Der Tod der Barmekiden

Der ewige Jammer

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Es ist dunkle Nacht, und es regnet.

Es regnet in den Olivensee zu Rakkah.

Es rauscht leise – so regnet’s ins Wasser.

Es ist ganz dunkel auf der Flut, nur ein grünes Licht zieht langsam von links nach rechts und wieder zurück – dann wieder nach rechts und dann wieder nach links – wie der Perpendikel einer grossen Weltuhr.

Und hinter dem grünen Licht sitzt der grosse Chalif Harun al Raschyd in seinem grünen Kaftan mit untergeschlagenen Beinen da – mit krummem Rücken – finster brütend – unbeweglich wie ein indisches Götzenbild.

Der Chalif ist in seiner mit starker Leinewand überspannten Barke ganz allein. An sehr langen Stricken wird die Barke von einem Ruderboote gezogen, das in der Dunkelheit nicht zu sehen ist; auch nicht zu hören ist das Ruderboot; die langen Riemen sind mit Leinewand umwunden und werden sehr vorsichtig gehandhabt.

Und Harun gedenkt der Barmekiden.

Keine Thräne kommt in sein Auge; er hat in seiner Einsamkeit so viel geweint, dass er nicht mehr weinen kann.

»Warum,« murmelt er, »war ich so thöricht, an Liebe und Freundschaft zu glauben? Für meinen Glauben werde ich furchtbar bestraft. Allah will nicht, dass wir glauben.«

Hinten am fernen Ufer spielen die Flötenspieler traurige Lieder – die Weisen alter arabischer Volkslieder, die von Treue und Verrath erzählen.

Alte Bilder ziehen an den müden Augen des grossen Chalifen vorüber. Er sieht wieder seinen Djafar im gelben Kaftan mit den vielen schwarzen Perlen voll Lebenslust und Stolz.

Die Europäer sehen in ihren Opernguckern alles das, was Harun sieht.

Das ganze Schauspiel zieht noch einmal in rascher Folge vorüber – Haruns übermächtiges Glück und sein furchtbares Weh – der grosse Rausch im Sonnenschloss bleibt länger – dann aber kommt das Entsetzliche – Masrar mit seinen Henkern wüthet – und die Barmekiden sterben – langsam – in grässlicher Qual.

Die Flötenspieler flöten immerzu.

Die Barke mit dem grünen Licht geht immer wieder von rechts nach links und von links nach rechts und immer von Neuem denselben Weg hin und zurück – aber immer langsamer – immer langsamer – immer langsamer – wie der Perpendikel einer grossen müden Uhr, die bald stehen bleiben wird.

Die Flötenspieler flöten immerzu.

Und die alten Bilder sind nicht zu bannen.

Langsam rinnt eine grosse Thräne über die eingefallene Wange des armen Harun.

Der Regen rauscht.

Harun fährt auf seiner Barke langsam hin und her – die Nacht bleibt dunkel.

Der Regen rauscht.

Langsam fällt der Vorhang.

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