Der Tod der Barmekiden

Die eitle Mutter

 

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Ein feiner Knall —  und die Wolken sind weg.

Und die Europäer blicken in Djafars Palast.

Der allmächtige Djafar ibn Jahjah ibn Chalid ibn Barmek, der herrlichste Barmekidenspross, liegt lang ausgestreckt auf seinem feuerrothen Diwan und trinkt Thee.

Ganz junge schwarze Negermädchen —  drei Stück —  fächeln dem hohen Herrn kühle Luft ins Gesicht.

Und das Gesicht muss lachen —  glücklich lachen —  es schaut vergnügt umher —  in eine kostbare —  schrecklich theure —  Blumenwelt hinein.

Wunderliche Blumen bedecken den Fussboden —  Blumen, deren Kelch aus echten Perlen und echten Rubinen besteht. Aus schwarzem Ambraholz tauchen die glänzenden Glutblüten heraus. Feine schmale Zweige aus Perlmutter mit goldenen Blättchen schlingen sich um die Perlen und Rubine rum.

Und Früchte aus Perlen und Rubinen —  auch von Perlmutterzweigen umschlungen —  schimmern an den Wänden.

Das Liniengewebe ist ganz in persischem Geschmack gehalten —  leicht und massvoll gebogen —  nirgendwo jäh unvermittelt gekrümmt.

Die Decke ist dunkel. Da funkeln im schwarzen Ambraholz nur ein paar goldene Sterne, die spitze Sporenzacken zeigen. Hinter dem lachenden Djafar sieht man durch ein breites hohes Fenster auf den dunkelblauen Tigris hinab —  durch dünne Säulen hindurch, die von oben bis unten nur aus gelben Perlen bestehn.

Das ist ein Zimmer in Djafars Palast.

Von rechts und von links kommen jetzt indische Bajaderen herein —  mit kleinen goldenen Dolchen und kleinen goldenen Handschilden.

Die Bajaderen tanzen einen Kriegstanz, greifen sich wüthend mit ihren Dolchen an und schützen sich tapfer mit ihren Schilden. Dabei recken, drehen und winden sich die Mädchen so geschickt, mit so feiner Berechnung, dass immer wieder ganz neue malerische Kampfstellungen entstehn. Jedes Getümmel wird gleich wieder zum anmuthigen Bilde. Die Anmuth verspottet den Muth. Djafar lacht aus vollem Halse über diesen Weiberkrieg. Der Krieg ist der einzige, der ihm Spass macht. Die ernste Männerschlacht verhöhnt der kluge Barmekide. Seine Bajaderen, die das auch thun, kämpfen nach dem Takte dumpfer Pauken. Doch die Pauken verstummen plötzlich.

Es naht ein alter Sklave, der flüstert dem hohen Herrn sehr eifrig was ins Ohr.

Die Bajaderen verschwinden, die Pauken und der alte Sklave folgen —  auch die Negermädchen gehen fort.

Djafar ist allein. Er springt ärgerlich auf und steht nun erwartungsvoll in seinem gelbseidenen Kaftan da. Mit schwarzen Perlenschnüren ist der gelbe Kaftan besetzt. Auch auf Djafars gelbem Turban sitzen schwarze Perlen.

Und langsam naht der alte Vater Jahjah, hinter ihm der kluge Fahdl, Djafars Bruder.

An Fahdls linker Hand leuchtet des Chalifen grosser Siegelring, in dem die höchste Macht verborgen ist: Fahdl ist Haruns Vezier.

Flinke Diener tragen den rothen Diwan raus und legen auf den kostbaren Fussboden drei weisse runde Ziegenfelle, auf denen sich Jahjah mit seinen beiden Söhnen würdevoll niederlässt. Der Vater sitzt mit dem Rücken gegens Fenster in der Mitte.

Nach einer peinlichen Pause beginnt der alte Jahjah ibn Chalid ibn Barmek also:

»Djafar, mein lieber Sohn, wir kommen in einer wichtigen Angelegenheit.«

»Wann kämt Ihr,« versetzte Djafar müde, »nicht in einer wichtigen Angelegenheit? Diese Regierungssorgen! Es ist nicht zu sagen! Die Leute, die Andre beherrschen wollen, sind stets die Sklaven dieser Andern und bleiben’s auch. Nichts ist so gefährlich wie das Herrschenwollen. Die Machthaber sind allerdings die Könige im Sklavenreich, weil sie die schwersten Ketten tragen. Warum lebt Ihr nicht wie ich —  sorglos, frech und toll? Thätet Ihr’s, so gäb’s für Euch keine wichtige Angelegenheit.«

Jahjah und Fahdl sehen sich vielsagend an, und der Erstere fährt fort:

»Djafar, mein lieber Sohn, Deine Mutter lässt Dich grüssen und Dich bitten, das zu thun, was wir Dir sagen werden.«

Djafar wird aufmerksam und will wissen, was wieder los ist.

