser auf dem Monde sehr knapp war.
Und es gab bald keinen Erdfreund mehr, der nicht ein paar Dutzend Male seine Partei für verloren gehalten hätte.
Zikáll telegraphierte, er bemerke mit Staunen, daß kaum der vierte Teil der von ihm gesehenen Glasmassen undurchsichtig sei.
Und die anderen Wagenführer bestätigten das.
Hieraus folgt, sagte Zikáll, daß die Glasgrotten am Tage einfach taghell erleuchtet sein müssen – selbst noch in sehr großen Tiefen – da ja sogar das undurchsichtige Glas das Licht noch immer in großer Fülle durchläßt – während andrerseits die durchsichtigen Glasmassen die Stärke des Tageslichtes noch vervielfältigen können.
Rasibéff geriet ganz außer sich, als er diese Äußerungen des großen Zikáll zu Gesichte bekam.
»Unter diesen Umständen«, rief der Pflastermann, der jetzt in den Todesgrotten nicht viel zu tun hatte, »ist es beinahe zu leicht, für die Weltfreunde Partei zu nehmen. Wenn die Sache derartige Fortschritte macht, so wird ein Widerspruch bald schwer werden. Knéppara hat einen großen Fehler begangen, daß er durch sein Fernsein dem Rasibéff die Arbeit so leicht machte. «
Die nun folgenden Telegramme schlugen aber dem Faß einfach den Boden aus; viele Führer der Erdfreunde, die sonst nie den Kopf verloren, erklärten feierlichst, daß sie jetzt ihre Sache aufgäben.
Vom siebzehnten Wagen lag folgender Bericht vor:
Heute ist ein Rubin mit einem Durchmesser von einer halben Meile in Sicht gekommen. Der Farbenbrand der einen Ecke hat eine Lichtstärke, die fünfzigmal die der Sonne übertrifft. /ch halte mit meinem Wagen an und notiere genau die Effekte, die der Farbenbrand des großen Rubins auf der Umgegend erzeugt; die Reflexbilder sind in folge der Mondbewegung in jedem Augenblick andre. Ein paar Hauptmomente werde ich photographieren.
Und ähnliche Telegramme folgten von allen Seiten, so daß diejenigen Mondleute, die nach der Abfahrt der Wagen zu ihren Teleskopen zurückgekehrt waren, diese von neuem verließen und sich in hellen Scharen zur Luftgrenze begaben, um die neuen Telegramme noch schneller kennenzulernen – obgleich das eigentlich kaum möglich erschien, da die Telegramme stets ohne Aufenthalt weitergegeben und überall in jedem Krater gleichzeitig lesbar wurden.
Doch die Ungeduld tut oftmals Dinge, die gar nicht getan zu werden brauchen – und dennoch so gerne getan werden, obschon jeder weiß, daß sie ganz unnütz sind.
Die allgemeine Erregung steigerte sich von Stunde zu Stunde derart, daß mancher vorsichtige Mondmann sagte:
»Kinder! Wenn das so weiter geht, so fürchte ich, daß uns bald die Bäuche platzen – vor lauter Spannung.«
Und Mafikâsu telegraphierte:
Ich sehe heute durch mein Fernrohr einen Diamantengletscher- in Bewegung. Dieses Schauspiel zu beschreiben, ist mir unmöglich, da mein Begleiter mir keinen Augenblick Ruhe läßt. Zikáll interessiert sich für den in Bewegung befindlichen Diamantengletscher nicht im mindesten. Und ich klage hiermit Zikáll an, daß er nicht mit mir zusammenhä
Dieses Telegramm brachte eine kleine Verwirrung hervor, da man durchaus nicht wußte, was denn den Zikáll bewegen sollte, derartig rücksichtslos zu sein; die Sache sah unbegreiflich aus. Und alle warteten auf Zikálls Erklärung. Und die ließ auch nicht lange auf sich warten.
Zikáll telegraphierte sehr hastig und mit orthographischen Fehlern: Mache die Entdeckung, daß eine größere Anzahl seeartiger Glasebenen ausgesprochenen Linsencharakter trägt. Ich halte es für wahrscheinlich, daß wir im Mittelpunkte der Glasseite eine kolossale Glaslinse entdecken werden, die wir zu Teleskopzwecken im Naturzustande wohl benutzen könnten. Die Glaslinsen, die ich sehe, werden immer größer. Die Erbauer des großen Telesko ps, das die Länge des Monddurchmessers haben soll, können sich freuen.
Nun – über diese Nachricht freuten sich die Weltfreunde ganz gehörig- und mancher Erdfreund desgleichen.
Und alle lachten, daß sich Zikáll in seinem Eifer gar nicht entschuldigte.
Und die beiden großen Führer und Ratsherren erhielten ein paar Tausend Glückwunschtelegramme – und die machten ihnen in ihrer Tonnen-Droschke so viel Spaß, daß sie nahe dran waren, umzukehren.
Sie kehrten aber noch nicht um.
Loso, der allein fuhr, dachte ebenfalls darüber nach, ob es nicht bald Zeit sei, heimzukehren.
Er tat es aber ebenfalls nicht, denn die enfernteren Ebenen, die er durch das vordere runde Fenster seiner Tonne sah, reizten ihn immer mehr und mehr.

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