Der Vater spricht nun:

»Du kennst Abbasah, des Chalifen Schwester, und weisst, wie heftig Er diese Frau liebt. Nun liebt Er aber auch Dich, mein lieber Sohn! Und Er will mit seinem Weibe und mit seinem Freunde zu gleicher Zeit zusammen sein. Du weisst, dass Er schon oft davon sprach. Jetzt können wir’s Ihm nicht mehr ausreden. Deshalb giebt Dir Deine Mutter den Rath, Dich —  mit Abbasah —  —  zum Scheine —  zu —  —  vermählen. Diese Scheinehe musst Du eingehen, wenn wir die Macht in unsern Händen behalten wollen. Vergiss nicht, wer Dich bittet, auf unsern Plan einzugehn —  Deine Mutter bittet Dich!«

Fahdl sagt auch:

»Sieh, Deine Mutter bittet Dich!«

Und Djafar erwidert lachend:

»Das ist so der richtige Weiberplan! Die eitle Mutter! Gewiss! Ich geh‘ auf Alles ein! Sorglos, frech und toll wie immer. Die Geschichte wird ja herrlich werden. Aber mir ist es ganz gleich, was draus wird. Das merkt Euch!«

Alle stehn auf. Man drückt dem Djafar gerührt die Hand, umarmt ihn und dankt in vielen gerührten Worten. Der Vater setzt dabei dem glücklichen Sohne auseinander, wie glücklich er sich schätzen müsse —  und —  und —  und dass er sich jetzt auch erkenntlich zeigen müsse.

Schliesslich bemerkt der Alte noch ganz harmlos:

»Djafar, mein lieber Sohn, wir haben Dich schon öfters gebeten, dem Harun Deinen Palast zu schenken. Dieser Palast ist ohne Frage herrlicher als alle indischen und persischen Paläste zusammen. Das ist dem Chalifen zu Ohren gekommen. Sieh nur, Du freust Dich schon auf Deine neue Ehe; man sieht’s Dir ja an. Darum zeige Dich erkenntlich gegen uns; Du verdankst doch nur uns Dein neues Glück! Darum lass ab von diesem Hause! Du kannst dir ja ein andres bauen.«

Djafar stampft mit den Füssen auf, dass ein paar blitzende Rubine in die Ecken fliegen, knirscht mit den Zähnen und ballt die Fäuste. Bald wird aber seine Haltung wieder so schlapp wie gewöhnlich. Er zuckt mit den Achseln und flüstert leise:

»Na ja! Ihr habt mich gefangen! Diese Scheinehe reizt mich! In allen Harems will ich siegen. Die Weiber will ich bekriegen. Nicht auf Euren Schlachtfeldern, auch nicht bei Euren Regierungsgeschäften werde ich den grossen Mann spielen. Niemals! Dazu bin ich nicht geschaffen. Allah sei Dank! Deshalb lass‘ ich mich ruhig von Euch übertölpeln. Ich bin Euch nicht böse. Also schön! Nehmt, was Ihr kriegen könnt! Nur los! Ich schenke dem Harun meinen Palast —  ich, der reichste Barmekide, der herrliche Djafar ibn Jahjah ibn Chalid ibn Barmek ich schenke gnädigst mit Anstand meinem Chalifen meinen herrlichen Palast. Ja, schenken macht auch Spass! Ich will ja schenken! Djafar war nie ein Knicker. Kein Fürst giebt je Euch mehr.«

Er hebt seinen linken Arm hoch auf und steht mächtig stolz da, wie Einer, der über seinen Edelmuth freudig erstaunt ist.

Und wieder Umarmungen! Und wieder heisser Dank! Man ist ernstlich gerührt. Männerthränen —  aufrichtige —  rollen über braune Barmekidenwangen.

Die Perlen schimmern, und die Rubine brennen.

Der Vater spricht noch mit erhobenem Zeigefinger: »Djafar, mein lieber Sohn, sei vorsichtig! Vergiss nie, dass Deine neue Ehe nur eine Scheinehe ist!«

»Ach was!« schreit da lachend der grossmüthige Barmekide, »gegen Traurigsein ist Lustigsein das beste Mittel. Dem Seligen wackelt so wie so der Kopf. Könnt Ihr Euch einen Tollkopf mit steifem hartem Halse vorstellen? Oh, das ganze Leben ist ja zu allen Zeiten lebensgefährlich.«

Unter lautem Gelächter in höchst vergnügter Laune gehen die Drei rechts ab.

Ein mächtiger Donnerschlag erdröhnt —  und blitzschnell verwandelt sich Djafars Palast in ein starres Steingebirge.

ps_erichmuehsam

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